Luang Namtha, the Hiker, Laos
Barfuß durch den Dschungel

Luang Namtha und die Bergvölker von Laos


23. September 2018
Laos
2 Kommentare

Wir frühstücken Kuchen und schauen besorgt gen Himmel. Es ist Regenzeit und Morten möchte tatsächlich unsere 3-tägige Wanderung durch den Dschungel in Flip-Flops meistern. Seine Wanderschuhe haben bereits irgendwo in Indien den Geist aufgegeben und sich Stück für Stück in ihre Einzelteile zerlegt. Wenn das mit den Flip-Flops nicht funktioniert, so Mortens Plan B, hat er noch profillose, aber schicke Halbschuhe, die gerne besudelt werden können. Die Schuhe sind nämlich ein bis anderthalb Nummern zu klein und werden nach dieser Wanderung entsorgt. Wir wollen es wieder einmal wissen.

Luang Namtha, eine nichtssagende Provinzhauptstadt im bergigen Norden von Laos, liegt irgendwo zwischen Myanmar und China an einer Biegung des Tha Flusses. Quadratische Betonbauten versprühen sozialistischen Charme. Chinesische Bauarbeiter marschieren entlang der wenig befahrenen Hauptstraße. Sie erweitern den ökonomischen und strategischen Einfluss der großen Volksrepublik im Norden auf ihre Nachbarstaaten, bauen Straßen und Staudämme, schaffen Arbeitsplätze – aber nur für die eigene, chinesische Bevölkerung.

Weiter im Zentrum bieten eine Handvoll in traditionellen Trachten der Bergbevölkerung gekleidete Großmütter den Touristen mit Nachdruck Nippes und Schmuck an. Mit den Enkelkindern an der Hand laufen sie zwischen den zwei besser besuchten Cafés des Ortes hin und her. Jetzt in der regenreichen Nebensaison sind nicht gerade viele Ausländer im Ort und wir werden im 10-Minutentakt von den immer gleichen Frauen angesprochen. Nachdem sie ihre Waren preisen, bieten sie ohne Umschweife auch Marihuana und Opium an. Dabei dämpfen sie die Stimme und funkeln schelmisch mit braunen Augen, die uns aus den Falten vieler vergangener Dekaden heraus anschauen.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

üppig grüne Berg- und Hügellandschaft im Norden von Laos

Die Frauen sind hartnäckig. Auch mehrfach geäußertes Desinteresse beachten sie nicht weiter. Immer wieder weisen sie auf bunte Armbänder, Taschen und anderen Klimbim. Die Verkäuferinnen gehören zum Stamm der Akha. Wir erkennen sie an den alten Silbermünzen, die, noch aus Zeiten der französischen Kolonialherrschaft stammend, als Kopfschmuck getragen werden. Aber auch die schwarze Kleidung, mit ihren vielen farbenfrohen Verzierungen ist typisch für das Bergvolk.

Doch in der Umgebung leben nicht nur Akha. Ein Großteil der ethnischen Minderheiten des Landes ist im bergigen Norden beheimatet. So entspricht die Provinz Luang Namtha ziemlich genau dem, was einem als erstes in den Sinn kommt, wenn man an den Norden von Laos denkt: Üppige Bergwälder, ungezähmte Flüsse und eine große ethnische Vielfalt. Die Stadt Luang Namtha ist deshalb ein beliebter Ausgangspunkt für Dschungelwanderungen in die Bergdörfer der Region.

Viele ökologisch und sozial nachhaltige Tourismusprojekte haben sich rund um das Luang Namtha Naturschutzgebiet etabliert. Unterstützt von der UNESCO bringen sie seit 1999 Touristen und Bergbewohner zusammen. Mensch und Natur sollten in gleichem Maße profitieren, hieß es damals.

Allerdings ging der Plan nicht auf. Waldrodungen und endlose Kautschuk- und Bananenplantagen – als Cash Crop von der laotischen Regierung zur Bekämpfung der Armut der Landbevölkerung angeordnet – zwingen die Touranbieter dazu, immer neue Routen auszutüfteln, um den Touristen weiterhin unberührte Natur präsentieren zu können.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

Baumriesen in den laotischen Bergen

Luang Namtha, The Hiker, Laos

Wanderung im Naturschutzgebiet Luang Namtha

In den zurückliegenden Tagen in Luang Namtha saßen wir Stunde um Stunde in einem Café, hörten dem Prasseln dicker Tropfen auf dem Wellblechdach zu. Die kleine Gruppe Ausländer in der Stadt wuchs täglich. Bei Kaffee, Bier und Klebreis warteten sie, wie wir, auf das Ende des Regens. Nun ist es so weit. Die Wetterprognose verspricht zwar immer noch keine Sonne satt, dafür sollen in den nächsten Tagen lediglich ein paar kurze Schauer vom Himmel kommen. Wir schlüpfen in unsere Wanderstiefel respektive Flip-Flops. Wie weit wir damit kommen, werden wir bald erfahren.

Tag 1: Start: Chaleunsouk • Ziel: Wild Banana Camp • Laufzeit: 3,5 Stunden • Distanz: 9 Kilometer

Unser Guide Noi ist ein junger Mann, den ich eher in die Stadt verorten möchte, als in den Dschungel. Hochgewachsen, moderne Outdoor-Kleidung, passables Englisch, helle Haut. Er wirkt wie ein Student aus Vientiane. Sein Assistent, wenn man ihn so nennen will, heißt Vong und kommt aus einem der umliegenden Dörfer. Es könnte keinen größeren Gegensatz zwischen beiden geben. Vong ist klein und gedrungen, mit wettergegerbter Haut, etwa 40 Jahre alt. Sein kompakter Körperbau scheint wie gemacht für den Dschungel. Seine muskulösen Gliedmaßen sind geformt vom Schwingen der Machete im Unterholz. Vong spricht kaum Englisch. Die Aufgaben scheinen klar verteilt.

Mit dem Auto fahren wir in das Dorf Chaleunsouk, etwa ein Dutzend Holzhäuser auf Stelzen, die um das Ufer eines Baches verstreut liegen. Dahinter erstrecken sich Reisplantagen in einem schmalen, von bewaldeten Berghängen gerahmten Tal. Jetzt, zur Regenzeit im August und etwa einen Monat vor der Ernte, zeigen sie sich in sattem Grün und weisen uns unter einem blauen Himmel den Weg.

Etwa eine Stunde spazieren wir in unserer kleinen Gruppe – neben Noi und Vong begleitet uns ein weiteres Paar – entlang schmaler Pfade durch das Reisfeld. Noch sind wir der sengenden Sonne ausgeliefert und bei einer ersten Pause, nach 40 Minuten Fußmarsch etwa, liegt die nassgeschwitzte Funktions-Kleidung unserer Mitwanderer schon zum Trocknen in der Sonne.

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Reisfelder von Chaleunsouk

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Pause in tropisch-feuchter Hitze

Hinter den Reisfeldern geht es einen der dicht bewachsenen Berge hinauf. Die Sonnenstrahlen schaffen es hier nur noch selten durch das Blätterdach zu uns hinunter, doch zwischen den Bäumen zollen wir der Luftfeuchtigkeit und dem Anstieg verschwitzten Tribut. Der Pfad schlängelt sich zunächst durch 20-30 Jahre alten Sekundärwald.

Nach Brandrodung und Jahren der Landwirtschaft sind die Hänge im Naturschutzgebiet Luang Namtha der Natur zurückgegeben. Es wächst wieder Wald, auch wenn dieser lange nicht so dicht, so artenreich, so kraftvoll ist, wie der ursprüngliche Primärwald einst war. Im Sekundärwald wachsen vornehmlich Bäume derselben Art und weil sie alle dasselbe Alter haben, sind sie auch alle gleich hoch. Farne erheben sich in den Zwischenräumen.

Eine weitere Stunde laufen wir bergauf über den lehmigen, schmalen Pfad, bis wir den Bergrücken erreichen. Oben angekommen eröffnet sich uns der Blick in die Weite. Grüne Berg- und Hügelketten reihen sich bis zum Horizont aneinander, Baumkrone um Baumkrone ragt empor. Sie recken ihre knorrigen Hälse dem Licht der Sonne entgegen. Sanft gehen die Hügel ineinander über. Eine kühle Brise trifft unsere schweißnassen Gesichter, fährt zart über die Haut, kühlt augenblicklich unsere müden Körper. Das ist immer der Moment, auf den ich mich freue, wenn wir in tropischem Klima auf Berge steigen: Die kühlende Brise!

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unterwegs im Wald

Luang Namtha, The Hiker, Laos

Blick ins Tal bis nach Luang Namtha

Wir befinden uns in dichtem Dschungel. Doch große Säugetiere wie Leoparden oder Elefanten gibt es in diesem Teil des Naturschutzgebietes schon lange nicht mehr. Stattdessen hören wir allerlei Vögel zwitschern und Zikaden zirpen. Ab und an brummen ein paar dicke Insekten an uns vorbei. Mit viel Glück kann man hier noch den Blick auf ein Wildschwein oder einen Sambar-Hirsch erhaschen.

Eine kurze Weile noch folgen wir dem Bergrücken, steigen ein wenig gemächlich bergauf. Dann erreichen wir ein offenes, mit Palmenblättern gedecktes Bambushäuschen. Von hier oben reicht unser Blick bis nach Luang Namtha, das gerade in der Ferne unter einer Regenwolke versinkt. Es ist Zeit für das Mittagessen.

In wenigen Augenblicken hat Vong alles Notwendige mit seiner kurzen Machete aus dem Dschungel geklaubt. Große Bananenblätter dienen als Arbeitsfläche, auf dünnen Hölzern werden Chilis aufgespießt und über dem Lagerfeuer geröstet. Frischen Fisch klemmt der findige Mann zwischen gespaltenen Bambus ein und gart ihn sanft über dem Feuer. Auch Kräuter und Pilze hat Vong schnell aus dem Wald gesammelt.

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Vong grillt Fisch auf offenem Feuer

Luang Namtha, The Hiker, Laos

unser Mittagessen auf Bananenblättern

Ich bewundere die geschickten Handgriffe des Mannes. Dabei beschleicht mich ein paradoxes Gefühl der Niedergeschlagenheit. Wie weit habe ich mich, haben wir uns in den Industriestaaten von der Natur entfernt? Mit welcher Selbstverständlichkeit akzeptieren wir den Supermarkt als einzige Quelle für Nahrungsmittel? Wie leichtfertig begreifen wir Wasser und Nahrungsmittel – existenzielle Lebensgrundlage und von der Natur zur Genüge gegeben – als Konsumware? Wie überlebensfähig wäre ich im Wald?

Haben die Menschen hier in Luang Namtha Hunger, gehen sie einfach hinaus in die Natur. Es ist noch nicht lange her, da trafen wir in der Hauptstadt Vientiane einen jungen Studenten aus den Bergen, der uns das Selbstverständnis vieler Laoten erläuterte. „In Vientiane ist alles betoniert. Wenn man hier in der Großstadt kein Geld hat, hat man nicht einmal etwas zu Essen oder zu Trinken.“, ließ er uns empört wissen. In Laos, wo eine große Mehrheit der Menschen als Selbstversorger lebt und kaum mit Geld in Berührung kommt, ist die Natur nicht nur Ernährer, sondern auch Apotheke und Baumarkt.

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Noi führt uns durch den Dschungel

Nach dem Mittagessen geht es zwei Stunden steil bergab. Der schmale, kaum mehr als zwei Fuß breite Pfad ist rutschig, der Boden durch den Regen der letzten Tage aufgeweicht, schlammig. Wir können den vor uns liegenden Weg bis weit nach unten mit den Augen verfolgen. Er ist so steil, dass wir mittlerweile alle am Stock laufen.

Doch vor Stürzen schützen uns selbst die Gehhilfen nicht. Wir rutschen aus, zerbrechen unsere Wanderstöcke und schon im nächsten Moment springt Vong herbei und schnitzt uns einen neuen. Morten, den Profillosen, hat es schlimm erwischt. Während wir alle mit stabilen Wanderstiefeln unsicher nach unten stapfen, muss er diesen Pfad auf rutschigen Sohlen meistern. Die Flip-Flops hat er mittlerweile durch Halbschuhe ersetzt, was die Sache aber nicht besser macht. Zwei Stunden lang in zu engen Schuhen steil einen Berg hinunter laufen zu müssen ist wahrlich kein Vergnügen.

Je weiter wir in den Wald hineindringen, umso dichter umgibt er uns. Umgestürzte Bäume, Farne und dicke Lianen begrenzen nun den seitlichen Blick, Schmetterlinge in kräftigen Blau- und Gelbtönen umgeben uns, Spinnen hängen bewegungslos in weit gespannten Netzen, Ameisenkolonien und Tausendfüßler bevölkern den Waldböden.

Die Erleichterung ist groß, als wir das Camp erreichen. Es liegt versteckt im Dickicht des Waldes und von wilden Bananenstauden umgeben. Zwei offene Bambuskonstruktionen mit erhöhtem Boden und Palmwedeldach werden für die anstehende Nacht unser Zuhause sein. Wir rollen unsere Isomatten auf dem Bambusboden aus, befestigen Moskitonetze, während Vong bereits das Abendessen zubereitet. Ein kleiner Bach in der Nähe ist unsere Dusche. Mit den Füßen im plätschernden Wasser, lassen wir aus einem der Kaskaden Wasser in eine kleine Schüssel fließen und begießen uns damit. Eine eiskalte Open-Air-Dusche, umgeben von wilder Vegetation. Genau das, was wir gerade brauchen.

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Wild Banana Camp im tiefen Dschungel

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erfrischender Bach am Lagerplatz

An einem langen, massiven, aus Baumstämmen zusammengeschusterten Tisch essen wir zu Abend und während wir noch Klebreis in walnussgroße Kügelchen rollen, macht sich bereits die Dämmerung breit. Das letzte Tageslicht verschluckt der Wald in wenigen Minuten und dann sind es allein die hin- und herfliegenden Glühwürmchen, die das Dunkel der Nacht durchbrechen. Hier in der Natur folgt das Leben dem Sonnenstand und so liegen wir bereits am frühen Abend auf unseren Matten.

Als Stadtmensch schläft man natürlich nicht besonders gut, so mitten im Regenwald. Zu fremd ist die Geräuschkulisse, zu angespannt das Gehör. Ein Heer an Insekten brummt, summt, surrt und flattert, schwirrt, raschelt, saust, braust und zischelt durch den Wald. Das dröhnende Zirpen der Zikaden erinnert an eine entfernte Baustelle. So selten erleben wir die Natur, dass wir ihre Geräuschkulisse nur mit einer künstlichen Kakophonie in Verbindung bringen können.

Nachts schrecke ich plötzlich hoch. Ein lautes Stampfen neben unserem Schlafplatz. Ein Wildschwein vielleicht? Angespannt liege ich unter dem Moskitonetz, starre in die Dunkelheit hinaus. Sind das Schmatzgeräusche? Jeder noch so kleine Laut ist für mich eine Bestätigung meiner Fantasie. Wir müssen umzingelt sein von Wildschweinen. Die werden jetzt wahrscheinlich auch noch den letzten verbliebenen Tiger aus dem Naturschutzgebiet anlocken. Zu tief sind wir in das grüne Ungewiss des Waldes marschiert, als dass uns jemand helfen könnte. Wir sind definitiv verloren.

Als es bereits dämmert, bin ich noch immer wach – und am Leben. Und weil es sich jetzt eh nicht mehr zu schlafen lohnt, wecke ich Morten, damit mir nicht so langweilig ist.

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Morgenstimmung

Tag 2: Start: Wild Banana Camp • Ziel: Nalan Neua • Laufzeit: 5 Stunden • Distanz: 12 Kilometer

Nach einem auf offenem Feuer zubereiteten Frühstück starten wir den zweiten Teil unserer Wanderung. Den Sekundärwald haben wir gestern auf den letzten Metern hinter uns gelassen. Nun laufen wir durch einen fabelhaften Primärwald. Noi geht voran, schlägt mit einer kurzen Machete einen schmalen Pfad durch das Dickicht aus Farnen und tief hängenden Ästen. Kniehoch wächst das Gestrüpp und liefert sich einen stetigen Kampf mit den Guides, die versuchen ihre Dschungelpfade frei zu halten.

Wir stapfen durch eine wilde Ansammlung von Bananenstauden. Immer wieder steigen wir über umgestürzte Bäume und durchqueren kleine Bäche. Bald schon stehen wir vor einem Wasserfall, der sich aus felsiger Höhe rauschend ins schmale Flussbett ergießt. Vong bleibt dicht vor den herabstürzenden Fluten stehen und brüllt dem Wasserfall entgegen. Was er sagt bleibt, uns unverständlich.

Die Bergvölker im Norden von Laos sind zum Großteil Animisten. Sie glauben an Phi, an Geister, die oftmals den vier Elementen zugeordnet werden und an Bergen oder Flüssen, in Bäumen, Quellen oder Reisplantagen wohnen. Auch der kleine Wasserfall hier im Wald scheint beseelt und wird von Vong ausgiebig gegrüßt.

Wenig später folgen wir alten Jägerpfaden und laufen in einem plätschernden Wasserlauf den Berg hinauf. Große Felsbrocken versperren den Weg, die wir kletternd erklimmen müssen. Dass unsere Füße dabei trocken bleiben, verliert schnell an Priorität. Eine Steilwand besteigen wir ganz abenteuerlich mit Hilfe von herabhängenden Lianen. Etwa eine halbe Stunde später erreichen wir den oberen Rand des Hanges. Mächtige Baumriesen ragen hier aus dem Waldboden empor.

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an der Steilwand

Packliste

Unsere Ausrüstung muss einiges aushalten. Seit 7 Jahren sind wir dauerhaft unterwegs und strapazieren unser Hab und Gut im täglichen Einsatz. Einiges hat bei uns nur kurze Zeit überlebt, doch anderes bewährt sich mittlerweile seit Jahren und wir sind von der Qualität überzeugt. Unsere Empfehlungen könnt ihr hier nachlesen.

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Baumriesen im Wald

Schwindelerregend hoch recken sie ihre Kronen. Die Stämme, so breit wie Schwerlaster, stehen bereits seit mehr als 300 Jahren an dieser Stelle. Die Bäume wuchsen schon, bevor in Europa das Zeitalter der Aufklärung und somit der Beginn der Moderne eingeläutet wurde, wuchsen schon, bevor die Französische Revolution das Staatsverständnis in Europa grundlegend veränderte. Der Wald erscheint nun immer verworrener, undurchschaubarer. Gewaltige Schlingpflanzen und Lianen würgen gnadenlos erhabene Bäume im undurchdringlichen Grün des Dschungels. Umgestürzte Stämme vermodern auf dem durchnässten Waldboden, werden erstürmt von allerlei Ameisen und Nutznießern, sind von weichem Moos bewachsen.

Wir keuchen weiter bergauf. Die hohe Luftfeuchtigkeit und der lehmige Boden machen es uns nicht leicht. Der Weg ist rutschig. Das britische Mädchen in unserer Gruppe ist seit unserem Aufbruch vor zwei Stunden bereits sechs Mal gestürzt. Auch ich rolle wenig elegant rücklings von einem umgestürzten Baumriesen, den ich auf allen Vieren versuche zu übersteigen. Als wir die Hügelkuppe erreichen und auf der anderen Seite wieder hinab steigen wollen, betreten wir Blutegel-Land.

Es gibt ja kaum Viecher, die abscheulicher aussehen. Wie sie noch auf dem Boden klebend gierig ihre windenden Körper in die Höhe recken, auf der Suche nach dem nächsten Opfer, an das sie andocken können.

Das erste Mal griffen uns Blutegel inmitten einer Teeplantage im Hochland Sri Lankas an. Eine sehr unangenehme Erinnerung. Allein der Gedanke, dass sich so ein Parasit an einem festgesaugt, ja festgebissen hat und der gleichzeitig so glitschig ist, dass man ihn kaum entfernen kann, ließ mich vor Entsetzen schauern. Im wilden Nordostens Indiens dann die Läuterung: Hier recken sich aberhunderte Blutegel nach unseren Gliedern. Allein der Versuch ein paar wenige zu entfernen ist zwecklos, bietet man doch gleichzeitig der dreifachen Menge die Möglichkeit anzudocken. Erst als wir aus der Gefahrenzone heraus sind, können wir die kleinen Bestien beseitigen. Seitdem machen mir Blutegel nicht mehr viel aus, theoretisch.

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Blutegel-Land

Im Vergleich zu den Erlebnissen in Indien ist das hier das reinste Kinderspiel. Es gibt ja auf Reisen nichts, woran man sich nicht gewöhnen kann. Was Blutsauger angeht, sind wir seit besagtem Tag im Nordosten Indiens wesentlich gelassener, gar abgeklärt.

Ich bin es leid, mich ständig zu bücken und die Viecher von meinen Schuhen und Beinen zu klauben. Morten jucken die Egel noch weniger. Er ist schon wieder mit Flip-Flops unterwegs, weil seine Schuhe bereits blutige Blasen auf die Zehen gescheuert haben.

Ganz anders das junge Pärchen, das mit uns unterwegs ist. Mit angewidert-ängstlichen Schreien sind sie länger damit beschäftigt ihre Schuhe zu kontrollieren und von Blutegeln zu säubern, als dass sie vorwärts kommen. Wir können es ihnen nicht verübeln. Wer sich vor der Reise in den Dschungel tatsächlich mikroskopische Nahaufnahmen der Beißwerkzeuge von Blutegeln anguckt, muss es zwangsläufig mit der Angst zu tun bekommen. Von solchen Ideen rate ich grundsätzlich ab.

Der Pfad führt bald eine Weile nah am Hang entlang, wir durchqueren Bambushaine und gemeinsam mit Vong entdecken wir Wildschwein- und Hirschspuren.

Gegen Mittag, wir laufen bereits seit mehr als 4 Stunden, erreichen wir einen breiten Pfad, der hinunter zum Dorf Nalan Neua führt. Hier verlassen wir das Blutegel-Land endlich und haben etwas Zeit zu verschnaufen. Ein fetter, vollgesogener Blutegel kullert von Mortens Fuß über seinen Flip-Flop auf den Boden. Dort liegt er schwer und träge, ist kaum noch in der Lage sich zu bewegen. Sonst ist niemand von uns gebissen worden.

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Nashornkäfer

Eine Handvoll Bananenblätter ersetzen unsere Mittagstafel. Drei junge Männer nähern sich mit schnellen Schritten, sprechen aufgeregt mit Vong und Noi und ziehen entschlossen weiter. Einer der Männer hat ein großes Wespennest im Wald entdeckt, das nun geplündert werden soll, verrät uns Noi. Die darin enthaltenen Larven gelten in Laos als Delikatesse, und auf dem Markt in Luang Namtha lassen sie sich gut verkaufen.

Noi selbst trägt bereits den ganzen Tag ein großes, frisch geschlagenes Bambusrohr mit sich herum, in das er heute Morgen am Bach fünf Krabben gestopft hat. Ein paar zusätzliche Blätter, die das Loch im Bambus am oberen Ende verschließen, sollen verhindern, dass die Tiere fliehen. So wird er sie bis nach Luang Namtha transportieren. Bei jedem noch so kleinen Tier, das uns unsere Guides im Wald zeigen, ziehen sie es auch in Erwägung, selbiges mitzunehmen und zu verspeisen. Doch ab und zu ist eine Kröte oder eine Krabbe schlicht nicht fett genug. Dafür verschwinden zwei große Käfer in einer Brusttasche, damit die Kinder Zuhause damit spielen können.

Nach dem Mittagessen wird das Wandern zum Schlendern. Der Weg ist breit und, obwohl etwas lehmig und rutschig, leicht zu laufen. Nach einer weiteren Stunde erreichen wir gegen 15 Uhr Nalan Neua.

Das Dorf, eine Ansammlung von vielleicht 60 Häusern, schmiegt sich zwischen ein bergiges Waldstück und das Ufer des Tha Flusses. Hier in Nalan Neua leben etwa 200 Mitglieder der Khmu, der größten ethnischen Minderheit in Laos. Sie gelten als die indigene Bevölkerung des bergigen Nordens von Laos, sind aber auch in den angrenzenden Gebieten von China, Myanmar und Vietnam beheimatet.

Einfache Hütten auf Stelzen aus Holz oder Bambus stehen in kleinen Grüppchen beieinander. Sie sind mit Palmenblättern oder Wellblech gedeckt. Unter den Häusern trocknet Feuerholz. Farbenfrohe Kleidung hängt auf langen Leinen zwischen den Stelzen. Ganz in der Nähe liegt eine Sau faul auf der Seite. Auf dem erdigen Boden suhlen ihre Hängebauchferkel grunzend in Schlammpfützen, Hühner picken wahllos nebenher, halbnackte Kinder tollen mit den Hunden durchs Dorf.

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Nalen Neua, das Dorf der Khmu

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Großküche im Freien

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Stelzenhäuser in Nalan Neua

An einem der drei Brunnen waschen sich, in bunte Tücher gehüllt, die Frauen des Dorfes. Es gibt einen Kiosk im Ort, der warmes Bier, Kartoffelchips und trockene Fertignudeln verkauft. Leere Bierkisten lehnen an der Holzwand. Unter einem weiten Vordach laden ein wackliger Plastiktisch und zwei Stühle zum Verweilen ein.

Seit 20 Jahren wird Nalan Neua mit Einnahmen aus dem Tourismus unterstützt. In der Saison treffen beinahe täglich Touristen ein, ob zu Fuß, wie wir oder mit dem Kajak über den Tha kommend. Entsprechend gewöhnt sind die Bewohner an Touristen und es ist schwer ihre Gleichgültigkeit zu deuten. Was halten sie wohl von den neugierigen Fremden, die immer wieder ihr Dorf besuchen? Die Dorfgemeinschaft profitiert jedenfalls vom Tourismus, mit deren Einnahmen bereits eine Grundschule gebaut und eine buckelige Straße in den Berg geschlagen wurde, die zumindest in der Trockenzeit befahrbar ist.

Vor zwei Jahren noch mussten die Bewohner von Nalan Neua vier Stunden durch den Wald bis zur Landstraße nach Luang Namtha laufen. Gerade bei Schwangerschaften und Krankheiten war das eine mühevolle, oft nicht zu bewältigende Belastung.

Wir werden unter ein Bambusdach direkt am Fluss gesetzt. In einem kleinen dunklen Häuschen steht ein Eimer Wasser mit Schöpfkelle bereit: unsere Dusche. Die meisten Bewohner ziehen jedoch den Fluss vor, um sich zu waschen. Sie setzen sich ins Wasser, genießen sie Strömung und sind in den sedimentreichen Fluten natürlich auch vor Blicken geschützt. Hier am Fluss waschen die Dorfbewohner ihre Wäsche und schöpfen das kühle Nass in Eimer, um es anschließend in ihre Häuser zu tragen.

Ein Junge, der mit seiner Mutter zum Zähneputzen an den Fluss gekommen ist, eilt ein kleines Stück stromaufwärts. Dort schnappt er sich eine der Schwimmwesten, die von den Teilnehmern einer Kajaktour dort abgelegt wurden, und treibt mit ihr den Fluss hinab, während der dabei eifrig seine Zähne putzt.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

Geschwister passen aufeinander auf

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traditionelles Stelzenhaus mit Palmwedeldach

Am Ufer des Tha sind auch die Kleinkinder und Säuglinge immer dabei, hängen locker in Tüchern an den Hüften der Mütter, Großmütter oder Geschwister. Uns gegenüber füttern Kinder gerade ein angekettetes Affenbaby. Wenn dieses ausgewachsen ist, würde es an die Chinesen verkauft werden, erklärt uns Noi und fügt lachend hinzu: „Die Chinesen, die kaufen alles.“

Das Leben im Dorf selbst ist ausgesprochen gelassen. Lediglich die Enten schnattern aufgeregt, während sie in mehreren Gruppen durch das Dorf watscheln. Auf dem zentralen Platz in der Dorfmitte spielen Kinder eine lokale Badmintonvariante. Aus vier quadratisch gefalteten Blättern und drei Entenfedern haben sie eine Art Federball konstruiert, den sie nun mit der flachen Hand hin und her schlagen. Auch wir werden zum Spiel eingeladen und liefern uns mit einem Siebenjährigen ganz passable Duelle. Dabei sind wir so unterhaltsam, dass einige Dorfbewohner sogar aus ihren Hütten kommen, um dem Spektakel beizuwohnen.

Am Dorfrand glitzern die Reisfelder golden-grün in der Sonne. Vor einer Hütte stehen riesige, schon lange verrostete Sattelitenschüsseln auf dem Boden. Vor einer anderen Hütte sind die Worte „Drinking Place“ auf ein Holzschild gepinselt. Um Verwirrungen zu vermeiden wurde in großen Lettern der Schriftzug „beer drinking“ hinzugefügt. Tatsächlich hätten aber auch die vielen gestapelten Bierkisten auf den Zweck dieser Einrichtung schließen lassen können. Wir kehren zurück zum Fluss, es ist Zeit fürs Abendessen.

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Stelzenhaus im Khmu-Dorf Nalan Neua

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Reisfelder bei Nalan Neua

Tag 3: Start: Nalan Neua • Ziel: Straße südlich von Chaleunsouk • Laufzeit: 3,5 Stunden • Distanz: 12 Kilometer

Eine einheimische Gruppe Kajakfahrer macht sich früh am Morgen neben unserer Hütte zur Abfahrt bereit. Blaue Helme und orangene Schwimmwesten bestimmen das Bild. Aufgeregtes Stimmengewirr. Es werden letzte Fotos geschossen, dann geht es in die Kajaks. Die Kinder im Dorf wohnen dem Trubel nur allzu gerne bei. Viele tragen dabei ihre jüngeren Geschwister in Tüchern auf der Hüfte. Völlig normal. Bei uns bekommen dagegen 30-Jährige ihr erstes Kind und sind so unsicher im Umgang, dass sie erstmal darin geschult werden müssen, wie man es richtig zu halten hat.

Heute ist der letzte Tag unserer Wanderung und wir starten den Morgen in aller Ruhe. Erst gegen 10 Uhr laufen wir los, vorbei an der Schule des Dorfes und den üppigen Reisfeldern. Noi trägt neben seinem Bambusrohr mit den fünf Krabben außerdem einen groben Netzbeutel mit sich herum. Darin winden sich etwa zwei Kilogramm noch lebende Aale. Sie werden von den Khmu im Schlamm der Reisfelder gezüchtet, wo die Exkremente der Tiere gleichzeitig als Dünger für die Pflanzen dienen. Hier in Nalan Neua erhält Noi die Aale wesentlich günstiger als auf dem Markt in Luang Namtha und weil seine Frau so gerne Aal isst, bringt er ihr nun ein großes Bündel mit nach Hause.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

traditionelles Leben trifft auf Tourismus aus aller Welt

Hinter dem Dorf folgen wir bald einem schmalen, schlammigen Pfad bergauf, balancieren über Pfützen und Abgründe. Starke Erdrutsche haben den Weg beschädigt, so dass wir über aufgeschichtete Erdmassen steigen müssen und tiefe Spuren im weichen, feuchten Boden hinterlassen. Wir passieren die Kardamomplantagen der Dorfbewohner, die ebenfalls für den chinesischen Markt angebaut werden.

Dann treten wir wieder in den Wald hinein. Bereits nach kurzer Zeit sind wir erneut umringt vom Grün der Tropen, von herabhängenden Lianen, meterdicken Stämmen alter Baumriesen, herabgestürzten und modernden Ästen. Wilde Bananenstauden haben sich in großen Gruppen aufgestellt. Schmetterlinge flattern um uns herum. Mehrfach überqueren wir ein Flussbett, balancieren auf Steinen und abgestorbenen Ästen. Doch lange bleiben unsere Füße nicht trocken. Es wird zusehend schlammiger.

Morten, der seine wundgescheuerten Füße nicht mehr in die zu engen Schuhe zwängen kann, gibt es schnell auf, in Flip-Flops zu laufen. Es ist zu rutschig und ständig bleibt er mit den losen Sohlen im tiefen, lehmigen Boden stecken. Barfuß ist da die bessere Option. Und auch der Rest hadert mit dem Schuhwerk. Bald schon sinken wir tief ein in den schlammigen Boden. Jeder Schritt ein sattes Schmatzen. Der Schlamm wird tatsächlich noch wässriger. Konsistenz: schlimmer Durchfall. Und weil der bis über den Knöchel reicht, entledigen wir uns geschlossen unserer Schuhe und marschieren jauchzend durch die Brühe, sinken hinein ins Kalte, ins Matschige, ins Ungewisse. Und ja: Es macht richtig Spaß.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

Nalan Neua aus der Entfernung

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dichter Dschungel und schlammige Pfade

Nach wenigen Augenblicken bereits laufen wir mit bestechender Selbstverständlich- und Angstlosigkeit barfuß durch den wilden Dschungel und bewundern die hervorragende Standfestigkeit der eigenen Füße. Zwei Stunden nachdem wir Nalen Neua verlassen haben, beginnt ein 40-minütiger steiler Aufstieg. Über Wurzeln und lehmige, rutschige Stufen erreichen wir schwer atmend und schwitzend die Hügelkuppe. Auf dem Weg hat sich der Primärwald langsam in Sekundärwald verwandelt. An einem bambusgedeckten Unterstand gönnen wir uns eine Pause, essen zum letzten Mal ein liebevoll zubereitetes Mittagessen auf Bananenblättern.

Danach schreiten wir durch Bambus und gleichförmigen Sekundärwald Schritt für Schritt den Hang hinab, rutschen aus, fangen uns wieder. Es fängt an zu regnen. In den zurückliegenden Tagen hatten wir stets Glück: Wenn überhaupt regnete es nur nachts, als wir schon in unsere Schlafsäcke gemummelt waren. Nun werden wir doch noch nass.

Doch nur eine Stunde später erreichen wir die Straße, wo ein Kleinbus bereits auf uns wartet. Wir sind über und über mit Schlamm besudelt, verschwitzt, dreckig, nass und glücklich. In Luang Namtha wartet eiskaltes BeerLao auf uns.

Luang Namtha, The Hiker, Laos

sattes Grün im dichten Dschungel

 

Wir bedanken uns bei The Hiker für die Einladung zum Wild Thrill Trail in Luang Namtha. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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Und jetzt du!

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  • Mat
    18. Oktober 2018

    Jetzt wollte ich Morten schon meine alten Lowa Stiefel Gr. 48 anbieten, aber zum Glück habt ihr’s ja auch so geschaft;-).
    Falls doch noch Bedarf besteht bitte einfach melden 😉


    • Morten & Rochssare
      18. Oktober 2018

      Deine Lowa sind dann doch die eine oder andere Nummer zu groß 😉
      Aber herzlichen Dank für das Angebot!