Ein Porträt in drei Teilen 2/3

Schiras: Zwischen Arg-e Karim Khan und pinker Moschee


12. Februar 2017
Iran
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Am nächsten Vormittag erwachen wir spät. Schwere Regentropfen klatschen an die Fensterscheiben, eine dunkelgraue, triste Wolkenfront hängt über der Stadt. Für unser Frühstück – Fladenbrot, Spiegelei und jede Menge süßer Chai – nehmen wir uns Zeit und lernen unsere Gastgeber noch ein bisschen besser kennen.

Schiras, die südliche Metropole, das kulturelle und intellektuelle Zentrum des Landes, ist ein Auffangbecken für die unterschiedlichen ethnischen Gruppen des Vielvölkerstaates Iran. Auch unsere neuen Freunde kommen aus ganz verschiedenen Ecken des Landes. Hamid, Ashkans Mitbewohner, ist der einzige echte Schirasi, also ein Einheimischer aus Schiras, und zugleich ein lebensfroher Perser. Die Geschichte seines Volkes auf dem Gebiet des heutigen Iran geht bis ins dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück. Mittlerweile gehören sechs von zehn Iranern zur Ethnie der Perser, die vor allem in den Großstädten Teheran, Maschhad, Isfahan, Yazd und natürlich Schiras leben. Hamid, mit schulterlangem Haar und Dreitagebart, ist die coole Socke im Wohnzimmer. Immer lässig, immer gut gelaunt, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, aber auch immer um das Wohl der Gäste besorgt, ist er uns absolut sympathisch.

Ganz anders sind dagegen Omid und Hadi. Zwei Luren, deren Volksgruppe ausgehend vom zentralen Zagrosgebirge im Westen des Iran bis in den Südosten des Irak siedelt. Die Luren gelten als sehr stolzes Bergvolk und sind angeblich Nachfahren der ersten Siedler in dieser Region. Sie sprechen ihre eigene Sprache, eine Mischung aus Arabisch und Farsi und werden im Rest des Landes als unseriös und aufbrausend mit einem Hang zur Handgreiflichkeit charakterisiert. Tatsächlich ziehen auch Ashkan, Hamid und Sanjay immer wieder über die angebliche Aggressivität Omids und Hadis her. Machen Witze über Prügeleien und warnen uns lachend, niemals Streit mit den beiden anzufangen.

Dabei wirken Omid und Hadi etwas schüchtern, sprechen wenig, wohl auch, weil ihre Englischkenntnisse nicht ganz mit denen ihrer Freunde mithalten können. Omid trägt sein Haar nach hinten gekämmt, Hadi kurzgeschoren. Beide eint ein durchtriebener Blick, der sie wirklich etwas unberechenbar erscheinen lässt. Doch ihre Gesten zeugen von Zuneigung, ihr Lächeln ist herzlich.

Schiras, Iran

Sanjay, der Vierte im Bund, ist ein großgewachsener Azari und Angehöriger der zweitgrößten ethnischen Gruppe im Iran. Azaris haben sich beinahe überall im Iran niedergelassen, doch beheimatet sind sie im Nordwesten des Landes, rund im Täbris und Ardabil. Aufgrund ihres türkischen Dialekts werden sie im Iran häufig als Türken bezeichnet und Sanjay macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er sich selbst als Türke sieht.

Die vielen stolzen Ethnien des Landes ergießen sich immer wieder im Spott übereinander und auch zwischen den Jungs geht es ständig hin und her. Sanjay hat besondere Freude daran, Hamid als fabelhaftes Beispiel für die Menschen in Schiras zu beschreiben: faul und spaßsüchtig! „Das ist der Grund, warum uns alle lieben“, kontert Hamid stets belustigt. Die Jungs ziehen sich gegenseitig immer wieder auf und machen darüber hinaus noch Witze über Kurden, Araber, Turkmenen und alle anderen Volksgruppen im Iran.

Auch Ashkan ist Teil des Hohns. Er gehört zum nomadischen Stamm der Qashqa`i, dessen Wanderrouten in der Provinz Fars zwischen den Bergen des Zagrosgebirges nördlich von Schiras und den warmen Ebenen am Persischen Golf liegen. Bis zu 45 Tagen ziehen sie mit ihren Herden vom Sommer- zum Winterlager und legen dabei eine Strecke von fast 500 Kilometern zurück. Bereits seit dem 11. Jahrhundert leben die Qashqa`i im Iran, deren turkmenische Vorfahren aus Zentralasien hierher kamen.

Obwohl von staatlicher Seite viel Druck ausgeübt wird, wandern noch immer etwa zwei Millionen Nomaden durch den Iran. 400.000 von ihnen gehören zum Stamm der Qashqa`i, die stolz und unabhängig ihre Traditionen bewahren. Doch ihr Schicksal ist ungewiss. Trotz eines sehr genügsamen Lebensstils können die meisten Mitglieder des Stammes ihren Kindern kaum mehr als eine Behausung und Nahrung bieten. Es fehlt an qualifizierten Kräften, an Lehrern, Erziehern und Ausbildern. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder deshalb zur Schule in die Stadt.

Ashkan ist eines dieser Kinder, das von den Weiden in die Großstadt siedelte, um eine bessere Ausbildung zu erhalten. Die Schule hat er bereits beendet, den Militärdienst hinter sich gebracht und nun will er studieren.

Strahlend erzählt Ashkan von seinen Eltern, seiner Mutter, die täglich die Ziegen melkt, von seinem Vater, der mit seinen Onkeln die Herden treibt. Er zeigt uns Fotos seiner Tanten, die sie beim Teppichweben abbilden. Alle Frauen tragen lange, mit hübschen Stickereien verzierte Kleider in leuchtenden Farben. Es sind die traditionellen Gewänder der Qashqa`i, die noch immer zum Alltag gehören. Der Familienzusammenhalt der Qashqa`i ist selbst für iranische Verhältnisse besonders stark ausgeprägt. Die Mitglieder des Stammes helfen sich untereinander so gut sie können. Auch Ashkan war es nur deshalb möglich in die Stadt zu ziehen, weil er in Schiras bei einer Familie seines Stammes leben konnte, die ihn bei allem unterstützte.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Stoffe auf dem Vakil Basar in Schiras

Jetzt fühlt er sich jedoch hin und her gerissen. Er ist dankbar für die Chance, die ihm gegeben wurde, kann sich aber auch kein dauerhaftes Leben als Nomade vorstellen. Ashkan, der bescheidene, gutmütige Mann, steckt fest zwischen der liebgewonnenen Moderne und der Loyalität zur Familie.

Wir haben bereits drei Kannen Chai auf dem Wohnzimmerboden ausgetrunken, als der Regen über der Stadt langsam nachlässt. Zusammen mit Ashkan, Hadi und Juana beschließen wir, Schiras zu erkunden. Etwa 700 Kilometer von Teheran entfernt, gehört sie zu den fünf größten Städten des Landes. Zwischen den Gebirgszügen des südlichen Zagrosgebirges gelegen, gilt Schiras seit Jahrhunderten als kulturelles Zentrum, als Stadt der feinen Künste und der Schönheit. Tönerne Schrifttafeln belegen, dass hier, auf 1.500 Höhenmetern, bereits 2.000 Jahre vor unserer Zeit ein städtischer Siedlungsraum erschlossen war. In späteren Jahrhunderten regierten zwei einflussreiche altpersische Königsfamilien aus Schiras, die Achämeniden und die Sassaniden, weite Teile des Persischen Reiches. Im 11. Jahrhundert, so heißt es, sei Schiras eine der wichtigsten islamischen Städte gewesen. Gleichbedeutend mit Bagdad entwickelte sich die Stadt in der Folgezeit zu einem Zentrum der Kunst.

Unter Karim Khan, der 1750 die kurzlebige Zand-Dynastie begründete, stieg Schiras im 18. Jahrhundert sogar zur Hauptstadt Persiens auf. Im Zuge der stetig wachsenden Bedeutung ließ der Regent eine Festung errichten, die nun als Arg-e Karim Khan bekannt ist. Die gewaltigen Ziegelmauern waren einst Teil des royalen Herrschaftssitzes. Runde, 14 Meter hohe Wachtürme, die reich mit Ornamenten verziert sind, verleihen der Festung gewaltige Ausmaße. Heute dominiert sie das Stadtzentrum als eines von vielen Wahrzeichen der Stadt.

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Festungsmauern der Arg-e Karim Khan

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Über dem Eingang prangt ein Fliesenbild, das Rustam, den persischen Herkules, im Kampf mit einem Dämon zeigt. Als Held der persischen Mythologie ist Rustam nicht nur stark wie ein Bär, sondern auch mutig wie ein Löwe und listig wie ein Fuchs. Seine Taten sind episch und natürlich besiegt er auf dem Bild den Dämon, der sich erdreistete, den iranischen König gefangen zu nehmen.

Von außen wirkt die Festung klobig, massiv. Hinter den robusten Mauern herrscht dagegen eine behagliche Atmosphäre. Den Eingangsbereich durchflutet gedämmtes Licht, das durch buntes Fensterglas in das Innere der Festung fällt. Wie in einem Kaleidoskop fügen sich die verschieden Glasstücke zusammen, formen geometrische Figuren. Darüber wölben sich Mauerbögen, die dort wo der Stuck im Laufe der Zeit nicht abgebröckelt ist, noch immer ihre Originalfarben tragen. Auf goldenem Untergrund ranken Blüten und Blätter die Wände empor.

Dahinter öffnet sich ein weiter Innenhof, der von einem breiten Wassergraben durchquert wird. Er teilt eine kleine Orangenbaumplantage. An den höhergelegenen Ästen – dort wo niemand mehr hingreifen kann – wachsen prächtige Früchte. Die einstigen Gemächer der Königsfamilie, die sich um den Innenhof herum befinden, sind verschlossen. Allein das verwinkelte Hamam, das Badehaus, im hinteren Teil der Festung steht offen. Hier, wo einst Herrscher nackt im warmen Wasser saßen und heißer Dampf adlige Poren öffnete, finden wir Schutz vor den letzten Regentropfen. Auch im Badehaus sind die Wände mit herrlichen Mustern versehen. Pflanzenreliefs und Tierzeichnungen in dunkler Farbe auf hellem Untergrund schmücken das Mauerwerk.

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Rustam im Kampf mit dem Dämon über dem Eingangstor zum Arg-e Karim Khan

Arg-e Karim Khan, Schiras, Iran

Fenstermosaik im Arg-e Karim Khan

Als wir die Festung verlassen, bricht endlich die Sonne durch die graue Wolkendecke. Doch die vom Regen nasse Stadt bleibt kühl. Nicht weit entfernt streunen zwielichtige Gestalten ruhelos auf dem Vorplatz der Festung umher. Es sind Tagelöhner, Kleinkriminelle und Drogendealer. Mit in den Hosentaschen versunkenen Händen und mürrischem Blick, warten sie auf Gelegenheiten, den einen oder anderen Rial zu verdienen. Kein Ort, an dem wir uns freiwillig aufhalten sollten und schnell führt uns Ashkan an der Menge vorbei und hinein in die Altstadt.

In unmittelbarer Nähe der Festung Arg-e Karim Khan befindet sich das alte Basarviertel der Stadt. Hier reihen sich gleich mehrere Märkte aus verschiedenen Epochen aneinander. Der größte und berühmteste von ihnen ist der Vakil Basar. Im Auftrag des Herrschers Karim Khan errichtet, sollte er Schiras zu neuem Glanz verhelfen. Die Stadt sollte eine lange Tradition bedeutender persischer Hauptstädte fortsetzen. Das prächtige Isfahan, in dem ein Jahrhundert zuvor die Safawiden unter Schah Abbas I herrschten, galt als Vorbild.

Wie alle persischen Märkte ist auch der Vakil Basar ein überdachtes Schmuckstück traditionsreicher Architektur. Breite Gänge ziehen durch das 800 Meter lange Gebäude. Kuppeln und Gewölbe werden von Ziegelbögen gestützt. Karawansereien, in denen Händler und Reisende einst übernachten und ihre Lasttiere abstellen konnten, gehören ebenfalls dazu. Etwa 200 Geschäfte reihen sich in den Nischen der Gänge und Innenhöfe des Marktes aneinander. Lederwaren, Messingtöpfe, Keramik, Tischläufer und Süßigkeiten quellen hinaus in die Gänge. Hier werden Teppiche, Kleidung und Kunsthandwerk angeboten. Darüber hinaus ist der Vakil Basar Schiras` größter Handelsplatz für Gewürze und Antiquitäten.

Vakil Basar, Schiras, Iran

im Vakil Basar

Vakil Basar, Schiras, Iran

Geschäft für gestickte Tischläufer und Tischdecken im Vakil Basar

Wir schlendern ohne Eile unter den Kuppeln des Marktes umher und betrachten die verschiedenen Auslagen, die fein gestickten Tischläufer, die Handtaschen mit den Blumenmustern, die Schals und handbedruckten Oberteile. Glitzernde und farbenfrohen Stoffe, die von den Qashqa`i und anderen Nomadenstämmen in Handarbeit produziert werden, finden hier ihren Absatzmarkt. In manchen Läden stapeln sich Kisten mit iranischen Süßigkeiten, Pistazien und Datteln bis unter die Decke. Auch Jalebis – frittierte, mit Zuckersirup umhüllte Mehlkringel – und das beliebte Lavaschak fehlen nicht. Die sauren Musplatten, aus pürierter und gepresster Fruchtmasse, gehören zu den wichtigsten Knabbereien im Iran.

Daneben sind Gewürze, Tee und getrocknete Blüten liebevoll zu bunten Pyramiden aufgeschichtet. Kupferschmiede bieten allerlei Gebrauchsgegenstände an. Ihr Repertoire reicht von kleinen Pfannen und Kesseln bis hin zu überdimensionalen Töpfen, in denen ganze Gemüsegärten und Schafsherden auf einmal gegart werden könnten. Antiquitätenhändler verkaufen hübsche Kohlebügeleisen, fein dekorierte Metallkaraffen und filigrane Öllampen, aus denen jederzeit ein blauer Dschinn zu entwischen scheint. Daneben liegen alte Schreibmaschinen und Polaroidkameras, Kofferradios und Magnetbandrekorder aus den 1980ern. Die Vielfalt der Waren ist enorm. Von einer Auslage bummeln wir zur nächsten. Freundliche Worte der Ladenbesitzer begleiten uns. Doch anders als auf den großen Touristenmärkten der Welt, bleibt es bei einem Lächeln. Niemand versucht uns energisch irgendetwas aufzuschwatzen oder in ein bestimmtes Geschäft zu manövrieren.

Die beeindruckendsten Waren sind jedoch die glasierten Keramikarbeiten; hauchdünn gearbeitete, handbemalte Teller in verschiedenen Blautönen. Feine Linien führen über die Oberfläche, verbinden sich zu grazilen Mustern, Blüten und Ranken. Vasen, Karaffen, Dosen und Schüsseln schmücken ähnliche Verzierungen. Zerbrechlich zart und wunderschön anzusehen.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Vakil Basar, Schiras, Iran

Antiquitäten: historische Kohlebügeleisen und Öllampen

Vakil Basar, Schiras, Iran

Keramik im Vakil Basar

Wir atmen die Luft des Basares, lauschen dem Stimmengewirr um uns herum, erwidern freundliches Lächeln, strömen mit der Menschenmenge durch die Gassen. Manchmal wechseln wir ein paar Worte mit den Händlern der Souvenirgeschäfte, doch meistens erfreuen wir uns allein an den Auslagen.

An einer Ecke des Marktes gelangen wir in die Seray-e Moshir. Im Innenhof der ehemaligen Karawanserei laden Sitzbänke unter Orangenbäumen zum Verweilen ein. Ein Wasserbecken befindet sich in der Mitte der Anlage. Um uns herum erhebt sich das zweistöckige, etwa 250 Jahre alte Gebäude, das nun vor allem Souvenirhändlern einen Platz für ihre Waren bietet. Marquisen und Baldachine schützen die Eingänge und Auslagen, in denen Schmuck, Gemälde, Schachspiele und Kunsthandwerk angeboten werden.

Vakil Basar, Schiras, Iran

Seray-e Moshir im Vakil Basar

Vakil Basar, Schiras, Iran

Tee- und Gewürzverkäufer

Direkt an den Basar grenzt die Vakil Moschee, die ebenfalls unter der Herrschaft Karim Khans in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Eng an das Marktgebäude geschmiegt, ragt sie weit über die umliegenden, einstöckigen Bauwerke hinaus. Ihr beeindruckendes, mit bunten Kacheln versehenes Eingangsportal gehört zu den schönsten der Stadt. Kurze, stämmige Minarette richten sich darüber auf und geben der Moschee ein massiges Aussehen. Blüten, Blätter und Ranken sind die zentralen Motive der Fassade. Arabische Inschriften in goldenen Lettern preisen Allah. In dem hohen Eingangsportal befindet sich eine mehrere Meter tiefe Nische mit dem hölzernen Tor, das Einlass in die Moschee gewährt. Darüber erhebt sich ein Muqarnas. Dieses besondere Stilmittel islamischer Architektur beschreibt bogenartige Elemente, die an der Decke der Nische, weiter nach oben wachsend, ineinander übergehen. Vom hinteren Ende der Nische ausgehend, folgt ein Bogen auf den nächsten, bis sie die Außenwände des Eingangsportals erreichen. So entsteht ein wellenartiges Gebilde, ein fließender Übergang, zwischen der Nische und den vorgelagerten Wänden.

Um den weitläufigen Innenhof der Vakil Moschee reihen sich mit Malereien reich verzierte Arkaden. Arabesken, Rankenornamente, schmücken die Wände. Blaue, rote und gelbe Blütenzeichnungen winden sich die Mauern empor. An einer Seite des Innenhofs schließt sich eine 75 Meter lange überdachte Gebetshalle an. Ziegelkuppeln werden von 48 massiven, mit kunstvollen Steinmetzarbeiten versehenen Säulen getragen. Farbige Mosaike zieren die Kuppeln des zentralen Säulengangs, der zu einer Gebetsnische führt. Auch sie ist mit einem Muqarnas und künstlerisch dekorierten Kacheln geschmückt. Die Gebetshalle ist riesig und an diesem Tag im Januar frostig kühl. Die wärmende Kraft der Sonne schafft es nicht hier herein. Der steinerne Boden und die Ziegelkuppeln bleiben kalt.

Vakil Moschee, Schiras, Iran

Eingangsportal der Vakil Moschee

Vakil Moschee, Schiras, Iran

feine Dekorationen am Eingangsportal der Vakil Moschee

Vakil Moschee, Schiras, Iran

Wanddekoration in der Vakil Moschee

Vakil Moschee, Schiras, Iran

die Gebetshalle der Vakil Moschee

Vakil Moschee, Schiras, Iran

persische Designkunst

Doch noch eindrucksvoller als die Vakil Moschee ist die Moschee Nasir-al-Molk. Am späten Nachmittag schlendern wir entlang der Zandstraße von einer Moschee zur anderen. Die Bürgersteige sind zu beiden Seiten der Straße belebt. Mitten im Gewirr der Menschen berichtet uns Ashkan von der islamischen Rechtsprechung. Er erzählt von einer Räuberbande, die mehrere Banken und ein Goldgeschäft überfiel. Ihre Mitglieder wurden öffentlich, unter dem Beisein einer großen Menschenmenge, vor dem Goldgeschäft, das sie ausraubten, erhängt. In einem anderen Fall wurde dem Dieb eines Juweliergeschäftes am Tatort öffentlich die Hand abgehackt. Praktiken, die uns an dunkle Vergangenheit erinnern, hier aber zuletzt vor einem Jahr ausgeübt wurden.

Wir erreichen die Nasir-al-Molk Moschee, die sich zwischen den umgebenden Wohn- und Geschäftshäusern versteckt. Von außen wirkt sie nicht attraktiver als andere iranische Gebetshäuser. Dafür ist ihr Inneres umso imposanter.

Erbaut im 19. Jahrhundert zur Zeit der Kadscharen ist die Moschee eines der meistfotografierten religiösen Gebäude des südlichen Iran. Ihr Innenhof ist noch immer nass vom vormittäglichen Regen. Ein mit niedrigen Pflanzen umstelltes Wasserbecken befindet sich in seiner Mitte. Schattenspendende Säulengänge winden sich um den Innenhof. Auch hier sind die Wände über und über mit den Kacheln, floralen Mustern und religiösen Schriften geschmückt. Vögel sitzen, stumm zwitschernd, zwischen den gemalten Ranken und Blüten. Doch neben dem üblichen Blau, sind es in der Nasir-al-Molk Moschee vor allem Rosa- und Rottöne, die die Motive bestimmen. Rosa Blüten, rosa Säulen, rosa Ornamente. Das Gebetshaus ist deshalb auch landesweit als die pinke Moschee bekannt.

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Innenhof der Nasir-al-Molk Moschee

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

kunstvolle Kacheldekoration

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Abbildungen von Menschen waren nach islamischem Glauben für lange Zeit nicht gestattet und so dekorieren immer wieder die gleichen Motive und Arabesken die Moscheen und Schreine im Iran. Doch die bemalten Tonkacheln in der etwa 130 Jahre alten Nasir-al-Molk Moschee sind so fein und detailliert, dass sie uns ob ihrer Schönheit in Staunen versetzen.

Dann betreten wir die Gebetshalle, die vollständig mit edlen Perserteppichen ausgelegt ist. Geschnitzte Steinsäulen, die sich spiralförmig nach oben winden, stützen die Deckenbögen. Ein Heißlüfter steht unberührt in einer Ecke. Unsere Hände sind dagegen taub vor Kälte. Herrlich dekorierte Kuppeln erheben sich über uns. Auch ihre Muster sind in rosa Schattierungen gehalten. Kunstvoll zusammengesetztes buntes Fensterglas verschleiert den Blick in den Innenhof. Wenn die Morgensonne nicht von Wolken zurückgehalten wird, wirft sie ein prächtiges Farbenspiel durch die Gläser auf den Boden der Gebetshalle. Grünes, gelbes, rotes und blaues Licht fällt in harmonischen Mustern auf die weichen Teppiche. Doch jetzt am Nachmittag sind wir von diesem Schauspiel weit entfernt und müssen allein mit dem bunten Fensterglas vorliebnehmen.

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Deckenmuster in der Gebetshalle der Nasir-al-Molk Moschee

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Gebetshalle der Nasir-al-Molk Moschee, auch bekannt als die pinke Moschee

Nasir-al-Molk Moschee, Schiras, Iran

Als wir die Moschee verlassen, kriecht die Nässe der Straße unter unsere Kleidung und krallt sich an uns fest. Die letzten Sonnenstrahlen erreichen die Gehwege. Straßenlaternen erleuchten. Ashkan führt uns lächelnd in eine dunkle Gasse des nahen Marktes und lässt uns auf Plastikhockern mitten im Gang Platz nehmen. Er eilt in einen nahen Schnellimbiss und kehrt kurz darauf mit einer großen Portion Āsh, einer angedickte Suppe mit Kräutern, gebratenen Auberginenscheiben und Zwiebeln zurück. Etwas, das wir unbedingt probieren müssen, gibt er uns augenzwinkernd zu verstehen.

Ashkan übertreibt nicht. Āsh, wortwörtlich lediglich mit Suppe zu übersetzen, gehört zu den traditionellsten Speisen im Iran. Besonders in Schiras erfreut sich das Gericht, das es in unzähligen Varianten gibt, großer Beliebtheit. Schirasis sind deshalb auch dafür bekannt, ihre Suppen noch vielfältiger, noch reicher auszustatten. Bereits nach dem ersten Löffel bin ich verzückt. Hatte es die iranische Küche mit all ihren Kebabs und dem leckeren Safranreis schon gut mit uns gemeint, so gewähre ich ihr jetzt einen weiteren Sprung auf meiner kulinarischen Prioritätenliste. Vielleicht liegt es an meinem Hunger, vielleicht daran, dass die warme Suppe die Kälte aus meinem Körper vertreibt, aber dieses Āsh erregt gleich mehrere Glücksgefühle in meinem Inneren. Es ist wie eine Droge – ich verlange nach immer mehr, um das wohlige Gefühl in meinem Inneren zu erhalten. Am Ende steht Ernüchterung. Die Schale ist leer, der Rausch vorbei. Doch Ashkan erlaubt uns noch eine Gaumenfreude. An einem anderen Straßenstand probieren wir Faludeh, gefrorenes Sorbet aus Glasnudeln, Zucker und Rosenwasser, verfeinert mit reichlich Zitronensaft. Iraner mögen es gerne sauer und auch wir finden großen Gefallen an diesen Geschmackskombinationen. Faludeh ist ein uraltes persisches Dessert, das mit den Eroberungs- und Handelszügen der frühzeitlichen Könige bis nach Indien gelangte. Sein Ursprung liegt jedoch hier in Schiras. Āsh und Faludeh bewerten meine Geschmacksnerven mit einer unerhört hohen Punktzahl auf der nach oben offenen Skala des Genusses.

 

Schiras in drei Teilen

Teil 1: Wohnzimmergespräche in der Stadt der schönen Künste

Teil 2: Zwischen Arg-e Karim Khan und pinker Moschee

Teil 3: Wiege des Weines, Heimat der Dichtkunst, Garten des Iran

 

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • 13. Februar 2017

    No travelogue in English in any paper except 3 part story in dawn 1 year back !!