Varanasi, Gassen, Ghats, Ganga Aarti
Varanasi 3/4: Gassen, Ghats und Ganga Aarti

Varanasi, die ewige Stadt am Ganges


8. September 2019
Indien
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Varanasi ist ein Labyrinth. In der Altstadt der heiligsten aller indischen Städte stehen die mehrstöckigen, bunten Häuser so nah beieinander, dass wir mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Wände berühren können. Galis, schattige, schmutzige Gassen, führen an ihnen vorbei. In diesen verwinkelten Korridoren verlieren wir uns im Wirrwarr aus Abzweigungen und Sackgassen.

Schmächtige Arbeiter in gestreiften Hemden schlurfen durch die rutschigen Galis. In den Ecken liegt achtlos entsorgter Müll aus der Nachbarschaft: zertretene Zigarettenschachteln, zerfleddertes Zeitungspapier, Plastiktüten, Stofffetzen. Kühe, Ziegen und Hunde fressen verwelkte Blumenketten und gammelnde Essensreste aus aufgerissenen Tüten. Dutzende Fliegen schwirren umher. In stinkenden Wasserlachen weicht alter Karton zu einem matschigen Brei. Es riecht nach Urin, nach Blumengirlanden und Räucherstäbchen, nach Leichenfeuer.

Kuhfladen machen aus den Gängen Slalompfade. Manchmal huscht eine Kakerlake vorbei. Die Ratten kommen erst in der Dämmerung.

Gasse in Varanasi

Die Altstadt von Varanasi

Aus kleinen Kochnischen werden frittierte Leckereien wie Aloo Tiki und Vadai in die Gassen gereicht, wo bereits ein Pulk Hungriger den Weg blockiert. Gedrungene Frauen in bunten Saris bahnen sich mit wuchtigen Bewegungen ihren Weg über ausgetretene Bodenplatten. Immer mehr Menschen drängen in Scharen durch die Altstadt.

Sie drücken sich an Geschäften und Restaurants vorbei, aus denen Tempellieder aus schnarrenden Lautsprechern erklingen. Das Mantra Om Namah Shivaya ist überall in der Altstadt zu hören. Gemüseverkäufer sitzen auf dem Boden und rufen die vor ihnen liegende Ware aus. Kioskbesitzer unterhalten sich schreiend von einem Geschäft zum nächsten. Chai Wallahs laufen murmelnd durch die Galils. Im Minutentakt werden wir angesprochen: Taxi?Taxi? Room? Hashish? Marijuana? Boat?Boat?Boat?

Motorradfahrer fordern unentwegt hupend einen freien Weg durch die viel zu engen Häuserschluchten. Niemand beachtet sie. Nicht einmal die Ziegen, die stoisch auf einem Sims vor sich hin kauen. Sie ignorieren den Lärm der Stadt, den wir nur mit Ohrstöpseln ertragen.

Fahrräder in Varanasi
Kuh in Varanasi
Varanasis Altstadt wird von Dutzenden Kühen bevölkert
Kuh und Kinder in der Altstadt von Varanasi
Altstadtszene in Varanasi
Altstadtgasse in Varanasi
Varanasis Altstadt ist ein verrücktes Labyrinth

Abseits der Hauptgassen herrscht dagegen angenehme Ruhe. Hier und da geben verfallene Mauern den Blick in einen vom Sonnenlicht beschienenen Innenhof frei. Ein krummer Baum spendet Schatten. Wurzeln dringen in Risse im Mauerwerk. Makaken turnen auf den Dächern. Varanasis Altstadt hüllt sich in den Charme des Verfalls. Abgeplatzter Putz legt Backsteinwände frei, verwaschene Farbe blättert großflächig von den Häusern.

Auf einem Treppenabsatz sitzt ein Mädchen konzentriert über einem Schreibblock. Ganz in der Nähe zanken sich ein paar Knirpse darum, wer von ihnen zuerst ein klappriges Fahrrad bis zur nächsten Kreuzung fahren darf. Immer wieder tauchen Kühe zwischen den bröckeligen Wänden auf.

Kinder auf Fahrrad, Altstadt, Varanasi
Lassishop in Varanasi
in Varanasi werden die cremigsten Lassis Indiens serviert

Varanasi und das Paan

An einer Abbiegung sitzt ein Paanverkäufer mit gekreuzten Beinen in einer erhöhten Nische. Jutesäcke mit Betelblättern liegen zu seiner Linken, Schüsseln mit zerkleinerten Arekanüssen zu seiner Rechten. Zimt und Kardamom, Anis und Kautabak lagern in dickwandigen Glasbehältern. Mit flinken Bewegungen wickelt der Mann die Zutaten in kleine grüne Betelpäckchen und reicht sie seiner Kundschaft: Arbeiter, Tagelöhner, Chai Wallahs – die Männer der Nachbarschaft. In einer von vielen kleinen Alltagspausen kauen sie gemeinsam ihr Paan; bis sich Lippen und Zahnfleisch rot färben und Speichel den Mundraum füllt. 

Bereits seit Jahrtausenden wird Paan auf dem indischen Subkontinent gekaut. Es ist Genuss- und Rauschmittel, wirkt gegen Ermüdung und dient dem sozialen Miteinander. Paan gehört zum indischen Alltag wie Chai und Schnurrbart. Hier in Varanasi gibt es keine Gasse, in der nicht irgendwo Paan gekaut wird.

Paan Verkäufer in Varanasi
das Paan aus Varanasi ist in ganz Indien berühmt
Sadhu in Varanasi
auch der heiligste Sadhu braucht mal ein Powernap
Altstadt, Varanasi

Wir fragen die Männer nach einem Weg aus dem Labyrinth. Arme zeigen in eine Richtung, doch die gesprochene Antwort verstehen wir kaum. Zu viel Speichel bewegt sich in den Mündern, der dann in großem Schwall an die Hauswände gespuckt wird und dort rostrote Spritzflecken hinterlässt.

Wir biegen um eine Ecke und stehen vor dem mächtigen Hintern einer Kuh. Das Tier schlackert mit den großen Ohren und starrt stur geradeaus. Räuspern, rufen, klatschen; nichts bringt das Vieh dazu, sich zu bewegen. Der Weg ist versperrt. Nichts zu machen. Wir kehren um.

Bereits am frühen Vormittag drängt tropische Hitze in die Stadt und selbst in der schattigen Altstadt kann man ihr nicht entfliehen. Dazu kommen die Menschen, die sich in viel zu großer Anzahl durch die viel zu schmalen Galis quetschen. Aus ihrer Mitte ertönen die markanten Rufe: „Ram Naam Satya Hai“. Es ist das Mantra der Leichenträger, die die in goldene und rote Tücher gewickelten Toten auf wackeligen Bambusbahren durch die Gänge zum Manikarnika Ghat transportieren. Ein süßer Geruch hängt über den Leichenträgern, die wenig zimperlich jeden zur Seite schieben, der sich nicht schnell genug an eine Hauswand drückt.

Dutzende Prozessionen ziehen jeden Tag durch die Altstadt. Auf den Schultern der Träger wiegen die Leichenbahren durch die Gassen wie Schiffchen in einem verzweigten Kanalsystem. Der Tod wird durch die Stadt getragen. Er zieht vorbei ein Blumengeschäften und Teestuben, an Hotels, Restaurants, Reisebüros, Wohnhäusern, Imbissläden und Kiosken.

Kartenspieler in Varanasi
Es gibt immer was zu tun
Kuh in Varanasi
Varanasis schmale Altstadtgänge werden immer wieder von gemächlichen Kühen verstopft

Shiva und die Götterwelt

Sterben in Varanasi ist für gläubige Hindus etwas Besonderes. In den alten Legenden heißt es, dass Shiva, der tanzende Gott der Zerstörung, die Stadt vor über 5.000 Jahren segnet. Wer in Varanasi stirbt, findet seitdem Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburt. Shiva selbst, so erzählen es die Brahmanen, fühlt sich in Varanasi so wohl, dass er noch heute – in menschlicher Gestalt verkleidet – durch die Altstadt schlendert.

Niemand zweifelt an dieser Sage. In Varanasi bildet der spirituelle Glaube das gesellschaftliche Fundament. Er stiftet Identität, schenkt Mut und Hoffnung. Varanasi gilt den Hindus als ewige Stadt, die selbst das Ende der Zeit überdauern wird. Nicht nur Shiva ist hier zuhause. Priester erzählen, dass 33 Millionen Götter in der Stadt leben und längst nicht alle gehören zum Hinduismus.

Der goldene Kashi-Vishvanath-Tempel ist das Heim Shivas. Täglich pilgern tausende Gläubige hierher. Bewaffnete Soldaten regeln den Einlass. In den klaustrophobischen Korridoren der Altstadt ist die Angst vor Anschlägen auf den Tempel groß. Selbst die umliegenden Gassen sind von den Autoritäten abgesichert. Die Pilger stören sich nicht daran. Sie bringen Blumenketten und Teelichter, Räucherstäbchen und Süßigkeiten als Opfergaben. Nur ihnen, den Hindus, ist der Zutritt gestattet. Wir bleiben draußen und können hinter hohen Mauern nicht einmal einen winzigen Blick auf das Heiligtum erhaschen.

Die Anhänger Shivas kommen so zahlreich, dass sie oft stundenlang in einer Schlange um den Tempel herum warten und die ohnehin schon schmalen Gänge endgültig verstopfen. Wer versehentlich in diese Menge gerät, braucht viel Geduld, denn oft geht es weder vor noch zurück. Erst wenn sich die Schlange nach vielen glücklosen Versuchen langsam ordnet, gibt sie den Weg in eine andere Gasse frei.

Shivastatue in Varanasi
Shivaschrein in einer Gasse der Altstadt
Sadhu in Varanasi
ein Sadhu schlendert durch Varanasis Galis
Gasse in Varanasi

Die Ghats am Ganges

Endlich stehen wir an einem der vielen Ghats. Mehr als 80 dieser Badestellen führen in Varanasi zum Ufer des Ganges. Adlige und Königsfamilien von Rajasthan bis Bengalen haben sie in längst vergangenen Tagen gestiftet. Hier konzentriert sich das religiöse Leben der Stadt, hier befinden sich die öffentlichen Krematorien, hier berühren wir das Wesen einer Weltreligion.

Im August, gegen Ende des Monsuns, ist der Ganges weit über seine Ufer getreten und schnürt die Stadt in ihren Grenzen ein. Die weitläufigen Badestellen sind dann vom heiligen Wasser überspült und nur durch das Labyrinth der Altstadtgassen miteinander verbunden. Jedes Ghat ist eine Sackgasse.

Am winzigen Dandi Ghat fegt ein Sadhu die Stufen vor einem kleinen Shivatempel. Eine friedliche Atmosphäre herrscht hier. Kein Motorenlärm, kein wildes Hupen, keine religiösen Gesänge aus dröhnenden Lautsprechern – nur der Ganges und die lautlosen Besenstriche. Lediglich ein Teeverkäufer wartet in der Nähe geduldig mit seinem heißen Wasserkessel auf ein paar Besucher, die sich aus der verwinkelten Altstadt hierher verirren.

Jetzt, zur Trockenzeit, ändert sich das Bild. Wenn der Ganges zurückweicht, bilden die Ghats eine kilometerlange Uferpromenade die vom südlichen Assi Ghat bis zum Raj Ghat und darüber hinaus reicht. Dann kommen die Bewohner Varanasis aus der Altstadt an den heiligen Fluss. Die Alten ebenso wie die Jungen, selbst die Schwachen schleppen sich hierher. Viele von ihnen nehmen ein Bad im Fluss, um Körper und Seele zu reinigen, andere praktizieren Yoga, meditieren. Blumenverkäufer und Chai Wallahs sind ebenso unterwegs wie Hirten, die ihre Büffelherden zum Baden an den Ganges führen. Da sind Bettler und großzügige Spender. Gutes und schlechtes Karma gehen Hand in Hand und wenn die Hitze des Tages in den Nachmittagsstunden nicht mehr unerträglich ist, finden sich überall an den Ghats Männer zum Kricketspielen zusammen.  

Varanasi, Ganges
Sadhu am Manikarnika Ghat
Sadhu am Manikarnika Ghat

Die Gauner am Ganges

Das Assi Ghat ist eine der größten Badestellen. Hier sitzen Sadhus, heilige Bettelmönche, zusammen mit den Einheimischen auf den Treppenstufen. Pilger beten ein Lingam des mächtigen Shivas an.

Bootsführer hocken in kleinen Gruppen zusammen und obwohl die Preise für ihre Dienste auf dem Ganges offiziell festgelegt sind, fordern sie unverschämt hohe Summen. Besonders bei den beliebten Bootsfahrten zum Sonnenaufgang steigen die Preise schnell in schwindelerregende Höhe. Überhaupt ist Varanasi ein Gaunerparadies. Windige Geschäftemacher kopieren beliebte Hotels und Restaurants und geben sich für die Originale aus. Schlepper übertölpeln ahnungslose Neulinge und natürlich sind da auch die Taschendiebe, Haschverkäufer und Kleinkriminellen.

Am Assi Ghat sitzen wir auf den breiten Steinstufen am Wasser. Eine Kuh trottet heran und beschnuppert mich ganz unaufgeregt mit ihrer riesigen, feuchten Nase. Doch dann wird sie aufdringlich, beugt sich mit ihrem massigen Körper immer weiter über mich und schlägt mich schließlich mit klebrigen Speichelfäden aus ihrem Maul in die Flucht.

Wir laufen stromaufwärts den Fluss entlang.

Varanasi, Ganges
in der Regensaison steigt der Ganges bis an die Grenzen der Altstadt

Das Dashashwamedh Ghat

Am zentral gelegenen Dashashwamedh Ghat stehen bereits am frühen Morgen Männer in Baumwollunterwäsche und Frauen in farbenfrohen Saris hüfttief im heiligen Wasser des Ganges. Hier am ältesten und heiligsten Ghat Varanasis tauchen sie drei Mal mit dem Kopf in den schmutzigsten Fluss der Welt und entledigen sich so ihrer Sünden.

Dann waschen sie ihre Körper und schrubben ihre mitgebrachte Wäsche. Der Ganges ist nicht nur spirituell bedeutend, sondern auch das wichtigste Wasserreservoir der Stadt. Sogar Trinkwasser schöpfen die Bewohner aus dem Gewässer, obwohl allein schon das morgendliche Bad bei vielen Menschen Durchfall verursacht.

Auch während des Tages reißt der Pilgerstrom zum Dashashwamedh Ghat nicht ab. Priester in weißen Gewändern binden rote, schwarze oder gelbe Bändchen um die Handgelenke der Gläubigen. Jede Farbe symbolisiert eine Gottheit und weil im indischen Alltagschaos ein Unterstützer allein nicht reicht, baumeln an vielen Armen gleich mehrere verschiedenfarbige Bändchen. In dem Durcheinander des hinduistischen Pantheons ist das kein Problem. In der Götterwelt kennt man sich.

Morgenritual am Dashashwamedh Ghat
Im August überspült der Ganges weite Teile der Ghats
Blumenverkäuferin am Dashashwamedh Ghat
Blumenverkäuferin am Dashashwamedh Ghat

Nirgendwo ist Varanasi so bunt und lebendig wie hier. Runde Weiber schubsen und schreien, wenn es ihnen nicht schnell genug voran geht, andere halten ein Schwätzen und scheren sich nicht um den Stau, den sie anrichten. Marktfrauen hocken auf dem Boden und verkaufen Blumenschmuck und Räucherstäbchen. Bettler quetschen sich auf der Suche nach der nächsten Rupie durch die chaotische, in alle Richtungen driftende Menge. Auf niedrigen Podesten sitzen schamlose Priester, die am liebsten bunte Punkte auf ausländische Stirnen drücken. Für ihren Segen verlangen sie eine übertriebene Spende, die schnell in der eigenen Hosentasche verschwindet.

Doch es sind nicht nur die Menschen, die uns faszinieren. Entlang der Ghats spazieren wir auch durch die Zeit. Havelis, die Paläste der Maharajas und reichen Kaufleute aus dem 17. Jahrhundert, ragen über die Ghats empor. Selbst Aurangzeb, der berüchtigte Mogulherrscher, ist hier präsent. Nach seiner Eroberung Varanasis ließ er die Alamgir Moschee auf den Grundmauern eines zerstörten Vishnutempels errichten, die bis heute über dem Panchganga Ghat thront.

Haveli in Varanasi
Alamgir Moschee in Varanasi
hoch über dem Ganges ragt die Alamgir Moschee über die Dächer der Altstadt

Nachtspaziergang entlang der Ghats in Varanasi

Langsam neigt sich der Tag seinem Ende entgegen. Warmes Licht streichelt die Fassaden. Papierdrachen segeln über die Dächer am Ufer. Mit einem Chai sitzen wir auf den Stufen am Ganges. Als die Dunkelheit sich über den Fluss legt, verändert Varanasi das Gesicht. Die Stadt taucht in eine mystische Welt, in der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen.

Am Manikarnika Ghat sind die lodernden Scheiterhaufen bis weit über den Fluss sichtbar. Ein Aghori Sadhu, der seinen nackten Körper ganz mit Asche bedeckt hat, sitzt im Halbdunkel unter einem Schirm und spricht über bizarre nächtliche Rituale in die Kamera eines indischen TV-Senders. Kerzen brennen am Ufer und Kerzen brennen auf dem Fluss. In kleinen mit Ringelblumen besetzten Flößen treiben sie als Opfergaben auf dem Ganges.

Eine unwirkliche Stimmung liegt über dem Ghat: knisternde Flammen, verbrennende Leichen, streunende Hunde, blökende Ziegen, zwielichtige Gestalten in dunklen Ecken, ein Pani Puri Verkäufer. Noch die größten Widersprüche sind hier miteinander verknüpft. Nichts passiert zufällig.

Entlang der Ghats zerfließen die Eindrücke. Vielleicht liegt es am schummrigen Licht und an den langen Schatten der Nacht, die nur gelegentlich vom flackernden Laternenschein unterbrochen werden. Sadhus sitzen mit langen Haaren, krausen Bärten und spärlicher Kleidung an den Ghats, ziehen genüsslich an ihren Schillums. Harzig duftende Rauchschwaden hängen um ihre Köpfe.

Shiva, Varanasi

Ganga Aarti, Feueropfer für den heiligen Ganges

Am Dashashwamedh Ghat haben sich hunderte Besucher versammelt, um der Ganga Aarti, der wichtigsten Zeremonie am Ganges beizuwohnen. Jeden Abend nach Sonnenuntergang klingt metallisches Glockengeläut über den Fluss. In seidene Stoffe gehüllte Priester bewegen in einer akkurat ausgeführten Choreographie mehrstöckige Öllampen langsam über ihren Köpfen. Rauchschwaden wabern über das Wasser. Uralte Lieder der Liebe werden gesungen und über schnarrende Lautsprecher bis weit auf den Fluss hinaus getragen.

Es ist beängstigend eng. Immer mehr Menschen drücken sich am Ufer zusammen, um dem heiligen Ganges die Ehre zu erweisen. Tief versunken klatschen sie im Takt einer leiernden Melodie, während die Priester wie in Trance ihre gleichförmigen Bewegungen vollziehen.

Kinder schlüpfen auf Hüfthöhe an den Erwachsenen vorbei. Sie verkaufen schwimmende Teelichter, die die Wünsche und Bitten der Gläubigen schwankend bis in die Mitte des Ganges hinaus tragen.

Ganga Aarti am Dashashwamedh Ghat
jeden Abend findet am Dashashwamedh Ghat die Ganga Aarti Zeremonie statt
Ganga Aarti am Assi Ghat

Die Ganga Aarti ist ein verblüffendes Ritual, ein Ausdruck der dem Hinduismus innewohnenden Magie. Dahinter dümpeln Dutzende vollbesetzte Holzboote. Kamerablitze zucken herüber. Jedes Aufleuchten zerreißt die mystische Vorstellung. Plötzlich ist die Ganga Aarti ihrem Zauber beraubt. Was bleibt ist eine Feuershow, ein Unterhaltungsprogramm für die Massen.

Vielleicht ist die Ganga Aarti hier am Dashashwamedh Ghat auch nur ein Zirkus. Vielleicht wäre die Zeremonie wesentlich schlichter, wenn nicht jeden Tag hunderte Touristen viel Geld dafür bezahlten, um sie von einem Boot aus auf dem Ganges zu verfolgen.

Ganga Aarti am Dashashwamedh Ghat
vollbesetzte Boote während der Ganga Aarti Zeremonie

Die Nacht ist noch immer heiß. Händler haben Verkaufsstände aufgebaut und bieten Pani Puri, Chai und Namkeen an. Zurück am Assi Ghat führt eine Theatergruppe südindische Tänze aus Kerala auf. Es ist ein Angebot der Stadt für die vielen südindischen Touristen, die Varanasi jetzt im Juni besuchen.

In Varanasi wird das facettenreiche Indien auf ein Labyrinth aus Altstadtgassen und Badestellen zusammengekocht. Die Ghats sind ein kulturelles Potpourri, ein eigener lebendiger Kosmos in einer Stadt, die die Menschen in ihrem Glauben, in ihrer spirituellen Vision vereint. Hier ist es bunt, laut, dreckig und dem Wahnsinn verdammt nah.

Varanasi fordert und fasziniert und prägt zugleich das Bild Indiens, wie keine andere Stadt im Land.

Ganga Aarti am Dashashwamedh Ghat

Varanasi in vier Teilen

Teil 1: Totenkult in Varanasi

Teil 2: Absolution im schmutzigsten Fluss der Welt

Teil 3: Gassen, Ghats und Ganga Aarti

Teil 4: Babas, Bhang und Bagaluten

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