Gangotri, Gaumukh, Indien
eine Wanderung mit den Babas und einem kiffenden Gott

Gangotri und die Quelle des Ganges


7. Oktober 2018
Indien
2 Kommentare

Es ist schweinekalt hier auf 3.042 Höhenmetern. Gut, das hätten wir vorhersehen können. Was wir dagegen nicht vorhersehen konnten sind diese düsteren stahlgrauen Wolken, die seit zwei langen Tagen nasskalte Regenschauer über den kleinen Ort Gangotri ausschütten. Unsere Herberge ist indisch einfach, was so viel bedeutet wie ein Bett, ein Stuhl, eine nackte Glühbirne. Sonst nichts. Keine Heizung, kein Ofen, kein warmes Wasser. Momentan nicht einmal Strom. Gangotri ist nicht an das landesweite Netz angeschlossen. Elektrizität liefern hier nur Generatoren und die laufen erst am Abend. Wir befinden uns irgendwo zwischen den Gipfeln des Himalajas im indischen Bundesstaat Uttarakhand, weit weg von Komfort und Annehmlichkeiten. Zeit für Gedanken.

Der Weg hierher war beschwerlich. Seit zwei Monaten trampen wir bereits durch Indiens Bergwelt. Serpentinen sind wir gewohnt, aber dann verwandeln sich die ohnehin abgenutzten Straßen in schadenfrohe Buckelpisten. Eine Ansammlung von Kratern und Schlaglöchern, geformt von immer wiederkehrenden Regengüssen, Schlammlawinen und Erdrutschen, erschwert die Reise. Niemand ist hier unterwegs, und wenn doch, dann ausgesprochen langsam. Die letzten knapp 450 Kilometer auf dem Weg nach Gangotri werden zur Geduldsprobe. Wir benötigen fünf volle Tage.

Für die Hindus besitzt Gangotri große Bedeutung. Der Ort ist Ausgangspunkt für eine zweitägige Wanderung zur Quelle des heiligen Ganges und Teil des Pilgerweges Chota Char Dham, der vier sagenumwobene Tempel in den Bergen Uttarakhands verbindet. Ausländische Touristen finden dagegen nur selten den mühsamen Weg nach Gangotri. Wen wundert`s: Der Ort ist winzig; liegt am Ende einer Sackgasse. Nicht einmal eine Handvoll Pkws stehen auf dem Parkplatz am Ortseingang. Dahinter führt die einzige Straße als Fußgängerzone durch das Dorf.

Gangotri, Indien

Devotionaliengeschäft in Gangotri

Gangotri, Indien

Gebetsketten

Billige Restaurants, in denen Linsen, Reis und Instantnudeln verkauft werden, reihen sich neben Gasthäuser, von denen die besseren noch das Prädikat Absteige verdienen. Dazwischen schummeln sich dutzende Verschläge, in denen Devotionalien verkauft werden – orangefarbene Kleidung und Tücher, metallene Krüge, Gebetsketten aus den Samen des Rudraksha-Baumes, Plastikkanister in verschiedenen Größen, Abbilder des Gottes Shiva. Ein paar wenige Männer sitzen vor dem Gerümpel. Ihre Minen selig, trotz der grauen Tage. Es riecht nach süßlichem Charas, dem cremigen, hanggemachten Haschisch des Himalajas.

Gangotri und die Sadhus

Etwas mehr als 100 Personen sollen in Gangotri leben; wir zählen 14. Mehr gibt der Ort nicht her. Auch nicht am unscheinbaren weißen Ganga-Tempel am hinteren Ende des Dorfes. Wenig auffällig, ist er doch eines der wichtigsten Heiligtümer im Hinduismus. Überhaupt ist hier in Gangotri alles heilig. Darum ist auch Alkohol verboten und weil der Hinduismus traditionell vegetarischen Ernährungsgrundsätzen folgt, gibt es hier auch kein Fleisch, nicht mal Eier.

Warum aber sind wir hier? Wir suchen die Erleuchtung oder sowas in der Art. Von Gangotri sind es nur noch 18 Kilometer Fußweg bis nach Gaumukh, an die Quelle des Ganges. Eine Tageswanderung zum Gangotrigletscher, wo die Fluten des Ganges ins Freie treten und der heilige Fluss seinen Lauf nimmt; vorbei an Gangotri, vorbei an Rishikesh und Haridwar, vorbei an Varanasi und Kalkutta.

Gangotri, Indien

Ganga Temple in Gangotri

Doch noch müssen wir uns gedulden. Solange es regnet, bekommen wir keine Genehmigung den Gangotri Nationalpark zu betreten; und ohne Genehmigung keine heilige Quelle. Also essen wir Linsen, Reis und Okra-Curry in einem der Restaurants und machen uns auf den Weg zurück ins spartanische Zimmer.

Ein paar Sadhus kreuzen unseren Weg. Die heiligen Männer Indiens wandern mittellos und meditierend über den gesamten Subkontinent von einer heiligen Stätte zur nächsten. Immer unterwegs vom Himalaja bis an den Indischen Ozean, von Gangotri und Haridwar im Norden, über Varanasi, die Mutter aller Städte, bis nach Tiruvannamalai im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Hier in Gangotri sitzen sie mit ihren langen orangenen Roben auf Bänken und lassen ein Schillum kreisen. Die alten Männer sind Asketen, Yogis, Kiffer.

Weiße Bärte rauschen um ihre Gesichter, das verfilzte Haar sitzt in schweren Knoten auf ihren Köpfen, rot geäderte Augen blicken leicht glasig in die verregnete Langeweile des Tages. Einer erzählt, dass er gerade für drei Jahre in einer Höhle meditiert hätte, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Wir glauben ihm kein Wort. Dafür duftet das Charas in seinem Schillum zu betörend.

Das würde auch Shiva, dem größten Pothead in der hinduistischen Mythologie, gefallen. Von Natur aus ein ziemlich übellauniger Gott, der gerne mal seinem Sohn den Kopf abreißt, macht er auch sonst in wütender Manier so einiges kaputt. Nicht auszudenken, wie es um die Welt stünde, wenn er nicht eines Tages im Himalaja zufällig die beruhigende Wirkung der Cannabispflanze für sich entdeckt hätte. Seitdem gilt er als der größte Kiffer überhaupt. Und weil er ein Gott ist, dürfen auch seine Anhänger, so sie sich vollständig dem religiösen Leben verschreiben, kiffen was das Zeug hält – ganz legal.

Gangotri, Indien

Sadhu in Gangotri

Sadhu, Gangotri, Indien

Sadhu in Gangotri

Literatur Indien

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Zwischen Himalaja und Indischem Ozean entstehen atemberaubende Geschichten. Wenn ihr Lust habt mehr über den spannenden Subkontinent zu erfahren, bekommt ihr hier 11 Literaturtipps von uns, mit denen ihr vom heimischen Sofa in die faszinierende, ungeschminkte Welt Indiens eintauchen könnt.
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Shiva, Mythen und Marihuana

Die Sadhus, auch respektvoll Babas genannt, besitzen als Bettelmönche nur, was sie am Leib tragen – und von irgendwoher immer das feinste Charas – cremig, weich und aromatisch. Hier in Gangotri und vor allem in Gaumukh, an der heiligen Quelle des Ganges, kommen sie Shiva besonders nah – denn hier rettete Shiva uns alle vor dem Untergang.

Die hinduistische Mythologie erzählt viele Geschichten, die man sich nur im Rausch ausdenken kann. Eine davon geht in etwa so: Der Strom des ewigen Lebens, die Göttin Ganga, soll vom Himmel auf die Erde fließen. Ihre gewaltige Kraft droht jedoch beim Aufprall auf die Erde selbige komplett zu vernichten. Also springt Shiva ein. Mächtig wie er ist, federt er den Aufprall der Wassermassen mit seinen Locken ab. Der Strom fließt durch sein Haar und gleitet sanft in sieben verschiedene Richtungen auf die Erde herab. So entstehen die sieben heiligen Flüsse des Hinduismus. Hier am Gangotrigletscher sollen die Fluten Gangas aus Shivas Haarpracht zuerst auf die Erde geströmt sein.

Gangotri, Indien

Devotionaliengeschäft auf dem Markt in Gangotri

Der Ganges, die Hindus nennen ihn wie die namengebende Göttin Ganga, fließt nun aus den Bergen und durch die nordindische Ebene bis in den Golf von Bengalen. Er ist die wichtigste Lebensader Indiens. An seinem Ufer wächst seit Jahrtausenden, sehr zur Freude Shivas und seiner Anhänger, Cannabis Indica – das Gras mit dem höchsten natürlichen THC-Gehalt.

Lange rauchen die Gläubigen ihr potentes Gras allein in Indien. Doch dann endet in Amerika die Sklaverei und weil die ehemaligen Sklaven auch gegen Bezahlung nicht mehr auf den Plantagen schuften wollen, werden billige Arbeitskräfte aus Indien in die Karibik verfrachtet. Mit ihnen gelangt auch das Cannabis Indica in die Region. Die Neuankömmlinge nennen es in Anlehnung an die Herkunft Ganga. Ihre Nachbarn, vor allem auf Jamaika, übernehmen den Ausdruck – beinahe korrekt. Aus Ganga wird Ganja und was folgt ist eine Erfolgsgeschichte. Das Gras des Ganges verbreitet sich von hier über die ganze Welt – quality approved by Shiva.

Von Gangotri zur Quelle des Ganges

In Gangotri dringen am dritten Tag endlich Sonnenstrahlen durch das Wolkendickicht. Der Weg ist nun für uns frei. Hinter dem kleinen Ort wird es malerisch. Plötzlich sind die Tage des Wartens nur noch eine blasse Erinnerung. Eingebettet in die schneebedeckten, funkelnden Gipfel des Himalajas wandern wir über einen schmalen Pfad immer entlang des Ganges durch einen wundervollen Wald.

Himalaja-Zedern und Pinien ragen in saftigem grün empor. Die Bäume spenden angenehmen Schatten, denn in der Höhe brennt die Sonne aggressiv. War es in den letzten Tagen so unangenehm kalt, dass wir uns kaum aus dem Bett wagten, wird es nun immer heißer. Dann, nach etwa einer Stunde, reißt der Wald ab und vor uns liegt das schmale, felsige Tal des Flusses, umringt vom gezackten Fels des majestätischen Gebirges. Irgendwo rauscht ein Wasserfall über einen Abgrund. Gewaltige, erhabene Natur breitet sich aus.

Hier oben tragen wir ein breites Grinsen zur Schau. Wahrscheinlich sind wir einfach naturstoned, denn die Luft ist dünn und eisig klar. In unseren Köpfen ist daher wenig los. Wir spüren die Weite unter der Schädeldecke. Auf über 3.000 Höhenmetern verschwinden alle Gedanken. Spontane Meditation setzt ein und mit ihr kommt der innere Frieden. Plötzlich ist nichts mehr wichtig. Der stetig bergauf führende Pfad ist das Einzige, was zählt.

Gangotri Nationalpark, Indien

Gangotri Nationalpark, Indien

Wanderung von Gangotri nach Gaumukh

Gangotri Nationalpark, Indien

Sechs Stunden marschieren wir über allerlei Geröll entlang des Flusses bis zum Camp Bhojbasa. Hier steht kein einziger Baum mehr, dafür ist es zu kalt, zu hoch, zu unwirtlich. Den Mittelpunkt des Camps bildet ein grob zusammengezimmertes Restaurant mit einem einzigen Gericht auf der Karte. Ein paar feuchte Zelte mit ebenso feuchten Decken darin dienen als Unterkunft.

Einige junge Männer in Camouflage spielen auf der Ebene Kricket. Bis nach Tibet und China ist es nicht mehr weit. Die heilige Mutter Ganga rauscht hier gurgelnd und speiend an der Graskante vorbei und führt schon so viel Sediment mit sich, dass sie bereits braun und grau gefärbt ist.

Mittlerweile schieben sich wieder dichte Wolken durch das Tal, verdecken die steil aufragenden Gipfel. Am Ufer kochen wir Pasta mit eiskaltem, heiligem Wasser aus dem Fluss und kriechen in unsere Schlafsäcke. Die Nacht ist frostig, aber immerhin blinzelt am nächsten Morgen die Sonne von einem strahlend blauen Himmel herab. Die Wolken haben sich aufgelöst und vor uns erstreckt sich eine Landschaft aus Stein, Geröll und Eis. Dort, wo sich etwas Erde ansammelt, wachsen Gräser und lila leuchtende Blumen.

Gangotri Nationalpark

Camp Bhojbasa im Gangotri Nationalpark

Gangotri Nationalpark, Indien

Sadhu auf dem Weg nach Gaumukh

Ein alter Sadhu wandert barfuß an uns vorbei. Lediglich drei Tücher sind lässig um seinen Körper geworfen. Das lichte, lange Haar hält ein Knoten an seinem Hinterkopf. Wir folgen ihm. Bis nach Gaumukh, bis zur Quelle des Ganges, sind es noch vier Kilometer. Die dünne Luft macht uns zu schaffen und während der Sadhu wie ein junges Reh über den Pfad hüpft, krebsen wir ganz langsam hinterher, überqueren ächzend Wasserläufe, die aus den Bergen bis in den heiligen Fluss schnellen.

Gaumukh, die Quelle des Ganges

Eine Stunde später sehen wir den Sadhu vor einem niedrigen, aus losen Steinen zusammengesetzten Tempel wieder. Im Schneidersitz murmelt er monotone Mantras vor sich hin. Eine kleine Glocke hängt vor dem mit Gebetsfahnen geschmückten Schrein. Durch ihr Läuten kündigen sich die Pilger und alle anderen Besucher bei Shiva an, denn ihm gehört seit der Ankunft des Ganges auf der Erde alles Land in der Umgebung. Wir sind seine Gäste und während wir die Glocke zum Klingen bringen, taucht der Sadhu erst seine Tücher und dann sich selbst in die eiskalten Fluten ganz in der Nähe.

Für Hindus ist die Waschung im Ganges ein festes Ritual. Sie glauben mit dem Wasser des ewigen Lebens alle Süden abwaschen zu können, sowohl den Körper als auch die Seele zu reinigen.

Das Ufer ist hier bereits mit stattlichen Felsen bedeckt. In einer sandigen Nische lassen wir uns nieder. Der Gangotrigletscher, der zu den größten Gletschern des Himalajas gehört, liegt genau vor uns. Aus der Öffnung unter dem Eis tritt der Ganga mit lautem Getöse an die Erdoberfläche. Hier ist das Wasser rau, es gurgelt und sprudelt, zieht dahin in der Geschwindigkeit eines Gejagten – bloß schnell weg.

Gaumukh, Gangotri, Indien

Gaumukh, die Quelle des Ganges

Gaumukh, Gangotri, Indien

an der Quelle des Ganges

Auf den ersten 20 Kilometern ist das Wasser des Ganges so rein, wie nirgendwo sonst in seinem weiteren Verlauf. Und das wollen wir nutzen. Schuhe aus, Hose runter, aber für einen Sprung hinein fehlt uns der Mut. Zu kalt ist es, als dass wir mehr wagen würden als zitternd bis zu den Waden im heiligen Nass zu stehen und ein paar Tropfen über Gesicht und Oberkörper zu werfen. Das muss zur spirituellen Reinigung reichen.

Auf dem Rückweg nach Gangotri drückt sich die atemberaubende Natur mit aller Kraft in unser Bewusstsein. Nie haben wir so leuchtende Farben gesehen: So unnachahmlich grün strahlt die Vegetation, so unwiderstehlich blau leuchtet der Himmel, selbst das braun-grau des brausenden Flusses wirkt magisch.

Unterwegs treffen wir ein paar Bergziegen, die behände von einem Felsvorsprung zum anderen klettern. Auch einige junge Pilger kommen uns entgegen. In ihrer Mitte spaziert ein Joint. Voll ausgestattet in orangefarbenes Shiva-Merchandise wandern auch sie bis nach Gaumukh. Prächtig sehen sie aus mit ihren Anglerhütten und Wanderstöcken. Wenn in ihren Taschen auch ein wenig Charas für Shiva lagert, heißt er sie sicherlich herzlich willkommen.

Gangotri Nationalpark, Indien

atemberaubende Landschaft im Gangotri Nationalpark

Gangotri Nationalpark, Indien

Pilger auf dem Weg nach Gaumukh

Gangotri Nationalpark, Indien

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • Mat
    17. Oktober 2018

    Hi,
    interesanter Bericht,
    Shiva=Pothead =:-D:-D

    Habt ihr den Np pass erst in Gangotri abgeholt, oder schon in Uttarkhand, und wieviel kostet das für ?Tage ?

    Wo seid ihr noch überall gewandert dort in der Gegend? Hört sich jedenfalls gut an.
    Schöne Grüße
    Mat


    • Morten & Rochssare
      18. Oktober 2018

      Hey Mat,

      der Pass für den Nationalpark kostet 600 Rupien (etwa 7 €) und ist für 2 Tage gültig. Wir haben ihn direkt im Nationalparkbüro in Gangotri bekommen.
      Von Gangotri sind wir nach Rishikesh getrampt und haben keine weiteren Wanderungen in der unmittelbaren Gegend unternommen.

      Beste Grüße 🙂