Bundi, Rajasthan, Indien
Alte Mauern und der beste Chai im ganzen Land

Bundi – Kleinod in Rajasthan


12. Juli 2020
Indien
4 Kommentare

Bundi ist ein Bernstein. Alte Stadtmauern, staubige Straßen, herrschaftliche Häuser – Rajasthan komprimiert in einer Fußgängerzone. Die Stadt ist winzig für indische Verhältnisse. Hier leben etwa so viele Menschen wie in Cottbus.

Bunte Plakate hängen in den Gassen. Sie bewerben Frisiersalons, Telekommunikationsanbieter, Parteimitglieder. Mopeds knattern an ihnen vorbei. Männer mit struppigen Schnurrbärten und bunten Turbanen sitzen unter schattenspendenden Bäumen. Mittags ist es heiß. Wer kann, vermeidet um diese Zeit den Weg nach draußen. Nicht alle können. In kleinen Geschäften sind glitzernde Armreifen zu meterhohen Türmen gestapelt. Davor sitzen Frauen in leuchtend bunten Saris und tauschen sich über die Vorzüge einzelner Schmuckstücke aus.

Stufenbrunnen, sogenannte Baoris aus dem neunzehnten Jahrhundert, ragen in die Tiefe. In ihnen wird bis heute das wertvolle Regenwasser des Monsuns gesammelt. Doch jetzt in der Trockenzeit liegen auf dem staubigen Grund nur Müll und Unrat, so als seien die historischen Mauern gigantische Papierkörbe.

Chogan Tor, Bundi, Rajasthan, Indien
Bundis belebte Altstadtgassen
blaue Fassade, Bundi, Rajasthan, Indien
in den malerischen Gassen von Bundi
Rani Ji Ki Baori, Bundi, Rajasthan
Das Rani Ji Ki Baori ist einer der größten Stufenbrunnen in Bundi

Die Gassen von Bundi

Nicht weit entfernt erhebt sich das alte Chogan Tor. Eine schmale Gasse führt hindurch und hinein ins Marktviertel der Altstadt. Hier liegen Bohnen, Rüben und Tomaten in großen Mengen auf dem Boden. Zwischen ihnen sitzen ausgemergelte Bauern im Schatten einer Plane. Ihre Körper sind gezeichnet von der Arbeit auf den Feldern. In der drückenden Hitze dösen sie vor sich hin, warten schläfrig auf Kundschaft. Überhaupt ist es überall in der Stadt ein bisschen gemächlicher, ein bisschen gelassener, gemütlicher, überschaubarer als anderswo in Indien. Hier sind die Menschen noch weitgehend unter sich. Für die einen ist es provinziell, für die anderen verlockend authentisch. Vermutlich ist es beides zugleich.

Irgendwie wirkt Bundi aus der Zeit gefallen: die schweren, rostenden Fahrräder mit ihrem Lastengepäck, die verwaschenen Häuserfassaden mit den verblassenden für Rajasthan so typischen Wandbildern, die verfallenen Havelis, die Stadtmauern und historischen Gebäude, die hier und da in den Gassen der Altstadt aufblitzen, der alte Mann mit der Zeitung, der aussieht, als säße er bereits seit vierzig Jahren lesend auf ein und demselben Stuhl.

In einer Maueröffnung, die offenbar der Eingang zu einer Wohnung ist, liegen Papierdrachen wild durcheinander geworfen. Spulen hängen auf hölzernen Gestellen. Davor wartet ein kleiner Junge mit den Händen in den Hosentaschen. Die Ärmel seines Poloshirts sind hochgekrempelt. Das Wort Legend prangt auf seiner Brust. Legendär ist vermutlich der alte Mann, der irgendwo zwischen all den Papierdrachen raschelt. Mit Klebstoff und Pinsel repariert er den Drachen des Jungen. Geschickte, routinierte Bewegungen. Geübte Hände, die selbst im Dunkeln wissen, was sie tun. Schon bald flitzt der Kleine wieder davon, um mit seinem geheilten Drachen erneut in ungeahnte Höhen vorzudringen.

Nachmittags, wenn die warme Luft Auftrieb verleiht, segeln Dutzende Drachen über der Stadt. Auf den vielen eng zusammenstehenden Flachdächern werden sie hinauf gelassen, steigen höher und höher, bis sie, nur noch als farbige Punkte sichtbar, unter dem strahlenden Himmel hin und her tanzen.

Chogan Tor, Bundi, Rajasthan, Indien
das Chogan Tor gibt den Weg in die Altstadt Bundis frei
Marktverkäufer, Bundi, Rajasthan
Bauern verkaufen ihr Gemüse auf den Märkten Bundis
Papierdrachen und Gasse in Bundi
wenn am Nachmittag die warme Luft des Tages aufsteigt, tänzeln Dutzende Papierdrachen über Bundi

Krishna und der beste Chai in Rajasthan

Unten in den schmalen, gewundenen Gassen spazieren wir zwischen Tempeln und alten Wohnhäusern umher, die wie in Jodhpur mit Brahmanen-blauer Farben versehen sind. In einer der Gassen sitzt Krishna vor einem bunten offenen Gastraum. Die Wände sind vollgekritzelt mit Sprüchen und Zeichnungen. Carpe Diem ist nur eine von vielen Weisheiten der ruckreisenden Weltgemeinschaft. Hippie-Stil.

Hier verkauft Krishna den würzigsten Chai in Bundi, den würzigsten Chai in Rajasthan und vielleicht den würzigsten Chai in ganz Indien. Pfeffer, Zimt und Nelken zerstößt er mit einem schweren Stein zu feinem Gewürzpulver, das mit Ingwer und viel Zucker in Milch und Tee aufgekocht wird. Bei Krishna treffen sich die Reisenden. Es sind nicht viele, die es nach Bundi verschlägt, aber wer hierher kommt, trinkt Krishnas Chai. Über die Jahre haben unzählige Gäste auf Krishnas weichen Polstern gesessen und mit Filzstiften und Kugelschreibern ihre Existenz auf den Wänden verewigt. Für Krishna ist es ein gutes Geschäft, für die Reisenden ein angenehmer Fixpunkt. Von hier starten sie kleine Fluchten in die Umgebung.

Krishna`s Chai, Bundi, Rajasthan
Krishna sitzt jeden Tag vor seinem Café und bereitet den besten Chai in Rajasthan zu
Krishna`s Chai, Bundi, Rajasthan, Indien
das Café ist ein bunt beschriebenes Loch in der Wand

Bundis Stadtpalast

Bundi liegt in einem schmalen Tal des Aravalligebirges. Weiter oben sitzt der Stadtpalast der einstigen Herrscher und noch viel höher thront die Festung Taragarh. Seit Mitte des vierzehnten Jahrhunderts regierten die Rajputen über das Fürstentum Bundi, das nie besonders einflussreich war, aber gute Beziehungen zu den Moguln in Delhi unterhielt. Fernab großer Tragödien blieb Bundi so bis zur Unabhängigkeit Indiens formal eigenständig.

Auch heute noch liegt Bundi abseits des Geschehens. Der Palast am Hang des Hügels empfängt nur wenige Besucher. Putz bröckelt von den Wänden, ist hier und da notdürftig ausgebessert. In den alten herrschaftlichen Mauern können wir uns frei bewegen. Es gibt keine roten Samtkordeln, die auf elegante Art Wege versperren, kein Wachpersonal, das es nicht gestattet, Wände zu berühren. Es gibt keinen Sicherheitsabstand zu irgendetwas, keine Linien auf dem Boden, die Richtungen vorgeben.

Über dem Eingangstor stupsen zwei männliche Elefanten zärtlich die Rüssel aneinander. Ihre Stoßzähne sind abgebrochen und nur die Hinterteile ziert eine leichte rosa Färbung. Schmale Balkone ragen über den Innenhof. Tauben flattern auf, gestört vom seltenen Hall der Schritte.

Elefantentor, Palast, Bundi, Rajasthan
das imposante Eingangstor zum Palast
Palast, Bundi, Rajasthan, Indien
Innenhof im Palast
Palast, Bundi, Rajasthan
im verwinkelten Palast finden sich überall hübsche Nischen, Pavillons und Balkone

Im obersten Stock befindet sich die Audienzhalle des Königs. Ein marmorner Thron steht darin in einem offenen Pavillon. Heilige Kühe und Rajputen in traditioneller Kleidung sind an die Wände gepinselt. Die Malereien stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Hier, im überwiegend trockenen, warmen Klima, sind sie bis heute erhalten geblieben. Lediglich die Strahlkraft der Farben hat ein wenig nachgelassen. Überreste von Spiegelmosaiken und filigranen Türverzierungen zeigen die Vergänglichkeit der früheren Pracht.

Treppen führen durch die Palastgebäude, verbinden Innenhöfe und Gärten mit den Privatgemächern der feinen Herrschaften. Krishna und Ganesh begleiten uns durch die leeren Räume. Beide Gottheiten sind immer wieder auf Wand- und Deckengemälden festgehalten.

Palast, Bundi, Rajasthan
die Palastmauern der Rajputen von Bundi
Palast, Bundi, Rajasthan
der herrschaftliche Palast thront am Hang über den Flachdächern von Bundi

Die Festung Taragarh

Hinter dem Palast führt ein steiler Pfad weiter den Hügel hinauf, bis er vor hohen Mauern und dem massiven Eingangstor des Taragarh Forts endet. Schwere Metallstacheln ragen aus dem eisenbeschlagenen Tor heraus. Sie dienten einst zur Abwehr von Kriegselefanten, mit denen Angreifer versuchten, die Festung zu stürmen. Was den Dickhäutern misslang, gelingt uns durch eine niedrige Öffnung im massiven Tor. Dahinter erobert die Natur die Festung zurück. Schlingpflanzen greifen ins Mauerwerk. Ausladende Äste ragen über Schutzwälle, Rampen und Zinnen. Dutzende Languren lungern in den Bäumen. Sie rekeln sich auf den Mauern im Sonnenlicht, hängen faul im Geäst, spazieren auf den Balustraden.

Wir streifen durch die verlassene Festung. Die Affen beobachten uns, kommen neugierig näher, doch geheuer sind wir ihnen nicht. Mit einem Sprung ins nächste Gebüsch sind sie verschwunden. Von den Festungsmauern haben wir einen tollen Blick über die Landschaft. Unter uns liegt der Palast am Hang und dann erstreckt sich Bundi im Tal. Die Flachdächer der Stadt schmiegen sich eng aneinander. Blau und beige, gelb, grau, rot – von hier oben sieht die Stadt aus wie ein bunter Flickenteppich.

Diese Aussicht hat wahrscheinlich schon Rudyard Kipling genossen. Hier in Bundi soll er an den Büchern Kim und Das Dschungelbuch geschrieben haben. Es wäre keine Überraschung, wenn der Hofstab um Affenkönig Louie hier im Taragarh Fort seinen Ursprung nahm.

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Taragarh Festung, Bundi, Rajasthan
das bewehrte Tor der Taragarh Festung
Taragarh Festung, Bundi, Rajasthan
in der Taragarh Festung holt sich die Natur zurück was ihr gehört
Taragarh Festung, Bundi, Rajasthan
Languren bevölkern die Festung
Taragarh Festung, Bundi, Rajasthan
Blick von der Taragarh Festung hinab auf Bundi
Taragarh Festung, Bundi, Rajasthan
in der überwucherten Taragarh Festung
Palast, Bundi, Rajasthan
Blick auf den Palast

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  • Mat
    12. Juli 2020

    Hallo, schöne Bilder, schade das Bundi soweit weg ist, ich hätte gerade Lust auf ein chai.
    Wie lange seid ihr nun schon zusammen unterwegs, ihr beiden ?
    Wird das nicht irgendwie langweilig? Wo seid ihr gerade ?

    Schöne Grüße


    • Morten & Rochssare
      12. Juli 2020

      Langweilig wird es nicht, dafür sorgen wir und unsere Umgebung gleichermaßen 😉 Seit 2011 reisen wir gemeinsam.

      Beste Grüße


      • Mat
        15. Juli 2020

        Schade das man eure Erfahrungen erst viel später lesen kann, ich fände es toll, wenn die Berichte zeitnah wären.
        Manchmal sind ja schon kleine Anekdoten des Alltags lebens interessant. Man kann dann unmittelbarer teilhaben.
        Grüße


        • Morten & Rochssare
          16. Juli 2020

          Alles zu seiner Zeit. Wir teilen unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen gerne, unabhängig von Zeit und Raum 😉