Thembang, Arunachal Pradesh
In den Bergen von Arunachal Pradesh

Thembang: Zeitlos im Himalaja


19. Mai 2019
Indien
3 Kommentare

Die wuchtigen Gipfel des östlichen Himalajas sind ganz nah und doch so weit. In den gewaltigen und zerfurchten Ausläufern können wir das Hochgebirge nur erahnen. Wir sind in Arunachal Pradesh, dem nördlichsten der als Sieben Schwestern bekannten Bundesstaaten im Nordosten Indiens.

Arunachal Pradesh liegt eingekesselt zwischen Bhutan, China und Myanmar. Abrupt erheben sich die Berge aus der mit Palmen- und Bananenhainen bedeckten Ebene von Assam. Affen sitzen in den Wäldern am Straßenrand und warten darauf, irgendetwas unachtsam Weggeworfenes zu ergattern. Als die Straße ansteigt, bleiben sie zurück.

Aus dem lückenlosen Asphalt wird bald eine schmale, löchrige Piste, die sich zwischen Felswand und Abgrund immer tiefer ins Gebirge windet. In den Schluchten und Tälern kommen wir langsam voran. Arunachal Pradesh zu bereisen ist nicht leicht. Die Straßen sind schmal und rutschig, biegen in Haarnadelkurven um schroffe Felswände. Ein Unfall wird hier schnell zur Katastrophe. Immer wieder stürzen Fahrzeuge in die Tiefe; werden von plötzlichen Erdrutschen mitgerissen.

Wer als Tourist nach Arunachal Pradesh kommt, benötigt außerdem eine spezielle Einreiseerlaubnis, die sogenannte Protected Areas Permit (PAP). Arunachal Pradesh ist eine friedliche Region, grenzt aber an den großen Nachbarn und Rivalen China, der Arunachal Pradesh nicht als Teil Indiens anerkennt. Immer wieder kommt es in den Bergen zu kleineren Scharmützeln. Der politische Frieden ist relativ.

Arunachal Pradesh, Indien
Per Anhalter unterwegs in Arunachal Pradesh

Entlang der holprigen Straße wächst dichtes Grün an schwindelerregenden Hängen, die sich irgendwann zu den schneebedeckten Bergkuppen an der Grenze zu Tibet aufschwingen. Zusammen mit Sonam sitzen wir in einem Pickup. Sein fülliges Gesicht mit dem dunklen, gelfrisierten Schopf wechselt zwischen Fahrbahn und uns hin und her. Er ist Ingenieur, erzählt Sonam, arbeitet für ein Telekommunikationsunternehmen in der Kleinstadt Bomdila. Hundert Kilometer gemeinsamer Fahrt entlang gefährlicher Serpentinen liegen vor uns.

Unter uns rauscht und gurgelt der Kemang aus den Bergen heraus. Bunte buddhistische Gebetsfahnen flattern entlang der Strecke im Wind. Jäh ragt massives Gestein über uns empor und schon nach ein paar Kilometern sind wir zu einer ersten Pause gezwungen. Ein Erdrutsch blockiert die Straße. Nichts Ungewöhnliches hier. Bagger räumen riesige Felsbrocken aus dem Weg. Schweres Metall kratzt an hartem Gestein. Dann stürzen die Felsen tosend in den Abgrund.

Nach einer Stunde ist der Weg wieder frei und Sonam lenkt seinen Pickup wie einen Sportwagen über die mit losen Steinen übersäte Piste. Ganz lässig lehnt er sich mit hochgekrempelten Hemdsärmeln in den Fahrersitz, führt den Wagen wenige Zentimeter am Abgrund vorbei. Vor dem Sturz in die Tiefe hat er offensichtlich keine Angst. Was ihn beunruhigt ist die Felswand. Immer wieder geht sein Blick hinauf ins Gestein. Sonam kontrolliert die Überhänge, die aufragenden Felsbrocken, sucht mit den Augen rollende Steine und rutschende Erde, um dann schnellstmöglich aus der Gefahrenzone zu preschen.

Im Inneren schaukeln wir hin und her. Sonam kennt die Strecke, ist das Schlingern gewohnt. Für uns sind die endlosen Kurven zu viel. Übelkeit zieht vom Magen hoch bis in die Brust. Ich atme schwer, bin gefangen in meinem Leiden. Die atemberaubende Landschaft hinter der Fensterscheibe rückt in weite Ferne. Kopfschmerzen kommen hinzu. Es fehlt ein Horizont, an dem das Gehirn die beständige Bewegung ausgleichen könnte.

Es sind nicht nur die Kurven: Die Straße ist über weite Strecken katastrophal, von Erdrutschen kaputt geschlagen und vom Regen ausgewaschen. Holprige Spurrillen, geformt vom schweren Lastentransport ins Gebirge, sind tief in den Untergrund graviert. Verbeulte Lkws und Sumos, indische SUVs und wichtigste Transportfahrzeuge zwischen den rauen Tälern, quälen sich entlang der schmalen, buckeligen Fahrbahn.

Seit sieben Jahren wird an der Straße bereits gebaut, erzählt uns Sonam und doch ist sie vollständig heruntergekommen. Frauen und Männer in einfacher Kleidung marschieren entlang des Abgrunds. Sie gehören zu den Arbeiterkolonnen, die am Straßenrand Steine klopfen und lehmige Erde umlagern. Es ist eine Sisyphusarbeit, mit der sie versuchen die Straße auszubessern, bis der nächste Erdrutsch ihr Werk wieder zunichtemacht.

Ab und an passieren wir winzige Siedlungen. Oft nicht mehr als ein Dutzend Häuser vor denen runzlige Frauen in robusten Stoffen sitzen. Sie verkaufen kleine, saure, saftige Bergäpfel an die wenigen Vorbeifahrenden.

Sechs Stunden schlängeln wir uns mit Sonam durch scharf zerklüftete Täler und Schluchten bis wir Bomdila erreichen. Sechs Stunden für 100 Kilometer. Die kleine Stadt ist ein langgezogener Ort am Hang, mit einem buddhistischen Kloster und niedrigen, rostigen Wellblechhütten am Stadtrand. Bezirksverwaltung. Durchgangsstation. Hier entspannt sich mein Magen wieder.

Arunachal Pradesh, Indien
mit Sonam erreichen wir Bomdila nach langer, schaukeliger Fahrt
Bomdila, Arunachal Pradesh, Indien
Blick über Bomdila und die Berge

Am nächsten Morgen müssen wir nicht lange auf eine weitere Mitfahrgelegenheit warten. Das erste Auto hält und wir fahren mit zwei Schwestern weiter nach Munna. Die Straße ist hier überraschend eben. Nur gelegentlich bremst uns das eine oder andere Schlagloch aus.

Im kleinen Dorf Munna wachsen Limetten und Granatäpfel an den Bäumen der Gärten, die den Hang hinauf liegen. Auch Bananen und Erdnüsse gedeihen rund um die etwa 100 Wohnhäuser im Tal. Hinter Munna führt eine rumplige Seitenstraße steil bergauf. Zu steil fast, um sie mit unseren Rucksäcken zu bezwingen. Also warten wir, den Blick neugieriger Dorfbewohner im Rücken. Nicht ein einziges Fahrzeug nähert sich. Es ist absolut still. Lediglich das Rascheln der Blätter im Wind dringt leise an unsere Ohren. Doch dann, nach 40 langen Minuten, brummt ein Pickup heran. Hinterm Steuer sitzt ein junger Mann aus dem Nachbardorf Namshu, der uns ohne viele Worte bis nach Thembang bringt.

Thembang und der Blick in die Berge

Die Straße führt uns durch dichten Nebelwald weit hinauf in bergige Höhen. Der Weg ist so schmal, dass die Äste der Bäume zu beiden Seiten an die Fensterscheiben schlagen. Auf knapp 2.200 Metern über dem Meeresspiegel erreichen wir unser Ziel: Thembang – ein winziges Dorf, bewohnt vom Stamm der Monpa. Devraj, ein Freund aus Guwahati, hatte uns von dieser kleinen Siedlung erzählt, von dem beschaulichen Leben und der beschwerlichen Anreise. 300 Kilometer liegen zwischen Guwahati, der Hauptstadt Assams, und Thembang. Drei Tage waren wir unterwegs.

Thembang gehört zu den versteckten Schätzen in Arunachal Pradesh. Das ist nicht weiter schwer, denn Arunachal Pradesh selbst ist noch weitgehend unerschlossen. Wir mieten uns im Bauernhaus eines älteren Ehepaares ein Zimmer am Rand des Dorfes. Öffnen wir die Fenster, so breitet sich ein vorzügliches Panorama vor uns aus. Der Blick fällt hinunter ins Tal. Wild wucherndes Grün steigt hinab und erklimmt auch auf der gegenüberliegenden Seite die Hänge. Dort verschwindet es in pummeligen Wolken, die an den Rändern der Berge rasten.

Tiefe Schluchten durchschneiden die Gegend. Der Fluss Dirang sprudelt weit unter uns durch die Landschaft. In dieser fesselnden Kulisse erhebt sich Thembang auf dem Rücken eines Hügels.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Blick hinab ins Tal

Von der UNESCO geschützt, gehört Thembang zu jenen Orten, die mich aus der Wirklichkeit reißen, in denen die Zeit hunderte Jahren stehen geblieben scheint. Eine gewaltige Steinmauer, erdig und grob gehauen, umschließt das winzige Dorf auf einer Fläche von nicht einmal zwei Fußballfeldern. Einer Festung gleich ragt sie monumental empor.

Die historischen Mauern von Thembang

Wir nähern uns über ausgetretene, ungleichmäßige Stufen, die hinauf zu einem turmhohen, knubbeligen Tor führen. Schlingpflanzen ranken darüber hinweg und Maisähren nicken schüchtern über die Mauern. Hier leben seit unzähligen Generationen die Monpas, eine von mehr als 100 verschiedenen indigenen Ethnien in Arunachal Pradesh. In dieser abgelegenen Ecke treffen Einflüsse aus Tibet und Bhutan auf das vielschichtige kulturelle Gemisch Nordostindiens und fusionieren zu einem Schmelztiegel, der die Kulturen des indischen Subkontinent, Südostasiens und der Himalajaregion in sich eint.

In Thembang wirtschafteten die Monpas bereits im Mittelalter hinter den Mauern ihres Dorfes, das zu den ältesten Siedlungen überhaupt in der Region zählt. Hier wurden schon Werkzeuge aus der Jungsteinzeit gefunden.

Hinter dem fünf Meter hohen Eingangstor führen enge Gassen vorbei an Fachwerkhäusern auf steinernen Basen. Dunkle Wände, vom Ruß geschwärzt, stehen sich gegenüber, werfen ihre Schatten aufeinander. Dorfbewohner sehen wir nicht, stattdessen umgibt eine merkwürdige Stille unsere ersten Schritte in Thembang. Irgendwie unheimlich wirkt das menschenleere Dorf. So als wären wir Eindringlinge an einem verbotenen Ort. Daran ändern auch die Hühner nichts, die kopfnickend mit ihren Küken über erdige Wege stolzieren. Graue Wolken ziehen am Himmel vorüber, verdecken die Sonne. Es schaudert mich und ich kann nicht sagen, ob es nur an der plötzlichen Kälte liegt.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
das steinerne Eingangstor von Thembang
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
in den Gassen von Thembang
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
traditionelles Wohnhaus in Thembang

Eine Katze schnurrt mit ihren Jungen unter einer Veranda. Über einer offenen Feuerstelle, nicht mehr als drei sich gegenüber stehende unbehauene Felsbrocken, röstet eine ältere Frau Erdnüsse in einer eisernen Pfanne. Unseren Gruß erwidert sie nicht, scheint nicht einmal Notiz von uns zu nehmen. Es ist als seien wir Geister, die durch einen fremden Ort schweben. An beinahe jedem Haus lehnt meterhoch gestapeltes Feuerholz. In den Ecken liegen leere Kanister, Baumaterial, Werkzeuge.

Ein paar Häuser weiter flickt ein Mann auf der Schwelle seiner Haustür ein paar Schuhe. Maiskolben trocknen unter den Dächern, während bunte Wäsche im lauen Wind tänzelt. Mit Lehm verputzte Bambuswände sind zwischen stabilen Holzpfeilern eingelassen. Sie bilden die Außenwände vieler Häuser im Dorf. Andere Behausungen sind komplett aus Stein errichtet, reichen vier oder fünf Meter in die Höhe. Wieder andere sind aus bestem Kiefernholz gezimmert. Alle eint die hohe Türschwelle, die sowohl böse Geister als auch Ungeziefer aus dem Haus halten soll.

Die Häuser in Thembang werden noch immer nach jahrhundertealter Tradition errichtet. Die Handwerkskunst der Monpas geht von einer Generation zur nächsten über. Kein Beton, keine Lastenkräne, keine Helme, kein Arbeitsschutz. Stattdessen eine Dorfgemeinschaft, die zusammen ihr Leben gestaltet. Das ist authentisch im poetischen Sinn.

Aus der Moderne kommend wirkt Thembang wie eine Kulisse der Vergangenheit. Ganze 42 Häuser befinden sich in der Ummauerung Thembangs, die von den Monpas Dzong genannt wird. Dabei bezeichnet ein Dzong eigentlich eine buddhistische Klosterfestung, die vor allem im Nachbarland Bhutan, aber auch in Tibet, aufgrund ihrer ausgereiften Architektur berühmt ist. Doch die Festungsanlage in Thembang ist viel älter als vergleichbare Klöster in Bhutan und Tibet. Bereits im 10. Jahrhundert sollen die Mauern errichtet worden sein und dienten so möglicherweise als Vorläufer für die architektonische Entwicklung in den benachbarten Regionen.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
in Thembang leben die Menschen noch wie vor einhundert Jahren
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
die Feuerstelle vor dem Haus ist häufig sozialer Treffpunkt
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
traditionelles Steinhaus in Thembang

In den Gassen von Thembang Dzong

Wir schlendern immer weiter zwischen den Häusern umher. Eine mittelalterliche Atmosphäre liegt über dem Dorf. Ab und an spioniert ein Knirps aus der Entfernung in unsere Richtung. Die übrigen Dorfbewohner zeigen sich sehr zurückhaltend. Gebetsfahnen flattern zwischen den Häusern. Halbierte Plastikkanister dienen als Blumentöpfe. Solarzellen fangen die Kraft der Höhensonne. Es ist ein kleines bisschen Moderne, um das Leben zu erleichtern.

Zwei junge Männer zerstoßen in einem riesigen hölzernen Mörser Reiskörner. Dabei wuchten sie immer wieder zwei schwere Stößel in das Gefäß. Ihre Bewegungen sind routiniert. Beinahe mechanisch funktionieren die beiden im Takt. Puffend gehen die Stößel nieder, reiben mit leisem Knirschen den Reis.

Ein paar Häuser weiter, ganz am Rand der Dorfmauer, fegt eine Frau Laub vor ihrem Heim. An einer anderen Ecke stecken alte Männer die Köpfe zusammen, rauchen. Überhaupt sind es überwiegend alte Menschen, denen wir in den Festungsmauern von Thembang begegnen. Auch außerhalb der Mauern, dort wo sich Thembang an den Hang schmiegt, um all seinen Bewohnern Platz zu bieten, finden wir kaum ein junges Gesicht.

Wenn ihr unsere Abenteuer und Geschichten gerne auf Papier lesen wollt, dann schaut doch mal hier:

In unserem Buch Per Anhalter nach Indien erzählen wir von unserem packenden Roadtrip durch die Türkei, den Iran und Pakistan. Wir berichten von überwältigender Gastfreundschaft und Herzlichkeit, feiern illegale Partys im Iran, werden von Sandstürmen heimgesucht, treffen die Mafia, Studenten, Soldaten und Prediger. Per Anhalter erkunden wir den Nahen Osten bis zum indischen Subkontinent und lassen dabei keine Mitfahrgelegenheit aus. Unvoreingenommen und wissbegierig lassen wir uns durch teils kaum bereiste Gegenden in Richtung Asien treiben.

2018 Malik, Taschenbuch, 320 Seiten

zum Buch

Aber es gibt sie, die Jugend. Am späten Nachmittag kommt sie zurück nach Thembang, schleicht aus dem Wald und von den Feldern zurück in den Schoß der Gemeinschaft. Wir hören ihre Musik. Poppiger Hindi Rap dringt aus einem der alten Häuser mitten in Thembang. Davor lehnt ein junger Mann am Geländer eines Balkons. Sein Blick schweift gedankenverloren in den Hof unter ihm. Ein winziges Geschäft verkauft eine lächerlich wirkende Auswahl an Produkten – Chips, Instantnudeln und Zigaretten.

Auf niedrigen Dächern trocknen Chilischoten in der Sonne. Jemand schwenkt Reis in einem breiten, geflochtenen Teller und trennt so die letzten Hülsen von den Körnern. Eine friedliche Aura liegt über Thembang. Unaufgeregtes Leben, einfach in seiner Gesamtheit. Langweilig sagen die einen, geprägt von harter Arbeit, murmeln andere.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Frauen kümmern sich um die Ernte
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
in Thembang folgen die Menschen den Traditionen ihrer Ahnen
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
im schnellen Takt mahlen die jungen Männer Reiskörner in einem Mörser

Die Sache mit den Nasen

Ein paar Gärten und Felder schmiegen sich um Thembang. Hier wachsen Mais und Bohnen, Kalebassen, Kohl und Chilis. Lustig angezogene Vogelscheuchen stehen steif in der Gegend herum. Das alles gehört der Gemeinschaft. Privateigentum von Grundstücken gibt es in Thembang nicht.

Auf der anderen Seite des Dorfes stehen wir vor einem zweiten Tor. Nicht ganz so wuchtig wie das Eingangstor dient es als Ausgang aus der Festung. Steile Stufen führen hinab. Hier treiben Hirten ihre Tiere hinaus auf die Weiden.

Eine rundliche Frau kommt uns entgegen. Ihr Mondgesicht ist freundlich, aber unvollständig. Dort, wo bei uns lange Nasen aus den Gesichtern ragen, ist bei ihr – nichts. Kein Nasenbein, gar nichts. Lediglich ein kleiner Nasenstups ragt kurz über der Oberlippe vorher. Ein winziger Ansatz. Darüber führt glatte Haut bis zu den Augen. Nicht mal die Andeutung einer Erhebung ist zu erkennen. Fast alle Nasen sind in Thembang sehr klein. Sie zierlich zu nennen, wäre schon zu viel. Aber diese Frau, mit der sonnenverbrannten Haut und eingepackt in wollene Tücher und Pullover übertrifft sie alle. Mit ihrem Gesicht ohne Nase wackelt sie freudig hinein ins Dorf.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
mitterlalterliche Atmosphäre in Thembang
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
drei Unerschrockene und ihre schelmische Freundin
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
wilde Gärten wuchern auf dem Hügel um Thembang
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
traditionelles Wohnhaus im Grünen

Die Männer aus dem Wald

Hinter Thembang erhebt sich ein steiler, grün bewachsener Hügel. Wild wuchernde Gärten säumen die schmalen Stufen. Auf etwa halber Höhe sitzt ein Mann vor seinem Haus, murmelt Mantras und zählt die Glieder seiner Gebetskette. Oben auf dem Hügel befindet sich die Gompa Thembangs, die buddhistische Versammlungshalle. Davor, zu unserer Rechten, ragt ein weißer Stupa empor. Die buddhistischen Augen der Weisheit schauen von ihm in nepalesischer Tradition in alle vier Himmelsrichtungen. Eine Manimauer mit in Stein gemeißelten, buddhistischen Mantras umschließt ihn. Ganz in der Nähe schleppt ein krummer Mann ein schweres Bündel Feuerholz. Mühsam stützt er sich auf einen langen Stock. Ein Beil baumelt an seiner Hüfte.

Als er uns sieht, bricht ein ulkiges, glucksendes Kichern aus ihm heraus. Vielleicht hat er nicht mehr alle beisammen, denke ich noch, da streckt uns die Gestalt auch schon strahlend die Hände entgegen und schüttelt unsere enthusiastisch. Er brabbelt ein paar Worte, die er mit seinem Glucksen unterlegt, dann buckelt er das schwere Holz die Stufen hinab nach Thembang. Eine Gestalt, entrückt aus der Gegenwart, so wie Thembang selbst.

Die Gompa ist ein einfaches, weiß getünchtes Gebäude im tibetischen Stil. Eine große Gebetsmühle steht neben dem dunkelroten Eingangstor, dessen Flügel jeweils mit einem Dharmachakra, dem Symbol der buddhistischen Lehre, verziert sind. Von hier, etwas erhöht, hat man den besten Blick auf Thembang und die Berge der Umgebung. Nicht weit entfernt sitzen ein junger buddhistischer Mönch und ein vielleicht fünfjähriger Junge am Rand des Hügels, unterhalten sich mit einem fantastischen Blick hinab ins Tal.

Literatur Indien

Literaturtipps zu Indien

Zwischen Himalaja und Indischem Ozean entstehen atemberaubende Geschichten. Wenn ihr Lust habt mehr über den spannenden Subkontinent zu erfahren, bekommt ihr hier 11 Literaturtipps von uns, mit denen ihr vom heimischen Sofa in die faszinierende, ungeschminkte Welt Indiens eintauchen könnt. Und ja, Rochssare hat sie alle selbst gelesen.

zu den Literaturtipps

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
die beschauliche Gompa von Thembang sitzt auf einem Hügel über dem Dorf
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Stupa mit den buddhistischen Augen der Weisheit
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Mönch und Kind genießen den Blick auf Thembang und die nahen Berge

Ein Dorfbewohner kommt mit einer Ladung Feuerholz auf dem Rücken, die er lediglich mit einem Riemen über der Stirn trägt, aus dem Wald hinter der Gompa. Ein Junge, der das schulpflichtige Alter wohl erst noch erreichen will, spaziert neben dem Erwachsenen und zieht dabei einen langen, dünnen Stamm hinter sich her. Auch sie steigen hinab nach Thembang.

Leben mit dem Sonnenstand

Wenig später sitzen wir in der geräumigen Küche unserer Unterkunft. Es ist mit Abstand das größte Zimmer im Haus und düster wie eine Höhle. Töpfe und Pfannen hängen an einer rußgeschwärzten Wand. Eine Feuerstelle befindet sich daneben. Über den Flammen hängt ein Kessel in dem duftendes Curry sacht vor sich hin köchelt. Eine einsame Glühbirne hängt von der Decke, taucht die fensterlose Küche in schummriges Licht.

Wer durch die abgelegene Bergwelt von Arunachal Pradesh reist, landet früher oder später genau hier – in der Küche einer Privatunterkunft. Sie ist der einzige Ort, der warmes, deftiges Essen garantiert. In Thembang und all den anderen kleinen Dörfern der Region leben die Menschen als Bauern und Selbstversorger. Es gibt keine nennenswerten Geschäfte, keine Restaurants oder Cafés, kein Lokal, in dem man eine warme Mahlzeit ordern könnte. Wir schlürfen heißen Tee, lassen uns anschließend Reis und Kohl schmecken. In der Küche ist es frisch, die Portionen einfach aber reichhaltig – wunderbare Bedingungen, um sich satt zu essen.

Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Stupa mit Blick auf Thembang und die Berge von Arunachal Pradesh
Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Thembang liegt etwa 2200 Meter über dem Meeresspiegel

Nach Sonnenuntergang wird es in wenigen Augenblicken kalt. Die dicken Wolldecken auf unseren Betten reichen gerade so gegen die Kälte. In Thembang ist es still. Ein paar Sterne funkeln weit über der Festung des Dorfes. Das tägliche Leben folgt dem Stand der Sonne. So kommt es, dass wir am nächsten Morgen gegen 5:30 auch schon wieder wach sind. Das Schnattern der Frauen vor unserem Fenster ist ein unfreiwilliger Wecker. Aber sie sind nicht die Einzigen. Die ersten Bewohner verlassen die Mauern Thembangs, machen sich auf den Weg zu den Feldern und in den Wald, schlendern vorbei an wassergetriebenen Gebetsmühlen und Manimauern. Sie dreschen ihre Ernten, sammeln heilende Kräuter – folgen den Lebensweisen ihrer Ahnen. 

Wir verlassen Thembang, wie wir gekommen sind. Die schmale Straße führt hinab ins Tal. 14 Kilometer sind es bis nach Munna, von denen wir knapp die Hälfte laufen müssen, bevor uns ein Lkw des indischen Militärs auf seiner Ladefläche mitnimmt. Gemeinsam mit ein paar Soldaten rumpeln wir bis an die Hauptstraße. Die Männer in Olivgrün halten gerade eine Truppenübung  in den abgelegenen Bergen ab. Sie proben den Ernstfall. Vom Rivalen China trennen sie nur ein paar Bergrücken. Auch wir kommen dem Reich der Mitte noch etwas näher. Von Munna geht es weiter nach Tawang.

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Thembang, Arunachal Pradesh, Indien
Manimauern säume viele Wege im buddhistischen Arunachal Pradesh
trampen in Arunachal Pradesh
unterwegs mit der indischen Armee


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  • Gezilecek yerler
    24. Mai 2019

    Eine tolle Gegend. Ich will dahin. Vielen Dank.


    • Morten & Rochssare
      26. Mai 2019

      Arunachal Pradesh ist fantastisch! Aber sehr schwierig zu erreichen. Das hat Vor- und Nachteile 😉