Die iranische Küste am Persischen Golf

Rasende Schmuggler, ein einsamer Hippie und die freundlichsten Drogendealer der Welt


12. Februar 2015
Iran
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Fünf Augenpaare ruhen auf uns. Fünf bärtige Köpfe neigen sich zur Seite, um uns besser beobachten zu können. Neugierige Blicke treffen uns. Es dauert nicht lange und fünf schmutzige, von Motorenöl und Staub befleckte Kanduras, lange arabische Gewänder, schwingen gleichmäßig auf uns zu. Fünf Arme weisen in die Richtung eines Taxistandes.

Die Sonne ist schon lange hinter dem Horizont verschwunden. Das künstliche Licht einer Straßenlaterne drängt die Dunkelheit der Nacht zurück. Abgase und Staub schwängern die noch immer heiße Luft. Wir sind müde. Die 350 Kilometer von Schiras bis hierher nach Lar haben uns geschlaucht. Nicht, weil die Strecke besonders schlecht ist, sondern weil man beim Trampen manchmal an Gesprächspartner gerät, die nicht leicht zu ertragen sind. Wenn es um die Deutung der deutschen Geschichte geht, dann treffen gelegentlich ganz gegensätzliche Ansichten aufeinander. Je weiter wir uns von unserem Heimatland entfernen, desto diffuser erscheint das Wissen über all die Tragik der Vergangenheit. Stattdessen wächst die unreflektierte Euphorie gegenüber obsessiven Persönlichkeiten. Es ist schwer solche Gespräche auszuhalten und so nutzen wir die erste Möglichkeit zum voreiligen Abschied. Als unser Gesprächspartner seinen Wagen an einer Moschee an der Schnellstraße parkt, um sich seinem Gebet zu widmen, halten wir kurzerhand eine weitere Mitfahrgelegenheit an, die uns bis nach Lar fährt.

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schwierige Gesprächspartner auf dem Weg nach Bandar Abbas

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Mitfahrgelegenheit nach Lar

Doch nun ist es Nacht. Noch immer liegen 250 Kilometer zwischen uns und Bandar Abbas am Persischen Golf. Natürlich hält niemand. Stattdessen versuchen die fünf Bärtigen uns noch immer an einen Taxistand zu verweisen. Neugierig umringen sie uns so nah, dass wir kaum noch von vorbeifahrenden Autos wahrgenommen werden können. Also versuchen wir uns in Erklärungen und drängen weiter auf die Straße ins Blickfeld der Autofahrer, nur um von den fünf Männern belehrt zu werden, dass es auf der Straße gefährlich ist und wir doch weiter am Rand stehen sollten.

Doch irgendwann lassen sie uns in Ruhe. Wir warten und tatsächlich hält ein PKW. Drinnen sitzen zwei junge Männer ausgestattet mit Jogginganzug und Anglerhut. Sie hätten uns hier bereits länger stehen sehen, erzählen sie euphorisch, und möchten uns nun gerne nach Bandar Abbas fahren. Etwas zögerlich verfrachten wir unsere Rucksäcke in den Kofferraum. Beim Einsteigen stocken wir kurz. Dort wo sich eigentlich die Rückbank befinden sollte, klafft eine Lücke. Lediglich die mit Auslegware bestückte Karosserie dient uns als Sitzfläche. Anschnallgurte suchen wir vergebens. Wäre es helllichter Tag, würden wir niemals einsteigen. Doch in der Nacht sind Mitfahrgelegenheiten rar und so fügen wir uns unserem Schicksal.

Die beiden Jungs sind so aufgeschlossen und redselig, dass wir unser Gewissen schnell beruhigen. Es dauert auch nicht lange und wir erfahren warum die beiden so spät noch auf dem Weg nach Bandar Abbas sind. Eine Schiffsladung Handys aus Dubai ist unterwegs und muss heute Nacht noch bis nach Schiras gelangen. Wir trampen mit Schmugglern.

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rasende Schmuggler

Wir verlassen Lar, biegen auf den Highway und plötzlich fühle ich mich wie auf dem Beifahrersitz von Tarantinos Stuntman Mike. Mit beinahe 200 h/km schießen wir über den Asphalt, drängen uns durch jede Lücke, überholen im Gegenverkehr, bis schließlich ein weißer Hyundai vor uns auftaucht. Schelmisches Grinsen schleicht sich auf das Gesicht unseres Fahrers, als er mit Tempo 140 nur noch wenige Zentimeter vom Heck des Hyundais entfernt ist. Unsere Gesichtszüge sind dagegen von einer aufkommenden Panik geprägt. Dann berühren sich die Stoßstangen beider Autos. Während unser Fahrer vor Freude lacht, möchten wir am liebsten Schreien. Zwei weitere Male schupsen wir den Hyundai an, bevor dieser in den Gegenverkehr ausschert und beide Fahrer ein Rennen über die Fernstraße beginnen.

Ich rechne jeden Moment mit dem Tod, als eine Stimme neben mir mit dem Fahrer meckert. „Weiß du was ich mir von meiner Mama anhören muss, wenn ich wegen so einer Scheiße drauf gehe?“ – Zack, das hat gesessen. Augenblicklich verlangsamt der Fahrer das Tempo auf eine Geschwindigkeit, die noch immer weit über dem Limit liegt, uns aber nicht mehr den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Dann klingelt das Telefon. Der Fahrer des weißen Hyundais will wissen, was passiert sei? Warum wir das Rennen abgebrochen hätten? Unser Fahrer gibt sich alle Mühe, aber es bleibt dem anderen unbegreiflich.

Den Rest der Strecke versuchen wir unsere Nerven wieder zu beruhigen, was vor allem gelingt, als uns unser Fahrer an einer Tankstelle ein Eis spendiert. Zu viert sitzen wir im Wagen und verputzen Schokoladeneis am Stiel. Danach ist alles vergessen.

Spät erreichen wir Bandar Abbas, wo sich unsere Wege trennen. Wir gehen zu unserem Gastgeber Omid und die beiden Schmuggler fahren zum Strand und warten auf ihre Fracht.

Als wir Omids Wohnung betreten, ist diese bereits voll. Couchsurfer aus Deutschland und Portugal lümmeln überall herum. Wir gesellen uns dazu, erzählen von unseren Schmugglerfreunden, die uns soeben hierher brachten und erfahren mehr über Bandar Abbas und das Schmuggeln. Als größter Hafen des Irans und in unmittelbarer Nähe zu Dubai und den Arabischen Emiraten blüht das Schiebergeschäft in und um der Stadt. In jeder Nacht kreuzen dunkelgraue Schnellboote den Persischen Golf, warten PKWs an Stränden, geben Lichtzeichen hinauf aufs Meer. Vor allem Elektronik wird hier verschoben. Bandar Abbas ist wohl die einzige Stadt weltweit, in der ein LCD-Händler am Strand seine Waren verkauft. Heimlichtuerei scheint nicht von Nöten zu sein. Die Schaufenster des geräumigen Ladens sind voll bepackt und hell erleuchtet.

Doch der Strand ist mehr als nur Schmugglergebiet. Im Schutz der Dunkelheit werden hier Gesetze zu Richtlinien degradiert. Jugendliche rauchen Marihuana, Liebespaare treffen sich – alles was bei Tageslicht unmöglich scheint, wird in der Nacht verwirklicht. Das nächtliche Sozialleben profitiert dabei von den Schmugglern, die mit etwas Schmiergeld die Polizei vom Strand fern hält.

Doch darüber hinaus bietet Bandar Abbas, benannt nach dem persischen König Shah Abbas I, nicht mehr besonders viel. Allein der bunte quirlige Markt in Ufernähe ist einen Besuch wert. In den engen Gassen wird von Obst und Gemüse über traditionelle Kleidung bis zu Parfum und Duftwasser alles verkauft. Einige der Marktfrauen tragen die für die Region typische, farbenfrohe Tracht und verdecken ihr Gesicht mit der Burka, einer ebenso farbenfrohen Stoffmaske. Es sind Bandari, Bewohner der Golfregion – die einzigen Farbtupfer im sonst dunklen, farblosen Hijab-Sumpf des Irans.

Ganz in der Nähe des Marktes befindet sich der Fischmarkt. Als wir am Abend hier eintreffen, ist die große, gekachelte Halle bereits geschlossen. Doch rund um den offiziellen Fischmarkt reihen sich hölzerne Tische und Stände an denen bis spät in die Nacht noch der letzte Fang verkauft wird. In der Auslage befinden sich Schrimps und Fische, die ein Körpergewicht von bis zu mehreren Kilogramm aufweisen. Selbst Kopffüßer mit glibberigen Körpern und großen Augen werden angeboten. Fischgeruch hängt schwer über Kunden und Verkäufern. Der Boden ist dreckig. Schuppen und abgetrennte Köpfe liegen überall herum. Müll und Unrat sammeln sich in Wasserlachen.

Von Bandar Abbas aus besuchen wir Hormus, eine kleine vorgelagerte Insel. Es sind nur 40 Minuten mit dem Boot, aber Bandar Abbas und Hormus trennen Welten. Dort die große Stadt mit all ihrer Geschäftigkeit, dem Hafen, den Schmugglern und hier die Insel mit gerademal 7.000 Einwohner in einem einzigen Dorf.

Zusammen mit Aaron, Till und Alfons – drei Couchsurfern aus Deutschland – betreten wir Hormus. Die Insel präsentiert sich ganz entspannt. Außer ein paar Taxifahrern scheint niemand von uns fünf Neuankömmlingen Kenntnis zu nehmen. Wir spazieren entlang der Ufermauer. Ein paar Alte sitzen vor ihren Haustüren, folgen uns mit ihren Blicken, um sich dann wieder ganz sich selbst zu widmen. Kinder spielen Fußball am Strand.

Es dauert nicht lange und wir stehen vor einer alten Festung. Die Portugiesen, einst mächtige Kolonisatoren am Persischen Golf, bewachten von hier den Eingang zum Gewässer. Viel ist nicht mehr übrig, doch die massiven Mauern um den weiten Innenhof und ein paar rostende Kanonen zeugen heute noch von der früheren Bedeutung Portugals in dieser Region. Als sehenswert gelten aber vermutlich nur noch die unterirdische Kirche im Innenhof und eine riesige Zisterne mit integriertem Rundgang.

Wir haben schnell alles gesehen und machen es uns oben auf der Festungsmauer gemütlich. Die Sonne geht langsam unter und eine kühle Brise weht vom Meer zu uns herüber.

Als es dunkel wird, machen wir uns auf den Weg zum Strand. Wir haben von einer kleinen Künstlerkolonie gehört, die es sich zum Projekt gemacht hat, aus unterschiedlich farbigem Sand ein Bild zu erschaffen. Versteckt zwischen Dünen und Sträuchern finden wir die Kolonie. Mehrere Zelte und Holzkonstruktionen, Lagerfeuer, eine Schaukel am Baum, Wasserpfeifen, Marihuanageruch und das Rauschen des Meeres. Ein kleines Paradies, so scheint es. Etwa 30 Personen, Männer, Frauen, Kinder leben hier bereits seit einem Monat zusammen. Stolz erzählen sie von ihrer Vision, vom Projekt aus farbigem Sand. Das Areal sei bereits abgesteckt, berichten sie uns. Dann geht ein weiterer Joint durch die Runde. Eine Gitarre erklingt und jemand beginnt zu singen – mal melancholisch, mal fröhlich, mal albern. Alle sind sich einig: „Morgen fangen wir an – vielleicht“.

Wir zelten etwas abseits der „Künstler“-Kolonie. Unter einem sternenklaren Himmel sitzen wir in schwarz glitzerndem Sand und schauen hinaus auf den Golf. Das Rauschen des Meeres wiegt uns, macht uns schläfrig. Ein, zwei Mal taucht Scheinwerferlicht weit draußen auf dem Golf auf, ohne dass wir den Umriss eines Schiffes erkennen können. Vielleicht Fischer, vielleicht Schmuggler. Auch Hormus ist als Umschlagsplatz für Hehlerware bekannt.

Der nächste Morgen beginnt mit einem Sprung in den Persischen Golf. Schon am frühen Vormittag brennt die Sonne ohne Gnade auf uns herab. Wir packen unsere Sachen zusammen und marschieren zurück ins Dorf. Sonne und Rucksack machen uns zu schaffen. Schweiß rinnt uns in dicken Tropfen über die Stirn. Wir haben kaum eine andere Wahl: Im Dorf gönnen wir uns das größte Eis, das wir auftreiben können. Dann geht es auf die Nachbarinsel Qeshm.

Jetzt im Winter ist Qeshm ein beliebtes Urlaubsziel für iranische Touristen. Das Wetter ist herausragend und die Insel eine Duty-free Zone. Strand und Shoppen – das sind die zwei wichtigsten Gründe für einen Besuch in Qeshm Town, dem Hauptort der Insel. Hier treffen wir Ali, der sich selbst als Irans ersten und einzigen Hippie betitelt. Schnell merken wir jedoch, dass Ali vor allem Irans größter Kiffer ist. Es dauert keine 60 Minuten und wir beobachten unseren Gastgeber wie er in einer Häuserecke die erste von unzähligen Pfeifen mit Marihuana stopft.

Je besser wir Ali kennenlernen, desto deutlicher wird die Motivation für sein Hippietum. Eigentlich sucht Ali nur einen Grund zum Kiffen. Inspiriert von einigen Trash-Hippie-Komödien und entsprechenden Facebookgruppen entwickelt Ali seine ganz eigene Theorie: Wer ein richtiger Hippie sein will, muss viel kiffen. Dann verbrennt wieder etwas Gras in seiner Pfeife. Auch Alis sonstige Vorbilder überraschen wenig. 2Pac gehört dazu und seit Ali weiß, dass Snoop Dogg angeblich 75 Joints am Tag raucht, ist er sein größter Held.

Am Abend treffen wir Alis Freunde in ihrer Wohnung. Ein bunter Haufen Mitzwanziger, die auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben. Sie alle sitzen um einen niedrigen Tisch, gebastelt aus einem LKW-Reifen, herum. Gras liegt in großen Mengen in der Gegend und wird beinahe im Minutentakt von einem der Anwesenden in Papier gewickelt und herumgereicht. Eine skurrile Situation, die wir so im Iran nicht erwartet hätten. Angst vor den Nachbarn und der Polizei zwingt die Menschen überall im Land zur Vorsicht, aber hier auf Qeshm, so erfahren wir, sind die Menschen wesentlich entspannter und toleranter, was das Gesetz angeht. Außerdem gibt es kaum genügend Polizisten, um Razzien durchzuführen.

So sitzen wir also in einer dichten, süßlichen Rauchwolke und lernen Alis Freunde kennen. Keiner von ihnen ist ein Hippie – natürlich nicht, denn Ali ist ja der erste und einzige im Iran. Dafür haben sie ganz ähnliche Hobbys. Die Vierer-WG ist ein Drogenumschlagsplatz. Amin, mit drahtiger Statur und nachdenklichem Blick, dealt seit erfolgreichem Abschluss des Ingenieur-Studiums mit Marihuana und Koks. Ali, genannt Löwe Ali, ist immer fröhlich, muskelbepackt und bringt vor allem Opium unter das Volk. Ahmed, schmächtig und mit wachen Augen, macht sich demnächst mit einer Ladung LSD auf den Weg zum Festland. Es ist sein erster Auftrag als Zulieferer und entsprechend nervös ist er. Mohsen, mit 34 Jahren der WG-Opa, baut irgendwo in der Nähe Marihuana an.

Die Dealer-WG nimmt uns in Anspruch. Jeden Abend verbringen wir hier. Jeden Abend verbringen wir mit anderen Menschen. Mal sind es Konsumenten, die an einer Großbestellung interessiert sind, mal sind es Dealer aus Schiras, die auf Qeshm einen neuen Markt für sich eröffnen wollen, mal sind es einfach nur ein paar Jugendliche und Möchtegern-Hip-Hopper, die sich darüber ereifern, heute besonders bekifft zu sein. Ab und an kommen Kuriere vorbei. Dann wird die Qualität der Ware getestet, über den Preis verhandelt, auf dem Handy Fotos von Plantagen gezeigt.

Die WG wächst uns schnell ans Herz. Nicht wegen der Leute, die hier ständig herumlungern, sondern wegen der eigentlichen Bewohner. Amin, Löwe Ali, Ahmed, Mohsen – sie sind so ausgesprochen freundlich, dass sie unserem Stereotyp eines Dealers überhaupt nicht entsprechen. Ihre Wohnung ist sauber, wir bekommen ständig Çay serviert und Obst angeboten, es wird für uns gekocht – eine WG perfekter Gastgeber. Als wir einmal mit Ali unangemeldet reinschneien, wischt Löwe Ali, der sich ausnahmslos mit Opium und dem feinsten schwarzen Haschisch aus Afghanistan zufrieden gibt, gerade beschwingt den Boden. Verglichen mit den versifften Drogen-WGs, die wir bisher in unserem Leben erlebten, sind wir hier in Qeshm Town im Paradies.

Während wir fröhliche Nächte mit unseren Dealer-Freunden verbringen, erkunden wir Tagsüber die Insel. Auf einem dieser Ausflüge bringen wir unserem Gastgeber Ali das Trampen bei. Er ist fasziniert von der Idee, hat aber keine Vorstellungen davon, wie genau das Reisen per Anhalter funktioniert.

Also führen wir Ali in unsere Art des Reisens ein und lassen ihn direkt ein Auto anhalten. Es funktioniert. Zwei junge Männer halten mit ihrem Pickup und nehmen uns mit. Es dauert nicht lange und Alis Freude über sein erstes angehaltenes Auto weicht einem panischen Schock. Die beiden Männer geben sich als Schmuggler und Messerstecher zu erkennen, als Auftragsleute, die für sämtliche Tätigkeiten angeheuert werden.

Wir nehmen die Aussagen ganz locker – es sind nicht die ersten Verrückten zu denen wir ins Auto steigen – doch Ali scheint ernsthaft besorgt. Er drückt sich an die Hintertür, jede Sekunden zum Sprung ins Freie bereit. Doch dazu gibt es keinen Grund. Spätestens als die Messerstecher englischsprachige Musik für uns suchen und mit „My Heart will go on“ von Céline Dion fündig werden, entspannt sich auch Ali wieder etwas. Gemeinsam erreichen wir das Fischerdorf Laft und machen zum Abschied ein Selfie mit den Schmugglern und Messerstechern. Ali hält sich im Hintergrund und ist sichtlich froh, sein erstes Tramper-Abenteuer überlebt zu haben.

Laft ist bezaubernd schön. Das Dorf, eingeklemmt zwischen Persischem Golf und schroffem Fels, ist seit Jahrhunderten unverändert. Lehmhäuser, niedrige Türen, enge Gassen, Windtürme, die kühle Luft in die Häuser leiten, Minarette. Selbst unter der gleißenden Mittagssonne finden wir an jeder Ecke ein Fotomotiv. Hier hören wir seit langer Zeit wieder die lauten Rufe des Muezzins, wie wir es so lange aus der Türkei gewohnt waren. Im größtenteils schiitischen Iran sind die Rufe zum Gebet dagegen etwas Besonderes.

Es ist heiß und außer uns niemand auf der Straße. Aber auch wir bleiben nicht lange draußen, denn schon bald kommen wir ins Gespräch mit einem älteren Herrn in arabischer Kleidung, der uns während der größten Hitze kurzerhand in sein Haus zu einem Tee einlädt. Danach führt er uns etwas durch sein Dorf, zeigt uns den Wasserspeicher, die alte portugiesische Festung und antike Brunnen.

Als wir uns wieder von unserem Guide verabschieden, machen wir uns auf den Weg zum Hafen, steigen in ein Boot und fahren hinaus zu den nahegelegenen Mangrovenwäldern.

Mangroven faszinieren uns. Dichtes Gebüsch, Wasser und viele Tiere, die beobachtet werden wollen. Den meisten Spaß haben wir jedoch daran, einfach nur über den Wellen des Golfes zu dümpeln, die Beine auszustrecken und nichts zu tun.

Am späten Nachmittag trampen wir zurück nach Qeshm Town und wie es der Zufall so will, landen wir wieder im Wagen eines Schmugglers. Diesmal ist Ali schon wesentlich entspannter. Schmuggler scheinen hier im Süden des Irans durchaus üblich zu sein.

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noch ein Schmuggler

Unser letzter Weg auf Qeshm führt uns in den Süden der Insel. Wir wollen nach Hengam, eine weitere kleine Insel, rund zehn Bootminuten von Qeshm entfernt. Hengam ist vor allem für seinen Artenreichtum berühmt. Vor der Küsten schwimmen Delfine, die wir während der Überfahrt immer wieder aus dem Wasser auftauchen sehen. Hengam selbst ist eine schläfrige Insel. Hier verläuft das Leben noch langsamer als auf Qeshm. Ein paar Strandrestaurants bieten den Delfintouristen eine Stärkung und auf einem kleinen Souvenirmarkt werden Muschelketten und Muschelmännchen angeboten.

Von all dem bekommen wir nur wenig mit. Gleich hinter dem Souvenirmarkt am Strand herrscht Stille. Das Dorf scheint vor allem von Ziegen bevölkert zu sein, die durch die Gassen laufen, mal hier und mal dort nach etwas Fressbarem suchen. Am kleinen Hafen liegen ein paar Fischerboote. Wir ziehen aus dem Dorf heraus und suchen einen Strand. Immer weiter laufen wir durch die schattenlose Landschaft. Kein Baum und kein Strauch spendet Schatten. Stattdessen schleppen wir unsere Rucksäcke unter der brennenden Sonne durch Staub und Sand. Auf dem Weg begegnen wir ein paar Gazellen, die hier auf Hengam leben.

Es dauert eine Weile, aber dann finden wir einen passenden Strand, schlagen unser Zelt auf und springen hinein in den Persischen Golf – nicht ohne uns vorher zu vergewissern, dass wir wirklich alleine sind, denn Frauen ist das baden nur gestattet, solange sie dabei die islamischen Kleidungsvorschriften beachten.

Am nächsten Tag kehren wir nach Qeshm Town zurück. Es ist unser letzter Tag auf Qeshm und bevor unsere Fähre zurück nach Bandar Abbas fährt, werden wir noch einmal in die Drogen-WG eingeladen. Schon an der Tür werden uns unsere Rucksäcke fröhlich abgenommen. Schnell verstaut sie Amin mit Hilfe von Löwe Ali in einem Schrank, in dem sie eigens für uns Platz schaffen: Wir könnten hier so lange bleiben, wie wir möchten, wird uns erklärt, als uns Ahmed bereits einen heißen Tee serviert. Die Zeit vergeht. Wir trinken Çay, spielen Backgammon und übernachten am Ende bei den wohl freundlichsten Dealern der Welt. Der Persische Golf lässt uns erst am nächsten Tag ziehen.

Aus dem hohen Norden Deutschlands hinaus in die Welt: 2011 zieht es Morten und Rochssare für zwei Jahre per Anhalter und mit Couchsurfing auf den südamerikanischen Kontinent. Genauso geht es nun weiter. Jetzt jedoch in die andere Richtung. Seit 2014 trampen die beiden auf dem Landweg von Deutschland nach Indien und weiter nach Südostasien. Es gibt noch viel zu entdecken.

Von ihren Abenteuern und Begegnungen erzählen sie in ihren Büchern „Per Anhalter durch Südamerika“ und „Per Anhalter nach Indien“, jeweils erschienen in der National Geographic Reihe bei Malik.

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  • 17. März 2015

    Ham-mer! Solche Sachen kriegt man halt nicht mit, wenn man Bus fährt 😉
    Und ja, DIE Gespräche … was mich am meisten schockiert hat war, dass auch sehr gescheite und gebildete Leute in der Hinsicht völlig desinformiert sind.
    Bin sehr gespannt auf eure Berichte vom KKH. Gute Reise


    • nuestra america
      18. März 2015

      Geschichte wird manchmal ganz unterschiedlich interpretiert und gelehrt. Gerade wenn es um Wertungen geht, sind unterschiedliche Ansätze kaum auszuhalten.