Diyarbakır, die Hochburg der Kurden 2/2

Diyarbakır: Im Labyrinth des alten Ameds


1. Oktober 2017
Türkei
Schreibe etwas

Wir betreten die Altstadt, Sur genannt – türkisch für Festungsmauer – aus nördlicher Richtung. Die Stimmung in den engen Gassen ist roh. Barsche Stimmen klingen zu uns herüber. Für uns wirkt hier jede Bewegung, jedes Wort grimmig, angriffslustig. Sogar das Ausspucken der Kürbiskernhülsen wird hier missmutig zelebriert.

Kinder, teilweise barfuß, jagen sich über die staubigen Straßen, Spiel und Streit sind kaum zu unterscheiden, bald schon sehen wir ein paar Knirpse, die sich gegenseitig mit Steinen bewerfen. Die vielen Wachtürme der Befestigungsanlage werden nachts als Toilette benutzt. Der Geruch von menschlichem Urin hängt starr in der Luft und vermischt sich mit dem Gestank von gammelndem Unrat.

Die Wärme und Herzlichkeit, die wir so an der Türkei lieben, die einladenden Gesten, das freundliche Lächeln, spüren wir hier nicht mehr. Die Atmosphäre scheint negativ aufgeladen zu sein. Müllberge häufen sich zwischen den engen Gassen, Katzen zanken sich um Essensreste.

In der nordöstlichen Ecke der Altstadt befindet sich der älteste Teil der Befestigungsanlage. Eine Burg schmiegt sich an die Stadtmauer und ist zugleich durch eine eigene Mauer vom Rest der Altstadt abgetrennt. In ihrem Inneren finden wir die Ruine der Georgskirche aus dem dritten Jahrhundert. Sie zeugt von der christlichen Besiedlungsgeschichte der Stadt.

Diyarbakır

Verwaltungsgebäude in der Burg von Diyarbakır

Dem Gebäude, natürlich auch aus großen Blöcken schwarzen Basalts gefertigt, fehlt die Kuppel und so blicken wir aus dem Kirchenschiff hinauf in den blauen Himmel. Doch je weiter wir uns von der Stadtmauer und den Slums entfernen, je mehr wir Richtung Zentrum der Altstadt schlendern, desto mehr müssen wir unseren ersten Eindruck revidieren. Das Lächeln kehrt hier wieder auf die Gesichter der Einheimischen, aber auch auf unsere eigenen, zurück.

Wir folgen dem Ruf des Muezzins, der uns durch die Gassen der Altstadt führt und prompt landen wir wieder an der Altstadtmauer. Um uns herum sehen wir die Häuser der Armenviertel. Mit Plastikplanen und Brettervorschlägen gesichert, sind auch sie nichts anderes als heruntergekommene Ruinen.

Der Geruch von Unrat steigt uns erneut in die Nase. Treppen führen auf die alte Stadtmauer. Hier und da bröckelt ihr Gestein, Kinder rennen lärmend über sie hinweg, jagen sich. An der Hauptstraße, der Gezi Caddesi, die in die Nähe der Ulu Camii, der großen Moschee Diyarbakırs führt, ändert sich das Bild. Die Fassaden sind gepflegt, vor teuren Geschäften stehen Polizeipanzer mit riesigen Rädern.

Eine große Metallplatte ist vor dem Kühler des Einsatzwagens befestigt. Sie gleicht einem Schieber, einem Pflug, der mit Leichtigkeit durch Menschenmengen schneidet. Keine noch so große Demonstration könnte ihn aufhalten. In einer restaurierten Karawanserei aus dem 15. Jahrhundert, dem Hasan Paşa Hani, befinden sich schicke Cafés, kleine Geschäfte, ein Teehaus und ein Restaurant.

Diyarbakır

der Polizei-Schieber

Die kleinen Lädchen quellen über vor Schmuck und Taschen, Kühlschrankmagneten und Postkarten. Sogar das eingerahmte Konterfei von Ché Guevara lässt sich hier erstehen. Weitere, mit Holzleisten eingefasste Poster hängen neben dem Helden der kubanischen Revolution. Es sind Fotos und Zeichnungen bärtiger Männer mit Turbanen und traditionellen Kopfbedeckungen des Orients. Vielleicht sind es lokale Helden oder religiöse Führer, doch für uns bleiben die Gesichter nichtssagend.

Schaufensterpuppen tragen lange Kleider und bunte Pumphosen. Ein Buchgeschäft erweckt unser Interesse, genauso wie die vielen Antiquitätenläden, durch die wir stöbern. Oben im zweiten Stock der Karawanserei, dort wo die Rundbögen den Blick in den großen Innenhof frei geben, befindet sich ein Wasserpfeifencafé. Auf weichen Polstern sitzt man hier auf dem Boden und genießt dampfenden Çay oder wassergefilterten Rauch.

Unten im Innenhof stehen hölzerne Tische und Stühle. Hier gibt es angeblich das beste Frühstück der Stadt. Doch dafür sind wir bereits zu spät. Stattdessen gönnen wir uns einen Menengic Kahvesi, eine Art türkischen Kaffee aus wilden Pistazien mit unverwechselbarem Aroma. Das Getränk wird in kleinen Gläsern serviert, die in silbernen, kunstvoll gearbeiteten und mit Blumenranken verzierten Hüllen stecken. Ein spitz zulaufendes, silbernes Hütchen sorgt dafür, dass das Heißgetränk nicht zu schnell abkühlt.

Diyarbakır

ehemalige Karawanserei Hasan Paşa Hani

Draußen schieben sich orangene Markisen aus dem schwarz-grau gestreiften Gebäude der Karawanserei. In zahllosen kleinen Geschäften wird meist nur ein einziges Produkt angeboten. In einem Raum lagern Eier bis fast unter die Decke, in einem anderen sind alle Wände mit Teppichen behangen. Blaue Kisten mit Bananen, Tomaten und Sharonfrüchten stehen in einer Auslage, glänzende Messing- und Kupferware in einer anderen.

Im nächsten Geschäft befinden sich aufgereiht auf kleinen Holzbänken etwa ein Dutzend blaue Plastikwannen. Verschiedene Sorten weißen Weichkäses in verschiedenen Formen, mal zu einem Zopf geflochten, mal zu langen Rollen, Kugeln oder großen Talern geformt, liegen hier in ihrer Salzlake. Im selben Geschäft sind weitere Wannen randvoll mit schwarzen Oliven unterschiedlicher Qualität bestückt.

Auf einem Platz sitzen weißbärtige Opas in Mütze, Jackett und Anzughose auf niedrigen Holzschemeln an Tischen. Sie trinken Çay und spielen Tavla. Einige davon stützen sich sogar beim Sitzen auf ihre hölzernen Gehhilfen, um vornübergebeugt das Spielgeschehen besser im Blick zu haben.

Diyarbakır

Männer treffen sich auf einem Platz in Diyarbakır

Diyarbakır

Wir betreten den Innenhof der Ulu Camii, durch das große Hauptportal aus schwarzem Basalt, der sich wie ein Ungetüm vor uns erhebt. Einst eine Kirche wurde sie im 6. Jahrhundert nach Einnahme der Stadt durch muslimische Eroberer zur Moschee umgebaut. Auf dem Hauptportal befinden sich feine, in den Basalt geschnitzte Reliefs. Ein Löwe erlegt ein Rind.

Das Minarett wirkt eigentümlich, erwächst es doch erst ganz an der Spitze aus der Form des alten Glockenturms. Arkaden säumen den Innenhof auf drei Seiten. Männer sitzen auf Holzbänken – mal im Gespräch vertieft, mal genügsam schweigend. Andere spazieren durch den Hof. Sie verschränken die Hände auf dem Rücken, schieben die kleinen Kugeln der Gebetsketten langsam vorwärts.

Der Zugang zum Gebetssaal ist nur Männern erlaubt, doch schon am Eingang lassen sich die verschiedenen ornamentreichen Säulen und Kapitelle bewundern, die reich und filigran gearbeitet sind.

Diyarbakır

Minarett der Ulu Camii

Es ist kalt und wir trinken schon wieder Çay, wärmen unsere Hände an den kleinen Gläsern und beobachten das Treiben in der dunklen Altstadt. Die Gebäude, die dunkle Architektur, verschwimmt mit dem nun grauen Winterhimmel über uns. Wolken sind aufgezogen.

Wir beobachten unseren Atem, wie er in dichten Dunstwolken vor uns herschwebt, bis er sich schließlich auflöst. Kälte schneidet sich scharf in die Schleimhäute unserer Atemwege. Die Luft riecht nach eisigem Frost.

Diyarbakır – mit Emre durch die Gassen der Stadt

Dann spricht uns ein junger Mann an. Eine akkurate Frisur und ein kurzer dichter Bart umrahmen ein freundliches Lächeln, dunkle Augen blitzen uns an. Eine mächtige Nase prangt in der Mitte seines Gesichtes. Der ausgeprägte amerikanische Akzent überrascht uns, als der Mann schon drauf los plappert.

Er stellt sich als Emre vor, in Diyarbakır geboren und aufgewachsen, lebe er seit geraumer Zeit in den Vereinigten Staaten. Er sei hier zu Besuch, doch sei ihm jetzt schon furchtbar langweilig. Es gebe hier in der Stadt einfach nichts zu tun. Emre wirkt ziemlich überdreht.

Am Anfang denke ich: Wieder einer dieser Typen, die irgendwann mal zu viele Drogen genommen haben, und sich nie wieder richtig davon erholt haben. Aber vielleicht ist es auch nur die aufrichtig überdrehte, an der Oberfläche kratzende Freundlichkeit, die die Mentalität der Nordamerikaner so unverwechselbar macht.

Aus Norddeutschland stammend, dort wo man ein schlichtes Kopfnicken schon als hinreichendes Gespräch empfindet, dem nichts weiter hinzugefügt werden muss, schlägt uns ein derartiger Redeschwall immer etwas vor den Dötz. Doch Emre ist durchaus sympathisch und so lassen wir uns überreden, uns von ihm in der Altstadt herumführen zu lassen.

Diyarbakır

Emre erzählt uns von der reichen Geschichte Diyarbakırs, von den vielen Kirchen und Moscheen, den mittelalterlichen Häusern und der alles umsäumenden Befestigungsanlage. Die Altstadt sei das Symbol für die Jahrtausende alte Geschichte der Region, in der über Jahrhunderte Christen und Muslime friedlich miteinander lebten.

Wir verlassen die Hauptstraße und folgen dem pausenlos quatschenden Emre durch die Altstadt. Abseits der breiten Gezi Caddesi kommt die düstere Stimmung vom Beginn wieder an die Oberfläche. Der schwarze Basalt bleibt, doch sind die Gebäude nicht mehr so gut erhalten, die Steinquader nicht mehr so gradlinig, so glatt, so perfekt. Es bröckelt hier und da.

Zeit und Abnutzung haben sich gleichermaßen an den Steinen zu schaffen gemacht und sie Stück für Stück, Millimeter für Millimeter, ihre Form verlieren lassen. Die Gassen erlauben keinen Verkehr, so schmal sind sie. Das alte Kopfsteinpflaster liegt hier und da unter Müll begraben. Kaputte Fassaden sind mit Holz ausgebessert, Gitter schützen Fenster, ein alter Mann schiebt eine hölzerne Karre durch die enge Gasse.

Dann begegnen wir lange Zeit niemandem mehr. Von den zweiten und dritten Etagen, die auf den alten Grundmauern aus Basalt aufgebaut wurden, blättert der Putz. Blaue Metalltüren sind mit Blumen verziert und geben Einlass zu den Innenhöfen der Wohnhäuser. Die Gassen werden immer verwinkelter und enger und gleichen bald einem Labyrinth, in dem wir uns ohne Emre hoffnungslos verlaufen würden.

Diyarbakır

enge Gassen in Diyarbakır

Manchmal sind Löcher in den schwarzen Basaltmauern provisorisch mit rotem Backstein ausgebessert. Andere Basaltblöcke sehen aus, als würden sie gleich aus der Wand kullern. Politische Graffitis prangen an den Mauern, verdammen die türkische Polizei und loben die kurdische PKK in den Himmel. Emre führt uns. Sein breites Kreuz steckt in einer Bomberjacke, die martialisch von der „Operation Iraqi Freedom“ berichtet. Erstaunt fragen wir nach und erfahren von Emre, dass er tatsächlich als US-Soldat im Irak stationiert war.

Schließlich erreichen wir die syrisch-orthodoxe Sankt-Marien-Kirche aus dem Jahr 280. Im Gegensatz zur Georgskirche ist diese bis heute in einem guten Zustand. Das offene Eingangsportal wirkt einladend und wird von drei großen Bögen verziert. Zahlreiche schwarze Säulen stützen Rundbögen im Inneren, Holzbänke sind zum Altar hin ausgerichtet, Lichterketten umranden Jesus am Kreuz.

Von außen fällt nur wenig Licht herein. Die Decke ist mit dunklem Holz vertäfelt und verleiht dem Raum etwas Höhlenartiges. Dennoch wirkt die Kirche sehr erhaben. Im 15. Jahrhundert, als Diyarbakır noch unter dem alten Namen Amed bekannt ist, war die Sankt-Marien-Kirche Sitz der Kirche des Ostens. Noch heute befinden sich hier zahlreiche Reliquien, wie die Gebeine des Apostels Sankt Thomas.

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Gebälk der Sankt-Marien-Kirche

Diyarbakır

Wir steuern eine weitere Kirche an und wandern weitere 15 Minuten durch die engen Gassen. Ohne Emre hätten wir wohl nie hierher gefunden und ohne ihn fänden wir ohne weiteres auch nicht wieder zurück. Bald stehen wir vor der schwarzen armenischen Sankt-Giragos-Kathedrale, auf der zwei unterschiedlich hohe Kirchturmspitzen thronen.

Im 13. Jahrhundert erbaut wurde sie im Laufe des Völkermordes an den Armeniern nach dem Ersten Weltkrieg teilweise zerstört, bald ihrem Verfall überlassen und nach Restaurierungsarbeiten 2011 wieder eröffnet. Dementsprechend funkelt das Innere der Kirche. Die Holzbänke glänzen, die Vertäfelung an der Decke ist nagelneu. Der Innenraum ist geräumig und lichtdurchflutet.

In dem größten von sieben Altären hängt, üppig verziert mit goldenen und weißen Ornamenten, ein Bild der Mutter Gottes samt Jesu. Zahlreiche Säulen halten mehre Rundbögen im Kirchenschiff unter denen die Gläubigen andächtig zum Altar schreiten. Bis 1915 waren 40% der Bevölkerung Diyarbakırs Armenier. Die Christen stellten damit die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe nach den Kurden.

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Glockenturm der Sankt-Giragos-Kathedrale

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Kirchenschiffe der Sankt-Giragos-Kathedrale

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Glockenturm und Ruinen der Altstadt

Wie wandern weiter durch das Labyrinth der Altstadt, kehren bald zurück in belebtere Abschnitte. Im geschäftigen Gewirr der Gassen, mit ihren Händlern, die lautstark ihre Waren anpreisen, Schuhputzern, die auf den Gehwegen hingebungsvoll, fast schon meditativ ihrer Arbeit nachgehen, Lastenträgern, die Karren im Laufschritt durch die Gassen ziehen und Tee-Jungen, die silberne Tabletts mit kleinen, dickbäuchigen Çay-Gläsern balancieren, erreicht plötzlich und ungewohnt helles Läuten unser Ohr.

Es gehört zu den Glocken der traditionellen Wasserverkäufer, die in leuchtend-auffallender Kleidung, einem großen, eckigen Silberkessel voll Trinkwasser auf ihrem Rücken und mit einer Handvoll schwerer Glocken in der Hand bimmelnd die Straßen der Altstadt ablaufen.

Bald schon stehen wir vor einem eckigen, schwarzen Minarett, das auf vier mannshohen säulenartigen Füßen mitten auf der Straße steht. Es ist das Minarett der Scheich Mutahher Moschee, das irgendwie seinen Weg inmitten auf die Gasse gefunden hat. Emre lacht ob unserer verdutzen Gesichter. Wenn man sieben Mal um das Minarett laufe, bringe es Glück, so lautet der Volksglaube, verrät er uns.

Diyarbakır

Minarett der Scheich Mutahher Moschee

Auf der Stadtmauer Diyarbakırs

Wir gehen in den Osten der Altstadt. Die Stadtmauer ist auf fast ihrer gesamten Länge begehbar, doch hier, so Emre, hat man den besten Blick auf die Umgebung der Stadt. Draußen, auf der anderen Seite der Mauer, begrenzt der Tigris Diyarbakır. Von hier wächst die Stadt nach Westen und Norden.

Ganz nah spazieren wir am Fuß der Mauer entlang und erst hier wird uns bewusst wie riesig hoch zehn Meter eigentlich sind. Treppen steigend erreichen wir das obere Ende der Mauer und sind überrascht hier eine breite, freie Fläche vorzufinden. Hier stehen kleine Tische und Stühle. Tee wird ausgeschenkt.

Viele Bewohner genießen die Nachmittagsstunden hier oben und lassen den Blick bis weit über die mit Feldern bestellte Ebene schweifen. Familien, Paare und junge Männergruppen in dicken Jacken schlürfen heißen Çay. Langsam fließt der Tigris unaufhaltsam an der Stadt vorbei und bahnt sich seinen Weg bis nach Bagdad. In der Ferne überspannt eine alte Römerbrücke in zehn Bögen den Fluss.

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Teepause auf der Stadtmauer

Diyarbakır

Ackerland der Hevsel-Gärten hinter der Stadtmauer

Wir blicken von der Stadtmauer hinab auf ein breites Rasenstück. Um die Befestigungsanlage hier vor zu dicht angrenzendem Raubbau zu schützen, wurde entlang der Innenseite der Mauer eine Wiese angelegt, die im Sommer von Einheimischen gerne zum Picknicken genutzt wird. Doch jetzt im Winter halten wir uns hier an unseren Gläsern Çay fest und blicken auf das fruchtbare Land der Hevsel-Gärten, zwischen Tigris und Altstadt, die ebenfalls von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden sind.

Das grüne Tigristal liegt nun im Winter weitestgehend brach. Braun- und Grautöne dominieren die Landschaft, die bis weit hinaus zum Horizont reicht. Hier auf den Feldern der Umgebung, so erzählt uns Emre, wüchsen die größten Wassermelonen der Welt.

In Diyarbakır findet jedes Jahr nach Abschluss der Ernte im September ein Wassermelonenfestival statt, in der die Bauern Auszeichnungen für ihre Ernte erhalten. Gekürt wird die größte, die schwerste Wassermelone, die ein Gewicht zwischen 40 und 65 Kilo erreichen kann. Anschließend werden kleine Kinder in die ausgehöhlten Wassermelonen gesetzt, um die gewaltige Größe der Früchte zu verdeutlichen. Ein Spaß für die ganze Stadt.

Wir trinken unseren Çay und wollen zum Abschluss noch einen kleinen Straßenimbiss zu uns nehmen. Nun in den Abendstunden sei dafür die beste Zeit. In vielen Straßenständen lodert ein großes Feuer. Auf dutzenden Spießen grillt hier saftig mariniertes Hühnchen auf offenem Feuer. Die Verkäufer wenden bis zu zehn Spieße gleichzeitig mit nur einer Hand, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht.

Wieder sitzen wir auf kleinen Holzschemeln an niedrigen Holztischen, die am Rand des Gehwegs aufgebaut sind und lassen uns diese frisch gegrillte Köstlichkeit, die wir eifrig in dünnes Fladenbrot wickeln, schmecken. Mit einem ordentlichen Schluck erfrischenden Ayran spülen wir alles hinunter, bevor wir uns von Emre verabschieden.

Der Konflikt der Kurden

So sehr uns das historische Diyarbakır beeindruckt hat, so offensichtlich sind die Probleme in Diyarbakır. Die meisten Einwohner in der Altstadt sind arm, viele kamen nach Sur, als sie vor den Kämpfen der 90er Jahre aus ihren brennenden und zerstörten Dörfern flohen. Die Kämpfe zwischen Kurden und der türkischen Armee hielten an.

Der damals verhängte Ausnahmezustand wurde erst 2002 aufgehoben. Vor dem Krieg, der eine enorme Landflucht nach sich zog, war Diyarbakır eine beschauliche Stadt mit 350.000 Einwohnern, die in kürzester Zeit auf über eine Million anwuchs. Dass die meisten unfreiwillig und nur deshalb hier sind, weil sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, spielt eine erhebliche Rolle für die Atmosphäre in der Altstadt. Im krassen Gegensatz dazu steht der Reichtum in den modernen Stadtteilen Diyarbakırs.

Gerade die jungen Menschen wuchsen in einer Atmosphäre auf, die vor allem von Flucht, Vertreibung, Gewalt und stattlicher Repressionen beherrscht wurde. Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Sie kennen keine andere Welt. Es ist eine Mischung aus Perspektivlosigkeit, Wut und Armut, die viele kurdische Jugendbanden immer wieder in die Straßenschlachten gegen die türkische Polizei oder das Militär zieht, die seit jeher als Feind wahrgenommen werden.

Diyarbakır

verfallenes Haus in der Altstadt

Sie gehören häufig zur Jugendorganisation der PKK, die sich angeblich nicht an die offiziellen Vorgaben der Mutterorganisation hält. Die Veteranen der PKK-Guerillas sind noch immer in den Bergen Südostanatoliens stationiert. Mit den Straßenschlachten in Diyarbakır haben sie nicht unmittelbar zu tun. Die Antwort aus Ankara für die randalierenden Jugendbanden ist simpel.

Reizgas aus weißen Polizeipanzern und die Härte der Justiz sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. Wer als Jugendlicher in Diyarbakır vor dem Gericht landet, erfüllt zumeist einen von zwei Strafbeständen: Diebstahl oder Verstoß gegen das Antiterrorgesetz; dazu zählt schon die Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration.

Umfragen zeigen, dass sich der Großteil der Bewohner sicher ist, dass sich hier in Zukunft nichts ändern wird, und wenn ja, dann zum Schlechten. Manchmal verschwinden Jugendliche und in der Nachbarschaft heißt es nur, sie seien „in die Berge gegangen“. Ein Euphemismus dafür, dass sich wieder jemand aus Frustration und Perspektivlosigkeit den PKK-Kämpfern angeschlossen habe.

Diyarbakır

Graffiti an einer Hauswand

Es ist Winter 2014 als wir durch die engen, labyrinthartigen Gassen Diyarbakırs laufen. 2015 ändert sich die Kurdenpolitik der türkischen Regierung. Im Sommer 2016 bricht die zweijährige Waffenruhe zwischen der PKK und der türkischen Armee erneut. Auf beiden Seiten gibt es hunderte Tote. Barrikaden, Ausgangssperren, Mörsergranaten, Schnellfeuergewehre, Panzer die sich durch Häusermeere pflügen und 10.000 flüchtende Zivilisten.

Um den Häuserkampf in den engen Gassen der Altstadt Diyarbakırs endgültig zu beenden wurde schließlich der Großteil der Altstadt evakuiert, Gebäude verstaatlicht und letzten Endes mit Abrissbaggern beseitigt. Schätzungen zu Folge sind 80 Prozent der Gebäude der Altstadt beschädigt. Die Einwohner, die meisten von ihnen bereits in den 1990ern durch Krieg aus ihrer Heimat vertrieben, müssen nun auch diese neue Heimat verlassen. Amnesty International-Direktor für Europa und Zentralasien, John Dalhuisen, twitterte dazu: „Bombardiert, planiert, zwangsverkauft: Das nennt man Vertreibung.“

Diyarbakır ist eine gebrannte Stadt, wer hier lebt – egal ob freiwillig oder vertrieben – kennt die hier kursierenden Geschichten über Zerstörung, Folter und Mord. Die Täter sind immer die anderen: das türkische Militär oder die kurdischen Milizien. Sie sind einseitig und zugleich wahr, Propaganda und Realität in einem.

Hass und Wut hat sich in die Seele der Menschen gefressen. Beides findet immer wieder Ausdruck in Gewaltexzessen, Anschlägen und Leid. Ein Ende des gegenseitigen Terrors ist momentan nicht in Sicht und so schwellt es weiter in Diyarbakır.

Diyarbakır

 

Diyarbakır: Hochburg der Kurden in zwei Teilen

Teil 1: Ein traditionsreicher Konflikt

Teil 2: Im Labyrinth des alten Ameds

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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