Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Fürstentum im Wüstenwind

Jaisalmer, die Goldene Stadt in Rajasthan


19. Juli 2020
Allgemein
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Sandstaub liegt wie ein leichter Teppich auf dem Asphalt, der mitten durch die Wüste Thar führt. Rawal Singh steuert seinen Pkw in Richtung Jaisalmer. Wie ein Kamelführer lenkt er das Gefährt mit stolzgeschwellter Brust durch seine Heimat. Der Geschichte verdankt er Ländereien, die einst im königlichen Besitz der Maharadschas waren und nun als Großgrundbesitz in den Händen ihrer Nachfahren liegen. Rawal Singh ist ein Rajput mit prächtigem, buschigen Schnurrbart und perfekter Föhnfrisur. Er ist ein Abkömmling der ehemaligen Herrscher von Jaisalmer, zumindest über ein paar Ecken.

Obwohl in Indien schon lange keine Adelstitel mehr vergeben werden, betrachtet sich Rawal Singh noch immer mit majestätischer Selbstverständlichkeit. Er ist begeisterter Jäger und fasziniert von starken Persönlichkeiten. Deshalb stecken in seinem Portemonnaie zwei Bilder. Eines zeigt Adolf Hitler, das andere Ché Guevara. Beiden hatten Charisma, lässt er uns wissen, beiden konnten Menschen anführen. Zwei Eigenschaften, die er gerne auch für sich in Anspruch nimmt. Gäbe es doch bloß noch einen Fürstenstaat.

Dann fachsimpelt Rawal Singh über die deutsche Geschichte. „Hitler hat Deutschland groß gemacht“, strahlt er mit breitem Lächeln, so als ob er uns ein Kompliment machen würde. Er meint es völlig ernst. Nur der kleine Mann aus Braunau sei dafür verantwortlich, dass Deutschland heute so gut dastehe. Rawal Singh ist nicht der Einzige, der uns derartige Nazisprüche um die Ohren haut. Auf dem indischen Subkontinent verschwimmen die Dimensionen des Weltkrieges. Hitler wird für seine starken Reden verehrt, dafür, dass er eine Nation überzeugen und führen konnte. Mein Kampf steht unkommentiert in vielen Buchläden des Landes. Dabei ist die Begeisterung für Hitler vor allem personenbezogen. Eine Bewertung der politischen Leistung, von der die meisten Inder keine Ahnung haben, findet nicht statt.

Dass Hitler so sehr verehrt wird, hat viel mit Indiens eigener Geschichte zu tun. Unter Hitler kämpft Nazideutschland gegen die Briten, die in Indien verhasste Kolonialmacht sind. Danach, Indien ist unabhängig, führen Regierungen das Land, die immer wieder in Korruption und Vetternwirtschaft verstrickt sind und Millionen in die eigenen Taschen stecken. Der Wunsch nach einem starken Führer wächst auch aus dem Versagen der eigenen Politiker. Der aktuelle Premierminister Narendra Modi zeichnet sich seit Jahren mit hindunationalistischen Parolen aus, die ihn trotz aller Skandale um seinen politischen Weg zu einem beliebten Staatsmann machen. Der Populismus ist sein Metier. Mit einfachen Phrasen lässt er sich von vielen Indern als starke Persönlichkeit feiern.

Jaisalmer, Rajasthan, Indien
die Festung von Jaisalmer thront auf dem Trikuta Felsen
Trikuta Felsen
stolz erhebt sich die Festung über der Wüste

Unterwegs in der Wüste Thar

Wir nähern uns Jaisalmer. Hinter der Stadt sind es nur noch einhundert Kilometer bis zur Grenze nach Pakistan. Einhundert Kilometer bis die Welt endet. Dann öffnet sich ein Abgrund, geformt von Propaganda und politischem Kalkül. Pakistan und Indien sind sich so nah wie Brüder und politisch spinnefeind. Beide Länder besitzen den roten Knopf für die atomare Zerstörung. Und beide Länder stehen seit dem ersten Tag im Konflikt miteinander. Politisch werden immer wieder Ressentiments geschürt, besonders dann, wenn es im Landesinneren mal wieder nicht so läuft.

Rawal Singh grummelt. Er hält Indien für das beste Land der Welt und die indischen Soldaten für die stärksten Krieger. Was ihm nicht gefällt ist die politische Linie. In seinen Augen befindet sich Indien seit der Unabhängigkeit in einer Verteidigungsstrategie. Die Regierung sei zu zaghaft, zu wenig risikobereit. „Verteidigung“, so sagt er, „ist ein Zeichen von Schwäche.“ Angesichts der Konflikte, die Indien mit all seinen Nachbarn führt, ist das eine gewagte These. Rawal Singh jedenfalls wünscht seinem Land mehr Mut.

Noch bevor wir Jaisalmer erreichen, passieren wir die Stadt Pokhran. Hier hat das indische Militär zuletzt 1998 sechs Atomwaffentests durchgeführt. Nicht unbedingt ein beruhigendes Gefühl. Um uns ist das Land flach und weit. Sandige Hügel wellen sich wie Dünen am Meer. Niedrige Sträucher tragen spärliches Grün. Am Straßenrand glotzen knochige Kühe in die Ferne. Sie wirken genauso erschöpft wie die Menschen in den winzigen Dörfern, die in der Wüste mit dürftigem Ertrag den Boden bearbeiten.

Die Fahrbahn führt schnurgerade zum Horizont. Wenn sich etwas aus der Ödnis abzeichnet, ist es schon von weitem sichtbar. Aus kleinen Punkten werden Mopeds, Lastfahrzeuge, Reisebusse und ab und an auch Ziegen, Hunde und ihre Hirten. In der Wüste wirken sie alle verloren, verletzlich. Wer hier unterwegs ist, braucht Vertrauen. Besonders die vom indischen Improvisationstalent zusammengehaltenen Mopeds wecken hier draußen Unglücksfantasien. Die Lkws machen einen stabileren Eindruck, obwohl sie nicht weniger klappern als die Zweiräder. Tonnenschwer brummen sie über den Asphalt. Vollgas, so schnell es eben geht. Das Gesetz der Straße ist mit den Starken. Ein Lkw-Fahrer bremst nicht, er hupt. Alles andere geht ihn nichts mehr an.

Steinmetzarbeit, Jaisalmer, Rajasthan
filigrane Steinmetzarbeiten schmücken die Festung von Jaisalmer
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
dekorierte Balkone ragen aus der Festung über den Fels

Jaisalmer, die Wüstenstadt

Die Sonne wandert über den Himmel, senkt sich gen Westen. Im Licht des Nachmittages erhebt sich der Trikuta Felsen weit entfernt am Ende der Fahrbahn. Auf ihm thront die Festung Jaisalmers. Im späten Sonnenlicht leuchten die Sandsteinmauern, die Türme, Zinnen und Torbögen in goldenem Glanz. Je näher wir kommen, desto gigantischer wirkt die Anlage auf der Anhöhe. Ein Städtchen liegt am Fuß des Felsens. Schmale Gassen führen an Wohnhäusern vorbei, die im Farbton der Wüste aus dem Untergrund zu wachsen scheinen. Jaisalmer.

Als die Wüste noch weit und durchlässig ist – als noch keine streng bewachte Grenze durch sie hindurch schneidet – liegt Jaisalmer mitten in einem Netzwerk aus Karawanenstraßen, die den Norden Indiens mit Vorderasien verbinden. Die Seidenstraße ist nur eine von vielen Handelsrouten, die sich in der Stadt treffen. Kaufleute ziehen mit Dromedaren und Pferden durch die Thar. Sie transportieren Opium, Elfenbein, Seide, Brokat, Gewürze und Edelsteine. Von Indien gelangen unglaubliche Schätze nach Zentral- und Vorderasien. Die Maharadschas, die Wüstenfürste, verdienen mit Zöllen und Steuern reichlich am Warenverkehr.

Das Osmanische Reich, die arabischen Länder und europäischen Königreiche entwickeln sich vor allem im 18. und 19. Jahrhundert zu lukrativen und großzügigen Absatzmärkten. Voll beladen mit wertvollen Gütern streifen die Karawanen in der Wüste umher. Reiche Kaufleute lassen sich hier in Jaisalmer, aber auch in anderen Wüstenstädten entlang der Handelsrouten, nieder. Vor allem im 19. Jahrhundert errichten sie aus goldgelbem Sandstein sogenannte Havelis. Die palastartigen Waren- und Wohnhäuser gehören noch heute im Norden Indiens und in Pakistan zum kulturellen Erbe der Region.

Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Die Festung Jaisalmer ist über Jahrhunderten ein belebter Handelsplatz
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Souvenirgeschäfte in historischen Gassen

Doch dann eröffnet der Suezkanal. Die Karawanen bekommen Konkurrenz vom Seehandel, dem sie hoffnungslos unterlegen sind. Der Reichtum wird nun in Bombay und anderen Hafenstädte verschifft. Die einst stolzen Handelsstädte der Wüste verlieren ihren Glanz. In der Thar wird es ruhig. Lediglich der Handel mit den näher gelegenen Fürstentümern und Königreichen bleibt erhalten. Doch dann trennen sich Indien und Pakistan voneinander und errichten eine undurchlässige Grenze.

Plötzlich liegt Jaisalmer am Rand des nun unabhängigen Indiens; hineingeschoben in eine Sackgasse an der Grenze zu Pakistan. Aus der Durchgangsstation wird eine Endstation. Die Handelsrouten, mit denen Jaisalmer einst reich wurde, existieren nicht mehr. Die Stadt versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Doch Jaisalmer überlebt dank der strategischen Lage. Das indische Militär errichtet hier mehrere Stützpunkte, lässt Straßen befestigen, Eisenbahnschienen verlegen und ein Elektrizitätsnetzwerk aufbauen. Als Nebenprodukt der militärisch geschaffenen Infrastruktur wird das geschichtsträchtige Handelszentrum mit dem Rest des Landes verbunden. Halb verschwommen im Dunst der heißen Wüstenluft rotieren Windkrafträder weit draußen in der Ebene. Wie Trugbilder erheben sie sich flackernd aus dem Sand. Und so muss es wohl auch sein, denn Jaisalmer kann mit der Moderne nicht viel anfangen.

Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
altes Herrenhaus in der Festung
Marionetten, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Marionettenspiel hat in Rajasthan eine lange Tradition

Die Burg von Jaisalmer

Noch heute kleidet sich die abgelegene Stadt in das Gewand vergangener Jahrhunderte. Die sandsteingelben Gebäude versprühen den Charme der glorreichen Zeiten der Handelskarawanen. Jaisalmer gehört mit seinen historischen Palästen, Tempeln, Märkten und der gewaltigen Festung zu den schönsten Städten Indiens.

Eine Pflasterstraße windet sich durch vier Tore bis auf den Felsen hinauf und hinein in eine lebendige Wehranlage. Die von der UNESCO geschützte Burg von Jaisalmer gehört zu den letzten bewohnten Festungen der Welt. Seit über achthundert Jahren leben die Menschen hinter den massiven Schutzmauern. Überhaupt siedelten sich erst im siebzehnten Jahrhundert Menschen am Fuß des Felsens an, als es in der Festung zu eng wurde.

Heute lebt noch etwa ein Viertel der Bewohner Jaisalmers in der Festung. Sie betreiben Restaurants und Hotels, Souvenirgeschäfte, Cafés, Boutiquen. Noch immer gebührt den Durchreisenden die Aufmerksamkeit. Doch es ist anders als früher. Eifrige Verkäufer warten in den Gassen auf neue Kunden. Lederwaren sind ein viel gehandeltes Gut, dazu bunte Stoffe, Marionetten in farbenfroher Tracht, Pumphosen und Umhängetaschen aus Massenproduktion, Schnitzereien, Gemälde.

Wie es wohl damals gewesen sein muss, als Händler mit Dromedaren aus der Wüste kommen. Erschöpft von der Reise suchen sie nach einem Teehaus, einer Unterkunft. Sie gehen auf die Märkte, handeln ihre Waren, kaufen und verkaufen. Silber ist ein beliebtes Zahlungsmittel. Dem Edelmetall vertrauen die Menschen bis heute. Auch Opium gilt lange als kostbare Tauschware. Manche Händler bleiben nur wenige Tage, andere wollen bleiben, wollen in der Stadt ihr Glück suchen, die im Abendlicht so schön golden funkelt.

Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Jaisalmers Festung ragt stolz über die moderne Stadt
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
feines Kunsthandwerk vergangener Jahrhunderte
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
gewaltige Festungsmauer ragen in den Himmel

In der Vergangenheit beherbergt Jaisalmer wertvolle Schätze. Der Herrscher der Stadt, Rawal Jethsi, vom Clan der Bhati-Rajputen, ist im dreizehnten Jahrhundert ein ziemlicher Draufgänger. Auf seinem Marmorthron sitzend, betrachtet er die Wüste als Spielplatz und wer sich darin aufhält, wird – freiwillig oder nicht – zu seinem Spielgefährten. Seine Männer attackieren eine Karawane des Sultans von Delhi, rauben die Kostbarkeiten und lachen sich ins Fäustchen, bis der Sultan höchstpersönlich mit seinen Truppen vor den Toren Jaisalmers steht.

Es folgt eine neunjährige Belagerung, an deren Ende Jaisalmer verdammt ist. Die entscheidende Schlacht steht an und Rawal Jethsi weiß, dass sie verloren gehen wird. Die Armee des Sultans ist weit überlegen. Doch Kapitulation kommt nicht infrage. Rawal Jethsi ist ein Rajput, ein Krieger, kein Diplomat und schon gar niemand, der vor einem aussichtslosen Kampf davon läuft.

Doch bevor er in die Schlacht zieht, trifft er höfische Vorkehrungen. Frauen und Kinder begehen Jauhar, Selbstmord durch rituelle Verbrennung. Für die Rajputen ist der freie Tod ehrenvoller als ein Leben in der Hand der Feinde. Danach ist es still. Jaisalmer wird vorübergehend zu einer Geisterstadt, bis sie von überlebenden Mitgliedern des Bhati-Clans wiederbelebt wird.

Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
auf der Festungsmauer
Haveli, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
reiche Kaufleute ließen sich in Jaisalmer nieder und errichteten beeindruckende Havelis
Haveli, Jaisalmer, Rajasthan, Indien

Altes, prachtvolles Gemäuer

Die dicken Sandsteinmauern der Festung haben schon viel erlebt. Aufstieg und Fall in immer wiederkehrender Reihenfolge. Davon unbeeindruckt erzählen die Fassaden der Havelis vom Glanz vergangener Tage. Prachtvolle Steinmetzarbeiten, die sowohl hinduistische, als auch islamische Motive aufweisen, zieren Balkone und Fensterrahmen. Es sind gemeißelte Erinnerungen im Poesiealbum der Stadt. Üppig dekorierte Gebäude stehen in den schmalen Gassen der Festung so eng zusammen, dass es kaum möglich ist, ihre vollständige Schönheit zu bewundern. Lediglich Teile des Ganzen lassen sich bestaunen. Hier ein paar Fenstergitter mit floralen Motiven, dort die Umrandung eines Balkons. Aus den Fragmenten formen wir ein Bild, das der wahrhaftigen Pracht wohl nur im Ansatz nahekommt.

Neben den Havelis schmücken alte Tempel die Festung. Besonders die sieben zusammenstehenden Jain-Tempel zeugen vom Geschick der Handwerker aus weit zurückliegenden Jahrhunderten. Schmale Korridore führen durch die reich verzierten Tempel vorbei an Säulen und Geländern. Schreine aus gelbem und weißem Marmor werden hier verehrt.

Von den Bastionen und Dachterrassen der Festung öffnet sich ein weiter Blick über Jaisalmer und die Wüste. Tische und Bänke stehen auf der Verteidigungsmauer. Wo früher Soldaten aufmarschieren und mit geschultem Blick hinaus ins öde Land sehen, lehnen wir uns nun mit einer Tasse Kaffee zurück. Unter uns leuchten die Sandsteinhäuser im Sonnenlicht. Wäsche flattert auf den Flachdächern im trockenen Wüstenwind. Papierdrachen steigen hoch hinauf in die Luft. Gleich dahinter beginnt die Thar. Jaisalmer ist eine Wüstenstadt. Historisch und wunderschön. Das wird erst hier oben so richtig klar.

Doch noch immer ist Gefahr im Verzug. Etwas subtiler als angreifende Heere, aber nicht weniger problematisch. Auf Ton und Sand gebaut, ist das Fundament der Festung keineswegs stabil. Immer mehr Touristen wollen die Herrlichkeit Jaisalmers erleben und quartieren sich in der Festung ein. Der Wasserverbrauch auf dem Felsen steigt von Jahr zu Jahr – das Abwasser sickert in einem unzureichenden Leitungssystem in den Boden und unterhöhlt die Festungsmauern. Bereits mehrfach sind Schutzwände und Bastionen zusammengebrochen, weil ihr Halt weggespült wurde.

Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
massive Mauern bewahren Jaisalmer mehrfach vor der Eroberung
junge Frau in Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Tempel, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
detaillierte Fassade im Jaintempel

Jaisalmer und die Schönheit des Alltags

Am Fuß des Felsens, in der Altstadt Jaisalmers, befinden sich die Basare und mit ihnen die aufgeregte Geschäftigkeit des Landes. Nirgendwo schaffen es die Menschen einen Ort, und sei er noch so klein, derart ins Durcheinander zu stürzen wie in Indien. Honiggelbe Gassen winden sich ziellos hin und her. Es ist ein Labyrinth, in dem man sich gefahrlos verlaufen kann, weil alle Wege letztendlich doch wieder vor der Festung enden.

In den hübschen Gassen Jaisalmers haben die Bewohner Schönheit zu etwas Alltäglichem kultiviert. Alte Frauen hocken zusammen. Leichte Stoffe in leuchtenden Farben umspielen sonnengegerbte Gesichter. Strahlend heben sie sich vom goldgelben Sandstein ab. Ein paar Schritte weiter schweben junge Frauen in ihren mit Ranken- und Blütenmustern verzierten Shalwar Kamiz wie Schmetterlinge durch die Stadt. Ihre Arme schmücken Dutzende bunt glitzernde Armreifen und Ringen.

historische Gassen, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
in den historischen Gassen verlieren wir uns in leuchtenden Farben
Frauen, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
in den goldenen Sandsteingassen strahlen Frauen in kräftigen, bunten Saris
historische Gassen, Jaisalmer, Rajasthan, Indien

In Jaisalmers verwinkelten Straßen hockt noch immer die mystische Aura vergangener Jahrhunderte. Kühe und Hunde säumen die schmalen Gassen in den Basaren, blockieren den Weg zwischen winzigen Kiosken, die ein paar Tüten Namkeen und Softdrinks verkaufen. Hier unten schleicht der alltägliche Wahnsinn durch die staubigen Straßen. Juweliere und Kleidergeschäfte reihen sich aneinander. Passanten drängen durch die engen, schattigen Korridore. Eine wuselige Menge wandert durch die Stadt. Auch viele indische Touristen sind hier. Drei muskelbepackte junge Männer aus Delhi tragen schreiend bunte Kappen, die überall in Rajasthan als billige Imitate der traditionellen Turbane der Rajputen verkauft werden. Pilotenbrillen, Schnurrbärte, Lederjacken lassen sie aussehen wie Bollywood-Posterboys. Allein die Wohlstandsplauzen verraten ihre unspektakuläre bürgerliche Herkunft.

Immer wieder werden wir heimlich fotografiert. Wie Spione schleichen sich die Inder in unsere Nähe. Wenn wir sie mit strengem Blick anschauen, drehen sie die Köpfe zur Seite, als sei nichts gewesen. Auffällig unauffällig. Manchmal sind sie dreist, stellen sich kommentarlos zu uns und schießen ein Selfie nach dem anderen. In Indien gibt es keine Distanz. Wer das Land bereist, muss mit Haut und Haar eintauchen. Anders geht es nicht. Selfies gehören dazu und auch die heimlichen Aufnahmen, die von Familien ebenso gemacht werden, wie von pubertierenden Jugendgruppen. Das ist in der Festung nicht anders als in den Gassen der Basare. Immer wieder werden wir angesprochen. Wir sind Exoten, selbst hier in Jaisalmer.

Literatur Indien

Literaturtipps zu Indien

Zwischen Himalaja und Indischem Ozean entstehen atemberaubende Geschichten. Wenn ihr Lust habt mehr über den spannenden Subkontinent zu erfahren, bekommt ihr hier 11 Literaturtipps von uns, mit denen ihr vom heimischen Sofa in die faszinierende, ungeschminkte Welt Indiens eintauchen könnt. Und ja, Rochssare hat sie alle selbst gelesen.

zu den Literaturtipps

Touristen in Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Poster boys

Bhang-Lassi in Jaisalmer

Ganz in der Nähe der Festung, vor dem Haupteingangstor, befindet sich ein Lassi Shop. Es ist ein winziges Geschäft, nicht mehr als eine Handvoll Quadratmeter und doch eine Institution. Neben dem cremigen Joghurtgetränk, das hier mit Nüssen und Früchten verfeinert wird, verfügt das Geschäft zusätzlich über eine Bhang-Lizenz. Staatlich autorisierter Drogendealer, wenn man so möchte, oder spiritueller Gebrauchsladen. Bhang-Lassi ist ein mit Marihuana angereicherter Milchshake, der je nach Stärkegrad unauffällig weiß bis goldgelb wie die umgebenden Sandsteinmauern daher kommt.

Vor dem Geschäft sitzt ein junger Mann in feinem Jäckchen. Eine bunte Kappe schmückt sein Haupt. Der Blick ist glasig und mir ist nicht ganz klar, ob das von der Natur gewollt oder vom Bhang verursacht ist. Drinnen sitzen die üblichen Gestalten. Weltentdecker in den Zwanzigern, Weltentdecker in den Fünfzigern und die Frauen, mit denen Weltentdecker gerne mehr anstellen möchten, als bloß in einem Bhang-Shop zu sitzen. Dazu eine Inderin, die so gar nicht in diese kleine Hippiezelle zu passen scheint. Gehobenes Alter, gehobener Stil. Zusammen mit einer Freundin bestellt sie ihren allerersten Bhang-Lassi. Seit Jahren, so erzählt sie, möchte sie schon die spirituelle Wirkung des Bhang kennenlernen und heute traut sie sich.

Die Weltentdecker wollen eigentlich nur high sein. In einer Schublade versteckt befindet sich außerdem eine große Dose voller Haschkekse. Wer vom Bhang nicht genug bekommt oder einen Trip in die Wüste plant, greift zum Gebäck. Das ist allerdings weniger legal.

Lassi Shop, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Bhang Lassi Shop in Jaisalmer
Händler, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
fahrende Händler verkaufen Souvenirs an der Festungsmauer
Altstadt, Jaisalmer, Rajasthan, Indien
die Altstadtgassen bilden ein Labyrinth um den Eingang zur Festung

Wir schlürfen unsere Lassis und schlendern hinaus in den Abend. Es ist kühl geworden in der Wüste. Mit der Sonne verlässt auch die Hitze des Tages die Stadt. Dunkelheit verhüllt die Gassen der hoch gelegenen Festung. Alte Geschichten steigen an unsichtbaren Fäden aus dem Boden empor. Im Schummerlicht erwacht eine romantisch verklärte Vergangenheit. Das stolze Rajasthan taucht auf, die mutigen Rajputen, die gewieften Händler, die mit ihren Karawanen den Gefahren der Wüste trotzen. Es ist ein schönes Bild, ohne Schrammen und Kratzer; ein Bild, das es so vielleicht nie gegeben hat.

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Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Jaisalmer im Abendlicht
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
Festung Jaisalmer, Rajasthan, Indien
nachts kriechen die Geister der Vergangenheit aus dunklen Ecken

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