Everest Base Camp Trek
Wandern in der Everestregion Nepals 1/3

Der Everest Base Camp Trek: Von Lukla nach Namche Bazaar


15. Februar 2016
Nepal
7 Kommentare

Sagarmatha, der Göttersitz, der Höchste. Seit jeher umweht den frostigen Gipfel nicht nur eisiger Sturm, sondern auch Ehrfurcht, Respekt und Demut. Für die Sherpa, Mitglieder des berühmten Volksstammes aus der Region, ist der Berg heilig – für die Europäer ist er eine Herausforderung. Sie nennen ihn Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, dessen schneebedeckte Spitze immer wieder die Fantasie der Menschen beflügelt. Doch der Berg ist grausam. Bisher fanden mehr als 250 Bergsteiger an seinen Hängen den Tod, tausende mussten ihre Niederlage gegen Wind und Wetter eingestehen. 1953 erklimmen Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay als erste Bergsteiger den Sagarmatha, den Mount Everest.

Seit diesem Tag nimmt die Berühmtheit des Berges stetig zu, denn es ist nicht nur der höchste Gipfel der Welt, der Bergsteiger und Wanderer gleichermaßen lockt. Die Everest Region bietet darüber hinaus spektakuläre Landschaften und anstrengende Wanderungen in extremer Höhe.

Akute Höhenkrankheit sorgt regelmäßig dafür, dass Wanderer und Bergsteiger ihr Ziel nicht erreichen und Rettungshubschrauber mehrmals täglich ausfliegen müssen. Manch Unglücklicher schafft es nicht mehr rechtzeitig zurück in niedrige Gefilde und erliegt der Krankheit.

Everest Base Camp Trek

Sonnenaufgang über dem Himalaya

Dennoch: Die Everest Region rund um den Sagarmatha Nationalpark im Norden Nepals an der Grenze zu Tibet ist die größte Touristenattraktion des Landes. Jedes Jahr strömen etwa 31.000 Besucher hierher. Der Sagarmatha ist einer der spektakulärsten Nationalparks im Himalaya, in dem drei von weltweit 14 Achttausendern zuhause sind. Darunter auch der Mount Everest, der mit 8.848 Metern am stärksten ans Himmelszelt kratzt.

Auch wir machen uns auf den Weg in den Sagarmatha Nationalpark; unser Ziel ist das Basislager des Mount Everest. In 12 Tagen werden wir 124 km in extremer Höhe wandern. Wir werden die Baumgrenze passieren, über breite Waldpfade und scharfkantige Gletscher laufen, 2.695 Höhenmeter überwinden und unsere Widerstandsfähigkeit von der Kälte auf den Prüfstand stellen lassen. Der höchste Punkt unserer Wanderung ist der Gipfel des Kala Pattar mit 5.545 m NN.

 

Tag 1 • Start: Lukla (2.840 m NN) • Ziel: Phakding (2.610 m NN) • Distanz: 7 km •  Gehzeit: 2:10 h • Aufstieg: 50 m • Abstieg: 200 m

Meine Beine sind noch zittrig, als ich mit flauem Magen in Lukla aus der kleinen Propellermaschine steige. Der halbstündige Flug aus Kathmandu war holprig, die Sicht durch eine dichte Wolkendecke teilweise stark eingeschränkt. Schon während des Fluges liegen meine Nerven blank, die vielen Luftlöcher, das ständige Ruckeln und heftige Absacken des Flugzeuges verängstigen mich. Doch dann, gegen Ende des Fluges, traue ich meinen Augen kaum:

Aus der Höhe betrachtet sieht die nur etwa 500 Meter lange Start- und Landebahn, die in einen der massiven Berge des Himalayagebirges gebaut wurde und natürlich bergauf führt, winzig aus. Sie endet abrupt vor einem Abhang, der 600 Meter in die Tiefe führt. Bremst die Maschine beim Landeversuch zu spät, zerschmettert sie hinter der Landebahn am hoch aufragenden Fels. Nicht ohne Grund gilt der Tenzing-Hillary Flughafen, benannt nach den beiden Erstbesteigern des Mount Everests, als einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt.

Beim Anblick der Landebahn in Lukla bin ich mir sehr sicher, dass wir das nicht unverletzt überstehen können werden. Angstschweiß bedeckt meine Oberlippe.

Die Maschine setzt auf und prompt drückt eine enorme Kraft meinen Körper aus dem Sitz. Der Sicherheitsgurt schnürt sich in meinen Unterleib, als die Maschine immer heftiger bremst und schlussendlich zum Stehen kommt.

Mit rasendem Herzen, überkommt mich kurz der Drang, laut und aufgeregt zu klatschen. Doch ich reiße mich zusammen.

In Lukla, das als Tor zur Everest Region Nepals gilt, umhüllt grauer, nasskalter Nebel die einzige, aus groben Steinen gepflasterte Straße, die durch den kleinen Ort führt. Kühe und Touristen, Bergsteiger und Wanderer schieben sich neben den Einheimischen an Restaurants, Gasthäusern und zahlreichen Shops vorbei.

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Lukla, Start der Wanderung zum Basislager des Mount Everest

Auch wenn man völlig unvorbereitet und ohne Gepäck hier gestrandet wäre, könnte man problemlos zu jeder beliebigen Expeditionen rund um die höchsten Berge der Region aufbrechen. An der passenden Ausstattung würde es nicht mangeln. In Lukla gibt es alles nur Erdenkliche an Bergsteigerbedarf und Wanderausrüstung zu kaufen. Gamaschen und Schneeanzüge, Schmerztabletten, Kniebandagen, Toilettenpapier, Gaskartuschen, Schokoriegel, Wanderstiefel, Daunenjacken, Mützen, Handschuhe, Wollsocken, Lippencremes und Sonnenschutzmittel, Wanderstöcke, Steigeisen, Regenjacken, Trekkinghosen und Proviant stapeln sich in den Auslagen der kleinen Geschäfte.

Autos oder andere Fahrzeuge existieren hier nicht. Lukla ist nur über den Flughafen oder durch eine einwöchige Wanderung von Jiri, knapp 200 Kilometer östlich von Kathmandu, erreichbar.

Unser erster Tag der 12-tägigen Wanderung zum Basislager des Mount Everest beginnt spät. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen in Lukla verspätet sich unser Flug um vier Stunden. Wir stehen erst gegen 14 Uhr am Kontrollposten kurz hinter Lukla, am Anfang der Wanderung, wo wir unsere Trekking-Erlaubnis vorweisen müssen. Feuchte Kälte kriecht unter die Kleidung. Ich trage jetzt schon mehrere Kleidungsschichten übereinander und in wenigen Tagen werden wir knapp 3.000 Höhenmeter bezwungen haben.

Vielleicht ist unsere permanente laissez faire-Einstellung, die uns in den meisten Situationen während der Reise vor unnötigem Stress bewahrt, diesmal doch nicht angebracht gewesen. Hätten wir besorgter sein sollen? Anders als bei der Umrundung des Annapurna-Massivs vor wenigen Wochen startet dieser Trek nicht auf angenehmen 800 Höhenmetern, sondern befindet sich die meiste Zeit in eisiger Kälte weit über 3.000 Metern. Der Flug aus Kathmandu katapultiert uns von 1.300 Höhenmetern direkt auf über 2.800 Höhenmeter.

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Mani-Mauer mit eingravierten Mantras nahe Lukla

Da stehen wir nun, mit unseren zerrissenen Jeans, im T-Shirt, mit Fleece- und Regenjacke und haben sonst nichts dabei, um uns vor der eisigen Luft zu schützen. Nicht einmal unsere Schuhe sind imprägniert. Ich setzte meine dünne Wollmütze auf, die ich mir irgendwann auf dieser Reise für einen Euro gekauft habe und knote sie unter meinem Kinn zusammen, nur um festzustellen, dass sie überhaupt nicht wärmt.

Etwa zwei Stunden wandern wir bis zu unserem Tagesziel Phakding. Unser Träger Ram, den wir erst in Lukla treffen, wuchtet unseren Rucksack, strahlt uns herzlich an und gibt das Tempo vor. „Bistarai, Bistarai“, grinst er und übersetzt, „Slowly, slowly“. Wir haben alle Zeit der Welt.

In der gesamten Everest-Region rund um den Nationalpark Sagarmatha, im heiligen Reich der Sherpa, sind Träger ein unersetzlicher Teil der regionalen Infrastruktur. Die schmalen und steinigen Wege und Pfade sind weder mit dem Auto noch mit irgendeinem anderen Fahrzeug passierbar. Alles, wirklich alles, muss mit Hilfe der Männer hinauf ins Gebirge befördert werden. Nahrungsmittel und Getränke für Hunderte Touristen, aber auch Baumaterial für die Häuser und Hotels entlang des Wanderweges – Wellbleche, Holzverkleidungen, Bretter, Steine und Erde – und allerlei Gegenstände des alltäglichen Bedarfs müssen transportiert werden. Töpfe, Pfannen und Brennholz, Stühle, Farbe und Lacke gelangen so in die Berge. Und natürlich muss auch das Gepäck der Touristen bis hinauf auf 5.500 Höhenmeter. Dort oben liegt der Sauerstoffgehalt der Luft jedoch nur noch bei 50 Prozent verglichen zum Sauerstoffgehalt auf Höhe des Meeresspiegels. Die Belastungsgrenze für Untrainierte sinkt dramatisch.

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Träger auf dem Wanderpfad

In der extremen Höhen greifen viele Wanderer daher auf einen Träger zurück. Alles Gut wird von den sehnigen, kräftigen Männern in geflochtenen, geräumigen Körben verstaut, die sie auf ihren Rücken tragen. Die Hauptlast wird dabei mit Hilfe eines Stirngurtes auf die  Kopf- und Nackenmuskulatur geleitet. Ein undurchsichtiges System aus Schlaufen und Gurten hält die schwere Last während des Marsches durch das Gebirge im Gleichgewicht. Im Laufschritt rasen die Träger förmlich über die steilsten Abschnitte, kennen jede Abkürzung, jede Wurzel und jeden Stein.

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Stupa und Mani-Mauer entlang des Weges

Wir sind erst wenige Minuten auf dem Pfad, als uns die ersten Träger lachend und singend entgegen kommen. Starten wir gerade unsere Wanderung, so ist für sie Lukla, das Ziel ihres beschwerlichen Weges, zum Greifen nah.

Doch nicht nur Menschen schleppen Lasten durchs Gebirge. Auch Tiere kommen zum Einsatz. Sogenannte Dzos, Kreuzungen zwischen Rindern und Yaks, begegnen uns bereits am ersten Tag. Größer und kräftiger als einfache Rinder und mit beindruckenden Hörnen ausgestattet, trotten die beladenen Karawanen unbeirrt und gleichgültig an uns vorbei.

Dem mit groben Steinen gepflasterten Weg folgend, passieren wir einige kleinere Ortschaften. Hoch über unseren Köpfen kleben buddhistische Klöster an den Steilwänden der Felsen. Bunte Gebetsfahnen zieren den Pfad, während zu unserer Linken der Fluss Dudh Kosi gemächlich dahin zieht.

In der Ferne versinkt die Umgebung in dichtem Nebel. Kleine und große Gebetsfahnen flattern im Wind, der zwischen den Häusern des Dorfes Phakding, das wir am späten Nachmittag erreichen, hindurch pfeift. Wir haben die Wahl zwischen etwa einem Dutzend Gasthäuser, alle mit einem Restaurant ausgestattet. Die Speisekarten gleichen denen in der Annapurnaregion. Es gibt Kartoffeln, Reis oder Nudeln, mit Gemüse und wahlweise Ei. Für die Hungrigen steht Nepals Nationalgericht ganz oben auf der Karte: Dal Bhat – Reis, Linsen, Gemüsecurry und etwas eingelegtes Gemüse – Nachschlag inklusive.

Everest Base Camp Trek

Wandern in der Everestregion

So abgelegen die Everestregion auch ist, gegen Geld ist jeder Komfort zu bekommen. Gutes Essen, kaltes Bier, heiße Dusche, Wi-Fi, Strom zum Aufladen der Batterien. Jeder noch so kleine Ort ist auf den Tourismus eingestellt. Überall entlang des Everest Base Camp (EBC) Treks reihen sich Hotels, Restaurants, Souvenirshops und Kioske aneinander, die jedes Jahr auf tausende Besucher hoffen.

 

Tag 2 • Start: Phakding (2.610 m NN) • Ziel: Namche Bazaar (3.420 m NN) • Distanz: 8 km •  Gehzeit: 4:40 h • Aufstieg: 1.000 m • Abstieg: 200 m

Noch vor den ersten Sonnenstrahlen sitzen wir bei einer Schüssel Haferflocken und heißem Tee am Frühstückstisch. Wir stärken uns für einen anstrengenden Tag, der uns 1.000 Höhenmeter die Berge hinauf führen wird. Noch vor sieben Uhr brechen wir auf. Am frühen Morgen ist die Luft klar und eisig, wie an einem kalten Wintermorgen. Wir sind die ersten, die Phakding verlassen. Der Pfad windet sich einsam vor uns durch den Wald. Wir verlassen den kleinen Ort, nur um wenig später am westlichen Flussufer eine vielversprechende deutsche Bäckerei zu finden. Wir werden nicht enttäuscht und decken uns mit leckerem Landbrot und ein paar Puddingteilchen ein. Zu unserer Rechten gräbt sich der eisblaue Dudh Kosi durch eine tiefe Schlucht. Um uns herum wachsen mächtige Pinien auf den Felsen. Der Weg vor uns ist breit; doch behindern teils gigantische Gesteinsbrocken das Vorwärtskommen.

Mit uns wandern zahlreiche Esel und Dzos durch die Berge. Schwer beladen trotten die Tiere die stetig ansteigenden Pfade hinauf. Völlig unbefangen lassen vor allem die Esel den einen oder anderen lauten Furz von sich. Von Zeit zu Zeit dröhnt eine regelrechte Kakophonie durch den Wald, die uns in Erstaunen versetzt.

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Apropos erstaunen: Es sind nicht nur die Lasttiere, die hier auf den Pfaden durch die Berge schwere Arbeit verrichten. Auch die Träger sind ebenfalls mächtig beladen. Wir sind immer wieder beeindruckt von der Leichtfüßigkeit der flinken Männer, deren Ladung sich weit über ihre Köpfe erhebt. Dieser Knochenjob ist die finanzielle Grundlage für einen Großteil der Landbevölkerung; von Teenagern bis zu betagten Männern. Viele von ihnen kommen aus weit entfernten Ecken Nepals. Sie nehmen die schwere Arbeit im Himalaya in Kauf, da in ihren eigenen Dörfern die Verdienstmöglichkeiten nicht ausreichen.

Neben dem Lastenkorb gehört ein kurzer, T-förmiger Stock, Tokma genannt, zur Ausrüstung jedes Trägers. Er dient bei den vielen kleinen, unverzichtbaren Pausen dazu, den Korb im Rücken der Männer zu stützen und ihnen so die Last für einige Sekunden von Schultern und Nacken zu nehmen. Außerdem wird der Tokma bei den steilen Anstiegen im Himalaya als Stützstock verwendet.

Everest Base Camp Trek

Träger stützt seinen Lastkorb auf dem Tokma

Mit den Lasttieren und Trägern setzen wir unseren Weg fort. Endlich erhebt sich die Sonne über die Berge und erwärmt die vielen Steintreppen auf denen wir wandern. Entlang des Pfades sehen wir immer wieder kleine Siedlungen. Hier und da wird gewerkelt. Eigenarbeit ist in den Bergen unvermeidlich. Ein junger Mann meißelt gerade rechteckige Blöcke aus dem groben Gestein, aus denen ein neues Wohnhaus zusammengesetzt wird.

Kontinuierlich steigen wir weiter bergauf. Noch immer windet sich der Weg durch Pinienwälder, während der Dudh Kosi immer tiefer unter uns durch die Schlucht gurgelt. In der klaren Morgenluft erblicken wir in der Ferne die ersten schneebedeckten Gipfel der Everestregion.

Über unseren Köpfen thront nackter Fels in der warmen Morgensonne. Ab und an wechseln wir über wackelige Hängebrücken auf die gegenüberliegende Seite des Dudh Kosi. Besonders abenteuerlich ist so eine Überquerung, wenn sich mit uns schwer beladene Esel- oder Dzo-Karawanen auf der Brücke befinden und diese heftig zum Schwingen bringen.

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Eselkarawane auf der Hängebrücke

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eisblauer Dudh Kosi

Auf unserer Wanderung durch die Everestregion begegnen wir auch immer häufiger Zeichen und Symbolen des tibetischen Buddhismus. Von hier sind es nur noch 30 Kilometer bis zur tibetische Grenze und immer wieder drehen wir an den Gebetsmühlen entlang des Pfades. Eindrucksvolle Felsen säumen den Wegrand, in deren Oberfläche weiß getünchte Mantras, buddhistische Meditationsformeln, gemeißelt sind. Bunte Gebetsfahnen flattern unter dem stahlblauen Himmel.

Wir betreten den Sagarmatha Nationalpark durch ein sogenanntes Kani. Diese, mit Gebetsmühlen und buddhistischen Gemälden verzierten Tore, befinden sich üblicherweise an den Ein- und Ausgängen der umliegenden Dörfer. Sie sollen den Reisenden auf ihren anstehenden Wegen Glück bringen.

Gleich hinter dem Eingang zum Nationalpark erheben sich die meterhohen Reliefs eindrucksvoller Mantras aus der steilen Felswand. Zahlreiche Wasserfälle rauschen zwischen den bewachsenen Hängen in die Tiefe. Bald darauf erreichen wir Jorsale (2.830 m NN). Es ist die letzte Siedlung vor unserem Tagesziel Namche Bazaar. Von hier steht uns ein zweistündiger, steiler Anstieg bevor und so stärken wir uns kurz vor zehn Uhr in einem der Restaurants mit leckerem Dal Bhat.

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Mantras in Stein gemeißelt

Nach dem frühen Mittagessen laufen wir weiter entlang des Dudh Kosi, der nun direkt neben uns durch das Tal fließt. Massige Felsbrocken verengen das Flussbett, sorgen für eine schnelle Strömung und schäumendes, brodelndes Wasser. Keine 30 Minuten später treffen wir auf den Zufluss des Bhote Kosi. Hier beginnt der anstrengende Teil unseres heutigen Aufstiegs. Steil geht es den Berg hinauf. Zwei Hängebrücken weit über uns verdeutlichen, was nun auf uns zukommt. Doch sie sind nur ein Zwischenstopp. Hinter den Brücken wächst ein Felsrücken noch weiter in die Höhe, den wir ebenfalls bezwingen müssen.

Wir sind selbst erstaunt, dass wir die obere der beiden Hängebrücken relativ schnell erreichen. Verglichen mit der Umrundung des Annapurna Massivs sind die Brücken in der Everestregion wesentlich höher, länger und wackeliger. Dem Blick von der schwankenden Brücke in die Schlucht, hinab auf den Dudh Kosi, ertragen wir nur für einen kurzen Moment, dann zwingt uns ein flaues Gefühl in der Magengegend zum Weitergehen.

Der anschließende lange und steile Anstieg führt im Zickzack durch dichten Pinienwald. An einem Rastplatz zwischen den Bäumen überrascht uns Ram mit dem ersten Blick auf den Mount Everest, der sich zwischen den Wolken in der Ferne zeigt.

Kurz bevor wir Namche Bazaar erreichen, kommen wir an zahlreichen, ebenen Mauern vorbei. Sie sind zwar etwas zu hoch zum Sitzen, aber besitzen die ideale Höhe, um Lastkörbe darauf abzulegen. Träger nutzen diese Chautaaras genannten Erhöhungen für kleine Verschnaufpausen, bevor sie weiter ins nächste Dorf eilen.

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erster Blick auf den Mount Everest

Gegen halb zwei erreichen wir endlich unser Tagesziel Namche Bazaar. Verglichen mit anderen Siedlungen in der Region, hat das Dorf den Charakter einer geschäftigen Kleinstadt. Aufgrund des gewaltigen Höhenunterschiedes zu Phakding legen fast alle Touristen in Namche Bazaar einen oder zwei Ruhetage ein, um ihren Körpern die notwendige Akklimatisierung zu gönnen.

Dementsprechend hat sich die Infrastruktur im Ort verändert. Aus der Siedlung, die früher ein wichtiger Marktplatz auf der Handelsroute nach Tibet war, ist nun das touristische Zentrum der Everestregion geworden.

Jedes Jahr entstehen hier neue Gasthäuser und gediegene Lodges. Irgendwo wird in Namche Bazaar immer gebaut. Souvenirshops, Bars und Restaurants flankieren die Hauptstraße und werben mit Happy Hour, Poolbillard, Dokumentarfilmen, heißem Tee und Apfelkuchen. Wir nutzen die wenigen verbleibenden warmen Nachmittagsstunden, trinken frisch gebrauten Kaffee und stimmen uns bei einer Everestdoku auf unser kommendes Abenteuer ein.

In Namche Bazaar begegnen uns zum ersten Mal richtige Yaks, deren dichtes Fell bis tief unter die Knie reicht. Die massigen Tiere imponieren durch ihre Größe, Gewicht und die mächtigen Hörner.

Doch schon bald sinkt die Sonne hinter die gewaltigen Bergrücken und in wenigen Augenblicken wird es bitterkalt. Zurück in unserem Gasthaus sorgt ein qualmender Ofen für etwas angenehmere Temperaturen. Wir nutzen die langen Stunden des späten Nachmittags für iranische Kartenspiele, bevor wir in unserem einfachen, ungeheizten Zimmer in unsere Schlafsäcke kriechen.

 

Tag 3 • Start: Akklimatisierungstag in Namche Bazaar (3.420 m NN) • Ziel: Khumjung (3.780 m NN), Kunde (3.840 m NN) und Namche Bazaar • Distanz: 8 km • Gehzeit: 4:20 h • Aufstieg: 460 m • Abstieg: 460 m

Der Blick auf den Thamserku (6.608 m) lockt uns aus dem warmen Bett. Mit dem ersten Tageslicht genießen wir die klare Sicht auf die umliegenden Gipfel. Heißer Tee hilft uns gegen die Kälte am Morgen unseres Akklimatisierungstages auf 3.420 Höhenmetern; dann machen wir uns auf den Weg zur Namche Gompa, dem buddhistischen Kloster des Ortes. Je höher wir das natürliche Amphitheater erklimmen in dem sich Namche Bazaar befindet, desto prächtiger wird die Aussicht. In einem Halbrund streckt sich Namche entlang der Felswand in die Höhe. Zahlreiche Treppen und Stufen führen durch das Dorf; und während wir kurzatmig nach Luft ringen, toben Kinder in irrsinnigem Tempo an uns vorbei.

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buddhistisches Kloster in Namche Bazaar

Westlich von Namche Bazaar erstreckt sich das Bhote Kosi Tal, über dem der Kongde Ri (6.187 m) thront. Östlich befindet sich das Tal des Dudh Kosi über dem der mächtige, schneebedeckte Gipfel des Thamserku hinaus ragt.

Wir haben Glück, denn heute ist Samstag – Wochenmarkttag in Namche Bazaar. Von Freitagvormittag bis Samstagmittag werden auf dem terrassenförmigen Dorfplatz auf drei Ebenen Waren aus dem Tiefland oder von der chinesischen Grenze kommend angeboten. Frisches Gemüse, abgepacktes Essen, Kleidung und Snacks liegen auf Planen und in offenen Kisten zum Verkauf bereit.

Für die Einheimischen ist der Markt nicht nur ein Ort des Konsums, sondern gleichzeitig ein sozialer Treffpunkt. Hier werden allerlei Neuigkeiten aus den umliegenden Gemeinden ausgetauscht. Der Markt ist die Wochenzeitung der Dorfgemeinde.

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Wochenmarkt in Namche Bazaar

Weit oben am Himmel kreist zum wiederholten Mal ein Hubschrauber über Namche Bazaar. In ihm sitzen Touristen, die sich abeuerlichem Luxus verschrieben haben: Skydiving im Himalaya; ein besonders exquisiter Spaß. Ein zweiwöchiger Himalayatrip inklusive zweier Tandemsprünge kostet schwindelerregende 25.000 USD.

Uns zieht es hinaus aus Namche. Wir wollen unseren Akklimatisierungstag nicht in einem der vielen Restaurants und Cafés vergeuden, sondern entschließen uns die nahen Dörfer im Khumbutal zu erkunden. Hoch über Namche Bazaar bleibt uns nicht nur aufgrund der atemberaubenden Aussichten die Luft weg. Bis in die Siedlungen Syangboche und Khumjung müssen wir 400 Höhenmeter überwinden, was uns hier in den Bergen ziemlich aus der Puste kommen lässt.

Schwer atmend erreichen wir den Hubschrauberlandeplatz in Syangboche (3.790 m NN), der den adrenalinsuchenden Fallschirmspringern als Basis dient. Den anstrengenden Weg hierher sind wir zusammen mit einem schmächtigen etwa 15-jährigen Mädchen gelaufen, das eine Herde massiger Yaks in die nahegelegene Yakfarm führt.

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Hubschrauberlandeplatz in Syangboche

Hinter Syangboche führt der Pfad etwas gemäßigter bergauf. Von der Spitze des Hügels, den wir nun besteigen, genießen wir ein herrliches Bergpanorama. Da sind Thamserku (6.608 m) und Kantega (6.685 m), die majestätischen Gipfel des Ama Dablam (6.856 m) und Lhotse (8.501 m) und sogar Mount Everest (8.848 m) ist in weiter Ferne sichtbar. Vor den Bergen flattern, wie überall im Tal, buddhistische Gebetsfahnen.

Am Ortseingang von Khumjung versammeln sich ein paar junge Mönche. Das Dorf schmiegt sich malerisch an den Fuß des Khumbila (5.761 m). Eine lange Mani-Mauer führt hinein ins Dorf. Tiefe Risse in dem weißen Stupa zeugen noch immer vom verheerenden Erdbeben vom 25. April 2015. Bullige Yaks liegen vor den traditionellen Häusern aus grob gehauenem Fels. Über den Gebetsmühlen und den Eingangstüren des schlichten Klosters wehen kleine gelbe Stoffe, einer Bordüre gleich, wie Wellen im Wind.

Niedrige Mauern aus losem Stein grenzen die Felder der Einheimischen voneinander ab. Dazwischen führen schmale Pfade durch das Dorf. Die Infrastruktur erinnert uns an die der Himalayadörfer Pakistans.

Im Zentrum Khumjungs befindet sich die Hillary-School. Eröffnet vom Erstbesteiger des Mount Everest Sir Edmund Hillary im Jahr 1961 werden mittlerweile 350 Schüler aus Khumjung und den umliegenden Dörfern unterrichtet.

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Khumjung unterhalb des Khumbila

Das Nachbardorf Khunde (3.840 m NN) ist nur durch einige Kartoffelfelder von Khumjung getrennt und befindet sich lediglich ein paar Fußminuten entfernt. Khunde ist winzig. Hier sind die Pfade noch schmaler, die Gassen noch enger als im Khumjung. Ein buddhistischer Tempel thront über dem Ort. Ein paar grob gehauene Häuser und die nahegelegene Yakfarm; mehr gibt es nicht zu sehen.

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Khunde

Auf dem Weg zurück nach Namche Bazaar passieren wir ein paar einsame Nadelbäume. Von Wind und Wetter, Kälte und Einsamkeit geprägt, wohnt ihnen ein ganz eigener Charakter inne. Es ist wie in einem Märchenwald und wir genießen den Anblick der Bäume, wohl wissend, dass wir schon bald die Baumgrenze überschreiten werden und die kahle Tundra erreichen.

Zurück in Namche Bazaar liegt der Ort verschlungen in einer dichten Wolke. Unser Blick reicht nicht einmal 100 Meter weit, so dick ist der graue Schleier. Im Gasthaus sitzen wir wieder um den qualmenden Ofen herum. Es ist der einzige warme Raum im Haus und zugleich Wohnstube, Schlafzimmer und Aufenthaltsraum für unsere Gastgeber. Hier lebt die Familie zusammen mit ihren beinahe täglich wechselnden Gästen. Neben uns schaut die Frau des Hauses in ohrenbetäubender Lautstärke indische Daily Soaps, während ihr Mann in der Küche jeden Morgen und Abend monotone Mantras vor sich her singt. Für uns gibt es nichts weiter zu tun und so landen wir heute, nach einer Menge heißem Tee, früh in unseren Schlafsäcken.

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zauberhafter Wald bei Khunde

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Wanderung zum Basislager des Mount Everest in drei Teilen

Teil 1: Von Lukla nach Namche Bazaar

Teil 2: Von Namche Bazaar nach Gorak Shep

Teil 3: Von Gorak Shep nach Lukla

 

Wir bedanken uns bei Nepal Mother House für die Unterstützung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • 16. Februar 2016

    Passt gut auf euch auf …


  • 16. Februar 2016

    Hammer!!!


  • 16. Februar 2016

    Thank you so much for sharing your beautiful photos with us, it really is pleasure looking them .


    • 16. Februar 2016

      Thank you so much. We are sorry, but the text is available in german only.
      But pictures speak an universal language! 🙂