Unterwegs in Pakistans Norden: zwischen Hindukusch, Karakorum und Himalaja 1/2

Der Karakorum und das Gesetz des Stärkeren


7. Juli 2018
Pakistan
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Wir verlassen Islamabad in den frühen Morgenstunden. Sauber und verlassen liegen die breiten Straßen der Planstadt vor uns. In einem der höhernummerierten G-Sektoren verabschieden wir uns von unserem Gastgeber Süleyman und schlendern entlang penibel getrimmter Grünstreifen und ausladender Villen. Ein paar Taxis rollen an uns vorbei, sonst ist niemand unterwegs – schon gar nicht zu Fuß.

Mit zwei Mitfahrgelegenheiten gelangen wir ins 45 Kilometer entfernte Hasan Abdal und auf den Karakorum Highway (KKH), der durch das pakistanische Hochgebirge bis an die chinesische Grenze klettert. Gerade steigen wir in einen Land Rover. Am Steuer sitzt ein hagerer, großgewachsener Mann im weißen Shalwar Kamiz. Ein weiß-grauer Bart umspielt Kinn und Wangenknochen, eckige Sonnenbrillengläser verdecken die Augen. Eine große Schiebermütze rundet die Erscheinung ab. Zunächst sprechen wir kaum miteinander. Erst als mehr und mehr Kurven auf dem Weg in die Berge die Fahrt spannender gestalten, lockert sich das ernste Gemüt des Fahrers.

Zunächst spricht er zusammenhanglos. Erzählt uns von den Gefahren in den Bergen, von den Erdrutschen, den isolierten Tälern, den lokalen und überregionalen Terrorgruppen und Banden. Er zeichnet ein Bild des Schreckens, dessen eigentliche Aussage langsam zwischen seinen Worten hindurch sickert. Sie lautet: Habt keine Angst, mit mir seid ihr sicher!

Pakistan und das Recht des Bodens

Der Fahrer des Land Rovers ist ein Großgrundbesitzer aus der Region, ein Landlord. Er gehört zu den Familien, die hier schon seit langer Zeit politischen Einfluss ausüben. Diese Klans, weder demokratisch gewählt noch durch die aktuelle Regierung bestimmt, besitzen ähnliche Macht, wie Minister und Staatsbeamte. Sie schlichten Auseinandersetzungen, regeln das Zusammenleben, strafen, loben, maßregeln. Sie sind Gesetz und ausführende Gewalt in einem.

trampen in Pakistan

mit dem Großgrundbesitzer durch die Berge

Das Recht ist hier noch immer eng mit dem Boden verbunden. Grundbesitz bedeutet Stärke. Die pakistanische Regierung hat in den Bergen nur wenige Möglichkeiten sich durchzusetzen und ist daher auf die Landlords, die Klans und Stämme angewiesen, die in der Gegend viel mehr Autorität ausüben.

Immer höher windet sich die Straße in Richtung der mächtigen, schneebedeckten Gipfel. Doch noch bevor wir ins Gebirge eindringen, durchqueren wir einen brisanten Ort. Nur 50 Kilometer von Islamabad entfernt, erreichen wir Abbottabad, die Stadt in der am 2. Mai 2011 eine US-Spezialeinheit Osama bin Ladens Anwesen stürmt und den Kopf der Terrororganisation Al-Qaida nach kurzem Feuergefecht erschießt.

So präsent ist uns der vermeintlich gottgeführte Terror, dass wir auch jetzt, Jahre danach, noch ehrfürchtig und etwas verängstigt aus dem Fenster starren. Viel Militär ist auf den Straßen unterwegs. Mehrere Kontrollposten liegen entlang des Highways. Doch in der Stadt selbst verläuft das Leben wie überall im Land. Wir sehen Marktstände und Händler, ein paar Eselkarren – eine ganz normale Kleinstadt.

Nach einer Stunde und weiteren 25 Kilometern erreichen wir Mansehra, wo wir uns vom Großgrundbesitzer verabschieden. Noch bevor wir gehen, steckt er uns einen Zettel mit seinem Namen und einer Telefonnummer zu. Sollten wir auf unserer Reise durch die Berge einmal in Schwierigkeiten geraten, sollten wir zuerst ihn anrufen, sagt er.

Auf dem Karakorum Highway durchs Hochgebirge

Gegen Mittag warten wir am Ortsausgang gegenüber einer Tankstelle und versuchen ins 120 Kilometer entfernte Besham zu trampen. Weit im Hintergrund erstreckt sich die schneebedeckte Kette des Karakorumgebirges, zu der neben dem K2, dem zweithöchsten Berg der Welt, noch drei weitere Achttausender und 63 eigenständige Siebentausender gehören.

Lange müssen wir nicht auf eine weitere Mitfahrgelegenheit hoffen. Schon nach wenigen Minuten hält ein älterer Herr in weißem Shalwar Kamiz, der bis weit hinein in die Berge reist. Sein Ziel ist das 324 Kilometer entfernte Chilas, das er am nächsten Abend erreichen will. Gemeinsam machen wir uns auf die Reise.

Der Weg in den Norden, der Weg durch die Berge, ist naturgemäß ein schwieriger. Schmale, von Erdrutschen stark beschädigte Straßen und das ständige Hin und Her entlang der kurvenreichen Strecke halten uns im Tempo zurück. Unser Geschwindigkeitsrausch setzt bereits bei 40km/h ein und bei einer Geschwindigkeit von 50km/h, was zugegebener Maßen nur selten vorkommt, schlottern uns angesichts des katastrophalen Weges bereits die Knie.

Geschäft am Karakorum-Highway

Kiosk am Karakorum Highway

Erst am Abend erreichen wir Besham, wo wir im Hofgarten eines Hotels unser Zelt aufschlagen dürfen. Nasser, unsere Mitfahrgelegenheit, quartiert sich hier in ein vornehmes Zimmer, das unser Budget jedoch weit übersteigt. Fünf Mitarbeiter des Hotels versammeln sich um uns, als wir Stangen und Plane miteinander verbinden. Immer näher schleichen sie heran, neugierig wie kleine Kinder. Zum Abendessen lädt uns Nasser in das hoteleigene Restaurant ein. Wir essen fettiges Ziegenfleisch und Linsen mit Fladenbrot.

Am nächsten Morgen befinden wir uns erneut auf dem Karakorum Highway, der höchstgelegenen Fernstraße der Welt. Unter uns fließt der Indus in Richtung Arabisches Meer und um uns herum erheben sich faszinierende Berghöhen. Imposante Massive wie der Nanga Parbat, der Killerberg, stechen in den Himmel. Die drei höchsten Gebirgsketten der Welt – Hindukusch, Karakorum und Himalaja – treffen hier aufeinander.

In Besham legen wir einen Proviant aus Bananen und Keksen an. Dann fahren wir auf immer schlechter werdenden Straßen immer weiter hinein in die Berge. Mehr als 30 Kilometer in einer Stunde sind nicht mehr möglich. Doch wir genießen unsere langsame Fahrt, recken immer wieder die Köpfe aus den Fenstern und saugen die beeindruckende Landschaft auf. Es gibt viel zu sehen: Steile Felshänge, scharfe Kanten, schneebedeckte Gipfel, ein senkrecht abfallender Abgrund unmittelbar neben der viel zu schmalen Fahrbahn, Gerölllawinen und das azurblaue Band des Flusses. Hinter jeder Kurve breitet sich ein neues, atemberaubendes Panorama aus.

Auf der schmalen Straße kommen uns immer wieder bunt geschmückte Lkws entgegen. Die Könige der Landstraße nehmen fast die gesamte Breite der Fahrbahn ein und nur mit Mühe können wir uns an ihnen vorbei zwängen. Doch Nasser bleibt gelassen. Seine besonnene Art lässt die gemeinsamen Stunden in angenehmer Geschwindigkeit verstreichen. Nasser erzählt uns von den Bergen, vom schwierigen Alltag der Menschen hier. Wenn wir eines der kleinen Dörfer entlang der Straße passieren, deckt sich Nasser in einem Kiosk mit einem Vorrat an Pepsi-Cola ein, der ihn bis zum nächsten Dorf versorgen soll.

Unsere Mitfahrgelegenheit schüttet die braune Brause literweise in sich hinein. Schon seit Jahren mache er das so und trotz aller Warnungen vor den gesundheitlichen Folgen seitens seiner Freunde und Ärzte, will er die Finger nicht davon lassen. Ein Leben ohne Pepsi scheint Nasser unmöglich. Wenn er in Entzug gerät, weil wir entlang des KKHs keine Kioske finden, dann trinken wir gemeinsam stark gesüßten Chai an einem der immer wiederkehrenden Teestände.

Den ganzen Tag reisen wir durch das Gebirge und erst am frühen Abend, als sie Sonne sich schon anschickt hinter den Bergen zu versinken und ihre letzten goldenen Strahlen über die Gipfel schickt, erreichen wir Chilas und verabschieden uns nach fast zwei Tagen gemeinsamer Fahrt von Nasser.

trampen in Pakistan

mit Nasser fahren wir zwei Tage durch die pakistanische Bergwelt

Wieder wollen wir im Innenhof eines Hotels zelten, wieder bestaunen uns die Männer des Ortes. Eingehüllt in ihre weiten Shalwar Kamiz und dicken Wolldecken streichen sie mit rauen, wettergegerbten Händen über die glatte Zeltplane. Freundlich nicken sie uns zu, tuscheln miteinander, wagen schüchterne Blicke ins Innere unserer mobilen Behausung.

Die Meldung über unsere Anwesenheit verbreitet sich rasend schnell durch das kleine Dorf. Nicht einmal fünf Minuten dauert es, bis sich drei Polizisten durch die Menschenmenge um unser Zelt zwängen. Sie verkünden, dass wir hier nicht campen dürften. Unsere Sicherheit dient ihnen dabei als einziges Argument. Wir sind derlei Diskussionen leid. Viel zu oft haben wir sie in den letzten Wochen in Pakistan führen müssen.

Doch die Beamten bleiben hartnäckig, erzählen, was für geeignete Ziele wir für Scharfschützen wären und reden ebenfalls auf den Hotelmanager ein, in dessen Innenhof wir uns befinden. Mehr aus Besorgnis um den Hotelmanager, dem wir mit unserem Zelt nun einige Umstände bereiten, als aus Angst vor imaginären Schützen, beziehen wir letztendlich ein schummriges Zimmer, dessen modernde Holztür von einem Polizisten im Nebenzimmer bewacht wird.

Chilas am Karakorum-Highway

Chilas am Karakorum Highway

Erinnerungen an frühere Erlebnisse mit der pakistanischen Polizei werden wach. Unsicher fragen wir nach, ob wir denn wenigstens am nächsten Morgen allein, ohne Begleitschutz, weiterreisen könnten. Kein Problem, uns steht es frei überall hinzugehen, entgegnet uns der ranghöchste Beamte und zufrieden kehren wir zurück in die baufälligen, aber anscheinend sicheren Wände unseres Hotelzimmers.

Polizeigewalt und Autoritäten

Viel zu früh reißt uns gewalttätiges Wummern gegen die Holztür aus dem Schlaf. Mit rasenden Herzen sitzen wir aufrecht im Bett. Was zum Teufel? Draußen vor dem Zimmer steht der wachhabende Polizist, der lächelnd seinen Nachtdienst für beendet erklärt. Es ist sieben Uhr.

Zweieinhalb Stunden später stehen auch wir auf der Straße, frühstücken an einem Imbiss im Ort und beobachten die Männer, wie sie in ihrer traditionellen Kleidung, lockigen Bärten und Camouflage-Westen an uns vorbei spazieren. Manche lächeln uns freundlich zu, andere Blicken mit starren, ausdruckslosen Augen in unsere Richtung, aus denen wir weder Zuneigung noch Ablehnung erkennen können. Polizisten erblicken wir keine. Begleitet von ein paar Kindern schlendern wir entlang des KKH, bis sich die Häuser lichten und nur noch der schroffe Fels des Gebirges, der Staub der Straße und das eisige Blau des Indus zu sehen sind.

Menschen aus Pakistan

Einheimische am Straßenrand

Die Landschaft ist rau und beeindruckend schön. Etwa eine halbe Stunde wandern wir entlang der Straße, staunen über die uns umgebenden Berge und Schluchten, bis ein Pick-up hinter uns hält und vier Polizisten von der Ladefläche springen. „Wir könnten nicht…wir dürften nicht…unsere Sicherheit“ – Wir hören gar nicht mehr hin. Die Männer wollen uns in ihrem Wagen zurück nach Chilas bringen. Die Zusage, dass wir uns frei bewegen dürften ist Geschwätz von gestern.

Uns schwant Unheil. Mit den Polizisten auf die Ladefläche des Pick-ups zu steigen, wirkt für uns bedrohlicher als alles andere. Auf unsere Frage, ob wir verhaftet seien, schütteln die Polizisten nur die Köpfe. Wir seien frei, könnten gehen, wohin wir wollten, sollten ihnen aber dennoch sofort folgen.

Orangenverkäufer, Gilgit, Pakistan

Orangenverkäufer wartet auf Kundschaft

Mehr Informationen benötigen wir nicht. Wir setzen unseren Weg, vorbei an den verdutzten Beamten, fort. Die Polizisten lassen uns zunächst ohne Widerworte ziehen. Wir laufen 50 Meter, dann 100, dann 150. Alles okay, denken wir noch. Doch dann donnert der Pick-up an uns vorbei und blockiert die Straße vor uns. Wir kommen nicht vorbei. Auf der einen Seite befindet sich die felsige Wand, auf der anderen Seite der steile Abhang.

Noch im gleichen Augenblick attackieren uns die Polizisten. Es ist der Moment, in dem die Beamten ihre demokratischen Hüllen fallen lassen und das machen, was sie offensichtlich am besten können: prügeln!

Es geht alles ganz schnell: Die vier Polizisten und der Fahrer des Pick-ups zerren uns zu ihrem Wagen. Brutal heben sie uns in die Luft, werfen uns wie Gepäckstücke auf die Ladefläche. Unseren Versuch, uns zu wehren, beantworten sie mit Faustschlägen und Fußtritten. Polizeigewalt geht auf uns nieder.

Fünf Männer gegen uns beide – Frau und Mann. Rücklings auf der Ladefläche liegend, immer noch die Rucksäcke umgeschnallt, verteidigen wir uns instinktiv, doch das provoziert die Polizisten noch mehr. Schlagstöcke kommen zum Einsatz, gehen auf Arme und Beine nieder. Einer der Helden reißt uns an den Haaren. Wir haben verloren. Wahrscheinlich dauert die Auseinandersetzung nur ein paar Minuten, doch es kommt uns wie ein ewiger Kampf vor. Wildes Geschrei und Geheul; Wehklagen, vielleicht auf beiden Seiten, ganz sicher bei uns.

Dann jault der Motor auf, und wir rollen zurück nach Chilas. Auch während der Fahrt schikanieren uns die Beamter weiter mit Fußtritten und Schlägen, bis wir die ersten Häuser erreichen, und unsere Misshandlung endlich aufhört. Es bleibt genug Zeit für uns, unserem Gegenüber genüsslich ins Gesicht zu spucken. Eine Reaktion, die psychologisch erklärt werden kann, aber unsere Situation nicht gerade verbessert. Mit viel Geifer tut sich der Getroffene hervor, schreit uns „I will kill you“ entgegen. Sein schwarzer, lockiger Bart zittert vor Erregung, Schaum tritt ihm vor den Mund.

Indus River, Pakistan

entlang des Indus im Karakorumgebirge

Vor der Polizeistation in Chilas hält der Pick-up. Der Typ, der uns eben noch töten wollte, reißt die Schultern seiner Uniform kaputt und behauptet verächtlich, dass er uns dafür verantwortlich machen würde. Das Lachen der anderen Polizisten ist das Schauerlichste, was wir an diesem Tag hören werden. Dann verschwinden unsere Peiniger. Wir bleiben allein auf der Ladefläche zurück und werden nun von anderen Polizisten aus der Wache umringt.

Ob unseres geschundenen Aussehens wirken sie zumindest erschrocken. Sie bieten uns Wasser und Schatten gegen die brennende Sonne. Noch immer strömt jede Menge Adrenalin durch unsere Körper. Jeder in Uniform gehört für uns zur selben Brut. Ich finde ein Büschel Haare auf der Ladefläche und stelle überrascht fest, dass es mir gehört. Erst dann spüre ich den pochenden Schmerz an meinem Hinterkopf.

Es dauert, aber wir werden zu irgendeinem Oberkommandeur geführt. Im schicken Büro steht ein großer Mahagonitisch, davor eine lederne Couch, auf die wir uns setzen sollen. In der Ecke hängt ein Spiegel. Ein blutendes Ebenbild schaut mich mit wahnsinnigen Augen an. Bin ich das?

Alles Weitere ist eine Farce. Der Oberkommandeur ist ausgesprochen nett, entschuldigt sich für das Geschehene. Er bezeichnet die örtlichen Polizisten als ungebildete Wilde. Er sei hierher versetzt worden, habe aber Frau und Kind zurückgelassen, weil hier in Chilas nur Wahnsinnige herumlaufen würden. Doch dann geht er dazu über, dass ja eigentlich alles unsere Schuld sei. Es war seine Anweisung, unter deren Ausführung wir mit Schlagstöcken von der Straße geholt wurden.

Ein Anruf bei der Deutschen Botschaft bringt zunächst das gute Gefühl, eine offizielle Stelle eingeschaltet zu haben. Nun kann uns niemand mehr wegsperren oder auf andere Art beseitigen, hoffen wir. Doch der Kontakt in den folgenden Tagen ist ernüchternd. Die Botschaft rechtfertigt unsere Misshandlung damit, dass sie unserer Sicherheit gedient hätte:

„Wir gehen davon aus, dass die Übergriffe, denen Sie ausgesetzt waren, im Zusammenhang damit stehen, dass die Regierung den Sicherheitsorganen die strikte Weisung erteilt hat, alles in ihren Kräften Stehende dafür zu tun, dass kein Ausländer Opfer von Kriminalität, terroristischer Gewalt oder Entführung wird.“

Wir könnten uns außerdem einen Anwalt nehmen und die Polizisten wegen Körperverletzung verklagen, aber das – um unsere Sicherheit zu gewährleisten – doch bitte erst, wenn wir das Land verlassen hätten. Das Leben schreibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken!

Gilgit, Pakistan

Fleischer aus Gilgit

Den Rest des Tages verbringen wir im besten Hotel des Ortes, auf Kosten der Polizei. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass niemand für unser Zimmer bezahlt und das Hotelmanagement stattdessen genötigt wird, uns aufzunehmen. Eine kleine Bestechung seitens der Autoritäten, um uns zu beruhigen. Am Abend, Stunden nach dem Angriff, setzen sich drei Männern während dessen Essens zu uns an den Tisch.

Mulmig schauen wir uns an, als sie sich als Beamte des Innenministeriums ausgeben. Sie nehmen noch einmal unsere Geschichte zu Protokoll, lassen sich unsere Wunden, Blutergüsse und zerrissene Kleidung zeigen, registrieren die Namen der verantwortlichen Polizisten. Raji Wali ist der einzige Name, den ich bis heute nicht aus dem Gedächtnis streichen kann. Es ist der Polizist, der bereit war uns zu töten, der voller Hass und mit bösartigem Lachen die Schultern seiner Uniform zerriss und uns dafür büßen lassen wollte. Die Beamten vom Innenministerium versprechen im leisen, peinlich berührten Ton, sich der Sache anzunehmen.

Wenig später sitzen wir vor einem Teestand in Chilas. Bald sind wir umringt von gut zwei Dutzend Männern aus dem Dorf. Auch der Hotelmanager vom Vortag ist unter ihnen. Mit bedrückter Miene entschuldigt er sich für das Verhalten der Polizisten, erklärt uns, dass die Polizisten hier schlechte Menschen seien und hofft, dass wir nun kein schlechtes Bild von Pakistan oder gar Moslems haben. Doch daran denken wir gar nicht.

Angelockt von der Menschenansammlung stehen plötzlich zwei Polizisten in der Menge. Von allen Seiten werden sie mit freundlichen Grüßen bedacht, jeder Anwesende weicht einen Schritt zurück, die Augen richten sich gen Boden. Sie alle haben Angst vor der Staatsgewalt. Nur der Hotelmanager streckt seine Hand entgegen, klopft den jungen Männern in Uniform freundschaftlich auf die Schulter. Als die Beamten wieder verschwinden, raunt er uns zu: „Sie machen was sie wollen, seid vorsichtig.“

Am nächsten Morgen stehen wir wieder an der Straße. Die Zeichen des Vortages verstecken wir unter der Kleidung, legen die Haare so ins Gesicht, dass wir zumindest auf den ersten Blick gewöhnlich aussehen. Polizisten erblicken wir nur in der Ferne, doch ihr Anblick lässt uns auch jetzt noch zittern.

trampen auf dem Karakurom Highway

trampen nach Gilgit

trampen auf dem Karakurom Highway

unsere Mitfahrgelegenheit nach Gilgit

Ein junger Mann, vielleicht Mitte 30, hat das gleiche Ziel wie wir: Gilgit. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus, wo seine Frau wenige Tage zuvor ein gemeinsames Kind gebar. Während der Fahrt dringt schrille Musik aus den Lautsprechern, bohrt sich unwiderstehlich in unsere Ohren. Drei Stunden benötigen wir für die 133 Kilometer lange Strecke. Drei Stunden, in denen wir entlang beängstigender Felshänge und der mächtigen Schlucht, die der Indus im Lauf der Zeit durch das Gebirge fräste, fahren.

In Raikot, etwa eine Stunde von Chilas entfernt, machen wir einen kurzen Halt. Hier beginnt die Wanderung hinauf zu einem alpinen Hochplateau, mit phantastischen Ausblicken auf die Bergriesen Nanga Parbat und Rakaposhi. Atemberaubend schön soll es dort sein, wie in einem Märchen. Fairy Meadow, so der Name der grasbewachsenen Ebene, verspricht viel. Doch 2013 erschießen Extremisten auf dem Hochplateau eine Gruppe Bergsteiger aus der Ukraine und China. Seitdem ist Fairy Meadow eine Sperrzone für ausländische Individualtouristen.

Zum Buch

Wenn ihr unsere Abenteuer und Geschichten gerne auf Papier lesen wollt, dann schaut doch mal hier:

In unserem Buch „Per Anhalter nach Indien“ erzählen wir von unserem packenden Roadtrip durch die Türkei, den Iran und Pakistan. Wir berichten von überwältigender Gastfreundschaft und Herzlichkeit, feiern illegale Partys im Iran, werden von Sandstürmen heimgesucht, treffen die Mafia, Studenten, Soldaten und Prediger. Per Anhalter erkunden wir den Nahen Osten bis zum indischen Subkontinent und lassen dabei keine Mitfahrgelegenheit aus. Unvoreingenommen und wissbegierig lassen wir uns durch teils kaum bereiste Gegenden in Richtung Asien treiben.

2018 Malik
Taschenbuch, 320 Seiten

Gilgit und die Markthändler

Wir überqueren den Indus über eine Stahlbrücke. Dahinter ist die Straße noch immer schlecht, gezeichnet von Erdrutschen und Steinschlägen. Über uns verdunkelt sich der Himmel. Düstere Wolken hängen schwer über den Bergen. Als wir Gilgit erreichen, beginnt es zu regnen. Eiskalte Tropfen fallen zu Milliarden auf die Stadt. Zwei lange Tage bleibt es ungemütlich. Zwei Tage, in denen wir uns erholen und die Ereignisse aus Chilas verarbeiten können.

Es gelingt uns einfacher als gedacht. Ein Lächeln tritt wieder zurück auf unsere Gesichter. Einquartiert direkt über dem Basar, dringen die unterschiedlichsten Geräusche und Gerüche zu uns herauf. Motorräder knattern über die staubigen, holprigen Straßen, Obst- und Gemüsehändler sitzen in kleinen Hütten vor denen sich Kisten mit dem Angebot des Tages stapeln. Ein Zwiebelverkäufer lächelt uns freundlich zu. Seine Nase ist genauso knollig, wie die aufgeschichteten Zwiebeln in seinem Rücken.

Gilgit, Pakistan

Gemüseverkaufer in Gilgit

Gilgit, Pakistan

in den Straßen von Gilgit

Hutmacher, Gilgit, Pakistan

Hutmacher in Gilgit

Gilgit, Pakistan

Straßenszene in Gilgit

Fleischspieße brutzeln über offenen Kohlen. Ein weißbärtiger Alter verkauft getrocknete Aprikosen. Die Regale seines Geschäfts sind halb leer, sein Blick müde. Wie lange er schon auf dem Stuhl zwischen den verbliebenen Paketen sitzt, vermag ich nicht zu sagen. Sind es Tage, Wochen, Jahre? Mensch und Geschäft scheinen eine Symbiose eingegangen zu sein. Das eine ohne das andere ist unvorstellbar.

In einem dunklen Verschlag hängen massige Fleischbrocken an Metallhaken von der Decke. Dazwischen sitzt ein junger Mann. Über seiner Shalwar Kamiz trägt er einen Pullover auf dem die US-amerikanische Flagge abgebildet ist. Mit einer Axt und einem Küchenmesser zerteilt er das Fleisch auf einem Holzblock gemäß den Wünschen seiner Kunden.

Kinder spielen auf der Straße, Holzwagen werden hin und her geschoben, bis sie an einem scheinbar günstigen Ort zum Stehen kommen. Auf ihnen liegen Blumenkohl und Tomaten, Rettich und Kartoffeln, Kalebassen und Knoblauch. Andere Karren sind mit Tüten voller Popcorn beladen. Bunte Stoffe werden in Metern verkauft. Hutmacher nähen aus grober Wolle die typischen runden, abgeflachten Pakols, die Gilgit-Hütte, die überall in den Bergen getragen werden.

In Garküchen spritzt heißes Fett aus tiefen Metallbottichen. Aus nahen Restaurants ziehen aromatische Düfte durch den Markt, berichten vom Menü des Tages: gegrilltes Hühnchen, Reis, Linsen. Ein Roti-Bäcker schwingt mit geübten Bewegungen rohen Teig durch die Luft, formt gleichgroße Kügelchen. Später wird er sie zu Fladen ausrollen, um sie in einem Lehmofen zu backen.

Überall lächelt man uns entgegen, ist zuvorkommend. Ein Gemüsehändler lädt uns zum Tee vor seinem Geschäft ein, nur weil er sich geehrt fühlt, dass wir ein Foto von ihm machen wollen. Gilgit zählt zu den bedeutendsten Handelsorten im Gebirge. Aus allen Teilen des Landes kommen die Händler, um hier ihre Waren anzubieten.

Auf einem unserer Streifzüge, die uns auch abseits des Marktes bis an das Ufer des Gilgit, eines Zuflusses des Indus, führt, treffen wir Abid. Der junge Mann, Mitte zwanzig, kommt aus Gilgit, hat jedoch in Islamabad und Lahore studiert und ist nun wieder zurück in seinen geliebten Bergen. Abid müsste eigentlich in seinem Büro sitzen, aber es gäbe sowieso keine Arbeit, sagt er und so verbringen wir den Tag gemeinsam.

Pakistan und die verschwendeten Köpfe

Abid ist Beamter, arbeitet für die Regierung und langweilt sich tödlich. Dabei sind Beamtenberufe in Pakistan sehr begehrt. Sie versprechen ein sicheres und langfristiges Einkommen für relativ wenig Aufwand. Doch Abid flucht. Er könne gar nicht genug Chai trinken und Freunde in sein Büro einladen, um die tägliche achtstündige Arbeitszeit zu überbrücken.

Im Büro gäbe es ausnahmslos nie auch nur die kleinste Kleinigkeit für ihn zu tun. Er hat Sekretäre und Bedienstete, die ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Sie bringen ihm Tee und Essen, kümmern sich um seine privaten Einkäufe und Erledigungen. Er selbst sitzt Däumchen drehend auf einem großen Sessel in seinem Büro.

Gegen die Langeweile hat er die Moderation einer zweistündigen Sendung des lokalen Radiosenders übernommen. Einmal wöchentlich ist Abid im Radio zu hören. Themen recherchiert er im Büro. Doch selbst das reicht nicht aus. Mittlerweile überlegt er ein Fernstudium zu beginnen – so viel Zeit sei noch immer ungenutzt. Dabei liegen die Hürden für eine Beamtenstelle sehr hoch, die Einstellungstests sind nur schwer zu bestehen. Hunderte bewerben sich auf eine freie Stelle und allein den besten Köpfen des Landes gelingt die Aufnahme.

Doch ihr Potenzial bleibt ungenutzt, wird verschwendet. Statt Herausforderungen finden sie nur Langeweile. Dennoch werden die Beamtenjobs als die besten des Landes angesehen. Entspanntes Rumsitzen wird mit viel Geld und großen Sicherheiten vergütet.

Gilgit River, Pakistan

die Gilgit fließt durch das Karakorumgebirge

Wir sitzen gemeinsam im Garten seines Elternhauses oberhalb der Stadt. Haschisch qualmt aus Abids Zigarette. Früher wollte er nie einen Beamtenberuf annehmen. Zu viel Korruption, zu viel Ungerechtigkeit, zu viel falsche Ehrfurcht gegenüber der Position, beklagte er.

Doch an dem Tag, als die Polizei ihn mit Haschisch im Auto erwischte und ihn unbehelligt davonkommen ließ, nur weil er den Ausweis eines Beamten vorzeigen konnte, änderte sich seine Meinung. Nun genießt Abid die Vorteile, die das korrupte System ihm zugeschoben hat. Natürlich ist es ungerecht, aber niemand ändert etwas, auch Abid nicht. Wer schneidet sich schon ins eigene Fleisch?

Unterwegs in Pakistans Norten: zwischen Hindukusch, Karakorum und Himalaja in zwei Teilen

Teil 1:  Karakorum und die das Gesetz des Stärkeren

Teil 2: Das Hunza Tal und der Irrweg nach Shimshal

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • Annika
    18. Oktober 2018

    Hey ihr beiden,
    super schöner Bericht mit tollen Bildern! Es tut mir sehr leid zu hören, was euch in Chilas passiert ist. Die Hilflosigkeit und Angst muss schrecklich sein und zu dem gehören, was man als Reisender nie erleben möchte. Ich möchte für Reisende, die das eventuell lesen, kurz von meiner Erfahrung berichten. Ich war vor einigen Wochen ebenfalls in Chilas, und die Polizisten dort waren sehr nett und hilfsbereit. Alleine an der Straßen laufen durfte ich allerdings auch nicht, weder in Chilas selbst noch auf dem Weg dorthin oder dort weg. Eigentlich wird in Pakistan ja gut aufgepasst auf Ausländer, und eventuell ist der betreffende Polizist auch gar nicht mehr im Dienst aufgrund des Vorfalls. Nichtsdestotrotz fand ich die Atmosphäre in Chilas auch am unangenehmsten auf meiner ganzen Reise. Der Besitzer meines Hotels wollte z.B. gerne die Nacht mit mir verbringen, was ich ihm aber zum Glück ausreden konnte und ich habe keine einzige Frau auf den Straßen dort gesehen.
    Noch ein Hinweis, nach Fairy Meadows kommt man mittlerweile auch als Individualtourist wieder problemlos. Als Ausländer bekommt man eine Polizei-Eskorte, auch auf den Wanderungen, die Polizisten dort sind aber wirklich ausnahmslos äußerst sympathisch und genauso liebenswert wie die meisten Pakistanis, die man in Pakistan kennenlernt.
    Liebe Grüße
    Annika


    • Morten & Rochssare
      21. Oktober 2018

      Vielen Dank, liebe Annika, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Wir sind uns sicher, dass unser Zusammentreffen mit den Polizisten in Chilas äußerst unglücklich war. Das erklärt weder die Situation, noch legitimiert es sie. Nichtsdestotrotz gehört Pakistan aber auch für uns zu den Ländern, durch die wir sehr gerne gereist sind. Die Herzlichkeit der Menschen dort ist einfach unglaublich.