Caracas, Venezuela, Titel
Die Stadt der Verängstigten

Das Hornissennest Caracas


1. Oktober 2021
Venezuela
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Caracas ist uns unheimlich. Wir hatten es nicht anders erwartet. Ganz ehrlich: Wir haben gar keine Wahl. So viel Schlechtes hören wir über Caracas, dass wir noch auf dem Weg dorthin nicht sicher sind, das Richtige zu tun.

Die Geschichten von bewaffneten Raubüberfällen, mordenden Motorradbanden, Gangs und üblen Gestalten, die sich in diesem Hornissennest tummeln sollen, legen noch vor unserer Ankunft in der venezolanischen Hauptstadt Sorgenfalten auf unsere Stirn.

Nervlich angespannt sind unsere ersten Schritte durch die Straßen der Stadt ein Albtraum. Hinter jeder Ecke vermuten wir Gefahr. Dabei empfängt uns Caracas nicht anders als andere südamerikanische Großstädte. Caracas ist ein riesiger, staubiger Moloch, dekoriert mit unzähligen überdimensionalen Werbeplakaten über den Wellblechdächern der Armenviertel. Sie zelebrieren einen Konsum, den sich zu ihren Füßen niemand leisten kann.

Im Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wie er in Venezuela im Jahr 2013 praktiziert wird, ist der Kapitalismus auf dem Vormarsch. In Caracas befindet sich an jeder Straßenecke eine Filiale großer US-amerikanischer Fast-Food-Ketten. In den Einkaufszentren präsentieren westliche Modelabels reihenweise Fast Fashion. Vom sozialistischen Prinzip der Gleichheit ist nichts zu sehen, denn während draußen die Mittellosen in Bauruinen hausen, stöckeln feine Damen in teuren Outfits durch wohlklimatisierte Geschäfte.

Caracas, Venezuela
Caracas, Venezuela
Caracas, Venezuela

Bier am Straßenrand und Angst in den Augen

Wir treffen uns mit Juan Carlos, der uns für ein paar Tage bei sich aufnehmen wird. Er lebt zusammen mit seiner Freundin in einem Viertel der Mittelschicht, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Natürlich dauert es nicht lange, bis wir gemeinsam über die Sicherheitslage in Caracas sprechen. „Alles nicht so schlimm“, meint Juan Carlos. Es sei nur wichtig zu wissen, mit wem und wohin man unterwegs sei. „Ab einer Gruppengröße von sechs Personen gibt es kaum noch Probleme.“, lächelt unser Gastgeber. Die Aussage beruhigt uns nur bedingt.

Am Abend sind wir mit Freunden verabredet. Gleich an der nächsten Straßenkreuzung versammelt sich die Nachbarschaft um eine Liquoreria, einem Bier- und Schnapsladen. So lernen wir Cousins, Tanten, Freunde und weitere Bekannte und Nachbarn kennen. Angeregtes Schwatzen mit Feierabendbier. Ich fühle mich an gelangweilte Jugendtage erinnert, die aus Mangel an Alternativen mit Freunden an Bushaltestellen verbracht wurden. Hier vor der Liquoreria in Caracas stehen wir jedoch mit der Elterngeneration zusammen. Was wir das erste Mal erleben, gehört für sie wie selbstverständlich dazu; Abend für Abend. Kein Grund zur Beunruhigung, denn offenbar sind mehr als genug Personen anwesend, um auf die Gefahren der Stadt unattraktiv zu wirken.

Wie fest die Angst vor Übergriffen in der Psyche der Menschen verankert ist, erfahre ich am nächsten Morgen. Gerade komme ich vom überfüllten Supermarkt zurück, in dem sich Dutzende Venezolaner um eine eingetroffene Lieferung Maismehl zanken. Am Eingang eines mehrstöckigen Wohnhauses, in dem unser Gastgeber Juan Carlos ein Apartment mietet, treffe ich eine Frau, die mich erst panisch anstarrt, dann die verglaste Außentür vor meinem Gesicht ins Schloss schmeißt und fluchtartig im Hausflur verschwindet. Auf dem Weg dorthin brüllt sie hysterisch, dass sie die Polizei rufen werde, wenn ich nicht sofort verschwinde.

Weit hinter der Glasscheibe beobachtet sie ängstlich mein irritiertes Gesicht. Erst als ich mühsam den Haustürschlüssel aus meiner Tasche fummele, beruhigt sich die Dame etwas. Als ich an ihr vorbei ins Treppenhaus gehe, höre ich statt einer Entschuldigung nur, dass man ja nie wisse, wer plötzlich vor einem stünde.

Beim Frühstück berichte ich Juan Carlos vom gerade Erlebten. Er muss lachen, fügt aber in ernstem Ton hinzu, dass auch er immer wieder paranoid reagiert. Besondere Angst hat er vor zwei Personen auf einem Motorrad. Wer weiß schon, ob die zwei nicht Räuber oder gar ein Killerkommando sind. Das Leben in Caracas kennt viele skurrile, von Angst geprägte Muster.

Straßenfriseure, Caracas, Venezuela
Altstadt, Caracas, Venezuela

Caracas und der verstörende Verkehr

Mit der Metro fahren wir ins Zentrum. Dicht gedrängt stehen die Menschen beisammen und drücken krampfhaft ihr Hab und Gut an sich. Immer mehr Personen betreten den Passagierraum. Ein Kleinkind beginnt zu schreien. Die Stimmung ist angespannt, gereizt.

Ähnlich verhält es sich auf der Straße. Caracas ist maßlos überfüllt. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in der Stadt leben. Bis zu drei Millionen Einwohner werden vermutet. Sie alle zieht es tagtäglich hinaus auf die Straßen, die für derart viele Verkehrsteilnehmer nicht konstruiert sind. Mit den ersten Sonnenstrahlen dröhnen lärmende Motoren und genervte Huptiraden bis spät in der Nacht durch die Stadt. Bei unserem Versuch von einer Straßenseite auf die andere zu wechseln, rast der Verkehr nur so an uns vorbei. Zebrastreifen und rote Ampeln haben keinen Einfluss auf das Fahrverhalten. Immer schnell, immer weg, möglichst nicht anhalten, scheinen die Grundregeln des Fahrens in Caracas zu sein.

Vor allem Motorradfahrer sind angsteinflößend. Selbst wenn es eine Gruppe waghalsiger Fußgänger auf die Straße schafft und mit ihrer Anwesenheit die Pkws zum Halten zwingt, gilt das noch lange nicht für die motorisierten Zweiräder. Sie brausen ohne Rücksicht durch die Massen und es erscheint wie ein Wunder, dass nicht jeden Tag Dutzende Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt werden.

Caracas, Venezuela
Caracas, Venezuela
Caracas, Venezuela

Simon Bolívar, Held der Nation

Dann endlich erreichen wir unversehrt die Plaza Bolívar im historischen Zentrum Caracas‘. Nach der Hektik auf den Straßen gleicht der schattige, von Bäumen umstandene Platz einer Oase der Ruhe. Daran ändern auch die vielen Verkäufer nichts, die hier gegenüber des Capitolio Nacional einen Schwarzmarkt für Divisen, vornehmlich US-Dollars, etabliert haben.

Wir genießen die warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut und werden unerwartet Zeugen einer kleinen Theateraufführung. Die Plaza wird zur Bühne für eine Szene aus dem historischen Caracas. Bauern treten auf, der spanische Adel stellt sich arrogant zur Schau und dazwischen, majestätisch und kraftvoll, Simon Bolívar.

Wir erkennen den Freiheitskämpfer und Nationalhelden sofort wieder, denn hier in Venezuela ist er allgegenwärtig. Nicht nur, dass sämtliche kolonialen Hauptplätze seinen Namen tragen, auch ist sein Konterfei als Identifikationsmotiv auf vielen politischen Plakaten der regierenden PSUV im ganzen Land zu sehen.

Der ehemalige Präsident Hugo Chávez verstand es hervorragend, eine Verbindung zwischen sich und Simon Bolívar, den er stets als Vorbild pries, zu ziehen. Simon Bolívar ist gleich Hugo Chávez ist gleich ein geeintes Venezuela, so das Credo. Ein Leitsatz, der den verstorbenen sozialistischen Führer bei seinen Anhängern in einen Heldenstatus erhebt.

Nur wenige Straßen nördlich der Plaza Bolívar erhebt sich das imposante Panteón Nacional. Im Inneren eines Kirchengebäudes und einer modernen Erweiterung wird hier den Helden des venezolanischen Unabhängigkeitskrieges gedacht. Das ehemalige Kirchenschiff steht voller Monumente und Kenotaphe wichtiger Persönlichkeiten.

In der angrenzenden, mit Marmorplatten ausgelegten Erweiterung steht der Sarg Simon Bolívars flankiert von einer Ehrenwache. Daneben ragen die Flaggen der sechs südamerikanischen Staaten in die Höhe, die dem berühmten Freiheitskämpfer ihre Unabhängigkeit verdanken.

Plaza Bolívar Caracas, Venezuela
Ehrenmal Simon Bolívar, Caracas, Venezuela

Hugo Chávez, el presidente omnipresente

Wir verlassen Caracas‘ historisches Zentrum und tauchen ein in die Beton- und Stahlkonstruktionen der modernen Stadt. Um uns herum ragen riesige Hochhäuser wie die Asamblea Nacional, der Sitz der Nationalversammlung, in die Höhe. Auch die weitläufige Plaza Diego Ibarra beeindruckt vor allem durch viel Beton und wenig Grün.

Überhaupt stehen in Caracas jede Menge wenig ansehnlicher Gebäude. Alles erinnert an den realsozialistischen Schick der 70er-Jahre. Auch die überdimensionalen Propagandaplakate Chávez‘ und des neuen Präsidenten Maduros versprühen den Charme von Klassenkampf.

Überhaupt ist Chávez, die Lichtgestalt der sozialistischen Partei PSUV, omnipräsent. Vor allem das Abbild seiner Augen ist zum Symbol der politischen Linken mutiert. Sie prangen auf Hauswänden, T-Shirts, Ansteckern und Aufklebern. Von überall schaut Chavez auf die Bevölkerung herab. Das ist alles ein bisschen zu viel und beim Blick in die starren Augen muss ich unweigerlich an George Orwells großen Bruder denken.

Auf unserem Rundgang durch die Stadt gelangen wir an den Parque Central, einem riesigen lang gezogenen Gebäudekomplex, in dem sich Wohnungen, Geschäfte, Kunst-, Kultur- und administrative Einrichtungen befinden. In den beiden angeschlossenen Zwillingstürmen, nach dem Gran Torre Santiago in Santiago de Chile die zweithöchsten Wolkenkratzer Südamerikas, bekommen wir es dann das erste Mal mit der sozialistischen Bürokratie zu tun.

Um einen Blick von der Spitze eines der Türme zu werfen, brauchen wir eine Genehmigung des Hausdirektors. Kein Problem, so erklärt man uns. Wir müssten nur einen schriftlichen Antrag einreichen und etwa drei Tage auf die bestätigende Antwort warten. Spontan entschließen wir uns gegen einen Aufstieg.

Hugo Chávez, Caracas, Venezuela
Hugo Chávez, Caracas, Venezuela

Barrio Vertical

Stattdessen treffen wir uns mit Samuel und besuchen den etwas außerhalb gelegenen Stadtteil El Hatillo. Schmale Gassen, bunte Kolonialhäuser und eine kleine Plaza eignen sich bestens, um aus der überfüllten Stadt zu fliehen. Außerdem gibt es hier hervorragendes Speiseeis, das wir uns auf einer Parkbank schmecken lassen.

Auf dem Weg zurück ins Zentrum erzählt uns Samuel vom sogenannten Barrio Vertical, dem senkrechte Armenviertel. Die Geschichte ist klassisch venezolanisch. Im Jahr 1994 wurde ein 45-stöckiges Bank- und Wohngebäude errichtet, das aufgrund ausbleibender Finanzen nie über den Rohbau hinaus kam. Seit 2007 wird die Ruine mitten im Geschäftsviertel Caracas‘ von ehemaligen Obdachlosen und den Ärmsten der Armen bewohnt. Zunächst reichten Hängematten und Zelte, später kamen Planen hinzu. Heute leben 3.000 Bewohner im Barrio Vertical, der auch als Torre David bekannt ist. Sie habe eigene Apartments errichtet, Strom- und Wasserleitungen gelegt. Es gibt Bäcker, Kioske auf jeder Etage, einen Friseur, eine Werkstatt.

Die Bewohner organisieren sich selbst, berichtet Samuel. Ein eigener Sicherheitsdienst regelt das Zusammenleben, das Gebäude hat einen eigenen Bürgermeister, eigene Gesetze. Niemand zahlt Miete, doch jede Familie muss Abgaben an die Gemeinschaft leisten, mit denen der Ausbau des Gebäudes finanziert wird. Die Polizei setzt schon lange keinen Fuß mehr in das Barrio Vertical.

Die umliegenden Nachbarn, alle in der gehobenen Gesellschaftsschicht zu Hause, halten die Hausbesetzer für Verbrecher. Sie haben Angst vor Überfällen und Schlimmerem. Für sie ist Armut gleichbedeutend mit Kriminalität. Auch Samuel ist nicht glücklich mit dem Barrio Vertical, weiß aber auch, dass dessen Bewohner kaum eine andere Chance haben. Die sozialistische Regierung lässt sie gewähren, denn die Armen gehören zu ihrer Stammwählerschaft in einer seit Jahrzehnten angespannten politischen Situation. 

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El Hatillo, Caracas, Venezuela
Caracas, Venezuela

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