Per Anhalter nach Shimla, Himashal Pradesh
Schüsse im Himalaja und die Macht des Geldes

Per Anhalter nach Shimla


21. März 2020
Indien
4 Kommentare

Wir sind auf dem Weg nach Shimla, eine von vielen sogenannten Hill Stations in den kühlen Bergen des indischen Bundesstaates Himashal Pradesh. Einst summer capital in Britisch Indien, besuchen noch heute viele Einheimische die Stadt, um der schwülen Hitze der Ebene zu entfliehen. Überhaupt gehört Shimla mit der viktorianischen Architektur und dem milden Klima zu den beliebtesten Ausflugszielen im Norden Indiens. Doch noch sind wir weit entfernt. Im Nirgendwo der Berge, am Rand einer kurvigen, geröllreichen Straße, beginnt eine Geschichte, die nur Indien erzählen kann. „Hattet ihr mal richtig Angst?“, fragt man uns oft. Ja, hatten wir!

In einer Haarnadelkurve in den dicht bewaldeten Bergen des Vorderen Himalajas warten wir auf eine Mitfahrgelegenheit. Neben uns türmen sich abgestürzte Felsen an einer grauen Steilwand auf. Steinschläge sind hier nichts Besonderes. Die anfällige Straße muss immer wieder ausgebessert werden. Der Verkehr rollt mäßig. Schmutzige Plastikflaschen, achtlos aus vorbeifahrenden Autos geworfen, gehören zur Kulisse. Staub und Sand wirbeln umher. In der Tiefe rauscht der schlammige Satluj, der aus Tibet kommend bis in den weit entfernten Punjab fließt. Allein der Blick in die Ferne, der Blick auf die dunklen Wälder entlang der Hänge ist wunderschön.

Satluj Fluss in Himashal Pradesh

Die meisten Autofahrer bemerken uns gar nicht. Ihre Konzentration gilt der schmalen Fahrbahn zwischen Abgrund und Felswand. Keine Ahnung, wie wir hierhergekommen sind. Nichtsdestotrotz halten wir jedem vorbeikommenden Fahrzeug ein Schild entgegen. Vielleicht wird es ja gelesen. Doch die Sonne neigt sich bereits in westliche Richtung. Es ist viel zu spät, um ernsthaft auf eine Mitfahrgelegenheit zu hoffen. In wenigen Stunden setzt die Dämmerung ein und dann ist niemand mehr in den Bergen unterwegs.

Als wir schon nicht mehr daran glauben, hält ein weißer Geländewagen. Allerdings nicht für uns. Der Beifahrer möchte zwei zottelige Straßenhunde mit Schokokeksen füttern, die sich eilig und schwanzwedelnd aus meinen kekslosen Liebkosungen lösen und in seine Richtung scharwenzeln. Mit einem möglichst vertrauenswürdigen Lächeln stellen wir uns vor, wechseln ein paar Worte und siehe da: Shimla ist unser gemeinsames Ziel und wir dürfen auf der Rückbank Platz nehmen.

Das Fahrzeug ist geräumig. Vor uns sitzen nun Fahrer und Beifahrer mit den Namen Vishu und Vikrant. Beide sind etwa Anfang 30 und kommen aus Neu-Delhi. Aufstrebende junge Männer der Oberschicht. Reich und eloquent. Sie gehören zur neuen Generation, von der sich Indien eine goldene Zukunft erhofft. Ihre trainierten Bizepse ragen aus Polohemden in kräftigen Farben, die ein wenig über dem Bauch des Wohlstands spannen. Wir kennen solche Typen. Schon etliche Male sind wir mit meist gut gebildeten, weltoffeneren und immer auch ein bisschen überheblichen Hauptstädtern mitgefahren. Es folgen die üblichen Fragen. Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin? Wie lange seid ihr schon in Indien? „Aha“, „ja ja“, manchmal ein „wow“. Wir sind Profis im Reisesmalltalk. Bis nach Shimla sind es noch etwa 180 Kilometer – hier in den Bergen ein irrsinnig weiter Weg.

Per Anhalter in Himashal Pradesh
Per Anhalter durch die Berge in Himashal Pradesh

Dunkles Raunen und illegale Geschäfte

Die enge Straße windet sich in vielen Biegungen um die Hänge des Gebirges. Herabstürzende Felsbrocken haben tiefe Löcher in den Asphalt geschlagen. Als wir nach etwa einem Drittel der Strecke im Dorf Rampur ankommen, ist die Sonne schon lange hinter den Bergen verschwunden. Plötzlich ändert sich die Stimmung im Auto. Anspannung hängt in der Luft – dick und zäh und undurchdringlich.

Vishu öffnet die Fensterscheibe. Durch einen schmalen Spalt führt er Gespräche mit gesichtslosen Personen. Ihre Stimmen sind gedämpft, dunkel. Vom Raunen der Männer verstehen wir kein Wort, aber auch ohne Sprachkenntnisse ist uns klar, dass wir in etwas Illegales hineingeraten.

Der Geländewagen verlässt die Hauptstraße, biegt in enge, unbeleuchtete Gassen. „Wir müssen etwas erledigen“, lässt uns Vikrant wissen, als wir schließlich hinter der 27. Kurve in der verwinkelten Nachbarschaft anhalten. Und während Vishu schon auf der Straße steht, dreht Vikrant den Kopf noch einmal zu uns: „Was auch passiert, ihr verlasst auf keinen Fall das Auto!“

kurvige Straßen führen durch die bewaldeten Berge in Himashal Pradesh
kurvige Straßen führen durch die bewaldeten Berge in Himashal Pradesh

Der Tonfall ist so eindringlich wie der Blick, mit dem er uns fixiert. Vikrants Worte sind kein Rat, sondern ein Befehl. Dann öffnet er das Handschuhfach, zieht eine Pistole hervor und verschwindet ebenfalls. Das alles geht schneller, als wir es begreifen können. Vishu und Vikrant sind schon nicht mehr zu sehen.

Langsam drehen wir einander die Köpfe zu, schauen uns mit großen Augen an. FUCK! Doch unsere Münder bleiben stumm. Gebannt starren wir auf das Gebäude, in das die beiden Männer gerade hineinschlüpften. Es dauert nur wenige Minuten, da kommen sie eilig zurück. Beide springen fast zeitgleich ins Auto, wobei Vikrant noch immer die Pistole fest umklammert hält. Noch bevor die Beifahrertür ins Schloss fällt, fahren wir davon. So schnell es die engen Gassen zulassen, machen wir uns aus dem Staub. Ich traue mich nicht, den Blick nach hinten zu werfen. Aber für den Fall eines Schusswechsels bin ich darauf vorbereitet, den Kopf einzuziehen.

Hastig verlassen wir Rampur. Die dunklen Gassen des Ortes bleiben zurück. Niemand spricht; auch dann nicht, als wir schon lange wieder auf der Straße nach Shimla sind. Wir sind diskret und ängstlich genug, um keine Fragen zu stellen. Und auch Vishu und Vikrant haben nicht vor, das gerade Geschehene zu thematisieren.

Drogendeal? Erpressung? Schlimmeres? Wir wissen es nicht.

Häuser auf einem Felsen über dem Satluj in Himashal Pradesh
in der zerklüfteten Landschaft zwängen sich Häuser auf einem Felsen hoch über dem Satluj

Schüsse im Wald

Je weiter wir uns von Rampur entfernen, desto gelöster ist die Stimmung im Auto. Anspannung wird zur Erleichterung und verwandelt sich schließlich in Euphorie – überzogene, indische Euphorie. Vikrant dreht Musik auf, holt eine Flasche Schnaps aus dem Rucksack, baut einen Joint. Vishu ist hinterm Steuer zwar etwas zurückhaltender, aber auch er gerät in Ekstase. Gemeinsam grölen die beiden zu ohrenbetäubenden indischen Melodien. Im Überschwang wedelt die Pistole in Vikrants gestikulierender Hand auf und ab. Wir fühlen uns zunehmend unwohl, da fallen plötzlich Schüsse.

Vikrant feuert durch das offene Beifahrerfenster in die Dunkelheit. Sein begeistertes Lachen klingt in diesem Moment unberechenbar. Immer wieder kracht es, immer wieder zucke ich zusammen und hoffe, dass kein Mensch, kein Haus, kein Tier in die Schussbahn gerät. Wir haben schon viel Quatsch mitgemacht, aber das hier ist ernst. Wir spüren Gefahr.

Gerne würden wir aussteigen, aber mitten in der Nacht allein im Nirgendwo der kurvenreichen Berge zu stranden, ist keine berauschende Vorstellung. Die Fluchtgedanken versanden, auch weil Vikrant und Vishu zu Geschichten aufgelegt sind. Sie erzählen von ihrer Jugend im Eliteinternat in Shimla, von Gangs und Drogenabhängigkeit in jungen Jahren. „Mit acht Jahren habe ich das erste Mal gekokst und mit dreizehn habe ich meine erste Bande angeführt“, berichtet Vikrant noch immer stolz. Kokainkuriere, später Dealer. „Aber das ist lange her“, fügt er hinzu. Die wilde Zeit ist vorbei. Seit vier Jahren ist Vikrant sauber, größtenteils jedenfalls. Ab und zu mal einen Joint, mehr brauche er nicht.

Langsam gleiten wir durch die Nacht. Die Schüsse aus dem Fenster verstummen, auch die Musik wird leiser. Seit acht Stunden sitzen wir bereits gemeinsam im Auto. Es ist weit nach Mitternacht, als in der Ferne für einen Moment die Lichtglocke über Shimla in der Dunkelheit auftaucht. „Um diese Zeit bekommt ihr kein Zimmer mehr“, lassen uns Vikrant und Vishu wissen, „Die Hotels sind geschlossen“. Sehr wahrscheinlich haben sie recht.

Literatur Indien

Literaturtipps zu Indien

Zwischen Himalaja und Indischem Ozean entstehen atemberaubende Geschichten. Wenn ihr Lust habt mehr über den spannenden Subkontinent zu erfahren, bekommt ihr hier 11 Literaturtipps von uns, mit denen ihr vom heimischen Sofa in die faszinierende, ungeschminkte Welt Indiens eintauchen könnt. Und ja, Rochssare hat sie alle selbst gelesen.

zu den Literaturtipps

Shimla in den Bergen von Himashal Pradesh
Shimla in den bewaldeten Bergen von Himashal Pradesh

In Indien gibt es keine Gesetze

Gleichgültig vor Müdigkeit, nehmen wir das Angebot der beiden an, die Nacht im Haus ihrer Freunde zu verbringen, in dem auch sie unterkommen werden. Doch die Entscheidung bereue ich schon wenige Augenblicke später. Noch etliche Kilometer vor Shimla biegen wir auf eine Nebenstraße, die mitten in den Wald hinein führt. Unser Ziel läge etwas abseits, erfahren wir in beiläufigem Ton. Doch je weiter wir in den Wald fahren, desto unbehaglicher rumort es in mir. Ein flaues Gefühl steigt in meinem Magen auf, kriecht in meinen Rachen und nistet bald in meinem Kopf.

Wir fahren durch stockfinsteren Wald. Da ist kein einziges Haus, keine Lichtquelle, kein Mensch, dem wir begegnen. Ungewöhnlich für Indien. Die Musik im Auto verstummt. Zähes Schweigen liegt wie ein schwerer Mantel über uns. Minuten vergehen und die Last der Stille wird immer schwerer. Ich bin mir sicher, dass hier kein Haus auftauchen wird.

Vikrant, noch immer die Pistole in der Hand, bricht das Schweigen. „Wisst ihr“, fängt er an, „in Indien gibt es keine Gesetze. Wenn du Geld hast, hast du Macht. Wenn du die richtigen Leute kennst, gelten die Gesetze nicht für dich. Du kannst jedes Problem mit Geld lösen, jeden bestechen. Ich könnte euch beiden in den Kopf schießen. Nichts würde mir passieren.“ Dabei deutet er mit dem Kinn auf die Waffe in seiner Hand. Sein Gesicht trägt kein Lächeln, das die Worte als Scherz enttarnen könnte.

Ich schaudere. Plötzlich ist meine Kehle staubtrocken. Wir fahren immer tiefer in den Wald hinein, immer tiefer in die Einsamkeit der Nacht. Kein Haus, kein Licht, kein Mensch. Ich bin mir sicher, dass wir diese Fahrt nicht überleben. Für mich ist es eindeutig: Am Ende der Straße, irgendwo im dunklen Wald, werden wir exekutiert. Das war von Anfang an der Plan. Oder vielleicht auch nur eine spontane Idee. Was weiß ich, was in so einem (Ex-)Gangster-(Ex-)Drogen-Gehirn vorgeht.

Wald in Himashal Pradesh

Dem Ende nah

Hier endet unsere Reise, endet unser Leben – erschossen in den Bergen Indiens. Einfach so. Zack, vorbei. Einfach, weil die beiden Männer es können. Weil sie Macht haben. Weil sie keine Konsequenzen fürchten müssen. Vishu und Vikrant aus der Oberschicht, die Elite Indiens.

Ich merke erstaunt, wie rational mein Kopf in diesem Moment arbeitet. Fatalismus pur. Wie schnell ich mich doch mit dem Tod abgefunden habe. Jetzt eine hysterische Szene machen: schreien, brüllen, streiten, aus dem fahrenden Auto springen? Versuchen, die etlichen Kilometer zurück durch den Wald an die Straße zu laufen? Schneller als das Auto, schneller als das Projektil aus der Pistole? Nein. Was würde es bringen? Am Ende sind wir tot, da kann ich auch sitzen bleiben und noch ein paar Minuten länger atmen. War doch eigentlich ganz schön bisher, dieses Leben. Hoffentlich ersparen mir die beiden wenigstens die Vergewaltigung.

Meine Augen suchen die von Morten, nur um sicherzugehen, dass auch in ihnen Unbehagen und Angst zu sehen sind. Ich blicke wieder nach vorne. Noch immer rollen wir auf der schmalen Piste durch die Dunkelheit. Die letzten Minuten im Leben habe ich mir immer schlimmer vorgestellt.

Und dann, in der Klarheit des Unvermeidlichen, sehe ich einen Lichtschein zwischen den Bäumen hervorbrechen. „Gleich sind wir da“, lacht Vishu und deutet auf das Haus, dessen Umrisse nun immer deutlicher hervortreten. Mir ist nicht nach Lachen zumute.

Überhaupt bin ich zu keinen Emotionen fähig. Meine Brust ist eingeschnürt von unsichtbaren Ketten, der Ballast der Gewissheit liegt auf ihr. Als wir langsam auf das Haus zufahren, steht bereits ein Mann in der Eingangstür. Ein dritter Mann ist in meinem Kopf nur ein dritter Täter. Doch als das Auto in der Auffahrt zum Stehen kommt, gesellt sich eine weibliche Gestalt zu der Silhouette des Mannes. Und jetzt macht mein Herz einen Hüpfer. Ich atme tief ein und dann lange aus. Der dicke Klotz der Anspannung springt von meiner Brust.

Die Anwesenheit der Frau ändert alles, macht aus den potenziellen Mördern und Vergewaltigern Brüder, Söhne, Ehemänner. Kaum betreten wir das Haus, sind meine Ängste wie weggeblasen; die dunklen Vorahnungen, das Unbehagen ganz plötzlich lächerlich und grundlos. Mit herzlicher Wärme werden wir empfangen. Vikrant hilft mit unserem Gepäck. Wir bekommen ein eigenes Zimmer mit angeschlossenem Bad, essen gemeinsam zu Abend. Obwohl es schon ein Uhr morgens ist, trinken wir Old Monk, den guten indischen Rum, sprechen über Politik und Gesellschaft, über die Möglichkeiten in Indien.

Am nächsten Morgen laden uns Vikrant und Vishu zum Frühstück in Shimla ein. Es ist das erste Puri Sabzi im wiedergewonnenen Leben und dazu ein großes Glas Chai. Danach trennen sich unsere Wege. Vikrant und Vishu setzen ihre Reise nach Neu-Delhi fort. Wir bleiben zurück, noch immer aufgewühlt und auf merkwürdige Art froh über das Leben.

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Per Anhalter nach Shimla
Per Anhalter nach Shimla (2 von 4 Gesichtern entsprechen nicht dem Original)

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  • Oli
    22. März 2020

    Krasse Geschichte, die ihr da erlebt habt. Sowas wünsche ich keinem. Ich glaube, ich wäre trotzdem in Rampur aus dem Auto geflüchtet. Aber so genau weiss man ja nie, wie man in solchen Extremsituationen wirklich reagieren würde.


    • Morten & Rochssare
      22. März 2020

      Ja, das war ne irre Aktion. Wir hätten in Rampur aussteigen können, aber dann hätten wir unser Gepäck im Kofferraum zurückgelassen und wer weiß, wem wir dann in Rampur über den Weg gelaufen wären. Letztendlich waren wir aber so perplex, dass wir gar nicht auf die Idee kamen auszusteigen.


  • 26. März 2020

    Unglaublich, was ihr da erlebt habt!
    Und wirklich fesselnd und authentisch niedergeschrieben. Vielen Dank fürs teilen. Gibts schon ein Indien Buch von euch? Oder ist eines geplant?


    • Morten & Rochssare
      28. März 2020

      Ja, dass war eine spannende Aktion. Wir schreiben tatsächlich gerade an einem Buch über Indien. Aktuell haben wir ja genug Zeit dafür 😉