Auroville, fazit
Auroville, die größte internationale Kommune der Welt wird 50 Jahre alt 11/11

Auroville: Was war und was kommen mag


1. Juli 2018
Indien
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2018 feiert Auroville seinen 50. Geburtstag. Ein stolzes Elefantenalter für die älteste bis heute existierende und größte, internationale Kommune der Welt. Doch noch immer befindet sich die Stadt der Zukunft im Aufbau. Bis heute ist es ein Ort der ersten Schritte. Bis heute wird in vielen Bereichen Pionierarbeit geleistet. Auroville motiviert, sich immer wieder selbst zu testen.

In der Stadt der Zukunft ist die Dichte der positiv Verrückten deutlich höher, als irgendwo sonst. Hier werden vierstöckige Baumhäuser in 15 Metern Höhe errichtet, hier werden Waschmaschinen mit Fahrradpedalen angetrieben, hier steckt ein bunt bemaltes Auto als Kunstprojekt senkrecht in der roten Erde, hier wird eine Großkantine allein mit Solarstrom betrieben.

Die Gemeinschaft, mittlerweile sind es über 2.500 Aurovillianer, setzt Maßstäbe in organischer Landwirtschaft, erneuerbaren Energien und Nachhaltigkeit, sie operiert mit Finanzierungsmodellen, abseits der kapitalistischen Ausbeutungsideen, lebt die Geschenkökonomie, in der der Einzelne entscheidet, was er für das Wohl aller geben kann.

Auroville, fazit

mobiles Haus in Auroville

Dennoch ist Auroville noch immer ganz am Anfang. 50 Jahre sind eine kurze Zeit für die Entwicklung einer Gesellschaft – nicht viel mehr als ein Wimpernschlag. Mehr als die ersten Schritte sind noch nicht getan. Wahrscheinlich befindet sich Auroville noch immer in der Vorbereitungsphase auf das, was es bewirken möchte – die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins.

There should be somewhere upon earth a place no nation could claim as its sole property, a place where all human beings of goodwill, sincere in their aspiration, could live freely as citizens of the world, obeying one single authority, that of the Supreme Truth;

a place of peace, concord, harmony, where all the fighting instincts of man would be used exclusively to conquer the causes of his sufferings and miseries, to surmount his weakness and ignorance, to triumph over his limitations and incapacities;

a place where the needs of the spirit and the care for progress would get precedence over the satisfaction of desire and passion, the seeking for material pleasure and enjoyment.

– The Dream, La Mère

Die Idee, der Traum einer neuen Gesellschaft namens Auroville ist bis heute nicht vollständig verwirklicht. Doch es gibt sie, die ehrlichen, friedlichen Menschen, die abenteuerlustig und guter Dinge sind. Diejenigen, die nach einer Veränderung streben, weil sie sich in der herkömmlichen Welt nicht mehr wohlfühlen. Diejenigen, die in einem System, das ausschließlich auf Leistung und dem unbegrenzten Wachstum des Materiellen fußt, keine Erfüllung finden; die volle Taschen, aber leere Herzen haben und damit unglücklich sind.

Selbst wenn Auroville nicht alle seine ambitionierten Ziele erreichen konnte, selbst, wenn es sie nie erreichen wird, so hat die Stadt der Zukunft doch Modellcharakter. Sie bietet die Möglichkeit etwas anderes zu machen. Sie bringt Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen und erlaubt ihnen einen Neustart zu wagen.

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Blick aus der Baumkrone

Ringen um eine bessere Welt

Niemand behauptet, das sei leicht. Niemand verspricht, das könnte gelingen. Aber welche Alternative gibt es? Einst fürchtete man sich vor dem Gespenst des Kommunismus. Jetzt ist die Gefahr des entfesselten Kapitalismus real. Er zerstört Ressourcen, Lebensgrundlagen, Ökosysteme, Menschenleben – für eine Handvoll Profiteure. Wer das nicht akzeptieren und dagegen vorgehen will, braucht einen Zufluchtsort. Die Missstände des Kapitalismus in einem kapitalistischen System angehen zu wollen, ist wie den Ozean mit einem Sandkasteneimer ausschöpfen zu wollen. Es wird nicht gelingen.

Auroville bietet eine Möglichkeit. So gesehen sind die Aurovillianer auch Flüchtlinge vor einer ausbeuterischen Gesellschaft, die Glück nur als Ware kennt. Doch sie sind viel mehr. Sie sind im Widerstand. Gartenguerillas, Hausbaurevolutionäre, Bildungspiraten – In Auroville wird jedes gesellschaftliche Betätigungsfeld gekapert und neu interpretiert.

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Die Energie an diesem Ort ist ungeheuer – ebenso wie der Frust. Vieles passiert gleichzeitig und dann doch wieder gar nichts. Es gibt Sprünge nach vorn und Schritte zurück. Seit ihrer Gründung ist die Stadt den Gepflogenheiten der Außenwelt ausgesetzt, die auch die größte Euphorie überdauerten. Auroville ist allzu menschlich, mit den natürlichen Problemen des Miteinanders. Da herrschen Nachbarschaftsstreit, Neid und Missgunst, es gibt Menschen, die Stunde um Stunde für die Gemeinschaft arbeiten und solche, die in der Hängematte liegen.

Leben in Auroville war als Dienst an der Gemeinschaft gedacht, als Experimentierfeld für das, was sein kann. Heute dient die Kommune gelegentlich als Alterswohnsitz. Die Lebensqualität ist vielversprechend und wer nicht allein auf das Grundeinkommen angewiesen ist, kann es sich hier gut gehen lassen.

Wann wird die Stadt der Zukunft vollendet sein? Vermutlich niemals! Schon Roger Anger, der französische Architekt, den La Mère mit der Stadtplanung für Auroville beauftragte, gab zu bedenken, dass die Stadt erst dann fertig sein würde, wenn die menschliche Transformation nach der Philosophie Sri Aurobindos abgeschlossen sei. Davon ist Auroville vermutlich noch genauso weit entfernt, wie vor 50 Jahren.

Die Skepsis ist groß, doch niemand kommt in Auroville an der positiven Stimmung vorbei, die den Ort trotz aller internen Konflikte antreibt. Sie ist vor allem in den Communities mitten im Wald zu spüren, dort, wo sich wenige Menschen zusammentun, um gemeinsam ihre Ideale umzusetzen.

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Bau eines vierstöckigen Baumhauses im Wald von Auroville

Das allein ist schon ein Verdienst. Wenn Auroville noch heute von der Bühne der Welt verschwinden würde, würde man sich doch immer an dieses Projekt erinnern. Das Projekt, das allein durch den Willen zur Veränderung auf unfruchtbarem Land einen dichten Wald wachsen ließ. Das Projekt, das es schaffte aus sehr begrenzten Mitteln binnen weniger Jahrzehnte einen vergleichsweise komfortablen Lebensstandard zu formen. Das Projekt, in dem Menschen überdurchschnittlich häufig zu lächeln scheinen.

Auroville ist ein Erfolg und es ist gescheitert. Ungerechtigkeit und Ungleichheit sind sichtbar – sowohl innerhalb Aurovilles als auch im Umgang mit den umliegenden Dörfern. Die Stadt, die sich vom Geld lossagen wollte, ist heute mehr denn je abhängig von Spenden und den eigenen Einnahmen – auch denen aus dem allseits kritisch beäugten Tourismus.

Vielleicht sind die Probleme in Auroville sogar noch größer als anderswo. Hier setzt man sich zusätzlich den Herausforderungen einer enormen heterogenen Gemeinschaft aus etwa 50 verschiedenen Nationen aus. In Auroville herrschen dutzende verschiedene Lebensvorstellungen und hunderte verschiedene Wünsche, Mentalitäten und individuelle Möglichkeiten.

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Lagerfeuer zum Geburtstag Aurovilles am Matrimandir

Die Stadt der Zukunft lebt

Immerhin: Auroville ist im ständigen Wandel! Stillstand hat es hier noch nicht gegeben. Wohin die Entwicklung geht, ist dabei nicht vorhersehbar. Es existiert kein strikter Plan, so hören wir es immer wieder. Auroville steht für Pionierarbeit, dafür, Dinge anzufangen und auszuprobieren. Hier geht es darum zu erkennen, was funktioniert und was nicht.

Dabei trägt jede Generation ihren Teil zum großen Ganzen bei. Die Pioniere waren die Arbeiter, diejenigen, die in glühender Hitze Löcher in brüchigen Boden gruben, um einen Wald mit über zwei Millionen Bäumen zu pflanzen, diejenigen, die Auroville ein erstes Gesicht gaben. Die zweite Generation widmete sich dem Umweltschutz und der Nachhaltigkeit, kritisierte industrielle Landwirtschaft und Massenware. Die dritte Generation nimmt Auroville vor allem mit empirischen Wissenschaften ein und beschäftigt sich mit Psychologie und Anthropologie. Sie untersucht die Gesellschaft auf geistiger Ebene. Dazu gehört die Glücksforschung ebenso wie der wissenschaftliche Umgang mit Spiritualität.

Bis heute wird das Leben in Auroville neu erfunden, jeden Tag. Bis heute verbindet die Bewohner vor allem ihr Glaube an die Idee Aurovilles als Weg für eine geeinte Menschheit. Doch wie geht es weiter? Die Pioniere von einst sind schon vor Jahren alt geworden. In der Stadt der Zukunft leben heute weniger als 30 Aurovillianer, die bereits in den frühen Anfängen dabei waren. Was passiert mit Auroville, wenn die Erinnerung an Sri Aurobindo und La Mère verblasst? Kann Spiritualität als verbindendes Element erhalten bleiben und wenn nicht, womit lässt es sich ersetzen?

Auroville, fazit

Darüber hinaus ergeben sich aus den letzten 50 Jahren ganz praktische Herausforderungen: Wie geht Auroville etwa mit einer alternden Bevölkerung um? Wie verhält man sich zu den Aurovillianern, die nicht mehr in der Lage sind der Gemeinschaft zu dienen, stattdessen aber selbst Betreuung und (medizinische) Pflege benötigen? Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Aufgaben, denen die Stadt der Zukunft gegenübersteht.

Auroville ist seit seiner Gründung 1968 ein Versuch es besser zu machen. Ein Versuch gegen die Ungerechtigkeit der Welt anzugehen, ein Versuch der Ausbeutung so vieler durch so wenige entgegenzuwirken. Ein Versuch für ein nachhaltiges, respektvolles, erfülltes, gemeinschaftliches Leben. Eine Gemeinschaft, in der materieller und finanzieller Wohlstand keine Statussymbole sind, in der andere Voraussetzungen der Anerkennung gelten. Manches hier funktioniert, anderes nicht. Rückschläge kennen die Aurovillianer zur Genüge. Sie werden akzeptiert, denn in einem sind sich hier fast alle sicher: Es mag in Auroville nicht alles gelingen, aber es ist immer noch besser, als das Gesellschaftssystem anderswo. 50 Jahre sind geschafft. Doch die nächsten 50 Jahre sind genauso unklar, wie das Morgen. Auroville wird sich weiterhin beweisen müssen.

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Auroville, die größte internationale Kommune der Welt in elf Teilen

Teil1: Die Idee einer besseren Welt

Teil 2: Auf den ersten Blick

Teil 3: Leben in der Stadt der Zukunft

Teil 4: Gesundes Essen für gesunde Körper

Teil 5: Nachhaltiger Hausbau im Wald

Teil 6: Alternative Bildung in der Schule des Lebens

Teil 7: Die Stadt der Zukunft und die Dörfer

Teil 8: Spirituelle Wahrheiten

Teil 9: Die Sache mit den Touristen

Teil 10: Die Utopie der Widersprüche

Teil 11: Was war und was kommen mag

 

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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