Eine Geschichte von Lawrence von Indien und José

Kamelsafari in der indischen Wüste Thar


29. Januar 2016
Indien
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Die Dorfältesten reiben sich müde die Augen. Zu lange sitzen sie schon um das Feuer; schweigend, konsterniert. Es ist eine düstere Versammlung.

Seit mehr als 600 Jahren leben die Paliwal Brahmins hier in Kuldhara mitten in der Wüste Thar. Sie sind erfolgreiche Geschäftsmänner und fleißige Bauern. In der extremen Landschaft haben sie es zu einem gewissen Wohlstand gebracht, doch in dieser einen Nacht im Jahr 1825 ist ihr Leben in Gefahr.

Der Premierminister Salim Singh, Tyrann aus der nahen Handelsstadt Jaisalmer, will die schöne Tochter des Dorfvorstehers aus Kuldhara zur Frau – notfalls auch mit Gewalt. Doch die Paliwals sind stolz auf sich und ihre Herkunft. Die Heirat einer ihrer Frauen mit Salim Sigh, einem Rajput, einem Angehörigen der Kriegerkaste, kommt für sie unter keinen Umständen in Frage.

Kamelsafari, Jaisalmer

Balkon in Kuldhara

Also fassen die Männer einen Entschluss. Noch in derselben Nacht packen sie das Notwendigste zusammen und verlassen ihre Siedlungen. Nicht nur das Dorf Kuldhara verliert seine Einwohner – mehr als 80 Niederlassungen in der Umgebung stehen am nächsten Morgen leer. Nicht ein einziger Bewohner bleibt zurück.

Niemand weiß wohin die Paliwals zogen, doch seit dieser verhängnisvollen Nacht gilt Kuldhara als verwunschener Ort. Es heißt das Dorf wäre verflucht und niemand könne hier dauerhaft leben, geschweige denn eine komplette Nacht in diesem von Geistern heimgesuchten Ort aushalten.

So bietet Kuldhara, 15 Kilometer westlich von Jaisalmer gelegen, trotz aller Schauergeschichten, eine erstklassige Kulisse. Die Lehmbauten der alten Siedlung sind noch immer zu erkennen. Zwar liegen sie nach Jahren des Verfalls in Schutt, aber niemals trauten sich die Einheimischen anderer Dörfer Kuldhara abzureißen, um das Baumaterial an anderer Stelle zu verwenden.

Heute ist Kuldhara ein Abenteuerspielplatz. Von den teils zweistöckigen Bauten haben wir eine herrliche Sicht auf den staubigen Marktplatz, den Tempel und die versandeten Gerippe der verfallenen Häuser. Ein paar Kinder schleichen umher, lassen einen Papierdrachen im Geisterdorf steigen.

Am Horizont traben Kamele über den sandigen Untergrund. Wahrscheinlich sind es diese Tiere, mit denen die Bewohner Kuldharas in dieser schicksalhaften Nacht in die Ferne fliehen. In der Wüste gelten die Kamele als unersetzlich. Sie sind perfekt an das entbehrungsreiche Leben angepasst und dienen den Menschen sowohl als Last- als auch als Arbeitstiere. Für die Nomaden sind die Kamele so wichtig wie für Europäer die Pferde. Über Jahrhunderte hinweg ziehen sie mit den Tieren als Händler und Krieger durch die 250.000 km² große Thar; einem Gebiet, noch größer als Großbritannien.

Damals auf den Handelsrouten Indiens und Chinas in Richtung Vorder- und Zentralasien ist die Thar Teil der Seidenstraße. Gewürze, Stoffe, Edelsteine, Luxusgüter und Opium werden auf den Rücken der Kamele bis an den Rand Europas gebracht. Aber auch Händler auf dem Weg zum Arabischen Meer kreuzen die Thar, um ihre Waren nach Persien und Ägypten zu verschiffen. Riesige Karawanen ziehen durch die Wüste, bringen Reichtum in die Städte der Region oder werden Opfer fürchterlicher Überfälle.

Über spärlich bewachsene Dünen schaukeln die Wüstenschiffe durch das sandige Meer. Starre Wellen ragen bis zu 150 Meter hoch über den Köpfen der Tiere und ihrer Treiber. Niedrige Gräser und mit harten Stacheln bestückte Sträucher wachsen auf dem Boden. Kletten verhaken sich in Kleidung und Fell, stechen in die ausgetrocknete, rissige Haut. Nur vereinzelt ist ein Baum groß genug, um etwas kühlenden Schatten zu spenden.

Kamelsafari, Jaisalmer

Kamele in der Thar

Kamelsafari, Jaisalmer Kamelsafari, Jaisalmer

Die erbarmungslose Sonne macht den Händlern zu schaffen. Ihre beschwerliche Route bis nach Kabul ins etwa 1.000 Kilometer entfernte Afghanistan führt sie von Wasserloch zu Wasserloch; tagelang, wochenlang. Von Sonnenaufgang bis in die Dämmerung und hinein in die Kälte der Nacht. Sandstürme fegen über die Ebene, lassen Dünen wandern und hüllen die Umgebung in einen undurchdringlichen, ockerfarbenen Schleier. Nachts leuchten Millionen Sterne über der Thar und plötzlich ist es bitter kalt.

Extreme Hitze am Tag und extreme Kälte in der Nacht machen die Thar zu einer lebensfeindlichen Region. Seit Jahrhunderten trägt die Wüste daher auch den Beinamen Marwar – das Land der Toten.

Doch die Zeiten ändern sich. Die Thar ist heute die dichtbesiedelste Wüste der Welt. Etwa 120 Einwohner kommen auf einen Quadratkilometer. Damit ist das Land der Toten in etwa so dicht besiedelt wie Sachsen-Anhalt, Portugal oder die Europäische Union. Die riesigen Karawanen, die einst mit Handelsgütern durch die Thar zogen, sind verschwunden. Der Ausbau Mumbais zum größten Handelshafen Indiens besiegelte ihr Schicksal. Doch noch immer traben Kamele über die Sanddünen der Sonne entgegen.

Heute tragen sie weder Seide noch Gewürze oder Opium. Stattdessen sind sie eine der größten Touristenattraktionen der Wüste. Auch wir wackeln auf den Trampeltieren durch die Thar. Unsere Minikarawane besteht aus drei Tieren. Angeführt werden wir von unserem Kameltreiber Chris und Mr. India, dem schnellsten Kamel von Jaisalmer. In den traditionellen Kamelrennen, die während des jährlich stattfindenden Kamelmarktes abgehalten werden, belegt es stets einen der vorderen Plätze, erzählt uns Chris voller Stolz. So wie er über das Kamel spricht, so reitet er auch auf dem wertvollen Tier.

Kamelsafari, Jaisalmer

Mr. India, das schnellste Kamel von Jaisalmer

Unsere Reittiere sind dagegen weniger sportlich. Papaya, mein Kamel, ist ein Veteran der Thar, der schon einige Jahre in der Wüste erlebt hat. Da die Papaya für mich allerdings die langweiligste aller exotischen Früchte ist, gebe ich dem Tier einen etwas abenteuerlicheren Namen; nur um mich selbst besser zu fühlen. Papaya heißt ab sofort Lawrence.

Lawrence ist ein Bastard. Jedes Mal, wenn ich versuche Freundschaft mit dem Tier zu schließen, schnappt es mit seinem beinahe zahnlosen, labbrigen Maul nach mir. Vielleicht gefällt ihm der Name nicht, vielleicht ist es der Eigensinn des Alters – ich will es ihm nicht verdenken. Lawrence hat Charakter.

Der dritte im Bunde ist Michael Jackson – und ab sofort besser als José bekannt. Anders als Lawrence, hat José kein Problem mit seinem Namen. José ist stets bester Laune und solange er genug zu fressen bekommt auch urgemütlich.

Der erste Ritt durch die Thar beginnt wie jeder andere mit dem Aufstieg; und bei Kamelen ist bereits das ein Abenteuer. Sie knien auf dem Boden und lassen die Reiter in dem Glauben, dass alles ganz einfach sei. Also schwingen wir uns in die Sattel, nur um dann vom Kamel ordentlich durchgerüttelt zu werden. Zuerst stemmen die Tiere ihre Hinterbeine in die Höhe, was uns unfreiwillig nach vorne katapultiert. Noch im gleichen Moment strecken die Kamele ihre Vorderbeine und zwei Meter über dem Erdboden schleudern wir auf ihren Rücken wieder zurück in die Horizontale.

Wir folgen Chris und Mr. India durch die Wüste. Auf dem sandigen Untergrund stapfen die Tiere mit elastischen Schritten hinaus in die Weite. Die Füße der mächtigen Paarhufer federn wie weiches Gummi; flexibel von der Sohle bis zum Knöchel. Weiter oben schwanken wir vor und zurück.

Anders als beim Sattel eines Pferdes müssen wir auf die Unterstützung von Steigbügeln verzichten. Unser einziger Halt ist ein schmaler Knauf am Sattel zwischen unseren Beinen. Ich finde auf einem Pferd zu reiten ja schon erwähnenswert ungemütlich. Auf dem Rücken eines Kamels ist es um einiges unbequemer. Die Tiere sind nicht nur wesentlich größer, sondern auch wesentlich breiter als Pferde. So sitzen wir mit schmerzhaft gespreizten Beinen auf ihren Rücken und im schwankenden Gang schlagen Po und Oberschenkel immer wieder gegen den Sattel – nicht besonders stark, aber ohne Unterlass. Bereits nach wenigen Minuten beginnen meine Muskeln zu schmerzen. Trotz Decken und Kissen, die ein gewisses Maß an Polsterung vorgaukeln, ist schnell klar: Kamelreiten ist nur etwas für Hartgesottene.

Wir reiten durch trockenes Land. Lediglich schmale, dürre Bäume mit Stacheln, so scharf und hart wie Pfeilspitzen, wachsen in die Höhe. Sträucher und Gräser bedecken den sandigen Boden. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als wir ein kleines Dorf erreichen. Mitten in der Wüste leben hier etwa 15 Familien. Kinder und Frauen sitzen im Schatten niedriger Bäume und Sträucher, waschen Wäsche oder kneten im Hauseingang Mehl und Wasser zu einem Teig für Chapati – dünnes Brot, dass auf einer Metallplatte über offenem Feuer gebacken wird. Die meisten Männer des Dorfes hüten ihren Ziegen- und Schafherden irgendwo in der Umgebung. Nur der Besitzer des winzigen Kiosks und die Dorfältesten bleiben in der Siedlung zurück. Zwischen den strohgedeckten Hütten, aus Lehm und trockenem Dung errichtet, schlendern ein paar Hunde, Ziegen und Kühe umher. Hier und da pickt ein Huhn im Boden.

Wir folgen der Fährte der Herden; ziehen eine Düne hinauf. Mr. India trabt an erster Stelle, gefolgt vom alten Lawrence und dem ständig wiederkäuenden José, der sich den einen oder anderen Rülps nicht verkneifen kann. Ein paar indische Gazellen zupfen vorsichtig weiches Grün von den stacheligen Büschen. Doch als sie uns bemerken, suchen sie rasch das Weite, um an anderer Stelle ungestört weiter zu fressen.

Unter einem einsamen Baum machen auch wir Mittagspause. Genüsslich schmatzen José und die beiden anderen Tiere in unserer Nähe. Nach zwei Stunden schmerzhaften Ritts tut uns die Pause ungemein gut. Wir sind froh, unseren Muskelpartien etwas Entspannung zu gönnen und fläzten uns im weichen Sand der Düne.

Wovon wir zunächst nichts ahnen sind die unzähligen Kletten auf dem Boden. Mit ihren Widerhaken hängen die kleinen Biester bei jeder noch so leichten Berührung in und unter der Kleidung. Minutenlang sind wir damit beschäftigt uns gegenseitig von Stacheln zu befreien.

Kamelsafari, Jaisalmer

Mittagspause auf der Düne

Nach der Pause geht es wieder auf die Kamele hinauf und die Düne hinunter. Nun ändert sich die Landschaft. Die Bäume verschwinden fast vollständig und stattdessen reiten wir durch dürres Gras, vorbei an Kakteen und trockenen Büscheln. Leerstehende Felder säumen unseren Weg.

Zwei weitere Stunden sind wir Kapitäne auf unseren Wüstenschiffen, bevor wir eine Düne wie aus dem Bilderbuch erreichen. Hoch türmt sich der Sand und nur wenige Pflanzen finden hier noch Platz. In einer kleinen Bucht zwischen den sandigen Wellenbergen schlagen wir unser Nachtlager auf. Dort drüben im Westen, etwa 100 Kilometer entfernt, liegt Pakistan – dahinter färbt sich die Sonne feuerrot und sinkt im Dunst des frühen Abends langsam gen Horizont hinab.

So wie die Sonne vom Himmel steigt, so lässt auch der Schmerz in Rücken, Po und Oberschenkeln Stück für Stück nach. Im feinen Sand der Düne genießen wir die Abendstimmung. Es ist Heiligabend und unsere Gedanken verlieren sich in der Weite der Wüste.

Mit der Nacht bricht die Kälte herein. Die Hitze des Tages verschwindet ebenso schnell wie die Sonne; die Thar kühlt aus. In einiger Entfernung mampfen Mr. India, Lawrence und José ihr Mittagessen zum wiederholten Mal. Hochwürgen, Schmatzen, Rülpsen – das ist die Melodie der Wüste. Ein Lagerfeuer prasselt im Sand, sonst ist es still. Die Sterne und ein leuchtend heller Vollmond tauchen die Thar in ein silbriges Licht.

Irgendwann, als das Feuer längst erloschen ist und die letzte Glut vor sich hin glimmt, richten wir unter den Sternen unser Lager her. Hier draußen, im wohl größten Bett der Welt, bieten uns ein paar dünne Matratzen und dicke Wolldecken Schutz vor der Kälte.

Der nächste Morgen ist wundervoll. Über dem karg bewachsenen Land zieht das wärmende Licht der Morgensonne hinweg. Heißer Chai vom Lagerfeuer vertreibt die letzte Müdigkeit. Dann machen wir uns auf die Suche nach unseren drei Kamelen. In der Nacht hat es Mr. India, Lawrence und José bis weit hinein in die Wüste getrieben; immer auf der Suche nach ein paar nahrhaften Sträuchern. Schmatzend und wiederkäuend wie am Abend zuvor, trotten sie nun zum Lager zurück.

In der warmen Vormittagssonne reiten wir weiter in südwestlicher Richtung hinein in die Wüste. Gazellen huschen durchs trockene Buschwerk und selbst ein Wüstenfuchs beobachtet uns aus der Ferne. Den ganzen Tag schaukeln wir in gemächlichem Tempo durch die Wüste. Felder und Dünen wechseln sich ab. Es ist erstaunlich wie vielfältig die karge Vegetation in der Wüste ist; wie viele Arten von Sträuchern und Gräser hier wachsen.

José ist es, der von dieser Vielfalt direkt Gebrauch macht. Noch während wir an den niedrigen Büschen vorbei ziehen, versucht er immer wieder ein paar Blätter und Äste von diesem oder jenem Strauch zu rupfen. Nur missmutig lässt er sich vom schmackhaften Grün trennen, um seinen Weg fortzusetzen.

Drei Tage reiten wir durch die Thar, kommen an manchen Dörfern und Wasserstellen vorbei, sehen traumhafte Sonnenauf- und Untergänge, hören die Stille der Natur und das Schmatzen der Trampeltiere. Es sind entspannte Tage, die wir auf Lawrence und José verbringen. Selbst der Körperschmerz vom Beginn unserer Reise lässt immer mehr nach.

Vielleicht wären wir auch gute Kameltreiber einer Handelskarawane geworden. Vielleicht wäre das aber auch ein anderes Abenteuer.

Kamelsafari, Jaisalmer

 

Wir bedanken uns bei Real Desert Man Safari für die Unterstützung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • lena
    29. Januar 2016

    hallo Lawrence,
    Indien ist wirklich wunderschön! Ich war letzten Sommer mit zwei Freundinnen für einen Monat dort und nun zieht uns das Fernweh wieder dorthin. Wir waren in der Nähe von Bangalore und haben dort bei Freunden gewohnt. Das war definitiv ein tolles kulturelles Erlebnis. Liebe Grüße aus Seis


    • nuestra america
      1. Februar 2016

      Lawrence bestellt liebe Grüße nach Seis. Er möchte auch irgendwann einmal nach Bangalore, ist sich aber nicht sicher, wann er es aus der Wüste heraus schafft.
      Wir reisen derweil weiter Richtung Süden und lassen uns Bangalore bestimmt nicht entgehen.