Erste Schritte im Iran

Persischer Reichtum und iranische Gegenwart in Täbris


27. März 2016
Iran
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Ein schmaler Gang, flankiert von schweren Eisenstangen, führt von der türkischen Ausreisestelle wenige Meter hinüber ins Nachbarland Iran. Die Symbolik ist eindeutig. Geradlinig geht es auf den Grenzposten zu. Die Eisenstangen versperren uns den Weg nach Links und Rechts. Es ist, als befänden wir uns in einer riesigen Mausefalle.

Grenzübergänge sind immer etwas Besonderes. Sie sind die Tore zwischen den Welten, Pforten in andere Kulturen, Portale in ungewohnte Lebensweisen. Wir sind aufgeregt!

Der Grenzbeamte lässt sich Zeit mit der Kontrolle unserer Reisepässe. Auf einem Metallstuhl mit zerschlissenem Polster sitzt er hinter einer Wand aus Gitterstäben und Glas. Er begutachtet unsere Passbilder, prüft unsere Gesichter im Original, stellt Ähnlichkeiten fest. Es dauert eine Weile, aber dann erhellt ein breites Lächeln das finstere Gesicht und mit einer freundlichen Geste winkt er uns weiter in eine große Wartehalle. Kahl und kalt ist es hier. In der Mitte steht still und starr ein riesiges Gepäckband. Es sieht so aus, als würden die Beamten auf den großen Ansturm warten, doch neben einer Handvoll Iraner aus der nahen Stadt Bazargan sind wir die Einzigen, die die Grenze zwischen der Türkei und dem Iran übertreten.

Iran, Täbris

Einreise in den Iran

Wir warten auf die Rückgabe unserer Pässe, doch irgendetwas hält die Beamten ab, uns die Einreise zu erteilen. Mit jeder Minute die verstreicht, werden wir nervöser. Eigentlich wollen wir schnellstmöglich weiter, denn nachdem wir den Morgen in einem türkischen Hamam und die Mittagsstunden mit dem Besuch des osmanischen Ishak-Pascha-Palastes nahe der türkisch-iranischen Grenze verbummelt haben, rennen die Zeiger des Ziffernblattes im Iran, mit dem zusätzlichen Vorsprung einer anderthalbstündigen Zeitverschiebung, unerbittlich in die Nacht hinein.

In der Wartehalle spricht niemand mit uns, nicht einmal unser Gepäck wird kontrolliert. In dem großen leeren Raum kommen wir uns ziemlich verloren vor. Erst nach etwa einer Stunde des Schweigens und Wartens, heißt man uns endlich herzlich Willkommen im Iran. Wir dürfen gehen.

Vor der Tür atmen wir tief durch. Wir sind im Iran. Ein ganz normaler Grenzübergang. Es ist bereits nach 18 Uhr und etwas eigentümlich setzen wir unsere ersten Schritte in ein unbekanntes Land. Vom Treppenabsatz des Grenzpostens stolpern wir heraus aus 2014 und mitten hinein ins Jahr 1393. Der gregorianische Sonnenkalender spielt im Iran keine Rolle. Für Jesus interessiert sich hier sowieso kaum jemand. Stattdessen gilt die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina als Ausgangspunkt der eigenen, islamischen Zeitrechnung.

Draußen ist es inzwischen dunkel und bitterkalt. Die Wintersonne, in deren Licht die verschneiten Berge des Armenischen Hochlandes an diesem Tag im Dezember (2014, nicht 1393) so herrlich glitzerten, ist bereits lange hinter dem Horizont verschwunden. Nun umkreisen uns Geldwechsler und Taxifahrer, LKW-Fahrer warten auf die Abfertigung ihrer Schlepper und mustern uns interessiert. Hier sind wir die Exoten. Zwei junge Menschen mit riesigen Rucksäcken, die inmitten der Dunkelheit in den Iran einreisen. Kommt so etwas öfter vor?

Wir machen uns auf den Weg und folgen dem Straßenverlauf in die Finsternis. Auf den ersten Kilometer folgt der zweite, dann der dritte. Im Schein unserer Taschenlampe schleichen wir durch die Nacht. Es gibt keinen Verkehr. Außer ein paar LKWs, die im Gegenverkehr zur Grenze rollen, ist niemand auf der Landstraße zu sehen.

Nach etwa fünf Kilometern erreichen wir Bazargan. Es gibt kaum Straßenlaternen, stattdessen leuchten rote, grüne und gelbe Reklameschilder in persischen Lettern über dem Asphalt. Wir verstehen kein einziges Wort. Alles, was wir sehen sind geschwungene Linien, deren Sinn wir nicht begreifen. Im Jahr 1393 sind wir geographische Analphabeten.

Dank unserer Rucksäcke sind wir in Bazargan bald so bekannt wie bunte Hunde. Zwei junge Männer in einem PKW bieten uns Hilfe an. Doch als wir erklären, dass wir per Anhalter ins 270 Kilometer entfernte Täbris, der größten Stadt im Norden des Landes, wollen, verstehen die beiden kein Wort. Das Konzept des Trampens ist ihnen gänzlich unbekannt.

Dennoch lassen sie sich nicht davon abbringen uns helfen zu wollen und winken Bus- und Taxifahrer heran. Immer mehr Passanten bleiben stehen, ringen sich um uns, beäugen uns, stellen Fragen auf Persisch, die wir nur bruchstückhaft beantworten können. Es läuft nicht nach unserem Plan.

Bereits nach wenigen Minuten sind wir in einer Traube neugieriger Männer verschwunden und damit jeder Chance beraubt, die wenigen LKWs, die jetzt am späten Abend durch Bazargan ins Landesinnere rollen, zum Anhalten zu bewegen. Ein Pulk von mindestens einem Dutzend Männern blockiert im beschaulichen Grenzort eine komplette Fahrspur, nur um uns Neuankömmlinge zu bestaunen. Trotz Eiseskälte und allgemeinem Unverständnis begegnet man uns mit freundlichem, ja beinahe höflichem Interesse. Wir werden zum Essen und zur Übernachtung eingeladen und schließlich möchte man uns sogar Geld für ein Hotelzimmer reichen. Doch niemand versteht, was wir eigentlich vorhaben und dankend lehnen wir jedes Angebot ab.

Also wäre die Situation nicht schon verfahren genug, kreuzt auch noch ein Streifenwagen auf, dessen Besatzung dieser nächtliche Aufmarsch zu verdächtig erscheint. Doch auch die Beamten begreifen nicht, was wir in ihrem kleinen Städtchen machen und wissen nach einer kurzen Passkontrolle nichts weiter mit uns anzufangen. Stattdessen begnügen sie sich, die entstandene Versammlung aufzulösen und so bekommen wir wieder freie Sicht auf die Straße.

Tatsächlich erwischen wir an einer nahen Tankstelle einen LKW-Fahrer, dem wir unser Anliegen verständlich machen können. Der robuste Mann mit Pudelmütze ist Türke und weiß ganz genau, was wir mit unserem ausgestreckten Daumen wollen. Anders als im Iran ist Trampen in der Türkei selbstverständlich. Dutzende Male sind wir im Nachbarland des Irans bereits nach wenigen Minuten am Straßenrand in ein haltendes Auto gestiegen oder, wie jetzt, in einen Schwertransporter geklettert. Also hieven wir unsere Rucksäcke in die Fahrerkabine des Trucks und nehmen Kurs auf Täbris.

Die Leuchtreklame Bazargans zieht an uns vorbei und verschwindet in der Dunkelheit. Allein das Scheinwerferlicht fällt nun auf den Asphalt. Gelegentlich strahlen zwei gelbe Punkte im Gegenverkehr. Schnell kommen wir voran, doch unsere Fahrt wird bereits nach einer knappen Stunde unterbrochen.

An einer Werkstatt am Straßenrand bleiben wir stehen. Die Reifen müssen überprüft und wohl auch ein paar lose Schrauben nachgezogen werden, erklärt uns unser Fahrer mit Händen und Füßen. Englisch spricht er nicht. Wir nehmen im kleinen Verkaufsladen neben der Werkstatt Platz, dessen Regale mit allem Möglichen vollgestellt sind, was Trucker auf ihrer Reise benötigen könnten. Von Schrauben und Motorenöl über Glasreiniger und Toilettenpapier bis hin zu Spielzeugtransportern für den Nachwuchs ist alles dabei. Der kleine Raum platzt aus allen Nähten. Drinnen sitzen zwei Männer: ein junger und ein alter. Beide lächeln uns freundlich an, umklammern mit großen, schwieligen Hände kleine Teegläser. Worte dringen durch das Lager, Hände werden geschüttelt; dann macht sich der Alte mit unserem Fahrer draußen am LKW zu schaffen. Der Jüngere serviert uns heißen Tee und Würfelzucker.

Iran, Täbris

Alis Bedarfsladen für LKW-Fahrer am Highway

Unser Farsi ist holprig, dennoch kommen wir mit Ali, so der Name unseres Gegenübers, schnell ins Gespräch. Von unserer Reise begeistert, scheint auch ihn das Fernweh gepackt zu haben. Seinen kleinen Laden am Straßenrand führt der 28-jährige bereits seit über sieben Jahren. Er kennt jedes Regal und jedes einzelne Verkaufsstück und langweilt sich unglaublich. Doch er sieht keinen Ausweg aus seiner Misere. Bereits verheiratet glaubt er, jegliche Chance auf ein Abenteuer verspielt zu haben. Missmutig gießt er seinen dampfenden Tee von einem Glas in ein anderes, um ihn schneller zu kühlen. Seine Bewegungen sind flink und präzise, sein Blick dagegen finster. Ali hat wenig Optimismus behalten, vertraut weder der Religion, noch der Politik.

Wir schlürfen an unserem Tee. Auf das erste Glas folgt ein zweites, dann ein drittes. Die Gespräche verstummen und eine Weile hängen wir den eigenen Gedanken nach. Irgendwann sind die Probleme an unserem LKW behoben. Ali winkt zum Abschied, dann entfernen sich unsere Leben wieder voneinander und bald wird Alis Laden im Rückspiegel immer kleiner.

Gegen 23 Uhr erreichen wir eine Tankstelle in der Nähe von Evogli, 130 Kilometer vor Täbris. Hier endet die Fahrt überraschend. Stutzig versuchen wir die Situation zu verstehen. Unser Fahrer, der mit seinem Schlepper offenbar wieder zurück in Richtung Bazargan fährt, beschwichtigt uns. Mit einem freundlichen Lächeln erklärt er in einem gebrochenen Mix aus Türkisch und ein paar Brocken Englisch, dass wir die bevorstehende Nacht an dieser Tankstelle verbringen werden. Dann entlässt er uns in die Obhut des Tankstellenwarts, der uns in einen kleinen, mit einem Ofen beheizten Aufenthaltsraum geleitet.

Die Wärme im Inneren des Raumes tut uns gut. Draußen ist das Thermometer weit unter den Gefrierpunkt gefallen und die wenigen Schritte vom Parkplatz bis hierher lassen uns vor Kälte zittern. Gebannt blicken wir dem jungen Mann, der uns hier auf Geheiß des Lastwagenfahrers aufnimmt, entgegen. Doch kein Wort kommt über seine Lippen. Stattdessen starrt er verlegen und schüchtern auf den Boden, reagiert nicht auf unsere Ansprache, auch nicht auf unser gebrochenes Farsi.

Der Mann ist sichtlich verklemmt und unsere Gegenwart bereitet ihm Unbehagen. Dennoch serviert er uns Tee und Kekse, weiß aber absolut nicht, wie er sich darüber hinaus verhalten soll. Unsere Anwesenheit verunsichert ihn völlig und er ist stets darauf bedacht, keinen Augenkontakt entstehen zu lassen.

Iran, Täbris

Nachts an einer Tankstelle bei Evogli

Die Situation ist unangenehm, doch draußen herrscht klirrende Kälte und außer einem verschlossenen Restaurant befindet sich nur noch eine dunkle Moschee neben dem Tankstellengelände. Die Minuten verstreichen, werden zu Stunden. Eigentlich wollen wir weiter in Richtung Täbris trampen, doch mitten in der winterlichen Nacht ist kein einziges Fahrzeug unterwegs. Am Ende bleiben wir im Aufenthaltsraum des Tankstellenwarts, der sich, nur wenige Zentimeter vor einem Fernseher sitzend, iranische Serien anschaut.

Wir hingegen kauern uns auf eines der beiden Feldbetten, die hier für müde Reisende bereit stehen und warten, beständig gegen den Schlaf kämpfend. Immer wieder schleichen wir hinaus in die Kälte in der Hoffnung, irgendwo in der Dunkelheit ein Fahrzeug zu erblicken, das uns eventuell ein Stück weit mitnehmen könnte. Wir wollen keine Möglichkeit verpassen, doch alles warten und hoffen ist umsonst. In dieser Nacht schlafen wir nicht.

Am nächsten Morgen stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen endgültig am Rand der Schnellstraße. Es ist bitterkalt. Atem kondensiert in dicken Wolken vor unseren Gesichtern. Der schlammige Boden ist hart gefroren, dicke Eisschichten verschließen die mit Wasser gefüllten Schlaglöcher. Die nahen Berge leuchten im Morgengrauen rosarot. Langsam steigt die Sonne am Firmament empor und vertreibt die Schatten der Nacht. Immer wieder schießen PKWs an uns vorbei, brummen Schwerlaster über die Fahrbahn. Wir halten unser Schild mit der Aufschrift Täbris dem Verkehr entgegen; zunächst mäßig erfolgreich.

Iran, Täbris

Morgengrauen an der Schnellstraße

Iran, Täbris

Tankstelle im Iran

Doch dann hält erneut ein LKW und ein grauhaariger Kopf reckt sich aus dem Fenster. Die buschigen Augenbrauen, die breite Nase und die unrasierten Wangen des Mannes machen zunächst einen unbehaglichen Eindruck, doch sein breites Lächeln weckt schnell unser Vertrauen. Wie in der Nacht zuvor ist der LKW-Fahrer auch diesmal ein Türke und gerne bereit, uns bis nach Täbris mitzunehmen. Doch zunächst lädt er uns zum Frühstück im Restaurant neben der Tankstelle ein. Es gibt heißen Tee und deftigen Eintopf.

Satt und mit einem wohlig warmen Gefühl im Magen rollen wir anschließend hinaus auf die Schnellstraße und hinein in eine verschneite Landschaft. Weiße Felder, weiße Wälder, weiße Hügelrücken ziehen vor den wackelnden Fensterscheiben des LKWs an uns vorbei. Alles ist winterlich eingedeckt. Die Hitze des Motors dringt in die Fahrerkabine, wärmt unsere Glieder. Nach einer knapp zweistündigen Fahrt tauchen endlich die ersten Häuser Täbris’ vor uns auf. Auf breiten Straßen fließt ein unaufhörlicher Strom an Fahrzeugen in die Metropole. Auch wir gleiten hinein in die Stadt, die sich in einem Talkessel vor uns ausbreitet.

Iran, Täbris

winterliche Landschaft auf dem Weg nach Täbris

Iran, Täbris

unterwegs per Anhalter

Mit mehr als zwei Millionen Einwohnern ist Täbris sowohl die größte Stadt im Nordwesten des Irans, als auch größtes kulturelles Zentrum der iranischen Provinz Aserbaidschan. Im Norden, nur 140 Kilometer entfernt, grenzt das Land Aserbaidschan an den Iran. Dennoch leben mehr Aserbaidschaner, Azaris genannt, im Iran – wo sie etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen – als in Aserbaidschan selbst. Sie sind nach den Persern die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe des Vielvölkerstaates, noch vor den Kurden, Arabern, Luren, Belutschen und anderen. Die Azaris sprechen einen türkischen Dialekt, weshalb sie im Rest des Landes einfach als Türken bezeichnet werden.

Unsere Fahrt endet mitten auf der Autobahn. Begleitet vom zuckenden Rhythmus der Warnblicker steigen wir aus dem LKW, überqueren die Schnellstraße über eine Fußgängerbrücke und machen uns völlig orientierungslos auf den Weg hinein in die Stadt. Eine abschüssige, vom geschmolzenen Schnee nass gewordene Straße führt uns in ein Wohnviertel. Bäckereien und Kioske reihen sich entlang des rutschigen Bürgersteiges.

Wir sind hungrig, doch besitzen wir nicht einen einzigen iranischen Rial. Aufgrund politischer Bestrebungen des Westens sind ausländische Kreditkarten im Iran nutzlos und so sind wir auf Wechselstuben angewiesen, von denen wir jedoch bisher keine einzige ausfindig machen konnten.

An einer Kreuzung wissen wir nicht mehr weiter. Wir sind am Busbahnhof der Stadt mit unserer Gastgeberin Nasrin verabredet, doch haben wir nicht die leiseste Idee, wie wir dorthin gelangen sollen. Es dauert nicht lange und wir sind erneut Gegenstand einer interessierten Männergruppe. Umringt von freundlichen Gesichtern, weiß jeder einen Rat und schon bald werden wir gleichzeitig in verschiedene Richtungen geschickt. Eine Zwickmühle, die unter den Männern lebhafte Diskussionen hervorruft, welcher Weg denn nun der beste sei.

Mitten in dieser Debatte nimmt uns ein älterer Herr an die Hand und zieht uns aus der Masse. Während er uns einen 1.000 Rial-Schein mit den Worten: “Das ist hier viel Geld.”, in die Hand drückt, weist er uns zu einem Bus, der in die Nähe des Busbahnhofes fährt. Da wir keine andere Möglichkeit sehen, nehmen wir das Geld dankend an. Später, als wir in einer privaten Wechselstube für einen Euro 4.250 Rial tauschen, klingen die Worte des Alten noch immer nach: “Das ist hier viel Geld.”

Im Inneren des Busses herrscht strikte Geschlechtertrennung. Der vordere Teil ist ausschließlich für Frauen reserviert, hinten sitzen die Männer. Beide Bereiche sind mit Gitterstäben von einander getrennt. Der Bus ist rappelvoll und wir befürchten schon uns gegenseitig aus den Augen zu verlieren und die Haltestelle zu verpassen, doch alles geht gut. Am Busbahnhof angekommen, winkt uns der Busfahrer noch freundlich hinterher, dann treffen wir auf unsere Gastgeberin.

Wir sind zu Gast bei Nasrin und ihrer Familie irgendwo in einem Wohnviertel mitten in der Stadt. Die Fensterfront im fünften Stock gibt den Blick über das winterliche Täbris frei: graue Häuser, eisige Luft, verwaschene Fassaden. Dunkle Abgaswolken eines nicht enden wollenden Verkehrsstroms verschleiern die Bergkette des Roten Gebirges um den Gipfel des Aynali hinter der Stadt. Wir sitzen auf den weichen Polstern eines gemütlichen Sofas, warmes Licht hüllt die modern eingerichtete Wohnung in eine freundliche Atmosphäre. Nasrin und ihre Cousine Parvin servieren uns Chai, starken Schwarztee, den wir bereits in der Türkei lieben gelernt haben, und Früchte, kleine Gurken und Pistazien.

Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft Täbris’ ist weit über die Stadtgrenzen bekannt und tatsächlich, die beiden jungen Frauen machen es uns nach der ermüdenden Reise der letzten Stunden und Tage sehr angenehm.

Iran, Täbris

Täbris

Wir schlürfen Tee, erzählen von unserer Reise, lassen uns vom Iran berichten. Zurückgelehnt in dicke Kissen, saugen wir jede noch so kleine Information auf. Der Iran, mitten drin im Nahen Osten, umgeben von Krisenherden, besitzt eine Schlüsselposition im Kampf gegen den Terrorismus. Außenpolitisch sorgen das schwierige Verhältnis zu den USA und die eine oder andere politische Spitze immer wieder für Schlagzeilen. Innerhalb des Landes ist die vor allem in der westlichen Welt viel und kontrovers diskutierte Scharia, das islamische Gesetz, Rechtsgrundlage. Unser Wissen über das Land ist jedoch begrenzt, eher mystisch als fundiert – wir sind interessierte Zuhörer.

So kreisen unsere Gespräche um den iranischen Alltag, die wirtschaftliche Lage, die verheerende Inflation, kulturelle und religiöse Zustände im Land.

Die Zeiten der wirtschaftlichen Blüte sind noch nicht vergessen, doch geopolitische Interessen und US-amerikanische und europäische Sanktionen, wie der blockierte Rohstoff- und Finanzhandel, haben dem Land, allen voran der einfachen Bevölkerung, stark zugesetzt. Der Rial, die iranische Währung, verliert stetig an Wert. In dem Land, das über riesige Erdölvorkommen verfügt und, gemessen an natürlichen Ressourcen, eines der reichsten Länder überhaupt ist, rückt die gesellschaftliche Mittelschicht immer näher an die Armutsgrenze.

Doch nicht nur wirtschaftlich leidet der Iran. Auch der gesellschaftliche Druck ist enorm. Nicht zuletzt die drakonische Auslegung der Scharia verunsichert viele Menschen im Land.

Iran, Täbris

Straßenbild in Täbris

Iran, Täbris

Auch Nasrin leidet unter dem innenpolitischen System, ist enttäuscht von der iranischen Realität. Wie bei vielen Iranern im Land ist auch ihr Verhältnis zur Religion stark vom Dogmatismus der Regierung beeinträchtigt. In ihren beginnenden Dreißigern kennt sie nichts anderes, als die Zwänge und Vorschriften, die von alten, erzkonservativen Männern über das Land gelegt wurden. Das Kopftuch, das auf der Straße verpflichtend ist, in der Wohnung von Nasrin aber schnellstmöglich abgelegt wird, ist dabei noch das geringste Problem. Die junge Frau sieht sich selbst und ihre Generation als verloren. Ihre Eltern, so sagt sie, kennen noch die Zeiten und Freiheiten vor der Islamischen Revolution 1979; für ihren zehnjährigen Sohn Elia, der zwischen uns auf den weichen Polstern sitzt, hofft sie, dass er diese Freiheiten eines Tages erleben darf. Sie selbst jedoch ist gefangen in einem schwarzen Loch. Ihre komplette Kindheit und Jugend verbringt Nasrin in einem totalitären System, das ihr viele scheinbar alltägliche Dinge bis heute versagt. Falls es irgendwann einmal zu einem Wandel im Land kommen sollte, ist Nasrin wahrscheinlich zu alt, um ihn gebührend zu genießen.

Als wir so über ihr Land und ihr Leben sprechen ist Nasrins Blick weder schwermütig noch traurig. Stattdessen wirkt sie ausgesprochen resigniert. Nasrin hat sich in eine Situation ergeben, die sie niemals ertragen wollte.

So sitzen wir eine Weile im Wohnzimmer, sind interessierte Zuhörer und begeisterte Erzähler zugleich. Doch dann wollen uns Nasrin und Parvin ihre Stadt zeigen. Täbris, die Schöne, abseits des Verkehrs, der Luftverschmutzung und dem winterlich grauen Schmuddelwetter.

Schon während der großen Handelsströme zwischen China und dem vorderen Orient, die über Jahrhunderte fluorieren, ist die Stadt eines der wichtigsten Zentren entlang der Routen der Kaufleute, Adligen und Abenteurer. Täbris ist eine bedeutende Station für Reisende auf der Seidenstraße.

Doch nicht nur das: Im 15. Jahrhundert entwickelt sich die Stadt zu einer wahren Hochburg für Kunst und Kultur. Schriftsteller, Maler, Architekten – sie alle werden vom Ruf der Stadt angelockt. Die Blaue Moschee, erbaut 1465, und die Überreste der Zitadelle aus dem frühen 14. Jahrhundert, heute bekannt als Torbogen von Täbris, sind Zeugen dieser blühenden Epoche.

Iran, Täbris

Nachmittags in Täbris

Iran, Täbris

Arg-e-Tabriz, die Überreste einer Zitadelle aus dem 14. Jahrhundert

Doch dem verheißungsvollen Aufstieg folgt ein tiefer Fall. Perser, Ottomanen und später auch Russen kämpfen verbittert um die Stadt. Die verheerendste Katastrophe ist jedoch ein Erdbeben im Jahr 1727. Es ist eines der schlimmsten Beben in der Geschichte überhaupt, das etwa 77.000 Leben fordert.

Doch Täbris’ wichtigstes Bauwerk bleibt über die Jahre und Jahrhunderte unberührt, unangetastet von zerstörerischer Hand. Es ist der Basar, der Handelsplatz – das Aushängeschild der Stadt. Auf über sieben Quadratkilometern, einer Fläche, mehr als doppelt so groß wie Berlins Tempelhofer Park, erstreckt sich ein Labyrinth aus überdachten Gängen und Plätzen. Torbögen und Kuppeln verzieren die Wege des Marktes. Neben den Ständen und Geschäften gibt es öffentliche Bäder, Moscheen, Restaurants, Banken und Schulen. Mehr als 1.000 Jahre alt, ist Täbris’ Markt eine Stadt in sich, ein fantastisches Beispiel persischer Architektur. Der bis heute flächenmäßig größte überdachte Markt der Welt ist seit 2010 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt.

Mit Nasrin und Parvin stehen wir nun mitten drin in diesem Netz aus Korridoren, Gängen und Hallen. Jeder Gang hat seine eigenen Waren, seine eigene Klientel. Da gibt es etwa den Gang der Schneider, der Kupferschmiede, Juweliere oder der Stoffhändler. Auch Haushaltsgegenstände, Schuhe und Gewürze haben ihren eigenen Platz. Im Moment befinden wir uns auf dem Markt für Kleidung. Jacken, Pullover, Hosen – alles, was man irgendwie am Leib tragen kann, wird hier verkauft.

Iran, Täbris

ambulante Händler vor dem Eingang zum Markt

Iran, Täbris

die meisten Kuppelkonstruktionen stammen aus dem 15. Jahrhundert

Iran, Täbris

Täbris‘ Markt ist das pulsierende Herz der Stadt

Um uns herum herrscht dichtes Gedränge. Der Markt ist das pulsierende Herz der Stadt. Früher oder später trifft man hier jeden einzelnen Bewohner Täbris’. Dabei ist der Markt weit entfernt von der orientalischen Magie vergangener Jahrhunderte. Das Leben der Gegenwart schafft die Atmosphäre. Smartphones und Neonröhren gehören ebenso in die alten Gemäuer wie billiger Plastikkrempel und Nippes.

Wir fügen uns ein in den Strom der Menschen, lassen uns treiben. Wo sich früher Händler und Reisende in Shalwar Kamiz, Tunika oder Hanfu begegneten, kreuzen nun die Bürger der Stadt in Daunenjacken, feinen Mänteln und Stoffhosen mit Bügelfalten ihre Wege. Wir verlieren uns in den Gängen, biegen mal nach links, mal nach rechts und stehen plötzlich im Spiegelmarkt. Kostbare Silberarbeiten rahmen meterhohes Glas, das die Deckenbeleuchtung reflektiert. Es funkelt in allen Ecken. Silberne Uhren und Leuchter flankieren die Spiegel, die häufig als Hochzeitsgeschenke in die Wohnungen frisch vermählter Paare einziehen.

In all dem Trubel bleibt es dennoch immer gesellig. Aus jedem Geschäft lächelt man uns freundlich zu. Eine Einladung zum Tee folgt der nächsten. An einem kleinen Stand, dessen Auslage von saftig-klebrigen Datteln dominiert wird, bekomme ich die Gelegenheit meine wenigen Brocken Farsi auszuprobieren. Der Verkäufer, ein junger Mann mit Schnurrbart, fragt nach meinem Namen und klatscht vor Freude in die Hände, als ich ihm in seiner Sprache antworte. Auch ich bin überglücklich, dass ich sowohl verstehe, als auch verstanden werde. Wir lachen uns gegenseitig ins Gesicht und mit einer Handvoll Datteln, ein Geschenk, schlendere ich weiter.

Iran, Täbris

Juweliergeschäfte auf dem Markt

Iran, Täbris

Eingang zu einer Moschee

Iran, Täbris

Gurken gehören zu den beliebteste Gemüsesorten im Iran

Iran, Täbris

fein dekorierte Spiegel

In der Teppichabteilung umgibt uns der ganze Stolz und Reichtum der Händler. Persische Teppiche gelten weltweit als die hochwertigsten Teppiche überhaupt. Nach Erdöl und Erdgas sind die Teppiche das wertvollste Exportgut des Landes. Mehr als fünf Millionen Iraner sind in der Teppichindustrie beschäftigt, deren Konkurrenz vor allem Billigprodukte aus Pakistan und Indien sind.

Tausende, manchmal Millionen handgeknüpfter Knoten formen einen Teppich, einen Läufer oder Kelim, dessen Designs vor allem von floralen und islamischen Motiven geprägt sind. In den edelsten Teppichen schimmern feine Seidenfäden und geben einen besonderen visuellen Effekt. Je größer das Schimmern, desto tiefer der Griff in den Geldbeutel.

Die Teppichabteilung ist die größte Sektion in Täbris’ überdachtem Markt. In einer lichtdurchfluteten Halle reihen sich die exquisitesten Teppichgeschäfte aneinander. Hier gibt es kein Gedränge mehr, keine Menschenmassen, die an den schicken Geschäften vorbei wuseln. Riesige, kiloschwere Teppiche lagern übereinander oder bedecken als Ausstellungstücke sämtliche Wände der Geschäfte.

In den Läden und auf den Vorplätzen werden Teppiche ausgemessen und Fachgespräche geführt, wird Tee getrunken und gehandelt. Es ist ein Markt für Luxusgüter. Jeder Teppich ist einige tausend Euro wert. Selbst die Übernahme des kleinsten Teppichgeschäfts kostet hier ein Vermögen.

Iran, Täbris

der Teppichmarkt

Iran, Täbris

Teppichverkäufer bei der Arbeit

Iran, Täbris Iran, Täbris

Iran, Täbris

Fäden, die einmal zu Perserteppichen gewoben werden

Unser persönlicher Höhepunkt des Marktes ist jedoch die Abteilung der Teppichbilder. Persische Teppiche sind weltberühmt, aber was hier zwischen pompösen Holzrahmen geknüpft ist, haben wir noch nie zuvor gesehen. Verschnörkelte Kalligraphie zitiert Koranverse, riesige Landschaftspanoramen und Stadtbilder aus geknoteten Fäden hängen an den Wänden. Die Teppichweber gestalten selbst Stillleben und detaillierte Porträts.

Viele dieser Bilder sind extrem kitschig und derartige Objekte würden wir niemals unser Eigen nennen wollen, aber allein die Fähigkeit aus bunten Fäden etwas Derartiges herzustellen, ist beeindruckend.

Iran, Täbris

Teppichbilder im Holzrahmen

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Als wir den Markt nach Stunden wieder verlassen, ist es draußen bereits dunkel. Lichtkegelpaare schießen durch die Straßen, Reklamelettern werfen die unterschiedlichsten Farbtöne auf den Gehweg.

Doch nicht überall leuchten helle Lichter. Im Elgoli Park im Südosten der Stadt ist es stockdunkel. Ein See, umstanden von Bäumen und Bänken in der Dunkelheit Täbris’. Nach islamischem Recht ist es fast unmöglich Personen des anderen Geschlechts kennenzulernen, wenn sie nicht zur eigenen Familie gehören. Liebespaare haben es im Iran schwer und Heimlichtuerei ist existenziell. Beziehungen existieren nur im Schutz der Dunkelheit und so ist der Elgoli Park einer der beliebtesten Plätze für die Jugend der Stadt. Auch Parvin, so gesteht sie uns, spazierte hier früher Händchen haltend mit ihrem jetzigen Ehemann durch die Nacht – immer auf der Hut vor gelegentlichen Polizeistreifen entlang des Sees.

Iran, Täbris

Elgoli Park

Zurück in unserem Zuhause machen wir es uns auf den weichen Polstern des Sofas gemütlich. Hier verbringen wir die meiste Zeit in Täbris, plaudernd und essend. Immer wieder servieren uns Nasrin und Parvin Pistazien, Konfekt und eine prall gefüllte Obstschale, die auf keinem iranischen Esstisch fehlen darf. Doch damit nicht genug. Neben all den Snacks fallen auch unsere Hauptspeisen üppig aus. Nasrin ist eine begnadete Köchin, ihr Safranreis mit Berberitzen traumhaft, ihr Kebab ein Gaumenschmaus. Zu allem Überfluss ist sie auch noch ernsthaft traurig, wenn wir nicht essen. So kommt eines zum anderen. Weder wollen wir uns die Köstlichkeiten entgehen lassen, noch unsere Gastgeberin kränken. Stattdessen liegen wir jeden Abend mit schmerzenden, überfüllten Bäuchen in unserem Bett und wissen nicht genau, ob wir uns darüber freuen sollen oder nicht.

So vergehen unsere Tage in denen wir Nasrin und Parvin immer mehr ins Herz schließen. Mit Nasrin erkunden wir die Umgebung Täbris’ und fahren mit dem Taxi nach Kandovan, einem kleinen Dorf etwa eine Stunde von unserer Haustür entfernt.

In einen Berg gemeißelt ist Kandovan die iranische Version des türkischen Kappadokiens; eine Siedlung hübsch wie ein Fotomotiv. Wohnhäuser, Lager, Ställe, steile Treppen, enge Pfade – alles ist hier aus dem weichen Vulkangestein geschlagen und nur gelegentlich mit ein paar gemauerten Steinen ergänzt. Doch anders als in Kappadokien ist Kandovan noch immer vollständig bewohnt. Sogar einen Kiosk finden wir im leicht auszuhöhlenden Fels. Schmale, mit Holzpfählen gestützte Balkone ragen aus dem Gestein heraus, Stromleitungen schwanken zwischen den spitzen Zacken des erodierten Felsens.

Fensternischen öffnen sich über uns im Berg, Wäsche hängt, steif gefroren, zwischen den engen Wänden, eine Katze beäugt uns misstrauisch. Von einer älteren Dorfbewohnerin werden wir zum Tee in ihre Wohnung eingeladen. Ein großer, in den Fels geschlagener Raum, eine Kochnische und ein, mit Vorhängen verdeckter, Schlafbereich. Teppiche und Kissen liegen auf dem Boden, ein alter Röhrenfernseher hängt in einem Gestell an der Wand. Es sind die einzigen Einrichtungsgegenstände, die wir sehen.

Doch nicht jedes Gebäude ist derart spartanisch. Am Rand Kandovans befindet sich ein ebenfalls in das Gestein gemeißeltes Hotel. Auch hier dürfen wir einen Blick in das Innere werfen. Indirektes Licht, Kacheln, dicke Polster – eine luxuriösere Höhle gibt es wohl kein zweites Mal.

Zurück in Täbris treffen wir Fateme, eine weitere Cousine von Nasrin und Parvin. Die junge Studentin ist der Rebell der Familie. Ihr Auftreten ist forsch, aber keineswegs weniger liebenswert als das der anderen. Zurzeit ist Fateme ein immer wiederkehrendes Gesprächsthema, denn sie plant mit ein paar Kommilitonen in eine WG zu ziehen. Ein unverheiratetes Mädchen, das nicht am heimischen Herd wohnt – ein Skandal für die Familie. Doch Fateme ist stur, auch gegen den Willen ihrer Eltern.

Zusammen mit Parvin und Fateme besuchen wir das Mausoleum der Dichter, ein weiteres Wahrzeichen Täbris’, nicht weit vom überdachten Markt entfernt. Hier würdigt die Stadt mehr als 50 iranische Poeten und Schriftsteller in einem der modernsten Gebäude der Stadt.

Warmes Licht strahlt durch die Gruft. Die lyrischen Meister längst vergangener Zeiten ruhen Seite an Seite mit ihren geistigen Verbündeten. Dort liegt Āsādi Tusi, einer der bedeutendsten Epiker des 11. Jahrhunderts, neben dem Dichter Qatran Tabrizi. Als wir andächtig durch die Gänge schlendern und an so manchem Porträt und mancher Grabstätte vorüber ziehen, folgt uns ein älterer Mann. Seine Wangen sind unrasiert, buschige Brauen überlagern tiefliegende Augen, graue Haare sind unter einer Wollmütze versteckt. Das Jacket und der Pullunder sind ihm etwas zu groß und überhaupt wirkt seine ganze Erscheinung eher nachlässig.

Doch die Gestalt beginnt schon bald ein Gespräch mit Parvin und Fateme und gibt sich als ein glühender Verehrer persischer Dichtung zu erkennen. Vor dem Grab von Shahriyar bleiben wir stehen und unser neuer Freund beginnt mit angenehm sonorer Stimme eine leidenschaftliche Interpretation der Gedichte des 1988 verstorbenen Poeten.

Iran, Täbris

Mausoleum der Dichter

Täbris, Iran

Vor dem Grab von Shahriyar

Überhaupt spielt die Dichtkunst eine bedeutende Rolle in der persischen Kultur. Über Jahrhunderte beeinflussen persische Dichter nicht nur die eigene Heimat, sondern auch andere Kulturen und Sprachen. Sei es Ferdousi, der im beginnenden elften Jahrhundert die Schāhnāme, den persischen Nationalepos, verfasst, der sowohl ins Arabische und Türkische als auch in mehrere andere Sprachen übersetzt wird. Sei es Hafis, dessen Werk als eines der einflussreichsten in der persischen Dichtungen gilt, und Goethe zu seiner Gedichtsammlung “West-östlicher Divan” anregt. Sei es Rumi, der beliebteste aller Sufidichter, dessen mystische Lyrik im 13. Jahrhundert stark von seinem Lehrer und Freund Schemseddin Muhammed, besser bekannt als Schams-e Tabriz, “Die Sonne von Täbris”, beeinflusst ist.

Doch Schemseddin Muhammed ist nicht der einzige bedeutende Sohn der Stadt. Bis heute bringt Täbris jede Menge berühmte Persönlichkeiten hervor. Musiker, Ärzte, Revolutionäre und Reformer, Maler und Künstler. Auch Karim Bagheri gehört zu den Kindern der Stadt, ist in Deutschland aber vermutlich nur noch Fußballfans auf der Bielefelder Alm ein Begriff.

Täbris gewährt uns einen unerwartet freundlichen Einstieg in den Iran. Eine Stadt mit liebenswerten Einwohnern, die auch im winterlichen Dreck ihre Herzenswärme ausstrahlen und einem kulturellen Erbe, das uns von Beginn an fasziniert. Der Iran heißt uns Willkommen und wir freuen uns auf dieses beeindruckende Land.

Chomeini

unsere Gastgeber in Täbris: Fateme, Elia, Nasrin und Parvin

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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Und jetzt du!

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  • Oli
    17. Mai 2016

    Toller Bericht, der mich an meine eigene Iranreise vor 12 Jahren zurückerinnert. Wenn ich so lese, was ihr schreibt, und wenn ich die Bilder anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass sich seither nichts geändert hat. Selbst der Grenzübergang sieht noch genau gleich aus mit den Gittern. Nur waren wir damals in 5 Minuten durch die Immigration durch.


    • nuestra america
      17. Mai 2016

      Hi Oli,
      vielen Dank für dein Lob. Tatsächlich stand das Land lange still und es gab wenig Veränderungen in der Vergangenheit. Aber mit Rohani scheint sich der Iran nun langsam zu wandeln. Es kommen auch immer mehr Touristen und der Iran wird als Reiseland immer beliebter. Es gibt ja auch jede Menge kulturelle Schätze zu entdecken.


  • Shayan
    10. August 2016

    Toller Bericht, jedoch hätte man mehr über die Situation der Aserbaidschaner schreiben können. Im Iran leben 40 Millionen Aserbaidschaner und trotzdem sind keine aserbaidschanischen Schulen erlaubt. Dagegen leben vielleicht 20 Tausend Armenier im Iran, die alle Rechte genießen. Vielleicht ist Ihnen diese ethnische Unterdrückung nicht aufgefallen. Desweiteren werden Aserbaidschaner von der persischen (knappen) Mehrheitsbevölkerung oft Tork-e-Khar gennant, übersetzt bedeutet das in etwa “Türkischer Esel”. Eine Unterdrückung, schlimmer als das Apartheid-System. Außerdem wurden in diesem Artikel viele aserbaidschanische Bauten als Persisch bezeichnet, was nicht zutrifft. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass der selbsternannte schiitische Gottesstaat im Aserbaidschanisch-Armenischen Konflikt nicht etwa das ebenfalls schiitische Aserbaidschan unterstützt, sondern Armenien. Das alles, obwohl der aserbaidschanischen Zivilbevölkerung von seiten der Armenier schlimme Massaker und von der UN anerkannte Kriegsverbrechen angetan wurden, siehe das Massaker von Xocali. Trotzdem leben die Armenier in Täbris völlig unbehelligt, wohingegen man in Armenien nur für die Existenz als Türke oder Aserbaidschaner gelyncht wird. Von dem arischen Höherwertigkeitsgefühl haben Sie ja bestimmt schon gehört. Auch der Attentäter von München hat das als Beweggrund für die rassistischen Morde an türkischen Jugendlichen in seinem Manifest dargelegt. Meine gesamte Familie stammt aus Täbris, also ich durfte schon so einige Erfahrungen mit den hinterhältigen Persern machen. Ich hoffe, dass dieser Kommentar nicht zensiert wird. Ich trage einen persischen Namen, weil aserbaidschanische oder kurdische Namen im Iran absolut verboten sind. Das ist ethnisch motivierter Perser-Rassismus, nichts weiter.


    • nuestra america
      11. August 2016

      Lieber Shayan,

      vielen Dank für deinen kritischen Beitrag. Zunächst sei erwähnt, dass wir einen Reiseblog führen und kein politisches Magazin. Wir sind an erster Stelle daran interessiert, die Orte unserer Reise vorzustellen.
      Es ist traurig, wenn man Ungerechtigkeit und Unterdrückung erfahren muss. Dabei ist es völlig egal, von wem die Ungerechtigkeit ausgeht.
      Wir sind in Täbris stets freundlich und zuvorkommend behandelt worden – genauso wie im übrigen Iran. Aserbaidschaner, Perser und alle anderen ethnischen Gruppen im Land haben uns immer überaus großzügig behandelt.


  • Shayan
    10. August 2016

    Ich habe gerade gesehen, dass der weibliche Part Perserin ist. Nun gut, dann wird mein vorheriges Kommentar wohl nicht veröffentlicht werden.


    • nuestra america
      11. August 2016

      Lieber Shayan,
      uns würde doch sehr interessieren, wie du erfahren hast, das “der weibliche Part” eine Perserin ist? Deine Quelle würde uns interessieren.

      Und wenn du schon dabei bist, dann erkläre uns doch auch mal bitte, warum du glaubst, dass wir deinen Kommentar nicht veröffentlichen? Selbst wenn wir beide Perser wären. Du scheinst kein besonders gutes Bild von Persern im Allgemeinen zu haben. Bitte überdenke deine Meinung und vermeide Generalisierungen.