Krishna, Aryurveda, Kerala
Meine Panchakarma-Kur in Kerala 3/3 (Pressereise)

Ayurveda – Lehre vom gesunden Leben


16. Februar 2020
Indien
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In Kerala bin ich mitten in einer dreiwöchigen ayurvedischen Entgiftungskur. Die altehrwürdige indische Heilkunst beruht auf dem Prinzip des Gleichgewichts. Sind Körper, Geist und Seele in Balance, ist der Mensch gesund. Zu Beginn der Ayurveda-Behandlung war ich unruhig, nervös, wusste nicht, was ich erwarten konnte. Doch schon nach wenigen Sitzungen und inspirierenden Gesprächen gelange ich in einen Entspannungszustand, der mich wohlig warm umhüllt.

Am meisten liebe ich die Rituale, die vor und nach jeder Anwendung vollzogen werden. Ich liebe es, wie mir Sheeja vor jeder Behandlung den Kopf mit speziell angereichertem Kokosnussöl massiert, meine Haare einölt, mir noch einen extra großen Klacks in die trockenen Spitzen gibt, wie sie es schafft meine unbändigen Haare mit einem lockeren Handgriff zu einem unzerstörbaren Knoten zusammenzubinden – ganz ohne Haargummi versteht sich. Wie sie mir dann mein Gesicht mit einem speziellen Sesamöl in kreisenden Bewegungen massiert und dabei niemals die Ohrläppchen vergisst.

Ich liebe es, wie Smitha am kleinen Schrein in der Ecke des Behandlungszimmers Kerzen anzündet, Räucherstäbchen zum Glühen bringt. Eine kleine Puja, eine Zeremonie zu Ehren Dhanvantaris, dessen blaues Antlitz in einem hölzernen Rahmen an der Wand hängt. Der Gott des Ayurveda und der Heilkunst, in der hinduistischen Mythologie der Arzt der Götter, lächelt gutmütig und vierarmig in den Raum hinein, mit allerlei Goldschmuck verziert und mit einer Krone geehrt. Bevor mir Smitha warmes Öl im Sitzen auf den Rücken träufelt und die Behandlung mit einer obligatorische Schulter- und Nackenmassage einläutet, flüstert sie noch ein paar Worte zu Ehren Dhanvantaris.

Dhanvantari, Gott der Heilkunst
Dhanvantari, Gott der Heilkunst

Ich liebe es, wie mich Sheeja nach der Behandlung in die Dusche begleitet und sicher geht, dass ich auf dem ganzen Öl nicht ausrutsche. Ich bin tiefenentspannt, manchmal richtig weggetreten, während ihre routinierten Hände meinen Rücken einseifen und massieren. Dann legt sie mir zwei Thorths – dünne Badetücher aus reiner Baumwolle – zurecht und tänzelt lächelnd aus dem Badezimmer. 

Wenn ich aus der Dusche komme, wartet sie schon auf mich, rubbelt mit kräftigen Bewegungen meine Haare trocken, flechtet sie liebevoll zu einem Zopf, der mich wie eine Inderin aussehen lässt. Anschließend reibt sie mir noch eine kleine Menge Rasnadi Chornam, eine ayurvedische Pulvermischung aus Aloe Vera, Ingwer, Kurkuma, Süßholz, Tamarinde, schwarzem Pfeffer und noch zwei Dutzend anderer natürlicher Kräuter und Zutaten, auf den Scheitel – als Schutz gegen Erkältungen und nach jeder Haarwäsche zu empfehlen verrät sie mir. Noch schnell einen Tupfer Sandelholzpaste zwischen die Augenbrauen und unter den Kehlkopf, damit das Dritte Auge und das Hals-Chakra gekühlt und stimuliert werden, bevor mich Smitha mit einem großen Schirm zum Schutz vor der Sonne zurück zum Zimmer begleitet. 

Und ich liebe die vielen Kleinigkeiten, die meinen Tag begleiten. Den Geruch der kalten Buttermilch in meiner Nase während der Thakradhara Behandlung, das Gefühl von heißem Öl, dass mir über den Rücken geträufelt wird, den Geschmack des Inger-Zimt Tees, der in einer großen Kanne den ganzen Tag über auf meinem Tisch steht. Ich lausche den sanften Sitar- und Flötenklängen der indischen Musik, die in den Behandlungsräumen zu hören ist, dem wilden Gesang der Vögel zum Sonnenaufgang, während wir in der kleinen Yogahalle mit dem Sonnengruß den neuen Tag empfangen. Den Anblick des antiken Massagebetts aus massivem dunklen Holz, geschmückt mit goldenen Verzierungen, das wahrscheinlich genauso alt ist, wie meine zweiflügelige hölzerne Tür, die ich jeden Morgen verzückt mit beiden Händen und unerwartet hohem Kraftauswand öffne.

Krishna, Aryurveda, Kerala
Krishna, der Kuhhirte mit der Flöte

Sattva – die ayurvedische Ernährungslehre

Das Beste ist natürlich das Essen, mein Höhepunkt des Tages. Ich kann noch immer kaum glauben, dass Essen gleichzeitig so gesund und lecker sein kann. Drei Wochen lang verzichte ich auf Zucker und Koffein, auf jegliche Art unnatürlicher Zutaten und Zusatzstoffe, ernähre mich ausschließlich bio und vegetarisch und vermisse absolut gar nichts. Und eine Zubereitungsart ist plötzlich komplett aus meiner Ernährung verschwunden; denn Gebratenes oder gar Frittiertes suche ich auf dem Speiseplan vergebens.

Das Zauberwort heißt Sattva Küche – die ayurvedische und yogische Diät. Frische, vollwertige Zutaten, die leicht verdaulich und reich an Vitaminen und Nährstoffen sind gehören dazu. Weißbrot und andere Lebensmittel, die den Blutzucker schnell in die Höhe treiben oder schwer im Magen liegen, sind dagegen ebenso verbannt wie jegliche Art von Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern. Keine gebratenen Speisen, keine Eier, keine Kartoffeln, keine Süßigkeiten, keinen Kaffee, keinen Alkohol. Der Körper verdaut die Mahlzeiten mit geringem Aufwand, gewinnt aber die maximale Energie aus der Ernährung. Mehr Effektivität zwischen Einsatz und Ertrag ist kaum möglich. Der Körper ist fit und ausgeruht, der Kopf ist klar, und auch geschmacklich ist die Sattva Küche ohne den industriellen Hokuspokus exzellent.

Es wird ausschließlich von reinen Bronzetellern mit entsprechendem Besteck und Bechern gegessen und getrunken: die antibakteriellen Eigenschaften des Metalls werden im Ayurveda bereits seit langem genutzt. Bronze ist nicht nur hygienischer als andere Materialien, sondern sorgt auch noch für eine bessere Verdauung und ein besseres Immunsystem.

Frühstück, Ayurveda, Sattva Küche
ayurvedisches Frühstück
Mittagessen, Ayurveda, Sattva Küche
Mittagessen auf bronzenem Teller nach Ayurveda-Rezept
Abendessen, Ayurveda, Sattva Küche
Abendessen aus der Sattva Küche

Khizi – die Kräuterstempelmassage

Während der weiblichen Menstruation werden die Behandlungen einer Panchakarma-Kur komplett eingestellt. Der Körper unterlaufe momentan schon eine natürliche Entgiftung, eine weitere entgiftende Ganzkörperbehandlung wäre eine zu große Belastung, heißt es. Meine Menstruationsschmerzen – seit Jahren ein immer schwerwiegenderes Problem für mich, da nahezu unerträglich (trotz jeder Menge Schmerzmittel) – sind diesmal überraschenderweise von kurzer Dauer und auch ohne Medikamente zumutbar.

Vom Arzt erfahre ich, dass meine Menstruationsbeschwerden in erster Linie Stress bedingt sind und mit meinem erhöhten Vata-Wert zusammenhängen. Während meiner Menstruation bekomme ich eine lokale ayurvedische Behandlung pro Tag: Khizi, die Kräuterstempelmassage.

Dabei werden medizinische Kräuter, in meinem Fall auf Kurkuma-Basis, in faustgroße Baumwollsäckchen gefüllt, die dann wiederrum in sehr heißes ayurvedisches Öl getaucht werden, bevor der Körper damit behandelt wird. Die wohltuend heißen Säckchen werden über den Nacken, die Schultern, entlang der Wirbelsäule, den unteren Rücken, die Knie und Knöchel gerieben oder mit sanftem Druck geklopft.

Dabei wird Druck und Reibung auf bestimmte Nervenenden und Marmapunkte – die Bereiche im Körper in denen Muskeln, Arterien, Gelenke und Energiebahnen zusammentreffen – ausgeübt. Eine Stimulierung dieser Punkte hat eine unmittelbare Wirkung auf die inneren Organe und das Energiesystem des Menschen. Dabei sickern die Inhaltsstoffe der Kräuter durch die Säckchen und dringen tief in den Körper ein. Nach der Behandlung ist meine Haut von der Kurkuma gelb gefärbt. Die Baumwollsäckchen werden immer wieder frisch in das Öl getaucht, das 45 Minuten lang auf der Herdplatte brodelt.

Apotheke, Ayurveda
Behälter in der hauseigenen Ayurveda-Apotheke

Je nachdem welche Kräuter und Öle verwendet werden, hat die Kräuterstempelmassage verschiedene Verwendungsbereiche. In meinem Fall soll Kurkuma Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken und Muskeln vermindern. Aber auch Sportverletzungen, Arthritis und Muskelbeschwerden oder Schmerzen im unteren Rücken werden mit Khizi behandelt.

Während der dritten Woche werde ich am Vormittag weiterhin mit Thakradhara behandelt. Die Behandlung mit Buttermilch hat einen enorm beruhigenden Effekt auf mich und ich freue mich, als mir der Chefarzt während der wöchentlichen Unterredung die Weiterführung der Behandlung zusagt.

Vasti – der ayurvedische Öleinlauf

Weniger enthusiastisch bin ich bei der Erläuterung der nachfolgenden Methode. Vasti, der ayurvedische Öleinlauf.

Bei dem Matravasti, dem kleinen Öleinlauf, geht es, anders als bei der großen Schwesterbehandlung nicht darum, den Darm zu reinigen. Beim Matravasti wird etwa 100ml warmes ayurvedisches Öl, in meinem Fall wieder auf Sesambasis, rektal eingeführt. Ein offensichtlich unangenehmer Eingriff, der während meiner dritten Woche die Zeit direkt nach dem Mittagessen bestimmt. Sheeja und Smitha besuchen mich dafür diskret auf meinem Zimmer, die Einlaufspritze geschickt zwischen zwei metallenen Behältern versteckt. Ein Handtuch wird auf meinem Bett ausgebreitet, auf der Seite liegend wird mir das warme Öl eingeführt, danach erfolgt eine kurze Massage des Bauches und der Hände, ein paar Bewegungen mit den Beinen und Knien, um sicherzugehen, dass das Öl auch in alle Ecken meines Dickdarmes vordringt.

Danach machen sich Sheeja und Smitha davon, während ich ihnen, aus Gründen an mein Bett gefesselt, zum Abschied winke. Mindestens 30 Minuten soll ich in dieser Position verharren, möglichst nicht auf Toilette gehen, aber auch keinen eventuellen Drang unterdrücken. Im Idealfall bleibt das Öl in meinem Körper. In den ersten Tagen der Behandlung ist das ganze Prozedere ziemlich unerfreulich und ich traue mich danach zwei bis drei Stunden lang nicht, mein Bett zu verlassen, aus Angst einen Film Sesamöl hinter mir her zu ziehen. Doch bald schon wird auch der Öleinlauf ein normaler Teil meiner Routine und nach 30 Minuten sitze ich schon wieder wie gewohnt an meinem Schreibtisch auf der Veranda.

Der Dickdarm ist der Sitz der Vata-Energie. Eine Vata-Störung entsteht zuerst genau dort, bevor sie auf die übrigen Bereiche des Körpers übergeht. Matravasti ist daher eine klassische Anwendung bei überhöhten Vata-Werten und eine der wichtigsten Behandlungen meiner Panchakarma-Kur.

Der Öleinlauf reduziert die Vata-Werte direkt im Entstehungsort und sorgt gleichzeitig für eine Verbesserung der Darmflora. Das Öl macht den Darm geschmeidig und unterstützt die Verdauung. Ist Vata, dank der Behandlung, wieder im Gleichgewicht, verbessert sich auch der Schlaf, wird der Kopf klar und das Nervensystem gestärkt.

Behandlungsräume im Garten, Ayurveda Mana Resort

Pizhichil – der ayurvedische Königsguss

An den Nachmittagen der dritten Woche komme ich in den Genuss von Pizhichil, dem ayurvedischen Königsguss.

Dabei werden vier Liter heißes, mit Heilpflanzen angereichertes Öl in ruhigen, synchronen Bewegungen vierhändig über meinen Körper gegossen. Das Öl wird dabei erst in Tücher aufgesogen und danach in einem sehr sanften Strahl durch den Stoff hindurch auf den Körper gedrückt. Pizhichil ist eine Mischung aus Snehana (Sanskrit: Ölanwendungen oder Ölbäder) und Svedana (Sanskrit: Hitzeanwendung oder Schwitzkur) und vereint die positiven Wirkungen ayurvedischer Öle und Hitze.

Dicke Schweißperlen stehen während der einstündigen Anwendung auf meiner Stirn. Ich genieße Hitze und schon immer entspanne ich so am besten. Wahrscheinlich ist das bereits seit langem ein Ausgleich für meinen erhöhten Vata-Wert, der ja Kälte und Trockenheit mit sich bringt.

Meine Atemzüge sind langsam, tief und regelmäßig, mein Kopf frei von jeglichen Gedanken. Körper und Geist sind entspannt. Und dann passiert etwas Unerwartetes. Mein permanent verengtes linkes Nasenloch, durch das ich normalerweise kaum Luft bekomme, öffnet sich und ich merke, dass ich hauptsächlich durch mein linkes Nasenloch atme.

Pizhichil-Behandlung, Ayurveda, Kerala
Pizhichil-Behandlung (© Ayurveda Mana Resort)

Von den unzähligen Energiekanälen im Körper befinden sich laut Hatha Yoga zwei der Hauptenergieenergiekanäle auf der rechten und der linken Körperseite. Pingala Nadi, der rechte Energiekanal und Ida Nadi, der linke Energiekanal, sind verbunden mit den Nasenlöchern. Was in der chinesischen Philosophie Yin und Yang sind, stellen in der indischen Philosophie, im Yoga und im Ayurveda, Ha und Tha, Sonne und Mond, dar – die Grundenergien im Körper.

Der rechte Energiekanal leitet die Sonnenenergie, die für die männliche Energie, für körperliche Aktivität, Extrovertiertheit und für die Kraft der Vernunft steht. Sie verläuft durch das rechte Nasenloch und ist mit der rechten Gehirnhälfte verbunden. Währenddessen ist die Mondenergie mit dem linken Nasenloch und der linken Gehirnhälfte verbunden. Sie steht für die weibliche Energie, für geistige Aktivität, Introvertiertheit, Entspannung und Intuition.

Verstärktes Atmen, gezielt oder auch unbewusst, durch eines der beiden Nasenlöcher, verstärkt die jeweilige Energie. Bei meinem seit jeher verengten linken Nasenloch bin ich immer von einer Schiefstellung meiner Nasenscheidewand oder einer anderen körperlichen Ursache ausgegangen. Doch nun, während der Pizhichil-Behandlung, ist es plötzlich mein hauptsächlich aktives Nasenloch. Die kompromisslose Entspannung meines rastlosen Körpers während der Behandlung, stellt alles auf den Kopf. Meine Unfähigkeit durch mein linkes Nasenloch zu atmen war offenbar ein Zeichen meines aktiven Reisealltags und des Unvermögens zur Ruhe zu kommen und zu entspannen.

Lotusblüte im Wasser, Ayurverda, Kerala

Pizhichil hat, abhängig von den verwendeten Ölen, ganz verschiedene Anwendungsgebiete und wird eingesetzt bei Störungen im vegetativen Nervensystem, bei chronischen Schmerzen, psychosomatischen Beschwerden, rheumatischen Krankheiten, Störungen im zentralen Nervensystem oder auch sexuellen Problemen. Es wird aber auch als Verjüngungskur verwendet, regt den Stoffwechsel der Haut und der Organe an und wirkt somit stark entgiftend. Das heiße Öl harmonisiert die Körperbalance, bekämpft Stress, Angstzustände und Anspannung. In meinem Fall wird ein mit Wirkstoffen der Heilpflanze Barleria angereichertes Öl auf Sesambasis verwendet, das meine bestehenden Beschwerden lindern soll.

Momentan bekommen R, K und ich zeitgleich die Pizhichil-Behandlung. Vom Arzt erfahre ich, dass die Anwendungsgebiete und die Wirksamkeit der Behandlung ganz verschieden sein können und hauptsächlich mit den verwendeten Ölen zusammenhängen. In meinem Fall steht die körperliche und geistige Entspannung und die trockenen, schmerzenden Gelenke im Vordergrund, bei R wird die abgesunkene Libido als Folge und Nebenwirkung jahrelanger Einnahme von Psychopharmaka behandelt, wohingegen bei K die Störung im zentralen Nervensystem im Vordergrund steht.

Während der dritten Woche erreicht mein Grad an Entspannung unerwartete Höhen. Thakradhara und Pizhichil an einem Tag und ich schwebe gefühlt in anderen Sphären. Immer noch sitze ich mit R an meinem Schreibtisch, immer noch blicken wir nach den Behandlungen gemeinsam in den Garten. Doch wir zelebrieren unsere Gelöstheit, unsere Muße etwas mehr. Im Hintergrund lassen wir nun leise instrumentale Sufi-Musik, die Meditationsmusik muslimischer Mystiker und Derwische, laufen und haben schon lange kein Interesse mehr daran, in eines unserer vielen Bücher zu gucken. Die meiste Zeit schweigen wir unbekümmert, trinken Inger-Zimt Tee, ab und zu teilen wir uns mit, blicken uns an, lachen zufrieden.

Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich als hätte ich eine angenehme, kleine Menge leichter Drogen konsumiert und wenn uns die beiden Krankenschwestern nachmittags unsere medizinische Kräutermischung bringen, zucke ich kurz zusammen, als müsste ich meinen Zustand verstecken, so unerlaubt, so verboten entspannt bin ich.

Tonkrug im Garten, Ayurveda
Tonkrug für heißes Wasser auf meinem Schreibtisch

Abschluss der Ayurveda-Kur

Meine 21-tägige Kur neigt sich dem Ende. Ein letztes Gespräch mit dem Arzt steht an, bevor ich die Klinik verlasse. Mein Puls ist nach den drei Wochen bereits um einiges ausgeglichener – Vata und Pitta haben sich beruhigt, das Gleichgewicht meiner drei Lebensenergien hat sich eingependelt.

Wieder betont der Arzt, dass eine Ayurveda-Kur einen Kraftakt für den Körper darstellt. Auch in den nächsten Wochen wird mein Körper geschwächt und anfällig für Krankheiten sein, meine Seele überempfindlich. „Eigentlich“, so sagt er, müsse er mir nach einer 21-tägigen Ayurveda-Kur 21 Tage Bettruhe verschreiben. Aber da das wahrscheinlich schwer umzusetzen sei, solle ich mich schonen und ein besonderes Augenmerk auf meine Ernährung legen.

Und nun, da ich so viel mehr über Ayurveda und mich selbst erfahren habe, sind seine Empfehlungen fast schon selbsterklärend. Ich habe erhöhte Vata-Werte, das heißt die Elemente Luft und Raum sind in meinem Körper und meinem Geist unverhältnismäßig aktiv, bringen Trockenheit, Kälte, Unruhe und Bewegung mit sich. Mein schneller Lebenswandel, die ständigen Wechsel meiner Wohnorte, der schnelle Puls meines Lebens sorgen für einen rastlosen, überaktiven Körper, dafür, dass mein Geist nicht zur Ruhe kommen kann.

Ich habe den Kopf schon irgendwo in den Wolken und sollte daher jegliche Art von Stimulanzien meiden. Stattdessen brauche ich Wärme, Ruhe und Routine. Das heißt regelmäßige warme Mahlzeiten, genug Hydration mittels warmer Getränke, keine blähenden, stark gewürzten und schwer zu verdauenden Nahrungsmittel, keine kalten Speisen. Entspannungsübungen und Yoga sollte ich in meinen Tag integrieren, mir ausreichend Zeit für Schlaf und Pausen nehmen und einfach mal ein bisschen langsamer machen, zur Ruhe kommen. 

Licht und Shatten, Ayurveda
Licht und Shatten auf der Terrasse vor meinem Zimmer

Eine Liste mit Empfehlungen, die individuell auf mich abgestimmt sind, wird mir gereicht und vom Arzt erläutert:

• Am besten auf jegliche Art von Koffein verzichten, von Kaffee und Tee auf Infusionen aus Ingwer, Minze, Zimt und Gewürznelken umsteigen – keine Infusionen mit Kardamom

• Weißen Zucker meiden, stattdessen auf Süßspeisen mit Zuckerrohrsaft, Jaggery oder Honig umsteigen

• Verzehr von Milchprodukten minimieren, Joghurt sollte nur zu den Mahlzeiten eingenommen werden und niemals auf nüchternen Magen oder abends

• Verzehr von Fleisch minimieren

• 3 Mahlzeiten täglich, letzte Mahlzeit vor 20 Uhr

• Kein Alkohol und Nikotin

• Mahlzeiten, die auswärts eingenommen werden minimieren, stattdessen selbst mit frischen Lebensmitteln kochen, um Einnahme von Geschmacksverstärkern und anderen Zusatzstoffen zu meiden

• extrem gewürzte Speisen meiden

• möglichst tägliche Routine aufbauen

• gebratene, fettige und kalte Speisen meiden 

• Warm duschen

• Warmes Wasser trinken                                                            

• Extrem kaltes Wetter, Wind oder direktes Sonnenlicht meiden

• So langsam wie möglich reisen, damit sich der Körper auf Klimaunterschiede besser einstellen kann

• Viel Blattgemüse und ballaststoffreiche Nahrung zu mir nehmen

Unterkunft hinter hohen Bäumen

Der letzte Abend

Es ist mein letzter Abend und gemeinsam mit R und K wollen wir zur Feier des Tages den Sri Krishna Tempel in Guruvayur besuchen. Der Vishnu-Tempel (der seiner Inkarnation Krishna gewidmet ist), ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte für Hindus in Kerala. Es ist das erste Mal seit meiner Ankunft, dass ich das Gelände der Klinik verlasse. Ich bin aufgeregt.

Saju, der Manager der Klinik, fährt uns zum Tempel. Kaum steigen R, K und ich aus und nähern uns dem Gewusel an Pilgern, Verkäufern und Ordnungskräften, die in einer mehrere hundert Meter langen Schlange vor dem Tempeleingang warten, wird mir schummrig. Meine letzte Thakradhara Behandlung liegt nur wenige Stunden zurück und anstatt friedlich vor mich hin zu meditieren, die tiefe Entspannung und Leichtigkeit in meinem Kopf zu genießen, sehe ich mich nun mit der indischen Wirklichkeit konfrontiert. Es hat Gründe, warum man die Anlage während der Ayurveda-Kur am besten nicht verlassen sollte.

Ich fühle mich wie in einer riesigen Blase, die mich von meiner Umgebung trennt. Ich nehme die Menschen um mich herum nur aus einer gedämpften Perspektive wahr. Dabei ist es, objektiv betrachtet, für indische Verhältnisse sehr ruhig und geordnet. Der laute Verkehr brummt und hupt in weiter Entfernung zum Tempelgelände und statt in einem schubsenden und drängenden Pulk, warten wir, Dank der Ordner, in einer sich langsam und friedlich bewegenden Schlange. Auf dem indischen Subkontinent ist das keine Selbstverständlichkeit.

Es könnte weitaus schlimmer sein. Dennoch überfordert mich die Situation. Immer wieder blicke ich mich um, versuche einen Schritt näher an die Realität zu gelangen. Ich will mehr im Hier und Jetzt ankommen, zumindest diese dämpfende Blase um mich herum aufbrechen, doch ich schaffe es nicht. Hinzu kommt meine Begleitung. R ist völlig aufgedreht. Direkt aus dem Auto ist er wortlos an der Schlange vorbei in Richtung Tempeleingang gelaufen und obwohl ich versuche ihm irgendwie hinterherzukommen, ist er bald aus meinem Blickfeld verschwunden. K, der neben mir herläuft, ist in einem intensiven Streitgespräch mit sich selbst und für mich nicht ansprechbar. Und ich? Ich laufe mit schallgedämpften Schritten durch eine in Watte gepackte Realität und rechne jeden Augenblick damit durchzudrehen.

Lotusblüte im Ayurveda Resort

Bald haben wir R wieder eingeholt. Er wollte sich nur den Tempeleingang angucken, bevor wir uns in die Schlange stellen. Das lange Warten beruhigt mich ein wenig, langsam geht es Schritt für Schritt voran, Wasser wird an die durstigen Pilger verteilt. Es ist abends, doch steht die Hitze Südindiens noch immer schwer in der Luft. Für K wird das lange Warten bald zu viel. Er ist unruhig, möchte lieber im Selbstgespräch vertieft auf und ab laufen und verabschiedet sich. R und ich warten schweigend, tun es unserer Umgebung gleich.

Nach einer Stunde haben wir den Eingang des Tempels erreicht. Im Tempel selbst ist es plötzlich dicht gedrängt. Voller Körperkontakt von allen Seiten, hektische Ordner, die hektische Anweisungen rufen, Mantras murmelnde Omas folgen mir auf den Fersen. In einem dichten Pulk werden wir einmal im Kreis durch den riesigen Tempel mit den wunderschönen Steinarbeiten geschoben. Elefanten warten im Inneren auf Opfergaben. An dem Heiligtum selbst werde ich vorbeigeschoben, ohne einen Blick erhaschen zu können. Just in der Sekunde, die mir von der drängelnden Menge eingeräumt wird, hält eine Frau ihr nacktes Kind vor mein Gesicht, damit es selbst etwas sehen kann.

Draußen treffen wir wieder auf K und nehmen uns eine Autorikscha zurück zur Klinik. Es ist spät geworden, bereits nach 23 Uhr. In wenigen Stunden würde normalerweise Ramjith schon an meine hölzerne Tür klopfen. „Good morning Madame! It`s time for your medicine.“ Doch morgen früh gibt es keinen ayurvedischen Kräutertee für mich. Nach 21 Tagen werde ich die Ayurveda-Klinik verlassen. Es geht zurück nach „draußen“, zurück in die wirkliche Welt. Ich bin gespannt.

junge Frau am Schreibtisch
Am Schreibtisch auf der Terrasse vor meinem Zimmer

Ayurveda in Indien in drei Teilen

Teil 1: Meine Panchakarma-Kur

Teil 2: Die große Einölung

Teil 3: Die Lehre vom gesunden Leben

Rochssare wurden von Ayurveda Mana zu einer dreiwöchigen Panchakarma-Kur eingeladen. Der Inhalt dieses Artikels und ihre Meinung sind davon nicht beeinflusst.

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tropischer Garten, Ayurveda, Kerala

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