Fernheim, Chaco, Paraguay, Titel
Zu Besuch bei den Mennoniten in Paraguay

Fernheim im paraguayischen Chaco


11. August 2021
Paraguay
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Der Gran Chaco: Trockenwälder und Dornbuschsavannen oder kurz: undurchdringbares stacheliges Gestrüpp. Der Chaco ist trocken und verdammt heiß. Er ist schlicht unwirtlich; keine angenehme Voraussetzung. Niemand möchte hier leben. 

Macht auch kaum jemand. Die Grenzlinie zwischen Paraguay und Bolivien ist nicht klar definiert, denn eigentlich ist es egal, wem der Chaco gehört. Es ist ein Niemandsland, uninteressant für beide Seiten. Doch dann entstehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gerüchte über potenzielle Ölvorkommen und plötzlich ändert sich die Wahrnehmung.

Ein paar Jahrzehnte zuvor verlassen Mitglieder der in Russland unterdrückten evangelischen Glaubensgemeinschaft der Mennoniten ihre Heimat und ziehen nach China, Deutschland und Kanada. Etwa zeitgleich mit den Erdölgerüchten werden sie höflich von Paraguay in den ˈgrünen und fruchtbarenˈ Chaco eingeladen. Mit der Besiedlung des Chacos will Paraguay Besitzansprüche geltend machen und sucht Freiwillige, die im eigenen Land nicht gefunden werden. Dann, im Jahr 1927, kommen die ersten Mennoniten in den Chaco. Sie sind geschockt. Die Bedingungen, die sie vorfinden, sind katastrophal. In den ersten Jahren der Besiedlung sterben viele von ihnen an Hunger und Krankheit. Es folgt der Chacokrieg 1932-1935, der über 100 000 Menschen in Bolivien und Paraguay das Leben kostet. Die blutigen Auseinandersetzungen sind sinnlos; Paraguays Ölbohrungen ohne Erfolg.

Trockener Boden im Gran Chaco, Paraguay
dorniges Gestrüpp im Gran Chaco, Paraguay
unwirtliche Landschaft des Gran Chacos, Paraguay

Filadelfia und die Mennonitenkolonie Fernheim

Von Concepción aus besuchen wir Filadelfia, die Hauptstadt der Mennonitenkolonie Fernheim im Gran Chaco. Hineingebaut in die trockene Ödnis begegnen uns in den Straßen zunächst nur indigene Bewohner. Doch je weiter wir in die Stadt vordringend, desto häufiger blitzt ein mit strohblondem Haar bedeckter Kopf hervor. In einem Land, das scheinbar nur dunkles Haupthaar kennt, fallen die einst Zugezogenen ebenso auf wie wir Ortsfremde. So neugierig wie wir unsere Gegenüber betrachten, werden auch wir beäugt, schüchtern angelächelt und auf einem Akzent gegrüßt, der uns an heimatliches Plattdeutsch erinnert. Seltsam. Wir laufen durch Straßen mit befremdlich deutschen Namen, vorbei an deutsch klingenden Schulen und Ämtern. Auf einer Parkbank sind pubertäre Liebesschwüre gekritzelt, ebenfalls auf Deutsch.

Filadelfia ist das Zentrum der Region. Rund zwanzig weitere Dörfer und Siedlungen gehören zur Kolonie Fernheim im Chaco, die überwiegend nicht zugänglich sind. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum. Die Mennoniten bleiben unter sich. Selbst mit der indigenen Bevölkerung haben sie kaum Kontakt. Zwar leben beide Gruppen zumindest in Filadelfia zusammen und trotzdem gibt es kaum Berührungspunkte. „Hier in der Stadt ist es uns sogar erlaubt, Verbindungen mit den anderen einzugehen.“, erzählt uns ein Beamter in der Poststelle, „Aber das passiert sowieso nicht“, fügt er hinzu. „Wir sind einfach zu unterschiedlich“. „Warum?“, wollen wir wissen und werden mit dem Klischee der Pünktlichkeit konfrontiert. „Würden sich ein Mennonit und ein Indigener zu 15 Uhr verabreden, käme der Mennonit 14:45 Uhr und der Indigene 16.30 Uhr.“, meint der Mann hinterm Postschalter.

Mennonitenkolonie Fernheim, Chaco, Paraguay
Vorsicht Schüler, Mennonitenkolonie Fernheim, Chaco, Paraguay
deutsche Straßennamen in Filadelfia, Chaco, Fernheim

Hinzu kommt eine noch immer vorhandene Sprachbarriere. Langsam, bedacht und mit gebrochener Grammatik antworten die Mennoniten auf unsere spanischen Fragen. Mit Deutsch kommen wir in dieser Gruppe wesentlich besser zurecht. Im örtlichen Supermarkt sind alle Produkte zweisprachig ausgeschildert. Sogar auf Unsinniges wie ˈTomate/Tomateˈ wird nicht verzichtet. Wir finden eine kleine Abteilung mit importierten Waren wie Maggi Würze, Nutella, Kinderriegel, Vanillezucker und Backpulver, Salat-Fix, Hackbraten-Fertigmischungen oder Senf. Endlich, lange nach der EM-Euphorie, werden wir stolze Besitzer von Duplo-Fußballaufklebern.

In den Regalen stehen außerdem Fertiggerichte mit dem Hinweis ˈSegún receta alemanˈ (nach deutschem Rezept). Leckere Kräuterbutter, an der wir uns noch lange erfreuen werden und sogar Königsberger Klopse sind im Angebot.

Dann entdecken wir eine riesige Abteilung, die wir während unseres bisherigen Aufenthaltes in Südamerika noch nirgendwo gesehen hatten. Hier liegen Dinge, wie wir nun merken, ohne die die deutsche Kultur wohl nicht auskommen kann. Auch für uns waren sie notwendige Bestandteile des Lebens in Deutschland: Ordner, Klarsichthüllen, Textmarker, Haftnotizzettel, Büroklammern, Fineliner und Haftlesezeichen in Neonfarben. Ordnung ist wichtig!

Liebesschwüre in Filadelfia, Paraguay
Toni Kross in Paraguay
Sinnspruch in Filadelfia, Mennonitenkolonie Fernheim

Kein Bier, kein Bäcker – alles verloren

Was uns für den letzten Kick karikiertes Heimatgefühl fehlt, ist ein frischgezapftes Bier. Also beschließen wir, dass wir am Abend in eine Kneipe wollen oder in eine Bierstube, wie es weniger einschlägig heißt. Nur haben wir keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen. Trinken Mennoniten überhaupt Alkohol? Unauffällig postieren wir uns vor dem Supermarkt und versuchen, besonders deutsch auszusehen. Unser Plan geht auf. Nach kurzer Zeit werden wir schüchtern angesprochen werden. „Ich habe Sie hier gerade stehen sehen und da dachte ich, ich spreche Sie mal an.“, sagt ein älterer Herr. Nachdem wir über Monate alle Weggefährten duzten, sind wir im deutschen Sprachgebrauch sofort wieder in der formalen Anrede. Auch das ist typisch deutsch. Hierarchie und Distanz ist in unserem sprachlichen Umgang alter Schule angelegt.

Doch der Herr enttäuscht uns. Eine Bierstube oder Ähnliches gibt es in Filadelfia leider nicht. Derartiges Vergnügen galt den Pionieren und Gründungsvätern als zweitrangig. Arbeiten und beten waren die Grundpfeiler ihrer Gemeinde und sind es bis heute.

Die Öffnungszeiten des Heimatmuseums lassen uns schmunzeln. Bisher gab es in Südamerika wenige Gründe für uns, vor 10 Uhr aus dem Haus zu gehen. Ist eh noch alles geschlossen. Doch hier öffnet das Heimatmuseum bereits 7 Uhr morgens. Wie gute Deutsche nehmen wir uns vor, um 6.59 vor der Tür zu stehen, schaffen es aber erst zu 9.45 Uhr. Das liegt nicht nur an unserer Schlafmützigkeit, sondern auch daran, dass wir auf dem Weg eine deutsche Bäckerei finden. Freudestrahlend betreten wir den Gastraum und werden von einer korpulenten Frau empfangen. Hier hätten sie sogar einen echten Bäcker aus Deutschland, der echtes deutsches Brot backen würde, versichert sie. „Der hat sich hier nämlich eine von unseren Frauen genommen“. Zu unserem Unglück ist besagter Bäcker gerade im Heimaturlaub und hat geschäftstüchtiger Weise das vermutlich ausgezeichnete Brotrezept nicht an seine Angestellten weitergegeben. Enttäuscht verlassen wir die Bäckerei, kaufen im Supermarkt weiches, labbriges Industriebrot und beschmieren es zum Trotz mit einer dicken Schicht guter alter Kräuterbutter. Immerhin lecker.

So zugänglich und verhältnismäßig offen Filadelfia heute erscheint, war die kleine Stadt nicht immer. In den ersten Jahren nach der Gründung hielt eine Mauer alle ungebetenen Gäste und vor allem die indigenen Bewohner der Region aus der Siedlung heraus. Dabei waren es die Mennoniten, die in den späten 1920er-Jahren plötzlich Land in Anspruch nahmen und eine neue Mentalität und Lebensweise mitbrachten. Dabei gehörten Auseinandersetzungen in den ersten Jahren zum Leben im Chaco dazu, die auch tödlich enden konnten. „Die wussten ja auch nichts mit uns anzufangen“, erklärt der Postbeamte lapidar. Filadelfia gilt in Fernheim als besonders fortschrittlich und nicht alle Mennoniten sind mit dieser Entwicklung einverstanden. In der benachbarten Kolonie Neuland gelten Filadelfia und die Fernheimer allgemein bereits als ˈverlorenˈ.

Heimatmuseum in Filadelfia, Paraguay
Postamt in der Mennonitenkolonie Fernheim, Chaco, Paraguay

Per Anhalter durch den Gran Chaco

Die lange im Voraus getroffene Entscheidung, per Anhalter den Chaco Richtung Bolivien zu verlassen, wird uns viel abverlangen. Das wissen wir allerdings noch nicht und geben bis auf wenige Münzen unser paraguayisches Geld freudig vorausschauend komplett aus.

Wir wollen entlang der einzigen Straße trampen. Und weil es die einzige Straße ist, gehen wir davon aus, dass es sicher Verkehr geben wird. Die Transchaco ist eine gerade Linie, die von den Mennoniten in 40 Jahren mühsam durch das dichte dornige Gestrüpp des Chacos geschlagen wurde. Und weil es kaum mehr als Dornen und Dürre gibt, befinden sich die Ein- und Ausreisestellen nicht etwa direkt an der Grenze, sondern gut 200 Kilometer davor und 100 Kilometer dahinten.

Auf der Ladefläche eines Pick-ups gelangen wir von Filadelfia zur Zoll- und Ausreisestelle. Über eine staubige, vom Wind gepeitschte Piste fahren wir an den Siedlungen Schönbrunn und Schönwiese vorbei. Auf einer Lichtung im Dickicht sitzt ein wasserstoffblonder Junge mit Pottschnitt auf einem Dreirad. Die Szene ist so unwirklich, dass sie schon beinahe gruselig ist.

Wir verlassen Fernheim und mit einem Stempel im Reisepass, der unsere noch bevorstehende Ausreise aus Paraguay bereits bestätigt, schauen wir die öde, vor Hitze flimmernde Straße hinunter. Kein Fahrzeug ist zu sehen. Stattdessen starren wir in den Chaco. 

die Transchaco in Paraguay

Hinter dem Zollgebäude erstreckt sich ein Parkplatz, auf dem ein knappes Dutzend Lkw-Fahrer auf die Abwicklung ihrer Papiere warten. Wir wittern eine erste Chance und finden bereits nach wenigen Minuten zwei Fahrer, die wie wir nach Bolivien wollen. Allerdings gibt es Probleme mit ihren Papieren, deren Lösung, so erfahren wir später, wohl die nächsten drei Tage in Anspruch nehmen wird.

Auch wir warten; stundenlang in der unerbittlichen Hitze des Chacos. In der Nähe befindet sich eine Tankstelle. Es ist das letzte Gebäude in den kommenden 300 Kilometern. Aus Langeweile versuchen wir uns der Vegetation zu nähern und erschrecken. Bereits wenige Meter vor den ersten Sträuchern, quasi noch am Straßenrand verhaken sich Dornen und Stacheln in unseren Hosen und Schuhen. Ihre Kraft ist so stark, dass wir direkt am Boden haften bleiben.

Wir haben kein Glück und auch kein Geld. Mit den letzten Münzen kaufen wir Brot und bestreichen es mit dem Rest unserer Kräuterbutter. Am Abend, als die Tankstelle schließt, wechseln wir in einem langen Marsch unsere Position. Hier nun, an einer weiteren Tankstelle, sollen angeblich in den frühen Morgenstunden Lkws vorbei fahren. Den späten Abend verbringen wir mit zwei angetrunkenen paraguayischen Bauern und viel Bier. Zum lallenden Abschied schenken sie uns eine Flasche Wein. Doch die angekündigten Lkws kommen nicht. Stattdessen zittern wir uns durch die Nacht, die im Chaco genauso kalt ist wie der Tag heiß. Am nächsten Morgen wandern wir zurück zum Zoll. Doch die Probleme der Lkw-Fahrer sind noch immer nicht gelöst.

Am Nachmittag treffen wir auf drei junge Reisende aus Buenos Aires. Sie haben dieselbe törichte Idee wie wir und werden auf der Transchaco ebenfalls in Geduld geprüft. Am Abend teilen wir gemeinschaftlich unser Essen: eine Flasche Wein, eine Büchse Sardinen und ein bisschen trockenes Brot. Nach Einbruch der Dunkelheit fällt die Temperatur. In unsere Schlafsäcke gehüllt sitzen wir auf der staubigen Straße gegenüber der Zollstation. Straßenhunde gesellen sich zu uns, lecken die Reste aus der Sardinenbüchse. Dann passiert das Unglaubliche. Fünf Uhr morgens. Ein Lkw nähert sich und hält an…

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per Anhalter im Chaco, Paraguay
der Gran Chaco, Paraguay

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