Tenzing-Hillary-Flughafen, Lukla

Das Nadelöhr zum Mount Everest


19. Dezember 2015
Nepal
3 Kommentare

Wilde Kistenstapel, übereinandergeworfene Leinensäcke, grelle Funktionskleidung in tadellosem Zustand, Sandalen, aus denen Zehen mit verwachsenen Fußnägeln ragen, Instantkaffee in kleinen Pappbechern, grelles Licht in kalter Wartehalle, Ungeduld an der Gepäckaufgabe, Schlafmangel; Einzelepisoden einer Szenerie, die ich nicht zusammenfügen kann. Mein Hirn ist im Wartemodus, festgefahren. Systemfehler – Neustart erforderlich.

Meine Aufmerksamkeit lässt mich im Stich. Ich kann nichts fassen. Meine Augen sind geöffnet, doch mein Geist döst vor sich hin. Seit Stunden befinden wir uns im Eingangsbereich des Inlandsflughafens von Kathmandu.

Gepäckstücke wanderwilliger Touristen türmen sich neben Warenlieferungen für das Bergland. Daneben sitzen, kauern, liegen ihre Besitzer. Starre Blicke treffen auf steinernen Grund, vereinzelt dringen Gesprächsfetzen durch die Menge, manchmal gibt es Gedränge und Geschubse, was zu nichts führt.

Lukla, Tenzing-Hillary-Flughafen

Wartehalle des Inlandsflughafens in Kathmandu

Wir warten auf das Ende einer Schlechtwetterfront in den Bergen. Hoch oben auf 2.860 Metern über dem Meeresspiegel liegt unser Ziel, der Tenzing-Hillary Flughafen im Dorf Lukla. Benannt nach den beiden Erstbesteigern des Mount Everest ist er die Eingangstür zur Everest Region, zum Abenteuerspielplatz für Wanderer und Bergsteiger, zur Heimat des berühmten Stammes der Sherpa; und steckt gerade in dichtem Nebel.

Das Wetter in den Bergen ist unvorhersehbar. Scheint gerade noch die Sonne, können in wenigen Minuten dichte Wolken den Himmel verhängen. Starke Winde, die an den Klippen der 6.000 Meter hohen Felsen entlang pfeifen, erschweren den Flugbetrieb rund um Lukla zusätzlich. Die Wetterbedingungen ändern sich immer wieder und so kommt es darauf an, jede wolkenfreie Sekunde zu nutzen.

Die Minuten versickern im Stundenglas; unerbittlich, unaufhörlich und unendlich langsam. Doch dann meldet das Bodenpersonal ganz unverhofft freie Sicht am Tenzing-Hillary Flughafen und mit einer vierstündigen Verspätung beginnt das Boarding. Plötzlich bricht in der Wartehalle ein Sturm los. Rucksäcke, Kisten und Leinensäcke werden in aller Eile verladen. Es wird geschubst und gedrängelt, gestoßen und geflucht. Hektisch und mit großen Gesten werden wir vom Personal zum Aufbruch herangewunken, kämpfen uns durch die plötzlich aufgewühlte Menschenmasse. Das Zeitfenster ist gering, es bleiben nur wenige Augenblicke.

Der Weg ist, zumindest vorübergehend, frei; Lukla ist greifbar.

Lukla, Tenzing-Hillary-Flughafen

Propellermaschine des Typs Dornier auf dem Inlandsflughafen in Kathmandu

Mit dieser Erkenntnis ist auch mein Gehirn wieder im Einsatz. Etwas angespannt sitzen wir mit weiteren Wanderern im Shuttlebus, der uns über das Rollfeld zu einer Propellermaschine chauffiert. Unser Flugzeug ist eine Dornier, eine schmale Maschine mit langer Nase und Platz für 19 Passagiere.

Lukla, Tenzing-Hillary-Flughafen

Cockpit der Dornier

Eigentlich habe ich keine Flugangst, aber Lukla ist ein Name, den man nicht ohne Bedenken aussprechen kann. Er gehört zu einem der gefährlichsten Flughäfen der Welt, er beschreibt eine 20 Meter breite Landebahn, die kaum 600 Meter in der Länge misst und nur einen einzigen Landeanflug erlaubt. Zwischen den massiven Bergen des Himalayas gebaut, gibt es keine zweite Chance. Verpasst der Pilot die Landebahn und startet noch einmal durch oder versagen die Bremsen auf der Landebahn, zerschellt das Flugzeug am dahinter liegenden Fels.

Auf der anderen Seite sieht es kaum besser aus. Die abschüssige Landebahn bricht nach ein paar hundert Metern abrupt ab; was folgt ist ein Sturz bis hinunter zum schäumenden Dudh Kosi, der 600 Meter tiefer durch das Tal fließt.

Nur speziell ausgebildete Piloten dürfen in Lukla mit sogenannten STOL-Maschinen (Short Take-Off and Landing) landen. Dennoch ist es unter diesen Bedingungen erstaunlich, dass trotzdem bis zu 50 Propellermaschinen täglich Lukla anfliegen. Solange das Wetter es zulässt, herrscht auf der einzigen Landebahn ein ständiges Kommen und Gehen.

Auch wir sind nun auf dem Weg, nehmen Platz im Passagierraum der Dornier. Die Maschine rollt an, die Motoren der beiden Propeller heulen auf, Schubkraft drückt uns nach vorne; wir heben ab.

Lukla, Tenzing-Hillary-Flughafen

Passagierraum der Dornier

Auf einem Flug nach Lukla sollte man sich keine Gedanken über ein mögliches Schicksal machen. Das verursacht nur Bauchschmerzen. In der Vergangenheit gab es verheerende Unfälle. Der Schlimmste ereignet sich 2008, als eine Twin Otter beim Anflug auf Lukla abstürzt. Fast alle Insassen sterben, allein der Pilot überlebt die Katastrophe. Seitdem gibt es jedoch kaum noch nennenswerte Unfallberichte aus Lukla – stattdessen jede Menge sichere Flüge und Landungen. Cool bleiben, denke ich.

Das klappt solange, bis die Maschine plötzlich einige hundert Meter über Kathmandu zu wackeln beginnt. Es rüttelt an den Innenwänden, es rüttelt an meinem Sitz und irgendwie rüttelt es auch am Piloten vor mir. Shit!

Meine Coolness löst sich endgültig auf, als das Flugzeug mehrere Meter in ein Luftloch sackt. Bei der folgenden scharfen Linkskurve, in der Kathmandus Häusermeer plötzlich viel zu deutlich im Seitenfenster auftaucht, kann ich nicht einschätzen, ob die Flugbahn wirklich so gewollt ist oder unseren frühen Tod ankündigt. Mein Magen rebelliert.

Ungesehe Bilder der letzten großen Katastrophe schießen durch meinen Kopf. Im Jahr 2012 kommt es kurz nach dem Start in Kathmandu zu einem Zusammenstoß einer Dornier mit einem Geier, wobei eines der Triebwerke beschädigt wird. Beim Versuch der Notlandung trifft die Dornier hart auf dem Boden auf und gerät in Flammen. Niemand überlebt das Unglück.

Lukla, Tenzing-Hillary Flughafen

Kathmandus Häusermeer

Doch wir stürzen nicht ab; Kathmandus Großstadtdschungel kommt nicht näher. Die Häuser der Stadt werden kleiner, winzig, verschwinden aus dem Blickfeld. Auch die Dornier liegt nun ruhig in der Luft. Das Brüllen der Motoren dringt in den Passagierraum – ohrenbetäubend. Hitze steigt auf, auch im Cockpit. Der Pilot wischt sich mit einem Stofftaschentuch über das Gesicht; was mir wie eine Angstgeste vorkommt. Wieder spüre ich Bauchschmerzen.

Draußen rotiert der Propeller zu meiner Rechten. Darunter liegen Hügel, Terrassenfelder, Dörfer und Pisten, die wie braune Adern das Grün der Wälder durchschneiden.

Immer weiter steigen wir in die Höhe, bis Wolken den Blick in die Tiefe verhängen. Dann wird es atemberaubend. In der Ferne tauchen die Gipfel des Himalayas aus den Wolken auf; über allen thront der Mount Everest. Ein Meer aus Wattebausch brandet um die schroffen Inseln aus Eis und Fels.

Doch wir genießen den Ausblick nur für ein paar Minuten, dann stoßen wir wieder hinab durch die Wolkendecke. Für einen Moment ist alles um uns herum weiß – Blindflug. Unterhalb der Wolken sind wir den Bergen plötzlich sehr nah. Wir schweben über eine tiefe Schlucht, in deren Tal der Dudh Kosi dahin fließt.

Dann liegt sie vor uns, die Landebahn des Tenzing-Hillary-Flughafens. Nicht viel größer als ein Kaugummistreifen, bin ich mir nicht sicher, ob überhaupt irgendetwas dort unten landen kann. Dazu die nervenaufreibende Umgebung: Vor der Landebahn der steile Abhang – im Hintergrund harter Granit. Mit jedem Meter, mit dem wir uns nähern, ragt die Felswand noch etwas bedrohlicher in die Höhe. Es gibt tatsächlich nur eine Chance. Mit einer Neigung von zwölf Prozent reicht die Landebahn bis kurz vor das Bergmassiv. Der Spielraum für die Landung ist auf wenige Meter begrenzt.

Punktgenau setzt die Dornier mit einem harten Ruck auf. Sofort greifen die Bremsen, verlangsamen unsere Geschwindigkeit schlagartig, als wir auf die schroffen Felsen zurollen. Eine enorme Kraft zieht uns für einen kurzen Moment aus den Sitzen. Kurz vor dem dramatischen Ende der Landebahn, wendet die Maschine geschmeidig auf das Vorfeld.

Hier warten bereits drei weitere Maschinen mit laufenden Motoren auf ihren Abflug.

Den halbstündigen Flug von Kathmandu zum Tenzing-Hillary Flughafen erlebt ihr hier in 1:40 Minute.

 

Wir bedanken uns bei TARA AIR für die Unterstützung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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Antworte auf Orientshop Djamila Kommentar

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  • 21. Dezember 2015

    Mein Gott, warum tut Ihr Euch das an???


  • 21. Dezember 2015

    Es führt gar keine Straße in die Everest Region… man kann quasi nur fliegen oder insgesamt einen Monat wandern.