Auroville, Bildung
Auroville, die größte internationale Kommune der Welt wird 50 Jahre alt 6/11

Auroville: Alternative Bildung in der Schule des Lebens


15. April 2018
Indien
1 Kommentar

In dem Moment, in dem ich Tarzan erblicke, bin ich starr vor Entsetzen. „Was zur Hölle…“, höre ich mich leise fluchen. Da oben, sieben Meter hoch im Baum, steht ein kleiner halbnackter Junge. Schulterlanges Haar lockt sich um sein braun gebranntes Gesicht. Barfuß und nur mit einer Stoffhose bekleidet hält er die schmale Sitzfläche einer Seilbahn in den Händen – jene Dinger, auf die man sich setzt und dann von einem Ende eines jeden Abenteuerspielplatzes gemütlich zum anderen baumelt.

Doch Tarzan ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Mit einem Schrei des Vergnügens stürzt er sich kopfüber aus dem Baum und rast, den Zug der Seilbahn nutzend, in die Tiefe.

Ich dagegen bin in Angstschweiß gebadet. Es ist das erste Mal, dass ich ein Kind in Auroville derart verrückte Dinge machen sehe. Dinge, vor denen ich Angst habe und die Fünfjährige machen, als wären sie das Einfachste auf der Welt. Warum habe ich Angst und sie nicht?

Ich glaube es hat mit der Gesellschaft zu tun, damit, wie Menschen miteinander umgehen und was sie sich vorleben. Ob sie sich gegenseitig motivieren und gut zureden; oder eben nicht. Damit, dass man eigene Erfahrungen sammeln darf und sammelt, anstatt auf die Erfahrungen anderer zu vertrauen.

Auroville, Bildung

Freiheit ist in Auroville Teil der Bildung

In Auroville ist das Sammeln von Erfahrungen ein Grundrecht jedes Einzelnen. Hier gibt man sich frei, so gut es eben geht. Vom ersten Tag bereits. Individualität wird als ein wichtiges Gut geehrt, das es gilt zu fördern. So funktioniert auch das Schulsystem, denn Bildung liegt in Auroville in Kinderhänden. Die vier großen „Ws“ des Bildungssystems entscheiden sie selbst: Was, Wann, Wie und mit Wem. Es gibt keinen festen Lehrplan. Jedes Kind in Auroville bestimmt eigenständig was und wann es lernen möchte und wer es auf diesem Weg begleitet.

Ich bin da anders geprägt. Schule hatte in meinem Leben immer klare Strukturen, entsprach einer Form, scharf definiert und unumstößlich. Für mich klingt Aurovilles Ansatz deshalb zunächst nicht nachvollziehbar. Wie soll ein heranwachsender Mensch entscheiden, was er lernen will, ohne absehen zu können, wohin das Leben ihn einmal führen wird? Ohne Struktur und Aufbereitung des Lehrstoffs, ohne richtungsgebende Ordnung der Schule. Kann das gelingen?

Zugleich muss ich an meine eigene Schulzeit denken. Als hätte die Schule mit all ihrer Struktur und Ordnung mich auf irgendetwas vorbereitet. Ich erinnere mich noch gut an diese uninspirierten Stunden, an die gähnende Langeweile und monoton vorgetragenen Lehrstoff. Und ich erinnere mich an das destruktive Verlangen auszubrechen.

Scheiße bauen, nur damit das tragische Gefühl von verschwendeter Zeit wenigstens für einen Moment verfliegt. Wer hat nicht schon mal vor Langeweile im Unterricht darüber phantasiert, eine Schultoilette in die Luft zu sprengen – nur um ein bisschen unterhalten zu werden?

In Auroville sieht der Bildungsweg etwas anders aus. Hier probieren Kinder und Erwachsene verschiedene Modelle alternativen Lernens aus, in denen Struktur und Lehrpläne möglichst unsichtbar bleiben und keinen ordnenden Einfluss auf den Schüler haben. La Mère nannte es den „Free Progress“.

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ehemaliges Schulgebäude der Last School in Auroville

Unschooling, das Lernen ohne Schule und ohne Klassenstruktur, ist dabei das radikalste Modell. Doch nicht alle Einrichtungen sind so extrem. Nicht alle Eltern in Auroville wollen ihren Kindern die völlige Zügellosigkeit erlauben – und nicht alle Kinder wollen sie haben.

Doch egal nach welchem Konzept in Auroville gelernt wird, der Fokus richtet sich stets auf den Schüler und seine individuellen Lernbedingungen. Dem Lehrer kommt dabei eine unterstützende Rolle zu. Ihm obliegt es die Motivation der Schüler zu entfachen, ihnen zu vermitteln, warum etwa das Lernen einer Sprache wichtig sei. Denn erst wenn Schüler motiviert sind, seien sie in der Lage, vernünftig zu lernen – so glaubt man hier.

Darüber hinaus hat das Bildungssystem in Auroville einen internationalen Charakter. In den Schulen lernen nicht nur die Auroville Kids mit  ihren ganz verschiedenen kulturellen Hintergründen, sondern auch indische Kinder aus der Umgebung. Diese Diversität ist es, die das Lernen in Auroville, das Miteinander, trotz kultureller Differenzen, besonders prägt.

Wie Schule funktionieren kann

Die Schulen in Auroville sind Plattformen, in denen sich die Schüler zwischen den Polen Unabhängigkeit und Freiheit und Respekt und Verantwortung gegenüber anderen selbst entdecken sollen. Sie lernen mal allein, mal in großen oder kleinen Gruppen, mal draußen irgendwo in Auroville während einer Arbeitserfahrung in einem der vielen Betriebe und dann wieder in einem online-Klassenzimmer.

Die Geschwindigkeit des Lernens spielt keine Rolle. In Auroville gibt es keine festen Klassenstrukturen. Stattdessen findet das Lernen in jahrgangsübergreifenden Projekt- und Gruppenarbeiten statt. Kinder lernen zusammen, indem sie einzelne Aufgaben übernehmen, die dann, wenn zusammengebracht, ein großes Ganzes ergeben.

Automatisch lernen sie so Kooperation und Koordination, um den Fortschritt eines Projektes zu gewährleisten. Es gibt persönliche Tests, aber keine Noten, dafür wird jeder Schüler angehalten, die eigene Arbeit regelmäßig zu bewerten. Projektvorstellungen ersetzen die Prüfungen.

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Aurovilles Schulen, wie etwa die Future School oder die Last School, bieten das Lernen bis zur Highschool, bis zum Abitur, an. Die Sprachen Englisch, Französisch, Tamil und Sanskrit gehören zum Lehrangebot. Darüber hinaus können auch Deutsch, Spanisch, Italienisch oder Russisch gelernt werden. Neben Physik, Chemie, Biologie und Mathematik sind die sozialen Wissenschaften wie Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Psychologie, Literatur und Kulturwissenschaften Teil des Stoffangebots. Robotik, Computerprogrammierung, 3D-Design, Mode-Design, Photographie, Kunst und Filmschnitt gehören ebenso zu den Beschäftigungsfeldern. Auf musikalische Erziehung und Sport wird ein besonderes Augenmerk gelegt.

Doch anders als während meiner Ausbildung in deutschen Klassenzimmern lernt man in Auroville nicht für eine Karriere. Hier geht es nicht darum durch besonders gute Schulleistung einen besonders guten – gut bezahlten – Arbeitsplatz zu ergattern. In Auroville lernen die Schüler um des Lernens willen, um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, um vernünftige und gütige Mitglieder der Gesellschaft zu werden; selbstbestimmt und selbstbewusst.

Aurovilles Bildungsansatz ist, verglichen mit herkömmlichen Bildungseinrichtungen, weniger kopfbasiert. In Auroville hat Lernen kaum etwas mit dem Wiederholen von Sätzen gemein. Stattdessen stützt es sich auf Erfahrungen. Es ist ein Spiel, das den ganzen Körper beanspruchen kann. Physik ist ein Spiel, Chemie ist ein Spiel, Mathematik ist ein Spiel.

Tarzan etwa, der kleine Junge aus dem Baum, kennt die physikalischen Regeln der Trägheit eines Körpers, er weiß potentielle in kinetische Energie umzuwandeln, auch wenn er diese Begriffe vielleicht noch nie gehört hat. Und Tarzan wird dieses Wissen in Zukunft anwenden können.

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In Auroville lernen die Kinder neben der Theorie auch viel Praxis. Möglichkeiten gibt es zur Genüge – Metall-, Holz- und Handarbeit, Kunst und Design, mit allen intervenierenden Fachbereichen wie Stoffkunde und Wirtschaft, oder auch Methoden der Nachhaltigkeit und Herstellungsprozesse.

Bühnenbilder und Kostüme für Theaterveranstaltungen werden gebastelt. Aurovilles Schulen versuchen den Kindern ganzheitliche Fähigkeiten beizubringen. Es geht nicht nur ums Denken, Lernen und die Förderung der Kreativität. Auch das ästhetische Empfinden, Emotionale Intelligenz und körperliche Fitness sollen trainiert und gestärkt werden.

Hier in Auroville lernen die Kinder entsprechend ihrer Interessen, ihres Naturells und ihrer Beziehungen zu anderen – Familie, Freunde, soziales Umfeld. Sie lernen in ihrem eigenen Rhythmus ohne Vorgaben eines Klassenverbandes erfüllen zu müssen. Es gib keine Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern. Alle sind gleichberechtigt.

Einfach mal machen lassen

Das klingt nach Utopie. Zu schön, um wahr zu sein. „Das kann nicht funktionieren“, ist ein Reflex, der auch mir durch den Kopf schießt. Und mehr noch: „Das endet im Chaos“, ist eine konsequente Schlussfolgerung, die ich mir ebenfalls zu Eigen mache. Etwas anderes kann ich nicht denken. So muss es sein, wenn Schüler selbst bestimmen dürfen. Doch in Auroville wird seit 50 Jahren nach diesem Prinzip gelernt. Kein Stundenklingeln unterbricht die Beschäftigung. Lernphasen beginnen und enden mit dem Interesse des Kindes. Und dabei entsteht erstaunlich wenig Chaos. Auch nicht später, auch nicht in der schwierigen Phase der Pubertät.

Hier in Auroville sind sie überzeugt, dass jedes Kind, das jeder Mensch eine Motivation zum Lernen besitzt, wenn man sie nicht durch Zwänge abgräbt. Und das sehen auch fast alle Schüler so. Von den jungen Erwachsenen, die Auroville verlassen, kommen in späteren Jahren auch deshalb so viele von ihnen wieder zurück, weil sie ihren Kindern ähnliche Möglichkeiten des Lernens bieten wollen.

Mitten in der Stadt der Zukunft existiert ein Wohnheim für Aurovilles ältere Schulkinder, die hier ihren Alltag selbstständig organisieren, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen. Die füreinander kochen, die jeden Tag ihrer Ausbildung nachkommen, die anschließend in Projekten und Organisationen mitarbeiten. Abends gegen 21 Uhr sind in den Wohngemeinschaften nur noch die Geräusche der Nacht zu hören, weil alle Bewohner bereits schlafen.

Dabei sind die Auroville Kids weder Streber noch Musterknaben oder Mauerblümchen – es sind lediglich junge Menschen, denen gestattet wird ihre Energie selbst zu verwalten. Es sind junge Menschen, die für sich Verantwortung übernehmen – dazu gehört auch die völlige Ekstase an den Wochenenden, wenn mal wieder irgendwo im Wald eine versteckte Party stattfindet.

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Man stelle sich das einmal in Deutschland vor. Eine Gruppe schulpflichtiger Jugendlicher lebt gemeinsam ohne Erziehungs- oder Sorgeberichtige und erfüllt alle ihre Pflichten. Niemand würde daran glauben.

Es gibt kaum Studien zu alternativen Bildungsmodellen und so fallen objektive Bewertungen schwer. Tatsächlich haben die Jugendlichen in Auroville erfahrungsgemäß aber keine fachlichen Probleme. Die Future School als auch die New Era Secondary School können mit den anerkannten Abschlussprüfungen des International British Education and Examination Boards und des indischen Central Board of Secondary Education beendet werden und die überwiegende Mehrheit der Schüler entscheidet sich dafür. Obwohl sie hier zum ersten Mal eine herkömmliche Prüfung ablegen, bestehen vielen die Examen mit Auszeichnung.

Gleiches gilt für die Hochschulen und Universitäten. Die Auroville Kids, die nun zum ersten Mal mit den Strukturen des herkömmlichen Bildungssystems – Frontalunterricht, Auswendiglernen, Geradlinigkeit – konfrontiert werden, gehören häufig zu den besseren Studenten. Sie sind selbstbewusst und sicher im Umgang mit Wissen, teamfähig und für gewöhnlich mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet.

All diese Eigenschaften machen sie anschließend auch auf dem Arbeitsmarkt attraktiv, heißt es. Aurovilles Einsatz alternativer Bildungsmodelle wirkt offenbar. Die Kinder lernen frei von Druck, von Enttäuschung oder gar Demütigung durch schlechte Noten, ohne den Wettbewerb untereinander. Sie lernen aus eigener Motivation heraus, ohne Zwang. Sie wissen, was sie können und was sie wollen. Und sind zumindest mir damit einen Schritt voraus.

Auroville, Bildung

Auroville, die größte internationale Kommune der Welt in elf Teilen

Teil1: Die Idee einer besseren Welt

Teil 2: Auf den ersten Blick

Teil 3: Leben in der Stadt der Zukunft

Teil 4: Gesundes Essen für gesunde Körper

Teil 5: Nachhaltiger Hausbau im Wald

Teil 6: Alternative Bildung in der Schule des Lebens

Teil 7: Die Stadt der Zukunft und die Dörfer

Teil 8: Spirituelle Wahrheiten

Teil 9: Die Sache mit den Touristen

Teil 10: Die Utopie der Widersprüche

Teil 11: Was war und was kommen mag

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • 16. April 2018

    Königin… Vielleicht ganz interessant? Hab’s selbst noch nicht gelesen…