Die Jagd auf die Jäger und das schlechte Gewissen

Der Kaziranga Nationalpark und das Indische Panzernashorn


3. Dezember 2017
Indien
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In der Traditionellen Chinesischen Medizin gilt es als Wundermittel. Von Krebs bis zu Erektionsstörungen kann man mit ihm alles heilen: Das Horn des Indischen Panzernashorns. Es sei sogar um ein mehrfaches potenter als das Pendant aus Afrika. Ein Grund mehr für die horrenden Schwarzmarktpreise in China.

Für 100 Gramm des seltenen Horns gibt es 6000 US Dollar. Ein durchschnittliches drei Kilo schweres Horn bringt demnach 180.000 US Dollar. Damit ist das aus Keratin bestehende Horn teurer als Gold. Gerade in China und Vietnam ist die Nachfrage groß. Ein lukratives Geschäft für Wilderer und Schmuggler. Ein lebensgefährlicher Umstand für das vom Aussterben bedrohte Panzernashorn.

Trotz weit verbreitetem Aberglauben, zahlreichen schlappen Schwänzen und Wucherpreisen hat sich der Bestand der Indischen Panzernashörner erholt. War es Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe ausgerottet, damals existierten weniger als 200 Tiere, ist der Bestand heute auf etwa 2800 angestiegen. Etwa 2400 von ihnen leben im Kaziranga Nationalpark in Indiens nordöstlichem Bundesstaat Assam unter dem Schutz bewaffneter Parkwächter.

Die Administration des Nationalparks nimmt seine Aufgabe ernst. Als im Jahr 2013 Wilderer 27 Tiere erschossen und ihnen teilweise noch bei lebendigem Leibe das Horn absägten, greift sie zu rigorosen Mitteln. Die Parkwächter erhalten offiziell Schießbefehl, sobald sie verdächtige Personen nachts im Nationalpark entdecken.

In den letzten drei Jahren wurden daraufhin 56 Wilderer getötet, was den Park 2017 in einer großangelegten BBC Reportage in die Schlagzeilen brachte. BBC erklärte, dass im Park “mehr Wilderer getötet werden, als Tiere“. 2015 waren 17 Nashörner von Wilderern getötet und 23 Wilderer von Parkwächtern erschossen worden.

Kaziranga National Park, Assam, India

Gras- und Sumpflandschaft im Kaziranga Nationalpark in Assam, Indien

Kaziranga zwischen Artenschutz und Schießbefehl

Besonders delikat ist in diesem Zusammenhang, dass die Umgebung des Nationalparks dicht besiedelt ist. Die Bewohner aus den naheliegenden Dörfern leben seit jeher in enger Verbundenheit mit dem sie umgebenden Wald und der Graslandschaft, in dem der Nationalpark eingebettet ist. Hier sammeln sie Feuerholz, Kräuter und Pflanzen.

Die Grenzen des Nationalparks sind offen. Zäune gibt es nicht. Für jeden, der sich nachts im Nationalpark aufhält, wird es nach neuesten Regelungen jedoch gefährlich. Mehrere Dorfbewohner, die nicht mit Wilderei in Zusammenhang standen, kostete dies bereits das Leben.

Doch die Behörden verteidigen sich: Das Vorgehen der Parkwächter gelte nicht nur dem Schutz der bedrohten Panzernashörner, sondern auch ihrem eigenen. Den bewaffneten Wilderern sei alles zuzutrauen. Dabei steht den 106 Wilderern, die in den letzten 20 Jahren erschossen wurden, ein einziger getöteter Parkwächter entgegen.

Auf die Dokumentation des britischen Nachrichtensenders BBC Our World: Killing for Conservation reagierte das indische Umweltministerium empfindlich. Die Naturschutzarbeit des indischen Staates würde schlecht gemacht werden, heißt es von offizieller Seite. Mehrere wütende Maßnahmen wie Visaentzug und Einreiseverbot wurden den Filmemachern angedroht.

 

kaziranga, Nationalpark, Assam, Indien

Zackenhirsche, Barasinghas, im Grasland des Kaziranga Nationalparks

Das ganze Tohuwabohu um den Park hat natürlich seinen Grund. Das 430 km² große Schutzgebiet gilt als Lebensraum mit hoher Bio-Diversität. Auch wenn das Rhinoceros unicornis, so der lateinische Name des einhörnigen Indischen Panzernashorns, die unumstrittene Hauptattraktion ist, leben hier 34 weitere Säugetierarten, von denen insgesamt 15 als bedroht eingestuft werden.

Rund 1000 Elefanten, über 100 Bengalische Tiger aber auch Wasserbüffel, Leoparden und Zackenhirsche teilen sich das Terrain. Etwa 500 verschiedene Vogelarten, noch mehr Pflanzen-, Fisch-, Amphibien- und Reptilienarten sind hier in der weiten Gras- und Waldlandschaft beheimatet, die sich an eine Flussbiegung des mächtigen Brahmaputras schmiegt.

Kaziranga und die Fluten des Monsun

Das ebene Schutzgebiet ist im Norden und Osten durch das Wasser begrenzt und mit zahlreichen Sumpf- und Wasserlöchern durchzogen. Während des Monsuns wird der Park regelmäßig überschwemmt.

Im Sommer 2017 fluteten die stärksten Regenfälle seit Jahren die Hälfte des Nationalparks. Fast 200 Tiere kamen ums Leben, darunter 9 Panzernashörner und 3 Elefanten. Viele Dickhäuter retteten sich vor den Fluten in bewohnte Gebiete, spazierten seelenruhig durch die Dörfer, während Menschen stillstehend bewundernd den Atem anhielten.

Während der Regenzeit überqueren die Tiere für gewöhnlich auch den National Highway 37, um auf der gegenüberliegenden Seite, auf der Anhöhe der Karbi Anglong Hügel, Schutz zu suchen. Darum beträgt die Höchstgeschwindigkeit im Nationalpark, auf der Hauptverkehrsstraße von Tezpur nach Jorhat, lediglich 20 km/h.

Auch unsere Mitfahrgelegenheit schleicht über den Highway. Wir sind auf dem Weg in das Dorf Kohora, am Eingang des Kaziranga Nationalparks. Nach den allgegenwärtigen Teeplantagen in Assam, dem größten Teeanbaugebiet Indiens, ändert sich hier die Vegetation.

Sumpfige Graslandschaft ebbt bis an den Highway. Schon von der Straße können wir in der Weite die ersten Tiere als graue Punkte in der Entfernung ausmachen. Die großen grauen Punkte sind Elefanten, die kompakten sind Nashörner.

Das Dickhäuterdilemma

Die Gegend rund um den seit 1985 von der Unesco als Weltnaturerbe gelisteten Nationalpark ist, wie der gesamte Nordosten Indiens, Stammesgebiet. Die Bewohner der nahen Dörfer leben ein einfaches, naturverbundenes Leben. Viele Häuser sind aus lehmverputzen Bambuswänden und Wellblechdächern errichtet, kleine Straßenrestaurants befeuern ihre einfachen Köstlichkeiten mit Feuerholz in Lehmöfen.

Doch natürlich ist man auch auf die Touristen eingestellt. Homestays, Gasthäuser und große, weitläufige Resorts, Restaurants und kleinere Shops befinden sich überall entlang der staubigen, von Schlaglöchern übersäten Straße. Aus Holz geschnitzte Elefanten und Nashörner stehen auf langen Tischen nebeneinander für den Verkauf bereit.

Kaziranga National Park, Assam, India

Unser Besuch im Kaziranga Nationalpark ist mit Gewissensbissen verbunden. Im Nationalpark werden zwei Touren angeboten: Eine Jeep-Safari und eine Safari auf dem Rücken eines Elefanten. Wie auch im Chitwan-Nationalpark im Flachland Nepals, werden domestizierte Elefanten eingesetzt, um möglichst nahe an die Nashörner heranzukommen, denn die Dickhäuter nehmen sich gegenseitig nicht als Gefahr wahr.

So soll es zu einem möglichst natürlichen Kontakt von Tier zu Tier kommen. Schon in Guwahati, Assams Hauptstadt, hatte man uns zwar versichert, dass die Elefanten im Kaziranga Nationalpark gut behandelt würden, dennoch bleiben wir skeptisch. Zu viel hören wir von misshandelten Elefanten in Südostasien, zu oft haben wir geschundene Elefanten in Indien gesehen.

Doch das sind nicht die einzigen Überlegungen. Unsere Ethik wird vom Pragmatismus untergraben. Aufgrund der starken Überschwemmungen während der diesjährigen Regenzeit sind bis auf eine schnurgerade Piste sämtliche Wege innerhalb des Parks wegen Aufräumarbeiten für Jeeps gesperrt. Wenn wir Nashörner sehen wollen, dann nur vom Rücken eines Elefanten.

Wir stecken in einem Dilemma, einerseits wollen wir nicht zum Leid der Elefanten beitragen, die immer erst gewaltsam gebrochen werden müssen, bevor sie sich als willige Arbeitskraft nutzen lassen. Andererseits wollen wir Nashörner sehen. Wie viel Moral erlauben wir uns? Gibt es eine Rechtfertigung dafür, das Leid des einen Dickhäuters gegen den Schutz eines anderen abzuwägen?

Dürfen Elefanten misshandelt werden, damit zahlende Besucher des Parks auf ihnen die bedrohten Panzernashörner betrachten können, und so zu ihrem Erhalt beitragen? Letztendlich halten wir es wie die Leitung des Kaziranga Nationalparks, die für den Schutz der Tiere auf Menschen schießen lässt. Das ist nicht feinfühlig, schafft aber dennoch Tatsachen.

Kaziranga Nationalpark, Assam, Indien

Besuch im Kaziranga Nationalpark

Am nächsten Morgen sitzen wir kurz nach 6 Uhr morgens auf dem Rücken von Lakshmi, einer Elefantendame. Ein Mahut, ein Elefantenführer, lenkt sie und fällt uns sonst nur dadurch auf, dass er kleine, leere Tüten Kautabak, nachdem deren Inhalt in seinem Mund verschwunden ist, unauffällig aus der Hand, in die Luft, auf den Boden befördert.

Kurz zuvor tauchten Lakshmi und ihre Artgenossen sanft und gemächlich aus der Entfernung auf. Aus dem frühmorgendlichen Dunst über dem hohen Gras zeichneten sich ihre schemenhaften Körper ab, bis sie, Schritt für Schritt immer deutlicher werdend, vor einem hohen Podest stehen blieben.

Hier steigen täglich Besucher auf die Rücken der Tiere. Wie sind die einzigen Ausländer und es sind vor allem die kleinen Besucher, die vor Aufregung von einem Bein auf das andere Hüpfen und es kaum abwarten können auf den großen Tieren reitend endlich Nashörner zu sehen.

Wir sind noch immer unsicher, ob wir uns in diesem Moment wirklich richtig verhalten. Wahrscheinlich wissen wir die Antwort, und sie drückt uns aufs Gemüt. Doch die Elefantenführer behandeln die Tiere scheinbar mit Sorgfalt. Die üblichen Wunden der in Indien als Lastentiere genutzten Elefanten, bei denen die Haut aufgrund zahlreicher Stockschläge aufgeplatzt ist, sind nicht zu sehen.

Etwa acht Elefanten, schaukeln nun der aufgehenden Sonne entgegen, die am bewölkten Himmel kleine, bunte Farbtupfer zaubert. Nebelschwaden hängen über dem hohen Gras. Einige Elefantenkälber suchen Schutz zwischen den Beinen der Erwachsenen und folgen der Herde auf ganz natürliche Weise, ohne dass sie mit einem Mahut in Berührung kommen.

Kaziranga National Park, Assam, India

Das Alphatier wird durch die Graslandschaft geführt, die anderen Elefanten und die Kälber folgen in Reih und Glied. Zielstrebig nähern wir uns einer Gruppe Panzernashörner, die sich genüsslich in einem Schlammloch suhlt. Diese scheinen gar keine Notiz von uns zu nehmen. Allerdings gehört das Sehvermögen auch nicht zu ihren Stärken.

Solange sie uns nicht hören, bemerken sie uns wahrscheinlich tatsächlich nicht. Der erste Anblick der Nashörner ist beeindruckend. Der kräftige Körper wird von kurzen Beinen getragen, der Kopf ist massiv. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Männchens reicht hinauf bis zu 190 cm, etwa so groß wie ein durchschnittlicher Niederländer.

Die faltige Haut, die den Körper vor Überhitzung schützt, sitzt wie ein undurchstößlicher Panzer auf den über zwei Tonnen schweren Körpern. Sie verleiht den Tieren ein urzeitliches Aussehen, als seien sie gerade aus dem Jura entsprungen. Das indische Panzernashorn ist nach dem afrikanischen Breitmaulnashorn das größte Nashorn der Welt.

Trotz ihrer Statur bewegen sich die Tiere relativ leichtfüßig. Manch eines bewegt den Kopf in unsere Richtung, kräuselt die Lippen und richtet den Blick, einer arroganten Prinzessin gleich, in die Höhe. Friedlich und unbekümmert suhlen sich die Tiere in dem kleinen Schlammloch. So verbringen sie etwa die Hälfte des Tages, die andere Hälfte nutzen sie vor allem zum Fressen. Rund 150 Kilo Gras, Pflanzen und Früchte vertilgen sie täglich. Ein zeitaufreibendes Unterfangen.

 

 

Kaziranga National Park, Assam, India

Kaziranga Nationalpark, Assam, Indien

Indisches Panzernashorn im Kaziranga Nationalpark

Dass sich hier mehrere Nashörner in demselben Schlammloch vergnügen, gehört eigentlich nicht zur Regel. Nashörner sind Einzelgänger, doch ihr Lebensraum ist auch im Kaziranga Nationalpark begrenzt. Waren sie einst über den gesamten Norden Indiens, von Pakistan und der Grenze zu Afghanistan, über die Flussebenen des Ganges und des Brahmaputras bis nach Myanmar und im Süden Nepals und Bhutans zu finden, gibt es sie heute nur noch im Nordosten Indiens und im Flachlands Nepals.

Der Jagdtourismus der Europäer Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch die Trockenlegung von Sümpfen für neue Landwirtschaftsflächen, die den Lebensraum der Panzernashörner fast vollständig zerstörten, zollten ihren Tribut.

Auch die dicht besiedelte Umgebung des Kaziranga Nationalparks entspricht kaum dem natürlichen Habitat. Ebenfalls ist die Anzahl der Nashörner im Park, gemessen an der Gesamtfläche, eigentlich viel zu hoch; die Nashörner müssen sich arrangieren, haben keine andere Wahl. Und die Tiere sind flexibel. So suhlen sie sich ohne Gram gemeinsam im selben Schlammloch.

Kaziranga National Park, Assam, India

Wir bedanken uns bei Kaziranga Holidays für die Einladung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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Und jetzt du!

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  • 4. Dezember 2017

    Lieber Morten, Liebe Rochssare,

    gerade bei Orten, die auch wir besucht haben, ist es schön, eure Eindrücke als Ergänzung zu den unsrigen zu lesen. Letztlich haben auch wir uns für eine Safari am Rücken eines Elefanten entschieden. Wir werden uns kein zweites Mal dafür entscheiden, auch weil wir die Misshandlung hautnah miterlebt haben. Einer der Elefantenführer war noch nicht lange dabei und fand Gefallen daran seine Macht auszuspielen, indem er den Elefant die von euch erwähnten Schläge verpasste – mit Sicherheit kein Einzelfall. Wir und andere BesucherInne schrien entsetzt auf und begannen zu schimpfen, was nichts an der Situation änderte, sondern nur auf Unverständnis traf. Uns wurde unvermittelt vor Augen geführt, wofür wir uns entschieden haben.

    Liebe Grüße


    • Morten & Rochssare
      5. Dezember 2017

      Traurig!
      Es ist schade, dass für den Erhalt einer Art eine andere leiden muss. Und es ist kein schönes Gefühl, wenn man, so wie wir, seinen Teil dazu beiträgt.