Vom ersten Tankstellenschnack in bitterkalter Nacht und dem Ende eines Abenteuers

Unsere Rückkehr nach Deutschland


19. Januar 2014
Deutschland
2 Kommentare

Wir verlassen Paris mit freundlicher Unterstützung des Internets. Das vernetzte Europa bietet selbst fürs Trampen eine virtuelle Plattform. Unsere Online-Empfehlung, eine Autobahntankstelle in der Peripherie der Stadt, verspricht effizientes Reisen per Anhalter. So fahren wir mit dem Stadtbus, laufen durch eine Hochhaussiedlung, erklimmen den Lärmschutzwall, der die Häuser von der Autobahn trennt, steigen den matschigen und rutschigen Hügel auf der anderen Seite wieder hinab, klettern durch eine kaputte Stelle im Sperrzaun, laufen 50 Meter auf dem Autobahnstandstreifen bis zur Tankstelle – alles genau so wie es auf der einschlägigen Webseite beschrieben wird. Wie viel einfacher hätte unsere Reise sein können, wenn es diese Möglichkeit auch für Südamerika geben würde?

Hitch hicking in Paris

Mitten in Paris funkioniert das Trampen nur bedingt

merci hitchwiki

Hitchwiki verdanken wir einen abenteuerlichen Spaziergang durch die Peripherie von Paris

Bereits der erste Franzose, den wir ansprechen, nimmt uns mit. Wir erzählen Thomas von unserer zurückgelegten Reise und er berichtet von seinen Allradtouren durch Afrika, Island und Peru. Abenteurer unter sich. Die Zeit verfliegt und schon bald sind wir kurz vor der belgischen Grenzen. Hier trennen sich unsere Wege, doch nur ein paar Minuten später sitzen wir im nächsten Wagen. Mit einer jungen Belgierin reisen wir bis nach Liége. Zwar haben wir keine gemeinsame Sprache, aber deswegen nicht weniger Spaß zusammen. Dann überqueren wir die letzte Grenze. Von Liége nach Bonn fahren wir mit Catherine, einer älteren Dame und Expat aus London, die sich mutig entschließt erstmalig Anhalter mitzunehmen. Niemand von uns bereut diese Entscheidung und am Ende bekommen wir sogar ein Dankeschön für die angenehme Fahrt.

Raststätte kurz vor Deutschland

die letzte Raststätte vor der deutschen Grenze

Und nun: Deutschland. Es ist vorbei. Schluss. Aus. Spätestens jetzt an der Autobahnraststätte bei Frechen kurz hinter der deutsch-belgischen Grenze endet unsere abenteuerliche Reise.

 

Völlig unvorbereitet dringen die ersten deutschen Gesprächsfetzen an unsere Ohren. Jemand bestellt eine Bockwurst, ein paar Meter weiter erörtert eine Frau ihrem Liebsten den gerade gelesenen Zeitungsartikel. Wir erleben den ersten deutschen Tankstellenschnack seit mehr als zwei Jahren.

übertriebene Schlagzeilen in der BILD

übertriebene Schlagzeilen in der BILD

Einmal tief durchatmen.

 

Und jetzt? Wir versuchen den Moment zu konservieren, ihn festzuhalten, um später davon zu erzählen. Das haben wir uns vorgenommen. Wenn man uns bald fragen wird, wie es sei wieder in Deutschland zu sein, dann wollen wir von diesem Augenblick an der Raststätte in Frechen erzählen. Doch was konservieren wir? Welche Veränderungen nehmen wir wahr? Welche Unterschiede sind spürbar? Zwei Jahre nachdem wir Deutschland verlassen haben, stehen in der BILD noch immer völlig übertriebene Schlagzeilen, wird noch immer gerne Bockwurst an Raststätten gegessen, sind die Menschen noch genauso, wie sie vor zwei Jahren waren. Wir sind zurück – In jeder nur möglichen Bedeutung.

 

Unsere Reise nimmt ein abruptes Ende. Der Weg von Paris bis hierher war einfach. Lächelnd wurden wir von Franzosen und Belgiern, die wir um eine Mitfahrt baten, in ihre Autos gewunken. Plötzlich bekommen wir aber einfach keine Mitfahrgelegenheit mehr. Stattdessen werde vor allem ich mit meinen langen Haaren, dem Bart und der nur unzureichend winterfesten Kleidung ganz offen für einen Penner gehalten. Wir werden schon von Weitem mit abwertendem Gesichtsausdruck weggewunken. Ein älteres Ehepaar gibt uns offenkundig zu verstehen, wie wenig es von uns hält. Von anderer Seite schallt uns ein genervtes “Ich hab’ keinen Euro für Dich” entgegen, noch bevor wir unseren Mund aufgemacht haben. Bei so viel Freundlichkeit wollen wir am liebsten direkt wieder Kehrt machen.

 

Deutschland desillusioniert uns.

 

In den zurückliegenden 752 Tagen haben wir einen kompletten Kontinent mit Autostopp und Couchsurfing kennengelernt, der vielfältiger nicht sein könnte. Wir sind durch Wüsten und Regenwälder gewandert, haben Berge erklommen und sind in Höhlen gestiegen, haben Gletscherwasser getrunken und in der Karibik gebadet – und jetzt so ein vernichtendes Urteil. Wir kehren nicht als Abenteurer nach Deutschland zurück, sondern als heruntergekommene Typen. Schnell schlagen wir wieder auf dem harten, deutschen Boden der Tatsachen auf.

kaputte Schuhe

auch meine Schuhe sehen verwildert aus

kaputte Schuhe

nicht gerade winterfest

Tatsächlich ist unser Abenteuer aber auch vorbei und wenn ich mich im Spiegel ansehe, dann fällt mir auf, dass ich wirklich nicht den gepflegtesten Eindruck mache. Doch wir geben nicht auf. Was zwei Jahre lang funktionierte, kann doch jetzt nicht unmöglich sein. Wir konnten während unserer Reise 246 Personen überzeugen uns mitzunehmen. Warum sollte nicht die eine oder andere Weitere dazukommen?

 

Über Umwege gelangen wir bis nach Leverkusen. Es ist Mitte Januar, 0:23 Uhr und wir stehen an einer Auffahrt zur A3. Unser Ziel – Hamburg. Wer sich mit dem deutschen Autobahnnetz auskennt, der weiß, dass eine Auffahrt auf die A3 in Leverkusen nicht gerade die beste Ausgangsposition zum Trampen nach Hamburg ist. Auch die Uhrzeit ist alles andere als optimal. Was uns aber wirklich zu schaffen macht, ist die Jahreszeit. Bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt hält kein Muskel still. Wir zittern ununterbrochen im Dunkel der Nacht.

 

Zwei schattenhafte Gestalten an der Autobahn. Das ist das einzige, was die wenigen Autofahrer, die jetzt noch unterwegs sind, von uns mitbekommen – bestenfalls. Auch wir erkennen, dass unser Vorhaben, mitten in der Nacht noch weiter zu wollen, töricht ist. Um der Kälte wenigstens einen Augenblick zu entkommen, erbitten wir uns einen kurzen Aufenthalt in einer nahegelegenen Feuerwache und dürfen großzügiger Weise bis zum nächsten Morgen bleiben.

Sportraum

unser Schlafplatz im Sportraum einer Feuerwache

Doch auch nach Sonnenaufgang sind wir noch immer glücklos. Stunden vergehen, in denen unsere Fingerkuppen vor Kälte taub werden. Niemand würdigt uns eines Blickes. Am Nachmittag, nach mehr als acht Stunden in der eisigen Kälte am Straßenrand, geben wir ernüchtert auf.

 

Ein unrühmliches Ende für eine Reise, das es so nicht geben dürfte. Unverdient.

Bockwurst am HBF Köln

die erste Bockwurst nach zwei Jahren – HBF Köln

Uns bleibt der Bus. Von Köln nach Hamburg in knapp sieben Stunden. Sieben Stunden, in denen die Anspannung ganz langsam von uns abfällt und wir erschöpft in unsere Sitze sinken. Dann ist es endlich soweit. Die letzten Minuten im Bus sind beinahe unerträglich. Freudig und aufgeregt steigen wir aus:

 

Hallo Familie.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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Und jetzt du!

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  • 2. Januar 2015

    Hello!

    You have nice pics both in your couchsurfing profile and in your weblog.
    I will be glad to be your host and we talk about our ideas about culture and nature.

    See you!


    • nuestra america
      1. Februar 2015

      Thank you very much Ahad. It was really nice to spent some days with you in Iran. We wish you all the best.