Georgetown, Guyana, Titel
Eine stinkende Stadt im unbekannten Land

Georgetown in Guyana


17. Juli 2021
Guyana
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Spoiler: Das hier ist ein Verriss. Obwohl wir eine für uns neue Stadt in einem für uns neuen Land betreten und solche Ereignisse immer mit gebührender Euphorie feiern, kann Georgetown unser leicht zu erwärmendes Reiseherz nicht erobern. Die Hauptstadt des kleinen Dschungelstaates Guyana schafft es nicht in die oberen Etagen auf unserer geografischen Gute-Laune-Skala.

Der Reihe nach. Guyana gehört zu den drei kleinen Nachbarstaaten im Norden Südamerikas, von denen vielen Menschen entweder gar nicht wissen, dass es sie gibt oder keine Ahnung haben, wie sie heißen. Neben Guyana befinden sich hier Suriname und Französisch-Guayana. Zwischen Atlantik und Amazonasbecken, Venezuela und Brasilien fristen die drei ein überwiegend unbeachtetes Dasein. Sie sind spärlich bevölkert und dicht bewachsen. Lediglich eine befestigte Straße führt entlang der Küste. Im Hinterland und westlich von Georgetown liegt die Infrastruktur brach.

Guyana, das westliche der drei Länder, ist eine ethnische Wundertüte. Hier leben Nachfahren ehemaliger Sklaven, indigenen Waldvölkern, Kontraktarbeiter aus Indien, Indonesien, Laos, China, Portugal und Brasilien. Angerichtet und serviert wir die Bevölkerung mit niederländischem und britischem Kolonialismus.

Dieser bunte Haufen sorgt für Unruhe. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu rassistisch motivierten Konflikten und Spannungen. Das Misstrauen der Menschen untereinander ist groß, selbst in abgelegenen Gebieten. Tief im Dschungel sind indigene Völker und die als Maroons bezeichneten Nachfahren der Sklaven zu Hause. So verstreut sie sind, so argwöhnisch beäugen sie sich gegenseitig.

Potenzielle Ölvorkommen vor der Küste des Landes sorgen außerdem für Streit mit dem Nachbarn Venezuela, der einen Teil des Landes für sich beansprucht. Von dort kommend gibt es weder einen offiziellen Grenzübergang noch eine Straße nach Guyana. Innen- wie außenpolitisch ist Guyana immer wieder gefordert.

Unser Weg nach Georgetown führt deshalb durch die Luft und über den Umweg des karibischen Inselstaates Trinidad und Tobago. Wir fliegen lange über das dichte, endlose Grün des Dschungels. Aus der Vogelperspektive wirkt der Regenwald unglaublich mächtig und wir hätten Guyana ins Herz geschlossen, wenn es bei diesem Eindruck geblieben wäre. Doch in Georgetown liegt etwas in der Luft. Und zwar Gestank. Bestialischer Gestank.

Georgetown, Guyana
Georgetown, Guyana
Georgetown, Guyana

Georgetown und die stinkenden Straßen

In Georgetown, zwei Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, schufen die Niederländer zur Zeit ihrer Kolonialherrschaft ein breites Grachten- und Abwassersystem. Die Briten, die etwa 100 Jahre später in Georgetown an die Macht kamen, fanden diese Idee nicht so toll und schütteten einen Teil des Abwassersystems wieder zu. Seit 1970 ist Guyana eine selbstständige Republik. Selbstbestimmt, selbstverwaltet. Es besteht Grund zur Annahme, dass Dinge in die Hand genommen werden könnten. Das koloniale Kanalsystem durchzieht die Straßen Georgetowns bis heute. Nur haben die Briten dafür gesorgt, dass es nicht mehr funktioniert und auch nach der Unabhängigkeit blieb die Situation unverändert.

Und was passiert in einer Stadt, die unter dem Meeresspiegel liegt und ein brachliegendes Abwassersystem sein Eigen nennt? Genau. Die stehende braune Brühe, die rechts und links entlang der Straßen und an jedem noch so kleinen Häuschen vorbeiführt, stinkt zum Himmel.

Womöglich glauben die Menschen in Georgetown, dass in dieser stinkenden Kloake eh nichts mehr zu retten ist und machen aus ihrer Stadt zusätzlich eine Mülldeponie. Wo immer jemand steht, sitzt oder geht, fällt Müll einfach auf den Boden. Es bleibt auch kaum eine andere Wahl, denn die öffentlichen Abfalleimer sind schon lange öffentliche Müllberge und einige von ihnen bereits riesige Müllhalden.

Die Kloake in den Kanälen, der Müll auf den Straßen; beides oxidiert vor sich hin und steigt als toxischer Dampf in die Luft. Das macht die ganze Sache natürlich nicht angenehmer. Beeinflusst vom Geruch der Straßen, sehen wir Georgetown unwillkürlich durch eine merkwürdig irritierte Brille. Die Häuser sind verfallen und marode. Abgefuckte Typen lungern in den Straßen der Innenstadt. Es sind hagere Gestalten mit nackten Oberkörpern und zerrissenen Hosen. Ihre Blicke sind glasig, die Aussprache unkoordiniert, der Gang torkelnd. Wer kann, übt sich in Schimpftiraden auf die Welt, die meisten sind dafür zu ausgebrannt.

Müll und Abwasserkanal, Georgetown, Guyana
Müll und Abwasserkanal, Georgetown, Guyana
Müll, Georgetown, Guyana

Georgetown oder lieber weg

Der Stabroek-Markt ist das Wahrzeichen der Stadt. Ein Uhrenturm ragt aus dem riesigen gusseisernen Gebäude und ist schon aus der Ferne zu erkennen. Am Markttag platzt alles aus den Nähten. Doch auch hier fühlen wir uns unwohl. Zu viele zwielichtige Gestalten streunen um den Markt. Manche liegen vor den Eingängen in ihrem eigenen Erbrochenen.

In Georgetown passiert es das erste Mal, dass wir uns in einer Stadt Sorgen um unsere Sicherheit machen. Der permanent beißende Geruch steuert unsere Wahrnehmung ebenso wie das offensichtlich dubiose Milieu. Doch nicht nur wir halten es kaum aus. Auch die Guyaner selbst zieht es weg. Das Land hat etwa 700.000 Einwohner, von denen rund 250.000 in Georgetown leben. Weitere 500.000 Guyaner aber leben bereits im Ausland.

Die, die geblieben sind würdigen uns auf der Straße keines Blickes. Es sei denn, sie wollen etwas verkaufen. Von der Gastfreundschaft des südamerikanischen Kontinents ist in Georgetown nicht viel hängen geblieben.

Wir treffen Vidya, einem Guyaner indischer Abstammung, auf einen morgendlichen Kaffee. Auch er erzählt uns vom weitverbreiteten Rassismus im Land. Doch pocht er auch auf die Schönheit Guyanas, die, so gibt er selbst zu, vielleicht nicht gerade in der Hauptstadt gefunden werden kann.

Außerhalb Georgetowns ist auf eigene Faust jedoch nichts zu holen. Für die wenigen Sehenswürdigkeiten des Landes bedarf es stets mehrtägiger gebuchter Touren. Die Wege hinein in den Dschungel sind zwar nicht lang, dafür aber beschwerlich. Und da sich Reisende kaum nach Guyana verirren, ist der Tourismus eine kostspielige Angelegenheit.

Überhaupt ist das Preisniveau hoch. Gemessen an der Lage und dem Zustand Georgetowns, wirkt hier einiges völlig aus der Luft gegriffen. Für ein kühles Bier haben wir in Südamerika nirgendwo sonst vier Euro bezahlt. Die umgebenden Müllberge und die stinkenden braunen Abwässer, die langsam an uns vorbeiziehen, gibt es gratis dazu.

Stabroek Markt, Georgetown, Guyana

Waterwall und Flucht

Trotz alledem wollen wir etwas Hübsches, Charmantes an der Stadt finden und gehen, wie von Vidya empfohlen, zur Atlantikpromenade mit dem klangvollen Namen Waterwall. Doch der Anblick der Promenade ist ebenso schwer zu ertragen wie ein Spaziergang durch die Innenstadt. Der Atlantik ist hier eine dunkle Brühe, die beinahe bewegungslos vor sich hinsiecht. Die Promenade ist ein zugemüllter, baufälliger Betonstreifen. Kaputte Typen liegen in Ecken und auf Betonbänken in ihrem eigenen Elend. Alles wirkt trostlos und schäbig.

Spätestens jetzt beschließen wir, dass wir überall auf der Welt lieber wären als in dieser stinkenden Stadt und kümmern uns händeringend um Visa für das Nachbarland Suriname. Bereits nach zwei Tagen verlassen wir Georgetown mit dem für uns ungewohnten Gefühl, nicht wiederkommen zu wollen.

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Promenade Waterwall, Georgetwon, Guyana
Promenade Waterwall, Georgetwon, Guyana

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