Varanasi, Bhang
Varanasi 4/4: die Sadhus und ihr Cannabis

Babas, Bhang und Bagaluten


15. September 2019
Indien
Schreibe etwas

Varanasi nimmt keine Gefangenen. Die ewige Stadt ist gnadenlos laut, chaotisch, schmutzig und überfüllt. Ekel und Wahnsinn sind in den Gassen der Altstadt nie weit entfernt von Spiritualität und Tradition. 

Jedes Klischee, das jemals über Indien erdacht wurde, bewahrheitet sich in der heiligen Stadt. Varanasi ist ein Schauplatz romantischer Vorstellungen, erweitert um die Extreme des Subkontinents. Dass der Gott Shiva, Herrscher über Zerstörung und Neubeginn, sich hier besonders wohl fühlt, ist selbstverständlich.

Varanasi, auf halbem Weg zwischen Neu-Delhi und Kalkutta gelegen, gehört zu den ältesten durchgehend bewohnten Siedlungen der Welt. Ihre Gassen waren schon alt, da war Platon gerade erst geboren.

Ghats in Varanasi
Ghats in Varanasi

Verkehrschaos am Gowdolia Chowk

Im Hier und Jetzt befinden wir uns am Gowdolia Chowk, einer Kreuzung, die die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen vom ausufernden Großstadtmoloch des modernen Varanasis trennt. Hinter uns führt eine Straße direkt zum Dashashwamedh Ghat und zum heiligen Ganges. Vor uns offenbart sich die alltägliche Hölle des indischen Straßenverkehrs.

Motorräder und Rikschas keilen sich auf vier Spuren ineinander. Straßenhändler drücken ihre Holzkarren durch die Blechlawine, alte Lastwagen husten rußige Abgaswolken in die Menge. Aus allen Richtungen hupt es in ohrenbetäubender Lautstärke. Schrille Sirenen und dröhnende Hörner kämpfen in einer kakophonischen Schlacht gegeneinander. Unsere Ohren erleiden Kollateralschäden.

Der penetrante Einsatz der Hupe ist ein probates Mittel im indischen Straßenverkehr, auch wenn es ohne Wirkung bleibt. Im Durcheinander auf der staubigen Fahrbahn versucht jeder Fahrer sich möglichst weit nach vorne zu drängeln. Dabei schieben sich so viele Motorräder auf der Kreuzung ineinander, dass der Verkehr vollständig zum Erliegen kommt. Eine Kuh steht mitten in diesem Chaos auf der Fahrbahn. Auch sie kommt weder vor noch zurück und kaut aus Mangel an Alternativen auf etwas halb Verdautem herum.

in den Altstadtgassen von Varanasi
in den Altstadtgassen von Varanasi

Bhang Lassi in Varanasi

In einem winzigen Lokal, nicht viel mehr als ein schattiger Hausflur, sitzen wir auf Holzbänken und schauen hinaus auf das Gedränge der Straße. Unter einem quietschenden Ventilator trinken wir cremig-süße Lassis. Das Joghurtgetränk ist überall im Land beliebt. Es neutralisiert feurige Currys und erfrischt den Geist. Hier in Varanasi, so versprechen es die Einheimischen, gibt es die besten Lassis in ganz Indien. Dabei ist schon der einfache Lassi – vorzugsweise mit Zucker oder Salz – eine Wucht. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Kreationen wie den beliebten Bananen Lassi. Richtig mächtig ist dagegen der gelblich schimmernde Kaju Lassi mit Cashewnüssen und Trockenfrüchten, der einen fantastischen Milchbart zurücklässt.

Der dickflüssige Lassi, den wir jetzt aus verkratzten Gläsern trinken ist jedoch weder weiß noch gelblich, sondern tiefgrün. Für die kräftige Farbe sorgt Bhang: Indiens uraltes Rauschmittel hergestellt aus den Blättern der Cannabispflanze. Angereichert mit THC ist Bhang Lassi weit mehr als eine Erfrischung: Für die Hindus ist er der Eintritt in die spirituelle Welt und fester Bestandteil religiöser Feste. In Tempeln wird Bhang Lassi als Opferspeise getrunken und auch auf den Straßen versetzen sich die Gläubigen damit in spirituelle Zustände. Bankangestellte, Hausfrauen, Rikschafahrer, Hochschuldirektoren, selbst Polizisten genießen Bhang, das als weiche Masse nicht nur in Lassis, sondern auch in anderen Lebensmitteln verarbeitet wird.

Bhang, Lassigeschäft am Gowdolia Chowk
Lassigeschäft am Gowdolia Chowk

Vor allem die Sadhus, die heiligen Bettelmönche des Subkontinents, erfreuen sich am Bhang. Sie glauben, dass sie im Rausch eins werden mit ihrem kiffenden Gott Shiva, sich von den weltlichen Fragen lösen und ihrem Ziel der Erleuchtung näher kommen. Doch Bhang gehört auch zur kulturellen Identität im Hinduismus und wird bereits in der jahrtausendealten ayurvedischen Medizin als heilendes Mittel geschätzt.

Im kleinen Lassigeschäft am Gowdolia Chowk stehen halbvolle Gläser auf den Bänken. Das Bhang kommt in verschiedenen Stärkegraden und reicht von einer leichten, hellgrünen Dosis bis zum satten tiefgrünen Lassi – Prädikat extra stark. Doch schon die medium Variante sorgt für ein herrliches High, erklärt uns der Verkäufer.

Das Lassigeschäft ist keine Spelunke, kein zwielichtiger Ort dunkler Machenschaften. Hierher kommen gut gelaunte Männer in Hemd und Jeans, Paare schlürfen gemütlich schwatzend an ihren Bhang Lassis. Anders als Marihuana (Ganja) und Haschisch (Charas) ist Bhang in Indien legal; zumindest in den heiligen Städten wie Varanasi, Jaisalmer oder Pushkar. Hier wird es in lizensierten Geschäften im Auftrag der Regierung verkauft.

Bhang Lassi
Bhang Lassi

Bhang, Charas, Ganja und Shiva

Seit mindestens 3.000 Jahren ist Cannabis auf dem indischen Subkontinent bekannt und genauso lange werden Charas, Ganja und Bhang konsumiert. Eine der vielen Legenden erzählt, dass Shiva Cannabis von den Gipfeln des Himalajas in die indische Tiefebene brachte, wo er es den Menschen als Geschenk Gottes übergab. Eine andere Geschichte berichtet, dass Shiva, wütend und aufgebracht wie er nun mal des Öfteren ist, eine schattenspendende Hanfpflanze findet. Von ihrem lieblichen, beruhigenden Duft ist er so angetan, dass er die Pflanze fortan immer wieder in seinem Schillum raucht.

Cannabis und Shiva sind eng miteinander verbunden. Der Gott der Zerstörung raucht kontinuierlich und wird auch immer wieder mit einem mächtigen Schillum in der Hand abgebildet. Shiva ist der erste beglaubigte Pothead der Menschheit. Der Herr des Ganjas. Seit Jahrtausenden eifert ihm eine große Anhängerschar nach. Ihnen gilt Cannabis als Nektar der Götter und wird zu Ehren Shivas als Prasadam, als Opferspeise, eingenommen.

Dann aber kommt das Jahr 1985 und mit ihm hält ein internationaler Staatenvertrag in Indien Einzug. Hanfblüten und –harz werden kriminalisiert. Doch Cannabis ist so stark im spirituellen und kulturellen Verständnis der Hindus verankert, dass es unmöglich ist die Pflanze gänzlich zu verbieten.

Die indische Regierung findet ein Schlupfloch. Zwar sind Charas und Ganja nun illegal, aber Bhang, das hauptsächlich aus den Cannabisblättern gewonnen wird, ist bis heute nicht nur geduldet, sondern wird sogar vom Staat verkauft.

Shiva mit seinem Schillum im Himalaja
Shiva mit seinem Schillum im Himalaja

Babas und Bhang

Unsere Gläser sind leer. Wir schlendern hinaus in die Stadt. Die Blechlawine auf der Kreuzung ist wieder in Bewegung und wird von wildem Hupen und stinkenden Abgasen begleitet. Dahinter tauchen wir ein in die bunten Gassen der Altstadt mit ihren indiskreten Offenbarungen – dem Müll, den Fäkalien, den Kühen, den Leichen, den Paanflecken an Hauswänden.

Als wir die Ghats erreichen, ist es bereits Abend. Dämmerlicht liegt über dem Ganges, das schmutzige Braun des heiligen Flusses färbt sich schwarz. Straßenhändler verkaufen Chai und Samosa. Nach Sonnenuntergang steigt die Hitze des Tages von den Steinplatten der Ghats auf. Ruderboote ziehen langsam über das Wasser, überall leuchten Kerzen im Fluss und am Ufer.

Sadhus sitzen am Ganges. Varanasi ist ihr spirituelles Zuhause. Am Assi Ghat hocken drei Gestalten in orangefarbenen Tüchern gemeinsam unter einem Baum. Ein qualmendes Schillum kreist zwischen ihnen.

Etwa vier bis fünf Millionen Sadhus, respektvoll Babas genannt, wandern durch Indien. Organsiert in verschiedenen Orden entsagen sie der materiellen Welt, pilgern ohne Besitz durch das Land, geben ihre bürgerliche Identität und ihre Familien für ein spirituelles Leben auf. Am Rand der Gesellschaft verrauchen sie ihr Charas. Alles im Zeichen der Erleuchtung.

Sadhus leben oft asketisch, meditieren in Höhlen und Wäldern oder geben sich radikalen Übungen hin. Dann halten sie über Jahre hinweg einen Arm über dem Kopf oder schlafen und essen nur noch stehend.

Sadhu am Manikarnika Ghat in Varanasi
Sadhu am Manikarnika Ghat in Varanasi

Die Wunder der Sadhus

Jede Menge Sagen und Legenden ranken sich um die Sadhus. In Indien werden sie als Abgesandte Shivas verehrt und erhalten Almosen, die zugleich als Opfergaben an den Gott verstanden werden. Jede Spende ist ein hoch spiritueller Akt. Aber die Sadhus werden auch gefürchtet. Angeblich können sie in die Zukunft schauen und wirksame Flüche aussprechen. Streit mit einem Sadhu ist so ziemlich das Letzte, was ein gläubiger Hindu gebrauchen kann.

Mit ihrer Sonderstellung am Rand der Gesellschaft leben die Sadhus deshalb ein verhältnismäßig komfortables Leben. Sie fahren kostenfrei im weitverzweigten Zugsystem durch ganz Indien, werden durch Gaben gläubiger Hindus ernährt und von ihnen zugleich verehrt und respektiert. Sie genießen beinahe Immunität vor der Polizei und entkommen als heilige Männer dem Kreislauf der Wiedergeburt.

Ein Leben als Baba ist verlockend und gerade Männer aus den untersten Gesellschaftsschichten erhoffen sich als Bettelmönche einen Ausweg aus ihrer armseligen Existenz. Kiffen, Essen und die persönliche Freiheit sind für sie manchmal größere Motivation als Askese und Erleuchtung. Sein und Schein voneinander zu unterscheiden ist schwer.

Sadhu am Ghat in Varanasi

Dem Anschein nach Sadhu

An den Ghats wollen wir die heiligen Männer porträtieren, doch schon der erste Baba winkt ab. „200 Rupees!”, lässt er uns wissen, obwohl doch Sadhus auf dem Weg zur Erleuchtung von allem Materiellen und erst Recht von Geld Abstand suchen. Offensichtlich haben wir den ersten Trickser bereits entdeckt. Er wird nicht der Letzte sein.

Spärlich bekleidete Sadhus mit rauschenden Bärten und schweren Dread Locks prägen seit den 1960er Jahren das westliche Bild Varanasis. Die Hippies berichteten von den heiligen Bettelmönchen und schnell wurden die kiffenden Männer mit ihrer Nacktheit und ihrer unorthodoxen Lebensweise zum Gegenentwurf des spießbürgerlichen Establishments und ihren gesellschaftlichen Doktrinen.

Und heute? Zwischen den wahrhaften Sadhus an den Ghats von Varanasi befindet sich auch eine augenscheinliche Anzahl Bagaluten, die von Spiritualität wenig Ahnung haben. Sie folgen keinem religiösen Lebensweg, sondern einem Lifestyle. Männer, die gerne high sind, weil sie gerne high sind. Sie suchen ein Leben ohne Arbeit und ohne Pflichten und behelfen sich dabei mit Charas, Ganja oder Bhang. Mit Erleuchtung haben sie nichts zu tun.

meditierender Sadhu in Varanasi

Ein breites Grinsen ziert mein Gesicht, das ich nicht mehr kontrollieren kann. Ich amüsiere mich über diesen Schildbürgerstreich, über die gespielte Heiligkeit und darüber, dass es offensichtlich funktioniert. Auf dem Weg zurück in unsere Unterkunft gluckse ich vor mich hin. Alles belustigt mich: die Kuh an der Ecke genauso wie der Paanverkäufer. Das Bhang wirkt, meine Wahrnehmung ist überhöht. Varanasi ist schon nüchtern krass, jetzt haut die heilige Stadt mich um.

Packliste

Packliste

Unsere Ausrüstung muss einiges aushalten. Seit über 7,5 Jahren sind wir dauerhaft unterwegs und strapazieren unser Hab und Gut im täglichen Einsatz. Einiges hat bei uns nur kurze Zeit überlebt, doch anderes bewährt sich mittlerweile seit Jahren und wir sind von der Qualität überzeugt. Unsere Empfehlungen könnt ihr hier nachlesen.

Puja am Ganges

Am nächsten Morgen sind wir bereits vor Sonnenaufgang wach. Grinsend liege ich im Bett, grinsend ziehe ich mich an. Mein Kopf steckt in Watte – verdammtes Bhang! Wir laufen hinunter zum Assi Ghat, wollen den Pilgern bei der morgendlichen Puja, einer Zeremonie zur Verehrung des Ganges, zusehen. In der Morgendämmerung sind wir an den Treppenstufen. Es ist August und der Ganges steht sehr hoch. Das Dashashwamedh Ghat ist nur ein Schatten seiner selbst, bietet an diesem Morgen kaum Platz für die vielen Gläubigen, die sich hier versammeln. Männergruppen tauchen gemeinsam in den Fluss. In ihrer orangenen Kleidung sind sie leicht als Anhänger Shivas zu erkennen.

Frauen stehen bis zum Bauchnabel im Ganges und schöpfen sich heiliges Wasser über Kopf und Schultern. Eng zusammengedrängt führen die Gläubigen ihre rituellen Waschungen durch. Auf kleinen Tischchen im Wasser liegen Ringelblumen, Jasminblüten und Teelichter, die als Opfergaben hinaus auf den Fluss geschickt werden.

Puja am Ganges
jeden Morgen findet am Ganges eine Puja statt
Puja am Ganges
Pilger reinigen sich im Ganges
Puja am Ganges
die morgendliche Puja ist fester Bestandteil des Alltags in Varanasi

Auf den wenigen Treppenstufen, die nicht vom Fluss überspült sind, herrscht dichtes Gedränge. Immer mehr Menschen kommen an den Ganges. Bald schon ist aus der morgendlichen Stille ein buntes Durcheinander geworden. Der Geräuschpegel steigt mit der aufgehenden Sonne. Es wird hin und her geschnattert, gellend, beinahe kreischend. Dicke Bäuche und abgemagerte Rippen drücken sich aneinander. Im Spiegelbild des Ganges sind alle gleich.

Alte und Junge – Männer, Frauen, Kinder – kommen hier zusammen. Es gibt keine Scham, kein zimperliches Zögern, keine Privatsphäre. Chaos auf engstem Raum. Wir sitzen auf einer Erhöhung am Rand und beobachten den Wahnsinn. Ich bin fasziniert von der Menschenmasse, wie sie sich hin und her und in sich selbst bewegt. Noch immer grinse ich vor mich hin.

Die Gläubigen im Wasser umgibt eine bunte, lebendige und auf ihre eigene Art witzige Aura. Wo hat man sonst schon die Gelegenheit, so viele glückselige Menschen im Unterhemd zu sehen? Selbst ohne Bhang im Blut müsste ich lachen. Wir frühstücken Chai und Samosa, kehren zurück in die Altstadt. Hier rückt mich Varanasi wieder zurecht. Der Rausch des Bhangs ist verflogen. Der Rausch der Stadt bleibt.

Puja am Ganges
nach dem Monsun überschwemmt der Ganges weite Teile der Ghats
Puja am Ganges
aus dem ganzen Land kommen Pilger nach Varanasi, um hier im Ganges zu baden

Varanasi in vier Teilen

Teil 1: Totenkult in Varanasi

Teil 2: Absolution im schmutzigsten Fluss der Welt

Teil 3: Gassen, Ghats und Ganga Aarti

Teil 4: Babas, Bhang und Bagaluten

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