Pakistans kulturelles Zentrum und ein Zirkus mit alberner Gangart

Lahore ist Lahore und auch ein bisschen Indien


1. April 2016
Pakistan
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Islamabad und Lahore sind mit einem 300 Kilometer langen, super komfortablen Highway verbunden. Mehrspurig zieht er durchs Land und wir gleiten in angenehmer Reisegeschwindigkeit über den Asphalt. Die Klimaanlage im Auto unserer Mitfahrgelegenheit leistet gute Arbeit. Während draußen die Temperatur gefühlt von Minute zu Minute steigt, sitzen wir wohl klimatisiert im Inneren und lassen uns Eis am Stiel schmecken.

Doch als wir Lahore, nur wenige Kilometer vor der indischen Grenze, erreichen, trifft uns der Schlag. Die Sonne ist schon lange hinter dem Horizont verschwunden, doch noch immer herrschen etwa fünfunddreißig Grad Celsius. Für uns, die wir gerade aus den Bergen und einer Höhenlage von knapp 5.000 Metern kommen, ist das ein kräftiger Schlag. Wir laufen gegen eine Hitzewand.

Draußen auf der Straße versuchen ein paar Hijras an einer Ampel ihr Bettlergeschick. Hijras sind die Transvestiten des Subkontinents – die meisten von ihnen sind stark geschminkte Eunuchen in Frauenkleidern, die fordernd an die Fensterscheiben der Autos klopfen. Es heißt, die frechen Gestalten können Segnungen und Flüche aussprechen, weshalb sie überall angstvoll respektiert werden. Den Segen gibt es bereits für ein paar Rupien, den Fluch meistens gratis. Es gibt niemanden, der nicht seine Geldbörse zückt und auch unser Fahrer öffnet das Fenster einen Spalt und hält den Hijras eilig einen Schein entgegen.

Lahore, Pakistan

Iqbal fährt uns von Islamabad nach Lahore

Mani und Shareez, zwei junge Studenten, nehmen uns bei sich auf. Ihre Zwei-Zimmer-WG teilen sie sich mit Meero und Hamzar. Ein Deckenventilator wirbelt die heiße Luft in der Wohnung durcheinander und wirkt dabei wie ein Fön, der uns unablässig Wärme ins Gesicht bläst.

Mani und Shareez sind ein Herz und eine Seele, die beiden lachen ständig, machen Witze und wenn sie sich zu sehr langweilen, dann prügeln sie sich – nur so zum Spaß. Dazwischen rauchen wir Wasserpfeife, Manis größtes Hobby und liebster Zeitvertreib. Vier bis fünf Mal täglich stopfen wir feuchten Tabak in den Keramikkopf und lassen Kohle auf der Gasherdplatte glühen.

Lahore macht uns das Leben schwer. Es ist heiß, viel zu heiß. Täglich steigt das Quecksilber auf vierzig Grad Celsius und mehr. Dem können wir nicht standhalten. Bereits am Morgen sind wir von der Hitze zur Lethargie gezwungen. Mit jeder Wasserpfeife werden wir noch ein bisschen antriebsloser.

Lahore, Pakistan

Mit Shareez und Mani in Lahore

Ausgestreckt auf dem Zimmerboden lassen wir uns vom Leben der beiden Studenten erzählen. Mani und Shareez bewundern unsere Reise, unsere Freiheit. Für sie selbst ist derlei unvorstellbar. Einfach losgehen und die Familie zurücklassen? Diese Idee scheint zu extrem zu sein. Tatsächlich berichtet Shareez, dass er nicht einmal von Lahore nach Islamabad fahren könne, ohne seinen Vater um Erlaubnis zu fragen, die er ihm sehr wahrscheinlich verweigern würde. Mani stimmt dem heftig nickend zu.

Die Familienbande in Pakistan sind ausgesprochen stark. Der Vater ist das Oberhaupt. Sein Wort ist Gesetz. Da bleibt nicht viel Platz für individuelles Handeln. Auch das ist ein Grund, warum wir während unserer Reise durch Pakistan stets neugierige, verwunderte Blicke auf uns ziehen.

Lahore, Pakistan

Lahores Altstadt

Lahore, Pakistan

Stoffverkäufer und Kundschaft

Lahore, Pakistan

Marktstände in der Altstadt

Lahore, Pakistan

Kupferschmied in der Altstadt

Lahore, Pakistan

Wazir Khan Moschee

Lahore, Pakistan

Straßenfußball

Als uns die Decke auf den Kopf zu fallen droht, raffen wir uns endlich auf und erkunden Lahore. Die Stadt gilt als besonders indisch. Kein Wunder, schließlich liegt sie nur dreißig Kilometer von der Grenze entfernt und ist Hauptstadt des, seit der Loslösung Pakistans von Indien, ebenfalls geteilten Bundesstaates Punjab. Hier ist es noch ein bisschen voller, noch ein bisschen chaotischer als im Rest des Landes. Von allen Seiten werden wir neugierig beäugt. Ohne Scheu wechseln Passanten die Straßenseite oder ändern ihren Weg, nur um uns noch besser betrachten zu können. Hier passiert es uns zum ersten Mal, dass wir zum Fotoobjekt werden anstatt selbst zu fotografieren.

Lahore hat eine lange, ereignisreiche Geschichte. Die Stadt ist voller architektonischer Zeitzeugen. Koloniales aus der Zeit der britischen Eroberer neben eindrucksvollen Moscheen, Schreinen und Tempeln. Die Altstadt, umringt von hohen, Jahrhunderte alten Stadtmauern, ist noch immer das lebendige Zentrum. Wir gelangen durch das Delhi-Tor, eines von 13 Eingängen, in die Altstadt. In den schmalen Gassen wimmelt es von Händlern und Käufern, Warenträgern und Schaulustigen. Wir schlendern durch die Gasse der Schneider, durch die Gasse der Textilverkäufer, durch die Gasse für Kindergeburtstagsutensilien, durch die Gasse für Gewürze und Haushaltsgegenstände, durch die Gasse für Schrauben und Ersatzteile. Wir lassen uns treiben. Ein paar Jungs folgen uns neugierig. Wie paralysiert starren sie zu uns herüber und lösen sich auch nicht aus ihrer Trance, als wir belustigt zurückstarren.

Lahore, Pakistan

Rückseite des Delhi-Tores

Lahore, Pakistan

Tee-Verkäufer in der Altstadt

Lahore, Pakistan

Stoffhändler

Lahore, Pakistan

Schneiderei in Lahores Altstadt

Lahore, Pakistan

Bhati-Tor, eines von 13 Stadttoren Lahores

Lahore, Pakistan

Bildkomposition aus Ziege, Henna und Melonenschalen

Lahore, Pakistan

Marktstand

Lahore, Pakistan

Lahore, Pakistan

Gemüsehändler

Lahores Altstadt ist seit jeher auch ein kulturelles Zentrum, ein Symbol für Reichtum und Macht. Der Legende nach wurde die Stadt vor viertausend Jahren von Loh, Sohn des Hindugottes Rama, gegründet. Die Moguln errichteten hier wunderschöne Moscheen, Paläste und Gärten, die noch heute zu den wichtigsten Wahrzeichen der Stadt zählen. Sie bauten Lahore zu einem der bedeutendsten islamischen Zentren auf dem Subkontinent aus. Theologen, Philosophen, Mystiker, Dichter und Künstler wurden gleichermaßen vom Ruf der Stadt angezogen. Später hinterließen die Sikh ihre Spuren, bevor die Briten die Kontrolle übernehmen. Lahore ist ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Religionen und Kulturen und heute das kreative Herz des Landes. Stolz sind die Bewohner auf die Einzigartigkeit ihrer Stadt und immer wieder ist auf den Straßen „Lahore, Lahore aye“ – „Lahore ist Lahore“ zu hören.

Wir betreten die Festung Shahi Qila, Lahores Weltkulturerbe. Von den Moguln errichtet, muss sie einst prachtvoll ausgesehen haben. Heute darbt das Gelände jedoch vor sich hin. Farbe blättert von den Wänden, Müll sammelt sich in den Ecken. Ein Feuer bricht in einem der Gebäude aus und zwingt die Feuerwehr zum Einsatz. Lediglich das massive Alamgiritor wirkt auch heute noch beeindruckend in seiner schieren Größe.

Lahore, Pakistan

Außenmauer der Festung Shahi Quila

Lahore, Pakistan

vergängliche Schönheit in Lahores Festung

Lahore, Pakistan Lahore, Pakistan

Gleich nebenan erhebt sich die Bashahi-Moschee, die einst als größte Moschee der Welt gefeiert wurde. Im riesigen Innenhof ist es brütend heiß. Kein Luftzug bewegt sich. Von der gnadenlosen Sonne erhitzt, verbrennen wir uns unsere Füße auf den Steinplatten. Nur auf ein paar dicken Gummimatten, die in schmalen Wegen über den Platz führen, ist es einigermaßen auszuhalten.

Schnell sehnen wir uns nach Manis WG-Zimmer zurück. Leckeres Eis und Wasserpfeife erwarten uns.

Lahore, Pakistan

Eingang der Bashahi-Moschee

Lahore, Pakistan

Innenhof der Bashahi-Moschee

Lahore, Pakistan

Bashahi-Moschee

Lahore, Pakistan

Spät am Abend, als die gleißende Sonne schon hinter den Horizont gerutscht ist, lässt auch die enorme Hitze etwas nach. Nicht, dass es nicht immer noch viel zu warm wäre; nicht, dass wir aufgehört hätten zu schwitzen – aber immerhin funktioniert der Deckenventilator nicht mehr ausschließlich als heißer Fön. Die letzte Glut verbrennt auf dem Keramikkopf der Wasserpfeife und weil wir uns nun, im Schatten der Nacht, tatsächlich etwas Bewegung zutrauen, streunen wir schon bald durch die Nachbarschaft.

Vor einem mehrstöckigen dunklen Haus bleiben wir stehen. Die fleckige Fassade erinnert an ein Kaufhaus, das vor etlichen Jahren einmal viele Geschäfte beherbergt haben muss, nun aber dazu verdammt ist, dem eigenen Verfall zuzusehen. Eine breite Wendeltreppe führt im Inneren in die oberen Etagen. Im Innenhof stützen Mopeds die Arme jugendlicher Draufgänger. Lässige Blicke treffen emotionslose Gesichtszüge. Auf dem Weg nach oben kommen uns weitere Halbstarke entgegen und betrachten uns neugierig.

Wir steuern auf ein paar ausgediente Büroräume zu. Vielleicht waren es früher auch belebte Geschäfte, vollgestopft mit Waren jeglicher Art. Heute sind die Räume ein Snooker-Salon. Wir wollen spielen, doch zunächst brauchen wir die Erlaubnis des Besitzers, denn eigentlich haben Frauen hier keinen Zutritt. Als Gäste im Land drückt man für uns jedoch beide Augen zu. Dennoch wird uns ein Tisch in einem separaten Raum zugeteilt – wohl damit die anderen, meist jugendlichen Spieler nicht zu sehr abgelenkt sind.

Es dauert jedoch nicht lange, bis sich einige Jungs ihre Nasen minutenlang an der verschmierten Glasscheibe platt drücken, die unsere Snookertische vom Rest der Räumlichkeit abtrennt. Erst nach mehrmaliger Aufforderung des Besitzers lösen sie sich zögernd aus ihrer Starre.

Lahore, Pakistan

Minar-e-Pakistan, das Wahrzeichen Lahores

Unser Snookerspiel ist phänomenal. Gegen Shareez und Mani haben wir nicht den Hauch einer Chance. Sie schießen die roten Kugeln eine nach der anderen in die Seitentaschen, nicht ohne noch jede Menge Zusatzpunkte mit den anderen Farben zu erspielen.

Wir hingegen sind froh, überhaupt mal in die Nähe einer der Taschen zu schießen. Diese Snookertische sind verdammt lang. Doch Shareez und Mani zeigen sich gnädig. Bald spielen wir im gemischten Doppel – Profis und Anfänger – und liefern uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis zur schwarzen Kugel. Als diese fällt, machen wir uns wieder auf den Weg nach Hause, der nächste Wasserpfeifenkopf wartet bereits.

Lahore, Pakistan

Lahore Museum

Nur wenige Kilometer östlich von Lahore befindet sich die Grenze zu Indien. Seit der Unabhängigkeit und Teilung herrschen politische Spannungen zwischen den Atommächten Pakistan und Indien, die oft gnadenlos und stets zum Leidwesen der Zivilbevölkerung ausgetragen wurden. Erzfeinde, wie es sie wohl kein zweites Mal gibt. An der Wagah-Attari-Grenze findet diese politische Feindschaft einen kreativen Ausdruck in der Grenzschließungszeremonie. Jeden Abend findet hier ein ganz besonderer Zirkus statt.

Es ist wohl die unterhaltsamste aller Militärparaden. Hochgewachsene Soldaten in herausgeputzten Uniformen, dekoriert mit lustigen Hüten, die einem Hahnenkamm nicht unähnlich sind, stolzieren auf und ab. Die Bärte sind fein säuberlich gestutzt, der Blick grimmig. Entschlossen präsentieren sie den Grenzbeamten im Nachbarland ihre vermeintliche Stärke. Überspitzt und auf beiden Seiten bis ins Detail synchronisiert.

Doch die Soldaten marschieren nicht einfach, sie bekriegen sich auch. Die ultimative Waffe ist der High-kick, bei dem sie ein Bein hoch über ihre Köpfe schleudern und mit dem Knie gegen die Stirn schlagen. So malträtieren sie die Luft, die, wahrscheinlich aus dem Nachbarland kommend, ebenso zum Feind erklärt wird. Hochgerissene Fäuste und wilde Gesten gehören ebenso zum Repertoire. Roboterartig nimmt die Parade ihren Lauf. Monthy Python hätte es nicht besser arrangieren können.

Lahore, Pakistan

Soldaten während der Grenzschließungszeremonie

Lahore, Pakistan

professionelle Grimmigkeit

Lahore, Pakistan

die Zirkusvorstellung ist in vollem Gang

Wäre dieses Theater allein nicht schon genug, sind auf beiden Seiten Hunderte, wenn nicht Tausende Schaulustige anwesend. Anheizer im Flaggen-Outfit machen Stimmung, motivieren ihre Landsleute möglichst viel Lärm zu machen, um es „denen da drüben“ ordentlich zu zeigen. Ohrenbetäubend schrillt „Pakistan Zindabad“ – „Lang lebe Pakistan“ durch die Luft und wird von einem brachialen „Hindustan Zindabad“ – „Lang lebe Indien“ beantwortet. Fäuste wedeln wild über den Köpfen. Immer wieder springen die vom Patriotismus ergriffenen Massen von ihren Sitzen. Es ist schwer zu sagen, ob die Stimmung eher einem Festival oder einem Fußballspiel ähnelt. Aber wahrscheinlich macht es auch keinen Unterschied, ob man in den ersten fünf Reihen auf “Rage Against the Machine” wartet, oder im Westfalenstadion auf der Südtribüne steht. Es geht auf jeden Fall heftig zu.

Nach einer Stunde voller Geschrei und Drohungen ist die Vorstellung vorbei und es passiert endlich das, worum es sich die ganze Zeit gedreht hat. Die Grenze wird geschlossen. Langsam und gleichmäßig werden auf beiden Seiten die Nationalflaggen eingezogen. Wehe, wenn eine der beiden Flaggen länger oben bleibt als die andere. Dann schließlich schütteln ein pakistanischer und ein indischer Offizier kurz, energisch und vermutlich schmerzhaft einander die Hände. Die Grenztore fallen krachend in ihre Schlösser. Die Zeremonie ist beendet.

Lahore, Pakistan

vom Patriotismus erfasste Menge

Lahore, Pakistan

Lahore, Pakistan

die Nationalflaggen werden eingeholt

Lahore, Pakistan

die Show ist vorbei

Es kehrt Ruhe ein. Auf beiden Seiten ist es Zeit für Erinnerungsfotos mit den adretten Soldaten. Wenn nun ein Pakistani oder ein Inder mal auf die andere Seite über den niedrigen Grenzzaun schauen würde: Er würde sein Ebenbild erblicken. Die Feindschaft, die beide Nationen zumindest politisch trennt, würde ihren Nährboden verlieren. Auf beiden Seiten sind es die gleichen Menschen, die gleiche Mentalität, selbst die gleiche Sprache, Punjabi. Doch statt zu schauen, kaufen sie lieber Souvenirs: Zeremonie-DVDs, Mousepads und Tassen mit Bildern der Soldaten. Morgen beginnt der Zirkus von neuem. Morgen sind wir in Indien.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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