Die Vielvölkerstadt und das Leben der Kurden 2/2

Historische Beschaulichkeit und moderne Krisenstimmung in Mardin


28. Mai 2017
Türkei
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Wir steigen aus den Höhen der Altstadt herab und wollen Mardins alten Markt besuchen. Die Hauptstraße der Altstadt, die Cumhuriyet Caddesi, ist wieder breit genug, um Autos und diversen Geschäften Platz zu bieten. Mardin ist berühmt für seine handgesiedeten Naturseifen, die aus Olivenöl und dem Öl wilder Pistazien hergestellt werden. Die Seifenstücke stapeln sich, nach Farben sortiert, zu Dutzenden in den Auslagen der Geschäfte. Hellgrün liegt neben weiß, liegt neben blau, liegt neben goldfarben, gelb und orange, mintgrün, beige und braun. Jede Farbe steht für einen anderen Duftstoff, der den Ölen beigemengt ist. Die Seife ist nicht nur das beliebteste Mitbringsel der Touristen, die das 90.000 Einwohner zählende Städtchen im Sommer überfluten. Auch die Einheimischen schwören auf den wundersamen Effekt der Seife für Haut und Haare.

Ein Geschäft weiter verkaufen christliche Aramäer Rotwein aus der Region. Sie gehören zu den noch etwa 600 in Mardin lebenden Christen, die ihren Glauben in immerhin elf aktiven Kirchen praktizieren. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bearbeiten Handwerker in ihren Werkstätten Silber und Kupfer mit feinsten Werkzeugen in penibler Kleinarbeit. Sie lassen Schmuck und Schmuckkästchen entstehen, die sie noch vor Ort verkaufen. In einem kleinen Straßenrestaurant mit drei Tischen träufeln wir Olivenöl und Zitronensaft auf Dolma, in Weinblätter eingeschlagenen, gewürzten Reis. Natürlich lassen wir auch unseren liebgewonnenen Çay nicht aus.

Besonders fallen uns die vielen kleinen Fotostudios auf, denen wir immer wieder in der Stadt begegnen. In den Schaufenstern hängen Beispielbilder, die die Kunstfertigkeit des Fotografen unterstreichen und künftige Kunden überzeugen sollen. Zum einen sind es die typischen türkischen oder kurdischen Hochzeitsfotos. Die Kleider der Bräute sind pompös und aufgeladen, glitzern und funkeln um die Wette und sind so gewaltig, dass die Braut darin unterzugehen scheint. Schmächtige Bräutigame verschwinden fast gänzlich dahinter. Doch was uns besonders ins Auge sticht, sind die mit Patriotismus und Kampfeswille aufgeladenen Fotos junger Milizen. Kurdische Kämpfer und Kämpferinnen, die sich mit der Kalaschnikow in der Hand, furchtlosem Blick und Uniform im Fotostudio ablichten lassen. Es sind Söhne und Töchter, die hier als tapfere Kämpfer und furchtlose Kriegerinnen posieren, damit stolze  Eltern die militanten Abbilder in heimische Familiengalerien hängen können.

Mardin, Türkei

Naturseife ist eines der beliebtesten Souvenirs aus Mardin

Mardin, Türkei

die Cumhuriyet Caddesi in Mardin

Aus der Zeit der irakischen Seldschuken, die für 300 Jahre in Mardin die Macht inne haben, und 1408 von den Osmanen besiegt werden, stammen viele Koranschulen in der Stadt, sowie die antiken Badehäuser und Karawansereien. Genau wie die Ulu Camii, die große Moschee, aus dem 12. Jahrhundert, sind sie alle in der Nähe der Cumhuriyet Caddesi angeordnet. Die riesige, mit breiten Rillen versehene Kuppel der Ulu Camii, sowie ihr freistehendes Minarett sind fast von überall in der Altstadt sichtbar. Die Zinciriye Medresesi, eine Koranschule von 1385, imponiert uns mit ihrem reich verzierten Eingangsportal, das wohl die meiste Zeit der Bauphase in Anspruch genommen hat, um die kleinsten Details und die floralen und geometrischen Figuren minutiös in Stein zu meißeln. Nicht weit von hier befindet sich der zentrale Basar. Um dorthin zu gelangen, verlassen wir die prächtige Hauptstraße. Als wir die Ulu Camii passieren, ist es Zeit für das Gebet. Viele Gläubige widmen sich gerade ihren rituellen Waschungen an den dafür vorgesehenen Einrichtungen im großzügigen Vorhof der Moschee, bevor sie sich durch die steinernen, hohen Tore ins Innere der Moschee begeben.

Mardin, Türkei

Eingangstor zur Zinciriye Medresesi

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Innenhof der Ulu Camii, der großen Moschee in Mardin

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das freistehende Minarett der Ulu Camii

Wir schlendern weiter in Richtung des Marktes über den sandigen, unebenen Boden in den abgelegenen Gassen. Das Emir Hamam aus dem 12. Jahrhundert taucht zu unserer Rechten auf, bevor die ersten Esel uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Angekettet stehen sie an Häuserwänden oder an Treppenansätzen. Sie tragen weiche, große Sattel in prächtigen Farben und Mustern, die mich an den kurdischen Nomadenteppich von heute Morgen erinnern, auf den Rücken. Stoffbommel und eine Handvoll Ketten aus verschiedenfarbigen Holzperlen schmücken Hals und Sattel.

In den engen Gängen des Basars ist kein Platz für motorisierten Verkehr, also werden die Güter auf den Rücken der Esel transportiert. Ein Großteil des Basars ist überdacht. Hier werden vor allem Gebrauchsgegenstände feilgeboten. Super-Power-Turbo Staubsauger stapeln sich in großen Kartons meterhoch, Kleidung liegt ordentlich gefaltet in weiten Auslagen oder hängt von zahlreichen Kleiderbügeln. Die langen, bunten Kleider für die Frauen hängen so tief, dass sie häufig den Besuchern des Marktes den Kopf streifen, wenn sie nicht vorsichtig sind. Je weiter wir in den Markt vordringen, umso ansprechender scheint die Qualität der Waren. Hängt draußen vor dem Markt noch vieles, was an Wühltisch-Qualität erinnert, finden wir im Inneren hochwertig gearbeitete Metallarbeiten. Geschmackvolle Teekannen und -service werden hier angepriesen. Fein geknüpfte, farbenfrohe Teppiche sind in den kleinen Geschäften zu erwerben. Arkaden führen durch den Markt, auch sie sind aus ockerfarbenen Steinblöcken gebaut. Links und rechts von ihnen öffnen die Geschäfte ihre großen, halbrunden Metalltore für die Kunden. Die Waren quellen bis auf den Gang hinaus. Sonnenblumenöl, Reis, Tomatenmark und sauer eingelegtes Gemüse wird in großen Quantitäten angeboten.

Mardin, Türkei

Lastesel auf dem Markt in Mardin

Mardin, Türkei

auf dem Markt werden Produkte in großen Quantitäten verkauft

Die großen, metallen Behälter für Öl sind uns schon beim Spaziergang in der oberen Altstadt aufgefallen. Aufgeschnitten werden sie als Blumentöpfe genutzt und zieren so, bald schon verrostet, Balkone und Dachterrassen. Die Behältnisse sind so groß, dass sie wohl für den gewerblichen Gebrauch gekauft werden, aber auch für die hier üblicherweise kinderreichen Großfamilien von Vorteil sind. Hüfthohe Säcke voller Reis, Linsen und Bohnen stehen ebenfalls vor den Geschäften. Waschmittel gibt es im zehn Kilo Pack zu kaufen. Rollläden verschließen die Geschäfte rund um den historischen Markt, an den sich der Bereich mit dem Obst und Gemüse anschließt. Große Mengen Zitronen, Blumenkohl, Karotten und Radieschen lagern hier in tiefen Holzkisten. Markisen und improvisiert aufgehängte Plastikplanen bieten Schutz vor der Sonne. Wir kaufen einige Sharonfrüchte, die wie eine Mischung aus Aprikosen und Birnen schmecken. Ein paar Meter weiter verkauft ein Schlachter Schafsköpfe, die mit ihren toten Augen aus der Auslage hinaus zum beladenen Esel starren, der gerade an ihnen vorbeitrottet.

Im Markt angekommen, vermischen sich die Düfte, die Geräusche und auch die Sprachen. Erst hier wird uns die kulturelle und religiöse Vielfalt Mardins bewusst. Fetzen arabischer Sprache dringen zu uns, als wir gerade die Auslage eines Teppichverkäufers bestaunen. Darunter mischt sich der für uns ungewohnte Klang des Aramäischen, der drittältesten noch gesprochenen Sprache der Welt und Muttersprache Jesu. Klingt aus der einen Ecke noch Türkisch zu uns herüber, ist es im nächsten Augenblick Kurdisch. Aramäer, syrisch-orthodoxe Christen, die ihr Haupt mit der Kippa bedecken, machen hier ihren Wocheneinkauf genauso wie dickbäuchige Araber, die Thawbs, weiße, bis zum Boden reichende, weite Gewänder tragen und eine Kufiya, seit Arafat als Palästinenser-Tuch bekannt, um den Kopf geschlungen haben. Kurdische Männer tragen ihre weiten Pumphosen, kurdischen Frauen haben ihre bunten Tücher meist locker am Nacken verknotet, einige Frauen tragen neben einem strengen Kopftuch und einem schwarzen Gewand auch ein schwarzes Niqab und verdecken damit ihren ganzen Körper bis auf die Augen. Andere Frauen bedecken ihre Haare gar nicht. Wiederum andere lassen aus den kunstvoll bestickten Kopftüchern ein gutes Stück ihrer Haarpracht wallen. Es ist das kulturelle Miteinander, das Mardin ausmacht.

Der quirlige Markt spiegelt nicht nur Mardin, sondern die ganze kulturelle und religiöse Vielfalt des Nahen Ostens wider. Wir sehen und hören sie, können sie riechen und schmecken. Wir sind weit weg vom vergleichsweise uniformen Europa und dem westlichen Leben in Istanbul, wo sich Europa und Asien treffen und sehr viel näher am Nahen Osten, wo zahlreiche Völker und Kulturen ihren Ursprung haben. Liegt Istanbul von hier aus gesehen 1.000 Kilometer weit im Westen, ist es bis Bagdad nur halb so weit.

Mardin, Türkei

Datteln, Nüsse und getrocknete Früchte auf dem Markt

Mardin, Türkei

Stoffe und Haushaltswaren

Wir sind mit Seyhmus verabredet und steigen den Hang, an dem die Altstadt liegt, weiter bergab, bis wir eine breite Asphaltstraße erreichen, die die Grenze zwischen Alt- und Neustadt markiert. Blickt man von hier zurück zur Altstadt, sieht man die Festung, die hoch oben auf dem Berg über Mardin thront. Ihrer exponierten Lage verdankt sie ihren Namen: „Adlernest“. Die braunen, massiven Schutzmauern scheinen unüberwindbar. Dahinter residierten einst die Eroberer und Machthaber der Stadt. Heute sitzt hier das türkische Militär. In der Burg, die nicht öffentlich zugänglich ist, befindet sich auch eine 900 Jahre alte Moschee. Sie gehört zu den ältesten muslimischen Gotteshäusern der Stadt. Gerüchte gehen um, dass das Militär diese historischen Schätze in kommenden Jahren auch der Öffentlichkeit preisgeben will. Dafür sind wir jedoch zu früh.

Unterhalb der Festung befinden sich die Häuser der Altstadt. Erst der Blick vom unteren Altstadtrand nach oben eröffnet den Umfang der beeindruckenden städtebaulichen Anlage. Die Häuser sind in den Berg gebaut. Hinter- und nebeneinander angeordnet führen sie beinahe lückenlos bis unter die Spitze des Berges. Darüber befindet sich nur noch das Adlernest. Wie eine honigfarbene Pyramide ragt die Altstadt über unsere Köpfe: eine Collage aus alten sandsteinfarbenen Häusern, Märkten, Kirchturmspitzen, Minaretten und Kuppeln. Ecken und Kanten, Spitzen und Scharten, Rundungen und Winkel verschwimmen zu einer homogenen Masse und wir müssen den Kopf weit in den Nacken legen, um ihr ganzes Ausmaß betrachten zu können. Zahlreiche moderne Betonhäuser, gut getarnt in Ockertönen, haben sich ebenfalls in der Altstadt zwischen die traditionellen Häuser geschlichen.

Mardin, Türkei

die Festung “Adlernest” über der Stadt

Mardin, Türkei

Mardins Häuser und Minarette am Hang

Wir treffen Seyhmus vor der Universität. In wenigen Minuten beginnt sein Englischkurs, zu dem er uns eingeladen hat. Schon vor dem Unterricht sind wir eine Attraktion für seine Kommilitonen. In der funktionalen Cafeteria wuseln plötzlich viele junge Studenten um uns herum. Aufgeregt rufen sie durcheinander, jemand bestellt uns Çay. Die herzliche Gastfreundschaft in der Türkei ist generationsübergreifend. Die jungen Studenten sind ebenso um uns bemüht, wie es ihre Eltern und Großeltern wären. Bis der Tee eintrifft, haben wir viele neue Freunde bei Facebook und bereits Dutzende Selfies geschossen.

Der Englischunterricht ist dröge, das Sprachniveau der Klasse sehr niedrig. Ihr Lehrer ist Muttersprachler und die Fragerunde an uns, die spontan zum Unterrichtsthema wird, endet flugs in einem Dialog zwischen uns dreien. Zwar richtet der Lehrer auch Fragen an die Klasse, doch schnellt fast ausschließlich Seyhmus` Arm aufgeregt in die Luft. Und obwohl sich sonst niemand meldet, beginnt er automatisch und sichtlich erregt mit den Fingern zu schnipsen. In erzieherischem Ton richtet er sich mit seinen Antworten nicht an den Lehrer, sondern an die Studenten selbst und gibt in längeren Monologen Tipps, wie man sein Englisch verbessern könnte. Währenddessen denke ich schmunzelnd daran, dass unsere Gespräche mit ihm für gewöhnlich in einem „ahhh…verrry good“ enden. Doch bald dürfen wir uns von den Holzstühlen erheben. Der Unterricht ist vorbei und zusammen mit Seyhmus besuchen wir erneut die Altstadt.

Mardin, Türkei

die Gassen in Mardin

Mardin, Türkei

Unser erstes Ziel ist die Kirche der 40 Märtyrer aus dem 4. Jahrhundert. Noch heute Morgen haben wir erfolglos an das große Tor geklopft, das in den Innenhof der Kirche führt. Nur die imposante Spitze des Glockenturmes, auf dessen gerillter Kuppel sich ein hohes, metallenes Kreuz befindet, konnten wir von außen bewundern. Die Kirche ist nur sonntags zur Messe geöffnet, jedoch gewährt der Hausmeister Besuchern an allen Tagen gerne Einlass, wenn er denn das Klopfen am Metalltor hört. Mit Seyhmus haben wir jetzt am Nachmittag mehr Glück. Ein älterer Herr mit leicht gebeugtem Gang und herzlichem Lächeln lässt uns in den geräumigen, mit Nadelbäumen gesäumten Innenhof treten. Kleine Fenster sind in das Gemäuer der Kirche eingelassen, die genauso wie jedes andere Gebäude in der Stadt, wie jede Mauer und jede Treppenstufe in den Gassen, aus großen Steinblöcken errichtet wurde. Über dem Torbogen im hohen Eingangsportal befinden sich feine, immer wiederkehrende Muster. Zwei pummelige Pferde mit hageren Reitern schließen die Verzierung zu beiden Seiten ab. Darüber sind aramäische Schriftzeichen in den Stein geschnitzt, die von floralen Motiven umrandet werden.

Das Innere der Kirche ist bescheiden eingerichtet. Schmale Holzbänke stehen im Kirchenschiff, weisen auf einen niedrigen Altar in einer Nische. Ikonen zeigen den Sohn Gottes am Kreuz und Heilige der syrisch-orthodoxen Gemeinde. Es ist die mittelalterliche Kunst der Ostkirche, die wir hier sehen. Mit uns spaziert eine türkische Familie durch die Reihen der Holzbänke (vielleicht sind es auch Kurden oder Aramäer, wer weiß das in Mardin schon so genau). Sie nutzen die Anwesenheit des Hausmeisters und lassen sich von ihm neben dem Altar fotografieren.

Mardin, Türkei

Kirche der 40 Märtyrer

Mardin, Türkei

Familienfoto in der Kirche

Anschließend besuchen wir Muhammed, den wir schon vom Frühstück kennen. Zusammen mit Freunden hat er eine kleine Wohnung in der Altstadt gemietet. In dem größeren von zwei Zimmern nehmen wir auf dem Sofa, das sich lückenlos an eine Matratze schmiegt, Platz. Ein schwarzer, rußiger Holzofen sorgt für wohlige Wärme, bunte Teppiche mit geometrischen Mustern liegen nebeneinander auf dem Boden. Eine Cura, ein orientalisches Langhalsinstrument, ähnlich der Gitarre, hängt an der Wand. Das Zimmer hat den typischen Charme einer Studentenbude. Es ist nicht viel drin und dennoch der ganze Stolz ihrer Bewohner. Das Häuschen selbst ist, wie alle anderen in der Altstadt, am Hang gebaut, und erlaubt aus einer weiten Fensterfront einen fantastischen Ausblick auf die Altstadt und die Mesopotamische Tiefebene. Der Blick reicht bis zu den grünen und braunen Feldern. Unzählige Kirchtürme, Minarette und Kuppeln ragen in unserer Nähe zwischen den übrigen Gebäuden hervor. Ein honigfarbenes Häusermeer, wohin man auch blickt.

Die beiden jungen Männer führen uns auf die große, etwas stiefmütterlich behandelte Dachterrasse. Der Ausblick von hier ist grandios. Er führt über die Dachkulisse Mardins bis weit hinein in die Mesopotamische Tiefebene. Während ich hier oben wahrscheinlich den Hauptteil meines Tages verbringen würde, ist die Terrasse für Muhammed und seine Mitbewohner nur eine überdimensionale Abstellkammer. Hier befindet sich nichts außer einer dicken Schicht Staub und Sand und einem roten, achtlos in die Ecke geworfenen Plastikstuhl, dessen Sitzfläche zerbrochen ist.

Mardin, Türkei

auf der Dachterrasse über Mardin

Mardin, Türkei

Zurück am Ofen bereitet Muhammed für uns einen starken türkischen Kaffee zu. Beim Blick über die Felder der Mesopotamischen Tiefebene, auf die in einigen Kilometern Entfernung die Grenze nach Syrien folgt, kommen wir unweigerlich auf den Bürgerkrieg im Nachbarland zu sprechen. Viele Geflüchtete würden bis nach Mardin kommen, erzählt uns Muhammed. Hier in der Stadt nutzen viele Einwohner die Notlage der Bedürftigen aus und stellten sie als billige Arbeitskraft ein. Bekommt zum Beispiel ein Türke für seine Arbeit 1.000 Lira müsse sich ein geflüchteter Syrer mit einem erschreckenden Bruchteil des üblichen Lohnes, bei gleicher Arbeit, zufrieden geben.

So wie es die Menschen hier mit den Neuankömmlingen aus Syrien machen, so macht es Ankara mit den Kurden. Natürlich, so erzählt Mohammed weiter, werden die kurdischen Gebiete von der türkischen Regierung benachteiligt. In Infrastruktur und Bildung werde kaum investiert. Doch der strukturelle Nachteil der kurdischen Provinzen hat auch andere Gründe. Die PKK, die ein autonomes kurdisches Gebiet fordert, liefert sich über Jahre hinweg teils heftige bewaffnete Auseinandersetzungen mit den Polizei- und Militärkräften Ankaras. Das liegt nun schon weit über zehn Jahre zurück, dennoch hat sich das Bild von Gewalt und Terror in den kurdischen Provinzen bis heute in den Köpfen vieler Türken festgesetzt. Lehrer, Ärzte, aber auch öffentliche Bedienstete weigern sich häufig eine Arbeitsstelle in der Region anzunehmen. Lange Zeit gelten Mardin, Diyarbakır und die anderen Gebiete in Südostanatolien auch einheimischen Touristen als zu gefährlich. Doch langsam vollzieht sich ein Wandel. Auch wenn noch immer niemand hierher ziehen mag, zu Besuch kommen immer mehr Gäste. Der Tourismus ist mittlerweile einer der bedeutenden Wirtschaftszweige in Mardin.

Doch auch die Kurden, die in Mardin den Hauptteil der Bevölkerung ausmachen, haben ihre kritische Haltung gegenüber der türkischen Zentralregierung nie verloren. Die Terroristen des Islamischen Staats besetzen gerade die kurdische Stadt Kobanê. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich, dass IS-Kämpfer mit dem Wissen türkischer Grenzsoldaten auch in die Türkei und weiter ins Landesinnere gelangen.

Mardin, Türkei

Kuppel der Melik Mahmut Moschee

Mardin, Türkei

Am Abend sitzen wir wieder im Wohnzimmer Seyhmusˋ, und betrachten die wippenden Schnurrbärte kurdischer Hochzeitsgäste auf dem Fernsehbildschirm. Während wir gemütlich Çay schlürfen, wiegt uns ihr monotoner Tanz gemächlich in den Schlaf. Am nächsten Morgen verlassen wir Mardin. Unser Abenteuer im kurdischen Teil der Türkei hat gerade erst begonnen. Unsere nächste Station heißt Diyabakir, die kurdische Bastion und größte Metropole im Südosten der Türkei.

Rückblickend hält der Frieden in Mardin nicht mehr lange. Es ist November 2014 und wir sind, wohl zufällig in einer Phase der Entspannung, Gast in diesem Kleinod. Bald schon werden die Kämpfe zwischen den kurdischen Milizen und dem Militär wieder aufflammen. Autobomben werden Soldaten töten, Soldaten werden Kurden erschießen.

Jetzt, 2014, regiert seit wenigen Monaten die syrisch-orthodoxe Christin Februniye Akyol-Akay gemeinsam mit dem muslimischen Kurden Ahmet Turk als Bürgermeisterin über den Großraum Mardin. Nach dem Putschversuch, der sich im Juli 2016 ereignen wird, wird sie, die einzige christliche Bürgermeisterin der Türkei, abgesetzt. Akyol-Akay werden Kontakte zur kurdischen PKK vorgeworfen. Eine von der Regierung eingesetzte Zwangsverwaltung steht Mardin seitdem vor.

So wie den Bürgermeistern in Mardin ergeht es auch den Volksvertretern in den kurdischen Gebieten Diyabakir und Van, die abgesetzt oder verhaftet werden. Ankara säubert gründlich. 28 Bürgermeister werden in den kurdischen Provinzen im Südosten der Türkei abgesetzt, ihre Städte unter Zwangsverwaltung gestellt. Doch Mardin, seit Jahrhunderten ein Symbol für Weltoffenheit und friedlichem Miteinander verschiedenster Religionen und Kulturen, wird auch diese Besatzung überstehen. Etwas anderes wollen wir nicht glauben. Mardins Geschichte, die vergangenen 15 Jahrhunderte, schenken uns Hoffnung.

Mardin, Türkei

Minarett im Abendlicht

Mardin, Türkei

mit Seyhmus über den Dächern der Stadt

 

Die Vielvölkerstadt Mardin und das Leben der Kurden in zwei Teilen

Teil 1: Zwischen kurdischem Çay und Spionagekatzen

Teil 2: Historische Beschaulichkeit und moderne Krisenstimmung

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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