Handwerk, Isfahan, Iran
Isfahan ist die halbe Welt 3/3

Isfahans Kunsthandwerk und die Sache mit der Satire


18. Februar 2018
Iran
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Zurück auf dem Naqsh-e Jahan stehen wir bald an dessen nördlichem Ende. Gegenüber der prächtigen Masjid-e Shah befindet sich hier das Qeysarieh Portal, der Haupteingang zum Basar-e Bozorg, dem großen Markt von Isfahan. Die Reste eines riesigen Wandgemäldes prangen über dem Eingang des Marktes. Es erzählt von der glorreichen Schlacht der persischen Armee unter Schah Abbas I gegen die Usbeken zum Ende des 16. Jahrhunderts.

Unter dem stillen Kampf schlendern wir durch das hölzerne Eingangstor und befinden uns direkt in den engen, geschäftigen Gassen des Marktes. Neben Teheran und Täbris, ist der Basar in Isfahan einer der bedeutendsten Märkte des Iran. Sein Inneres ist eine Wucht. Bereits wenige Meter hinter dem Naqsh-e Jahan, befinden wir uns in einer völlig anderen Welt.

Um uns herum drängen sich Menschen in alle Richtungen. Stoffe werden verkauft, Anzüge und Kleider, Schmuck und Uhren, Bilderrahmen, Gürtel, Armreifen. Irgendwo hängt die iranische Nationalflagge von der Decke.

Basar-e Bozorg – der große Markt von Isfahan

Die Gänge sind mit Kuppeln überdacht. Sonnenlicht fällt durch schmale Öffnungen in der Decke. Ein paar Bereiche des Marktes sind bis zu 1.000 Jahre alt, doch der Großteil des heute noch erhaltenen Basars stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert. Ein Labyrinth aus Gassen und Gängen verbindet die verschiedenen Warenbereiche.

Haupteingang zum Basar-e Bozorg, Isfahan, Iran

das Qeysarieh Portal, der Haupteingang zum Basar-e Bozorg am Naqsh-e Jahan

Ehemalige Karawansereien und Madrasas – Schulen, die islamische Wissenschaften lehren – befinden sich im Markt. Timchehs, Innenhöfe, in denen Waren der gleichen Art, etwa Teppiche oder Gewürze, verkauft werden, zweigen von den Gassen ab. Wir lassen uns durch die Hauptgänge des Marktes treiben, kommen an der Hakim Moschee, der ältesten Moschee Isfahans, vorbei.

Seit mehr als 1.000 Jahren befindet sie sich an dieser Stelle. Eingequetscht zwischen den umliegenden Geschäften, ist nur ihr Eingangsportal sichtbar. Der Lage geschuldet, wirkt die Hakim Moschee weit weniger pompös als die herrschaftlichen Gotteshäuser am Naqsh-e Jahan.

Basar-e Bozorg, Isfahan, Iran

auf dem Basar-e Bozorg

Basar-e Bozorg, Isfahan, Iran

in den Gängen des Basar-e Bozorg, dem großen Markt in Isfahan

Männer schieben schwer beladene, hölzerne Karren an der Moschee vorbei durch die Gassen des Marktes. In riesigen Säcken liefern sie Waren aus den Lagern zu den Geschäften, wo diese fein säuberlich ausgebreitet zum Verkauf angeboten werden. Sackkarren klappern an uns vorbei. In schwarze Tschadors gehüllte Frauen erledigen die Einkäufe des Tages. Kleinkinder schreien.

Neben Kleidung und Haushaltswaren gibt es auch viel Plastikschrott, der in und um den Basar-e Bozorg angeboten wird. Da sind Luftballons und riesige Seifenblasenstäbe, Pistolen und Handschellen, Spielzeuglaster in neon-grün. Nichts davon sieht so aus, als würde es in Kinderhänden lange überleben.

Doch der Basar-e Bozorg bietet mehr als Nutzloses mit verkürzter Halbwertzeit. Hier befindet sich die vermutlich größte Kunsthandwerksdichte des Landes. Neben allerlei Nippes bestaunen wir richtige Schätze. Schon am Naqsh-e Jahan beginnen die Handwerker mit ihren Werkzeugen zu hämmern und zu klacken. Doch auch in den Gängen des Basar-e Bozorg sehen wir immer wieder kleine Manufakturen, in denen prachtvolle Unikate entstehen.

Lebendiges Kunsthandwerk aus Isfahan

Hier werden feine Metallarbeiten hergestellt. Mit Hammer und Meißel entstehen auf blanken Oberflächen wundervolle Rankenmuster, aber auch Tier- und Menschendarstellungen. Dutzende Vasen, Teller und selbst meterhohe Karaffen sind bereits kunstvoll dekoriert.

An anderer Stelle besetzt ein Arbeiter eine hölzerne Schmuckdose mit hauchdünnen Scheiben aus Kamelknochen. Bunte Holztäfelchen zwischen den Knochenstücken zieren die Oberflächen der Schatullen. In einer Vitrine nebenan befinden sich Dosen und Zierobjekte aus farbigem Pappmaché.

Handwerk, Isfahan, Iran

filigranes Metallhandwerk in Isfahan

Handwerk, Isfahan, Iran

mit Kamelknochen bestetztes Spielbrett

Ein paar Ecken weiter betreten wir ein Leinengeschäft. Dutzende Oberteile, Decken, Tücher, Tischläufer und Bettwäsche hängen von den Wänden oder liegen ausgebreitet auf großen Tischen. Jedes Stück ist ein handbedrucktes Unikat. In der hinteren Ecke des Raumes sitzt der Drucker vor einer langen Stoffbahn.

Ausgestattet mit einem Stempel und einem Holzblock, der um das rechte Handgelenk gebunden ist, bearbeitet der Mann den Stoff. In mehreren Lagen und unter Verwendung verschiedener Stempel und Farben, werden die Muster auf das Gewebe gebracht. Dabei setzt sich ein Muster aus mehreren Stempeln zusammen, die passgenau Ranken, Zweige und Blätter abbilden.

Gerade beginnt der Drucker mit einer neuen Lage. Auf dem Stoff sind bereits Teile von Blüten und Ranken in blauer Farbe zu erkennen. Nun setzt der Handwerker mit einem weiteren Stempel erneut an, der exakt zwischen die bereits bedruckten Bereiche passt. Mit dem Holzblock schlägt der Mann kurz und fest auf den Stempel und druckt so grüne Ranken hinzu.

Die Prozedur wiederholt sich dutzendfach, hundertfach, bis der gesamte Stoff bedruckt ist. Einfärben, ansetzen, draufhauen; einfärben, ansetzen, draufhauen. Hier im Basar-e Bozorg fühlen wir uns wie in einem lebendigen Museum alter Handwerkstradition. Schritt für Schritt betrachten wir die althergebrachten Arbeitsweisen und schauen dabei nicht nur dem Textildrucker über die Schulter, sondern auch dem Messingschmied, dem Metallbildner, dem Porzellanmaler und dem Drechsler.

Handwerk, Isfahan, Iran

persische Dekorationskunst ist bis heute Handarbeit

Handwerk, Isfahan, Iran

im Geschäft des Textilbedruckers

Handwerk, Isfahan, Iran

handbemaltes Prozellan aus Isfahan

Die Freitagsmoschee von Isfahan

Etwa zwei Kilometer vom Naqsh-e Jahan entfernt enden die schmalen, überfüllten Gassen und der Markt öffnet sich zu einer belebten Straße. Wir befinden uns nun ganz in der Nähe der Freitagsmoschee, der Jame Masjid.

Weiße PKWs parken vor Häuserfronten, von denen schon seit längerer Zeit der Putz bröckeln muss. Backstein liegt frei, dem Wetter schutzlos ausgesetzt. In einer Glasvitrine auf dem Bürgersteig, die zu einer kleinen Konditorei gehört, liegen Gebäckteilchen. Dahinter führen ein paar Stufen zum Eingang der Freitagsmoschee.

Die Jame Masjid ist ein Sammelsurium persischer Baustile der letzten 1.000 Jahre. Hier finden wir die Geometrie der Seljuken, Einflüsse aus der Epoche der Moguln und barocke Feinheiten der Safawiden. Die beeindruckend zusammengesetzten Mosaike – Arabesken, Ranken und religiöse Inschriften – zeugen von persischer Handwerkskunst, die der ungeduldige Schah Abbas I der Vergessenheit überließ.

Jame Masjid, Isfahan, Iran

die Freitagsmoschee in Isfahan

Jame Masjid, Isfahan, Iran

kunstvoll dekorierte Wände der Freitagsmoschee

Mit einer Fläche von zwanzigtausend Quadratmetern, auf der man beinahe drei Fußballfelder abstecken könnte, ist die Freitagsmoschee in Isfahan die größte Moschee des Landes. In der Mitte des weiten Innenhofes befindet sich ein Wasserbecken, an dem die Gläubigen vor dem Gebet ihre rituellen Waschungen der Hände, Füße und des Gesichts vollziehen.

Über dem Becken erhebt sich eine steinerne Bühne, die als stilisierte Nachbildung der Kaaba in Mekka dient. Hier trainieren zukünftige Pilger die Rituale, die sie an der heiligsten aller islamischen Stätten vollführen, bevor sie sich auf die Hadsch, der Pilgerreise nach Saudi-Arabien, machen.

Die Moschee ist in ihrer Architektur klassisch persisch – monumental und großzügig dekoriert. Arkaden führen um den Innenhof. Vier Iwane, sind entsprechend der Himmelsrichtungen ausgerichtet.

Hinter dem südlichen Iwan, dessen Minarette sich in den Himmel über der Moschee recken, erhebt sich die Nezam-al Molk Kuppel. Sie gehört zu den ältesten, noch immer erhaltenen Teilen des Gebäudes. Mit einer Höhe von 34 Metern war sie im elften Jahrhundert die größte Kuppel ihrer Zeit. Ein Meisterwerk der Baukunst in dominantem grau.

Nezam-al Molk Kuppel, Freitagsmoschee, Isfahan

die Nezam-al Molk Kuppel in der Freitagsmoschee

Jame Masjid, Isfahan, Iran

unter der Nezam-al Molk Kuppel

Gegenüber, im nördlichen Iwan, sitzen zwei Jugendliche auf einem ausgebreiteten Perserteppich. Ihre Schuhe haben sie am Rand des weichen Läufers zurückgelassen und nun beugen sie sich mit gekreuzten Beinen über mehrere Papiere, die sie mit Augen und Fingern abtasten. Vielleicht lesen sie religiöse Schriften, vielleicht studieren sie ihre Unterlagen für die Uni. Vielleicht schmökern sie in einem Comic.

Dahinter öffnet sich eine Gebetshalle, deren Decke von dutzenden Säulen getragen wird. Große Teppiche liegen, zusammengerollt und zu einer großen Pyramide übereinander geschichtet, in einer Ecke. Ganz oben, weit über unseren Köpfen, thront die Taj-al Molk Kuppel. Sie gehört zu den herrlichsten Kuppeln, die jemals in Persien errichtet wurden.

Mit einem Umfang von zwölf Metern ist sie geformt wie ein Ei, mit einem sich zuspitzenden Zentrum. Ziegelsteine zeichnen diagonal verlaufende, sich kreuzende Linien. Sie formen Rauten, lassen dreieckige, sechseckige, gar achteckige Muster entstehen. Massive Säulen und Bögen ragen in grau, braun, beige und ihre ineinander verlaufenden Farbkombinationen schwindelerregend 22 Meter in die Höhe.

Wesentlich kleiner als die Nezam-al Molk Kuppel im südlichen Iwan gilt die Taj-al Molk Kuppel als mathematisch perfekt. So symmetrisch ist kaum ein anderes Gewölbe aus den letzten 900 Jahren. Vermutlich sehen die Hallen von Moria, dem tolkienschen Zwergenreich, genauso aus. Feine in Stein gemeißelte Inschriften, sowie Blumen- und Rankenmuster schmücken die Wände des Iwans.

Taj-al Molk Kuppel, Isfahan, Iran

Blick auf die mathematisch perfekte Taj-al Molk Kuppel

Jame Masjid, Isfahan, Iran

Gebetshalle in der Freitagsmoschee

Neben den Jugendlichen hat mittlerweile ein älterer Herr auf dem Teppich Platz genommen. Mit einer Wollmütze auf dem Kopf sinkt er zum Gebet auf die Knie nieder. Seine zusammengekniffenen Augen schützen ihn vor der mittlerweile tief stehenden Sonne. Ein paar Minuten verharrt der Mann mit andächtig gesenktem Blick. Dann richtet er sich auf und führt seine Schritte langsam zum Ausgang der Freitagsmoschee. Mit ihm verlassen auch wir eines der schönsten Gebäude des Landes.

Abends sitzen wir erneut auf den weichen Teppichen im Wohnzimmer unseres Gastgebers P. In einem Samowar köchelt Chai. P schneidet eine Wassermelone in große Scheiben. Dazu serviert er uns Gaz – weißen Nougat – eine persische Süßigkeit und besondere Spezialität aus Isfahan, hergestellt aus Honig, Eischnee, dem trüben Saft der Tamariske, Pistazien und Rosenwasser.

Satire und Terrorismus

Wir klauben die spröden, trockenen Pralinen aus einer Pappschachtel, und werden politisch. Es ist nicht einmal zehn Tage her, dass auf das Redaktionsgebäude des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo ein Anschlag verübt wurde. Zwölf Mitarbeiter kommen dabei ums Leben – Redakteure, Zeichner und Herausgeber. Die Polizei berichtet von islamistisch motivierten Tätern, die Tage später gestellt und getötet werden.

Charlie Hebdo veröffentlicht mehrfach Karikaturen des Propheten Mohammed und erlangt damit internationales Aufsehen. Die arabische Welt reagiert stets empört. Doch die Macher von Charlie Hebdo lassen sich nicht beeindrucken. 2013 verlangt der Terrorverbund Al Quaida sogar den Tod des Herausgebers Stéphane Charbonier wegen „Verbrechen gegen den Islam“.

Den Anschlag vor wenigen Tagen verstehen Frankreich und Europa als Trauma für die Pressefreiheit. Unfassbare Sprachlosigkeit und weltweite Solidarisierungsbekundungen begleiten das Entsetzen. Betroffenheit macht uns alle plötzlich zu Charlie.

Auch auf dem Teppich im Iran verabscheuen wir den Anschlag, doch schon bald sprechen wir über das Wesen der Satire. Was ist erlaubt, was nicht und wo verlaufen die Grenzen? Seit vielen Jahren werden sowohl Muslime als auch der Islam von der westlichen Welt undifferenziert betrachtet.

Gewaltbereit, fanatisch, verschleiert, radikal, terroristisch – so bekleiden unsere Medien und Meinungsmacher vor allem die Regionen des Nahen Ostens. Ein Pauschalurteil, das das Leben für viele Muslime überall auf der Welt erschwert.

Handwerk, Isfahan, Iran

auf dem Basar-e Bozorg

Handwerk, Isfahan, Iran

reiche Muster auf Porzellan

Obwohl ihm Religion ziemlich gleichgültig ist, spricht sich P vehement gegen die Peinigung der Gefühle gläubiger Muslime aus. Auch Satire ist ihm in dieser Hinsicht ein Dorn im Auge. „Warum“, so fragt er uns, „müssen Karikaturen über den Propheten Mohammed veröffentlich werden?“ Im Islam sind solche Abbildungen Tabu und aus Respekt vor der Religion sollte dieses Verbot bewahrt werden.

Gerade im Hinblick auf den Pauschalverdacht des Terrorismus, den die muslimische Gemeinschaft seit dem elften September 2001 ertragen muss, wäre ein milderer Umgang mit den religiösen Gefühlen wünschenswert, so P. Der Islam sei bereits stigmatisiert, seine Anhänger gedemütigt.

Dabei sei es nicht die Aufgabe der Satire Religionen zu diffamieren, argumentiert unser Gastgeber, sondern Missstände aufzuzeigen. Doch stattdessen bringen satirische Abbildungen in der westlichen Welt den Propheten Mohammed immer wieder mit Gewalt zusammen und zementieren so Angst, Vorurteile und Ungerechtigkeit gegenüber allen Mitgliedern des Islams. Ps Logik erschließt sich auch mir und dennoch ist meine Antwort unreflektiert: „Satire darf alles!“ belle ich ihm entgegen. Hatte das nicht Kurt Tucholsky gesagt?

Aber je mehr ich über die Satire nachdenke, desto größer werden meine Zweifel. Natürlich gibt es Gründe satirisch mit dem Islam umzugehen: Frauenrechte etwa und natürlich auch religiöser Fundamentalismus und Terrorismus. Selbst Mohammed-Karikaturen gehören dazu. Es gibt Gründe, den Islam kritisch darzustellen. Aber darf man deshalb in einer Gesellschaft, die immer stärkere islamophobe Tendenzen zeigt, die Anhänger der Religion noch weiter herabwürdigen?

Jame Masjid, Isfahan, Iran

Dekorationen an der Freitagsmoschee in Isfahan

Straßenszene, Isfahan, Iran

Straßenszene in Isfahan

Obwohl die islamische Welt mehrfach mit Entrüstung reagiert, publiziert Charlie Hebdo immer weiter. Es folgt die volle satirische Breitseite gegen den Propheten und seine Anhänger.

Warum auf ein ohnehin schon geprügeltes Kind treten? In einer Zeit, in der die Verachtung gegenüber dem Islam im gesellschaftlichen Spektrum zunimmt, sollte Satire vielleicht andere Wege gehen. Folgt daraus nun, dass der Islam von Satire freigesprochen werden muss? Nein, denn auch Zensur ist nichts Erstrebenswertes. Aber vielleicht zeigen Satiriker in aufgebrachten Zeiten ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl für ihr Sujet. Wie auch immer das aussehen mag.

Im Garten des Königs

Am nächsten Morgen sitzen wir wieder im Auto und stecken natürlich im Stau. Alltag in Isfahan. P arbeitet in der Bibliothek und wir erkunden erneut die Stadt. Wieder verschlägt es uns zum Naqsh-e Jahan. Doch anstatt noch einmal die Schönheit der Masjid-e Shah oder die Kunst der Handwerker zu bewundern, überqueren wir hinter dem Ali Qapu Palast die Straße und stehen in einem riesigen Persischen Garten.

Mitten in der Anlage befindet sich der Tschehel Sotun, der „Palast der vierzig Säulen“. Erbaut im 17. Jahrhundert ist es der letzte noch erhaltene Palast in den königlichen Gärten des Safawidengeschlechts. Der Tschehel Sotun galt den persischen Königen als ein Ort des Vergnügens, der Lust. Hier wurden festliche Empfänge abgehalten.

Wir betreten den Palast über eine riesige Terrasse, deren hölzerne, mit geometrischen Figuren bemalte Dachpaneele von 20 mächtigen Säulen aus Zypressenholz getragen werden. Ihre Spiegelungen im nahen Wasserbecken geben dem Palast den Namen. Aus Stein gemeißelte Gitter schmücken die Fensteröffnungen rund um den Palast, dazu die allgegenwärtigen Ranken und Arabesken.

Doch wirklich beeindruckend ist der Palast der vierzig Säulen erst in seinem Inneren. Der Thronsaal, ist der einzige Raum des Palastes. Groß wie das Gebäude selbst, verkündet er vom Glanz eines vergangenen Reiches. Fresken, Miniaturzeichnungen, Spiegelscherben und Stuck verzieren die Mauern. Leuchtende Farben fallen uns von den Wänden entgegen.

Sechs gewaltige, meterhohe Wandbilder zeigen bedeutende Ereignisse am königlichen Hof und berühmte Schlachten der Safawiden aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sie sind herausragende Beispiele für den einzigartigen Stil der persischen Malerei. Vor uns erhebt sich die gewaltige Schlacht der persischen Armee gegen die Usbeken aus dem Jahr 1510. Fliehende usbekische Reiter feuern ein letztes Mal Pfeife auf die siegreichen Safawiden, während der persische König Ismail mit seinem Schwert den usbekischen Herrscher durchbohrt.

Tschehel Sotun, Isfahan, Iran

episches Wandgemälde im Tschehel Sotun

Doch König Ismail, Begründer des Safawidengeschlechts, kämpft an den Wänden nicht nur gegen Usbeken, sondern auch gegen die Infanterie der Osmanen. Es ist eine katastrophale Schlacht aus dem frühen 16. Jahrhundert, in deren Folge Persien die Kontrolle über Ostanatolien und den heutigen Irak verliert. Während im oberen Teil des Bildes Kanonensalven durch die Luft jagen, fallen am unteren Bildrand blutende Krieger auf den Boden des Schlachtfelds.

Die eindrucksvollste Kampfszene zeigt den persischer Herrscher Nader Shah im Kampf gegen die Moguln unter Sultan Mohammed in Indien. Selbst Kriegselefanten kommen auf der indischen Seite zum Einsatz, die mit bestialischem Blick die anstürmenden Perser erwarten. Die Wandbilder sind episch und die überbordenden Abbildungen kaum als Ganzes wahrnehmbar. In jeder Illustration passiert so viel, dass uns das Geschehen beinahe erschlägt.

Doch die Wandgemälde glorifizieren nicht nur historische Schlachten. Auch königliche Empfänge mit Musik und Tanz sind als Fresken festgehalten. So empfängt Schah Tahmasp den nach Persien geflohenen, indischen Prinzen Humayan. Der Wein fließt in Strömen, Tänzerinnen unterhalten die männliche Gesellschaft, die im Hintergrund ihre prächtigen Schnurrbärte stolz zur Schau trägt.

Feine Kostüme in strahlenden Farben schmücken das Fest. Auf dem Tisch vor dem indischen Prinzen liegt eine angeschnittene Melone. Die Feier ist luxuriös. Die anmutigen Tänzerinnen sind jedoch in Frauenkleider gehüllte junge Männer. Schließlich verbietet die Scharia den Anblick unbedeckter Frauen, die nicht zum engen Familienkreis gehören.

Nur ein paar Gehminuten vom Tschehel Sotun Palast entfernt befindet sich der Hascht Behescht Palast, der Palast der acht Paradiese aus dem Jahr 1669. Es ist eine luxuriöse Oase inmitten eines grünen Gartens und der letzte noch erhaltene Wohnpalast der königlichen Safawiden. Die bemalten Kuppeln und Iwane gehen fließend ineinander über.

Die Grenzen zwischen Außen und Innen verschwimmen ebenso, wie die antiken Farben, die ihre Strahlkraft schon lange eingebüßt haben. Dort, wo der Putz noch intakt ist, zieren große Blüten und Blätter die Wände. Vögel zwitschern stumm zwischen ihnen.

Über mit Blüten und Ranken verzierte Fliesen schlendern wir durch den Palast und anschließend hinaus in den Garten. Die Kühle des Tages umschlingt unsere Körper, Sonnenstrahlen brechen vereinzelt durch die Baumkronen. Ganz in der Nähe dringen ein paar Jugendliche in die Stille des Gartens, die mit ihrem Handylautsprecher iranischen Pop durch den Äther schleudern.

Später machen wir uns auf den Weg zurück zum Naqsh-e Jahan, wollen den weitläufigen Platz am frühen Abend erleben, wenn die Touristenströme des Tages vorüber sind. Ein paar Streuner überqueren den Platz – junge Männer, die nicht so aussehen, als würde sie einem legalen Gewerbe nachgehen. Ständig taxieren sie ihre Umgebung, immer auf der Suche nach einer Gelegenheit. Dann spazieren wir weiter zum Fluss Zayandeh.

Khaju-Brücke, Isfahan, Iran

die Khaju-Brücke über dem Zayandeh

Als wir das Ufer erreichen, machen wir in einem der kleinen Lokale halt. Diesen Besuch haben wir bereits nach kurzer Zeit zur Gewohnheit gemacht. In der Nähe der Si-o-Seh Brücke sitzen wir auf roten Plastikstühlen, schauen den Passanten zu, die mal eilig, mal gemächlich die Straße hinunter laufen. Dann serviert uns der Wirt zwei große Becher mit frisch gepresstem Karottensaft auf Vanilleeis.

Als wir an unserem ersten Tag in Isfahan diese seltsame Kombination entdeckten, konnten wir uns kaum vorstellen, dass mit so einem merkwürdigen Getränk tatsächlich Gewinne erwirtschaftet werden. Abdul, unsere Mitfahrgelegenheit, mit der wir das Stadtgebiet erreichten, war der erste von vielen Iranern um uns herum, die liebevoll Karottensaft und wahlweise Safran- oder Vanilleeis vermischten und dann genüsslich ihre Becher leerten. Ihm verdanken wir eine neue Sucht – die Sucht nach frisch gepresstem Karottensaft und Speiseeis.

Als die Dämmerung herein bricht, spazieren wir am Zayandeh entlang. Die Ufer des Flusses sind die wichtigsten sozialen Treffpunkte der Stadt. Hier schlendern die Bürger der Stadt, alte und junge, Männer und Frauen durch die sauberen Parkanlagen entlang des Flusses. Gepflasterte Wege führen zwischen den antiken Brücken Chubi, Khaju und Si-o-Seh umher. Sie alle stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind bis heute wichtige Wahrzeichen der Stadt.

Besonders die zweistöckige Khaju-Brücke ist in den Abendstunden ein beliebter Treffpunkt für die Jugendlichen der Stadt. Wenn die Bögen und Nischen der Brücke in gelbem, warmem Licht angeleuchtet werden, schlendern sie hier auf und ab. Paare sitzen versteckt Arm in Arm im Halbschatten zwischen den Lichtern.

Khaju-Brücke, Isfahan, Iran

die Khaju-Brücke ist ein beliebter Treffpunkt in Isfahan

Khaju-Brücke, Isfahan, Iran

Abendstimmung auf der Khaju-Brücke

Unter den Brückenbögen finden sich junge Männer zusammen. Sie rauchen, lachen, albern herum. Jemand zupft an einer Gitarre und singt dazu eine melancholische Melodie. Die Akustik unter der Brücke ist ausgezeichnet und beinahe jeden Abend spielen hier Musiker auf.

P sitzt am Rand der Brücke. Neben ihm knattern ein dutzend meterhohe iranische Flaggen in einem kleinen Kreisverkehr im Wind. Wir sind zum Abendessen verabredet. In einem nahen Restaurant speisen wir Lammrippchen, Reiskuchen, Hühnerkeule und zum Nachtisch Safranjoghurt. Das volle Programm iranischer Delikatessen. Dann besorgen wir uns von einem Freund Selbstgebranntes und verbringen den Rest des Abends gemütlich schwatzend im Wohnzimmer. Es ist unsere letzte Nacht in Isfahan, unser letzter Abend mit P. Morgen geht es in die Wüste.

Khaju-Brücke, Isfahan, Iran

unter den Bögen der Khaju-Brücke

 

Isfahan ist die halbe Welt in drei Teilen

Teil 1: Das politische System im Iran

Teil 2: Die Prachtbauten des Königs

Teil 3: Kunsthandwerk und Satire

 

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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