Ranthambore Nationalpark
Die Tiger meines Lebens

Mit Mr. Bond im Ranthambore Nationalpark


8. Januar 2016
Indien
Schreibe etwas

Ich hatte schon viele Tiger in meinem Leben. Den ersten bekam ich in früher Kindheit zu Gesicht und obwohl ich damals skeptisch war, ob Tiger wirklich auf ihren gebogenen Schwänzen durch den Wald hüpfen und allerhand Unheil um verfressene Honigbären stiften, schloss ich das Tier direkt in mein Herz.

Der zweite Tiger in meinem Leben flimmerte in prächtigen Farben über den Bildschirm des Röhrenfernsehers im Wohnzimmer meiner Eltern. Elegant und kraftvoll, majestätisch und mutig, erhaben von der Schwanzspitze bis zu den Barthaaren erschien er als König des Dschungels. Selbst Kaa, die Schlange, mit ihrem gefährlichen Hypnoseblick, fürchtete sich vor dem mächtigen Jäger. Ich hingegen verfiel seiner Anmut.

Der dritte Tiger in meinem Leben kam auf geschwärztem Zeitungspapier zu mir und hatte einen sechsjährigen Jungen im Schlepptau. Sprachgewandt und mit philosophischem Sinn war der Tiger Hobbes recht nach meinem Geschmack.

Den vierten Tiger in meinem Leben treffe ich in Indien. Im Bundesstaat Rajasthan, im Nordwesten des Landes, kreuzen wir seinen Weg. Diesmal ist der Tiger keine Zeichnung in zwei Dimensionen, sondern prächtig im Wuchs, mit sanften Augen und einem königlichen Gesicht. Wir befinden uns im Ranthambore Nationalpark, 130 Kilometer von Jaipur entfernt, und suchen die größte aller Katzen. Doch bis wir dem Tier Nahe kommen, ist es ein langer Weg. Einen Tiger in freier Wildbahn zu beobachten ist nicht leicht.

Auf knapp 400 Quadratkilometern schleichen etwa 55 Tiger durch den trockenen Wald, die Graslandschaften und über die weitläufigen, felsigen Ebenen des Ranthambore Nationalparks. Zusammen mit den angrenzenden Reservaten Mansingh Sanctuary und Kaila Devi Sanctuary bildet er das größte Tigerschutzgebiet der Region.

Früher einmal das private Jagdrevier der Maharadschas, der indischen Fürsten, aus dem nahen Jaipur, ist es heute eines der beliebtesten Tigerreservate des Landes. Es ist nicht mehr der Donner der Gewehre, der durch den Wald schallt, sondern das Klicken dutzender, hunderter Kameras. Besucher aus der ganzen Welt jagen nun in offenen Jeeps oder auf der umgebauten Ladefläche eines LKWs durch den Ranthambore Nationalpark. Immer auf der Suche nach dem Bengalischen Tiger.

Rund 20 Prozent des Nationalparks sind für den Tourismus freigegeben. In zehn festgeschriebenen Zonen rollen die allradgetriebenen Fahrzeuge über staubige, mit Felsbrocken und Schlaglöchern übersäte Pisten. Durch Wälder und Savannen, vorbei an Wasserläufen und Schluchten, fahnden sie nach dem König aller Tiere.

Auch wir sitzen im Jeep und streunen durch die Natur. Es ist kurz nach Sonnenaufgang und noch bitter kalt. Der Fahrtwind schneidet durch unsere Kleider und kühlt uns in wenigen Minuten aus. Zitternd suchen wir im offenen Fahrzeug Schutz vor der Kälte, doch es gelingt uns nicht. Wir sehnen einen höheren Stand der Sonne herbei oder wenigstens ein paar zusätzliche Wolldecken.

Es dauert nicht lange, bis wir die ersten Bewohner des Nationalparks sichten. Doch statt des Tigers sehen wir zunächst nur seine Beute. Wilde Pfauen stolzieren durch den Wald, während Axishirsche zu Dutzenden, wenn nicht Hunderten, entlang der Pfade grasen, auf denen wir uns bewegen. Es ist graziles Wild, mit unschuldigen weißen Flecken auf rotbraunem Fell. Kühe und Kitze stehen zusammen entlang des Ufers eines Sees, während die Hirsche ihr schmales, aber dennoch prächtig gewachsenes Geweih in die Höhe recken. Bis zu einem Meter ragen die Dreiender über die Köpfe der Tiere hinaus.

Neben den Axishirschen sind es vor allem Sambarhirsche, die den Wald im Überfluss bevölkern. Mit einer Körperlänge von bis zu zweieinhalb Metern sind sie deutlich massiger als die eleganten Axishirsche. Auch das Geweih des Sambars, ebenfalls dreiendig, ist noch um ein paar Zentimeter länger als das ihrer Nachbarn.

Ein richtiger Brocken ist jedoch die Nilgauantilope. Im blau-grau schimmernden Fell der Männchen sind 300 Kilogramm reine Kraft verpackt. Als wir uns dem Tier nähern, glaube ich zuerst einen überdurchschnittlich großen Büffel vor mir zu sehen, so gewaltig wirkt der Nilgau.

Doch wir begegnen auch Jägern. Sumpfkrokodile lassen im seichten Ufer der Wasserstellen die Sonne auf ihre gepanzerten Körper scheinen. Ihre Jungen kühlen sich mit Schlammpackungen. Am Rand eines Flusslaufes reißt ein Fischuhu mit seinem gebogenen Schnabel Fleischfetzen aus einer erlegten Schlange, bevor er mit ihren Resten in den Baumwipfeln verschwindet.

Besonders glücklich sind wir in den Morgenstunden, als uns zwei ausgewachsene Lippenbären im Wald begegnen. Mit ihrem dichten, zotteligen Fell wandern die eigentlich nachtaktiven Tiere durch das Unterholz. Lange, scharfe Krallen an ihren Tatzen helfen bei der Suche nach Insekten im Boden oder beim Klettern auf Bäume. Gemütlich trotten die beiden durch das Dickicht. Der Lippenbär ist es, der Rudyard Kipling in seinem Dschungelbuch zu der Figur Balu animiert. Bhalu, Bhalu flüstert auch der Wildhüter in unserem Jeep immer wieder vor sich hin: Bhalu, Bhalu. Es ist nichts anderes als das indische Wort für Lippenbär.

Wir begegnen vielen Bewohnern des Waldes auf unserem Streifzug durch den Ranthambore Nationalpark, doch obwohl ich mich freue den dicken Balu einmal persönlich getroffen zu haben, sind wir doch aus einem anderen Grund hier. Wir suchen Tiger – es ist die Katze, die wir unbedingt erblicken wollen.

Doch wir irren lange erfolglos umher. Kein Tiger streift durch den Wald, kein Tiger sitzt am Wasserloch, kein Tiger, der auch nur seine Schwanzspitze blicken lässt.

Wir stehen planlos an einer Kreuzung, überlegen, in welcher Richtung wir es als nächstes versuchen wollen, als plötzlich das Rumpeln eines Jeeps in erstaunlicher Geschwindigkeit näher kommt. Eine riesige Staubwolke zeichnet sich im Wald ab, als das Fahrzeug nur wenige Armlängen an uns vorbei braust. Eine Hand gibt euphorische Zeichen und wir rasen hinterher. Über Stock und Stein springt unser Fahrzeug und rüttelt uns auf der Rückbank ordentlich durch. Nach zehn Minuten stehen wir auf einer Anhöhe und überblicken die weitläufige Grassavanne vor uns. Dürre, hochgewachsene Gräser bedecken die Ebene; ein paar Kakteen und niedrige Bäume ragen vereinzelt über sie hinaus.

Ranthambore Nationalpark

das Reich des Tigers

Dann erblicken wir ihn, den König des Dschungels, das Ziel unserer Suche, den Bengalischen Tiger. Mit ausgestreckten Läufen sonnt sich T-47, besser bekannt als Mr. Bond, in den warmen Sonnenstrahlen des Vormittags.

Der elegant gemusterte Kopf ragt aus dem Gras hervor. Ein würdevoller Blick blinzelt ab und an in unsere Richtung. Frei, stark und anmutig – Mr. Bond ist noch ein junges Tier, aber bereits jetzt eindrucksvoll in seiner Erscheinung. Wir können uns kaum an ihm satt sehen! Minuten vergehen und wir starren noch immer gebannt auf das mit dunklen Streifen verzierte Gesicht. Auch dieser Tiger zieht mich unmittelbar in seinen Bann.

Mehr noch: Mr. Bond besitzt von allen Tigern in meinem bisherigen Leben die größte Ausstrahlung. Er muss nicht sinnlos umher springen, um mich zu begeistern. Er muss nicht mit seiner Kraft und List drohen, um mich zu beeindrucken. Er muss nicht philosophieren, um mich zu faszinieren.

Mr. Bond ist einfach da und das reicht aus, um mir zu imponieren. Wenn wir nicht in einem Jeep sitzen würden, der sich irgendwann wieder in Bewegung setzt, hätten wir diese Anhöhe wohl nie mehr verlassen. Doch Fahrer und Wildhüter entscheiden, dass es Zeit ist zu gehen. Wir lassen Mr. Bond zurück in seinem Reich, verabschieden uns von Axis- und Sambarhischen und stehen bald wieder außerhalb der Grenzen des Ranthambore Nationalparks auf den staubigen Straßen der Kleinstadt Sawai Madhopur. Hier ist alles auf den Tourismus rund um den Nationalpark ausgelegt. Unzählige Hotels reihen sich eng aneinander und Safari-Agenturen buhlen um die Gunst der Besucher. Das Leben ist hier beinahe so vielfältig wie im Wald selbst: Auf den Straßen Sawai Madhopurs wimmelt es von Kühen, Büffeln, Kamelen, Wildschweinen, Ziegen und Hunden. Es geht zu wie im Wald nebenan; nur mit etwas weniger Anmut.

 

Wir bedanken uns bei Indian Excursions für die Unterstützung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

mehr


Und jetzt du!

Um uns vor Spam zu schützen, bitten wir dich die markierten Felder auszufüllen. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.